Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Misserfolge im Beruf: "Es sollte hemmungslos gescheitert werden"

Wer scheitert, gilt als Verlierer. Falsch, sagt Buchautor Gerhard Scheucher - denn private und berufliche Rückschläge seien ein wichtiger Teil des Erfolgs. Im Interview erklärt er, wie man heiterer scheitert und aus Niederlagen Kraft für den zweiten Anlauf schöpft.

Schöner scheitern: "Man will immer nur über Erfolge sprechen"
AP

Schöner scheitern: "Man will immer nur über Erfolge sprechen"

Frage: Herr Scheucher, das berufliche Scheitern ist ein Thema, über das Betroffene nicht gerne sprechen. Warum?

Gerhard Scheucher: Der Beruf, die Arbeit ist ein Identifikationsfaktor: Ob man zur Gesellschaft gehört oder nicht, wird über die Arbeit bestimmt. Das ist der Grund, warum berufliches Scheitern so tabuisiert ist. Niemand will gerne darüber sprechen, wenn es im Job nicht klappt oder man als Unternehmer insolvent gegangen ist, weil das in gewisser Hinsicht einem Ausschluss aus der Gesellschaft gleicht.

Frage: In Ihrem Buch "Die Kraft des Scheiterns" geben mehr als 30 Menschen aus Wirtschaft, Politik, Sport und Kunst Einblicke in ihre Erfahrungen mit dem eigenen Scheitern. Welches Bild werfen diese Erlebnisse auf den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema?

Gerhard Scheucher: Wir leben in einer Gesellschaft, die erfolgsverwöhnt ist und in der man nur und ausschließlich über Erfolge sprechen will. Der Aspekt des Scheiterns existiert quasi nicht. Man sieht das ganz gut daran, wie bemüht wir immer sind, den Erfolg nach außen hin zu manifestieren: mit dem teuren Urlaub, den exklusiven Designerklamotten, dem schnellen Auto. Manch einer erkauft sich diese Erfolgssymbole sogar durch private Schulden. Das Problem ist aber die einseitige Bewertung von Erfolg, und daraus resultiert die einseitige Bewertung des Scheiterns.

Frage: Welche Rolle spielen die Medien dabei?

Gerhard Scheucher: Die Medien streben nach Superlativen und operieren gerne mit Überspitzung, um Aufmerksamkeit zu erregen. Oft findet medial schon eine Vorverurteilung von öffentlich Gescheiterten statt. Die Öffentlichkeit interessiert ja häufig nicht, was die Ursache war, sondern die Menschen kriegen einfach einen Stempel aufgedrückt: "gescheitert und versagt".

Frage: Auf der anderen Seite wird die Erfahrung des Scheiterns gern verschwiegen, vertuscht oder verdrängt. Wie kann man das Verhältnis dazu entkrampfen?

Gerhard Scheucher: Man sollte - nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch persönlich - soweit kommen, dass man nicht nur in Schwarz-Weiß, also in den Kategorien Erfolg und Misserfolg denkt. Bisher finden die Facetten zwischendrin nicht statt. Wir brauchen aber dringend mehr Farbschattierungen dazwischen.

Frage: Warum wird es gerade im Berufsleben immer wichtiger, zu lernen, mit Rückschlägen umzugehen?

Gerhard Scheucher: Wir leben ja nicht mehr in der Erwerbswelt unserer Großeltern, wo eine Ausbildung für das gesamte Berufsleben reichte und man womöglich noch ein Leben lang im gleichen Unternehmen arbeitete. Unsere Lebensgeschwindigkeit potenziert sich, der Takt der Veränderungen schlägt immer schneller, die sogenannte Halbwertzeit des Wissens wird immer kürzer. Unsere Arbeitswelt ist ein System mit vielseitigen Abhängigkeiten, nicht alle davon können wir beeinflussen. Es gibt heute so viele Anlässe zum Scheitern.

Frage: Aber Scheitern setzt doch voraus, dass man grobe Fehler gemacht hat, zu hohe Risiken eingegangen ist oder einfach nicht genügend qualifiziert war für eine Aufgabe.

Gerhard Scheucher: Man kann auch alles richtig gemacht, beziehungsweise alle Voraussetzungen für den Erfolg geschaffen haben, und scheitert dann dennoch, am System oder weil einfach das Quentchen Glück fehlt.

Frage: Zum Beispiel?

Gerhard Scheucher: Wenn ein Auftraggeber sich von drei Agenturen Exposés für eine Kampagne entwerfen lässt und sich dann gezwungenermaßen für einen Anbieter entscheidet, sind die anderen beiden automatisch gescheitert. Der Umgang mit solchen Rückschlägen gehört zum Rüstzeug, wir müssen lernen, mit solchen Situationen umzugehen. Mein Buch ist ein Signal an eine sehr erfolgsverwöhnte Gesellschaft: Es ist höchste Zeit, sich dieser Thematik anzunehmen.

Frage: Wie kann man aus solchen Rückschlägen die notwendigen Erfahrungen für die Zukunft ziehen?

Gerhard Scheucher: Man muss offen damit umgehen, und nicht nach dem Motto: Wie vertusche ich das jetzt möglichst gut? Viele Probleme, die mit dem Scheitern verbunden sind, können dadurch gelöst werden, dass man über das, was schiefgegangen ist, offen spricht. Das wirkt befreiend und hilft bei der Weiterentwicklung, persönlich wie beruflich. Erst durch die bewusste Reflexion des Erlebnisses kann man lernen.

Frage: Sind es gesellschaftliche Erwartungen, die uns abhalten, über unser Scheitern zu sprechen?

Gerhard Scheucher: Ja, es sollte viel hemmungsloser gescheitert werden! Wir müssen es immer wieder zum Thema machen, eine kleine Scheiterrevolution vom Zaun brechen! Rückschläge sind doch Teil der Erfolgsgeschichte. Es gibt nicht nur den geraden Weg. In allen Lebenssituationen ist es so, dass der Weg zum Erfolg ein mühevoller mit vielen Rückschlägen ist. Der gelassene Umgang mit Unebenheiten im beruflichen Werdegang gehört eindeutig zu den Kompetenzen, die man im 21. Jahrhundert besitzen muss.

Frage: Der Weg aus der Krise führt also über die schmerzhafte Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen des eigenen Scheiterns?

Gerhard Scheucher: Ja, das braucht auch eine gewisse Zeit. Man muss, nachdem man den Rückschlag eingesteckt hat, bewusst anhalten und reflektieren. Manche der "Scheiter-Experten" in meinem Buch haben gesagt, dass sie, nachdem es passiert war, drei Wochen lang völlig neben sich gestanden und mit sich und der Welt gehadert haben.

Frage: Sie betrachten aber auch zwei verschiedene Arten des Scheiterns ...

Gerhard Scheucher: ... nein, es gibt zwei verschiedene Bewertungen des Scheiterns. Der große Unterschied liegt in der Beurteilung von Selbstständigen und Angestellten: Wenn man als Unternehmer scheitert, ist man der große Verlierer. An gelegentliche Joblosigkeit allerdings ist die Gesellschaft besser gewöhnt, das ist schon fast normal für gewisse Abschnitte im Leben.

Frage: Kurzfristige Lücken im Angestellten-Lebenslauf werden nicht als berufliches Versagen ausgelegt?

Gerhard Scheucher: Nicht so sehr wie die Insolvenz eines Unternehmers. In unserer Erwerbswelt spielt sich aber doch gerade etwas ganz anderes ab: Die Übergänge zwischen Selbständigkeit und Nicht-Selbständigkeit verschwimmen. Entsprechend muss sich auch die Bewertung von Erfolg und Misserfolg ändern.

Frage: Was können wir dafür tun?

Gerhard Scheucher: Wir brauchen einen entspannteren Umgang mit dem Thema. Wir reden immer nur davon wie erfolgreich wir sind. Aber das Aufwärtsstreben auf der Karriereleiter kann dazu führen, dass man auch mal zwei Schritte zurückfällt. Gerade die Starken und Erfolgreichen unterliegen oft der Vorstellung, dass es sie nicht trifft, dass man nicht eines Tages zu den Schwächeren gehören könnte. Das ist aber ein Denkfehler.

Frage: Sie sind selbständiger Unternehmer - wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Gerhard Scheucher: Als Selbständiger ist man ununterbrochen im Scheitermanagement tätig. Ich führe eine Agentur, die Kommunikationskonzepte entwirft, aber nachdem wir unseren Vorschlag abgeliefert haben, kann es trotzdem sein, dass der potenzielle Kunde sich für einen Wettbewerber entscheidet. Das ist hart, weil man im Vorfeld schon mehrere Wochen lang Zeit und Mühe in das Projekt gesteckt hat.

Frage: Wie handhaben Sie als Führungskraft dieses Scheitern?

Gerhard Scheucher: Ich sehe meine Aufgabe auch darin, meinen Mitarbeitern das Rüstzeug mitzugeben, mit dieser Situation umgehen zu können. Wir sagen: Bis wir unsere Präsentation abliefern, tun wir alles, was in unserer Macht steht, um den Auftrag zu holen. Was danach passiert, liegt aber eben nicht mehr in unserer Verantwortung.

Frage: Zum Schluss zu Ihnen persönlich: An was sind Sie schon einmal gescheitert?

Gerhard Scheucher: Ich war das einzige Kind in der Familie, wegen dem die Eltern in die Schule gerufen wurden. Der Lehrer hatte sich über meine fürchterliche Handschrift beschwert (lacht). Nein, im Ernst: Ich musste früher immer mit dem Kopf durch die Wand. Heute verfüge ich schon über die Kompetenz, in der Mauer die Türe zu sehen.

Das Interview führte Petra Blum, "Junge Karriere"

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Prominente Studienabbrecher: Es gibt ein Leben nach der Uni