Müntefering rüffelt Firmen: Ein Herz für die Generation Praktikum

Der Trend zu unter- oder unbezahlten Praktika bereitet auch der SPD Kopfzerbrechen. Bundesarbeitsminister Franz Müntefering will den "Missbrauch" von Praktikanten in Unternehmen stoppen. Junge Akademiker sollten ordentlichen Lohn bekommen, forderte er im Bundestag.

SPD-Politiker Franz Müntefering will dagegen vorgehen, dass Firmen Hochschulabsolventen zunehmend nur als Praktikanten beschäftigen. "Ich sehe mit großer Sorge, dass eine Praktikamethode um sich greift, die nicht akzeptiert werden kann. Darum müssen wir uns kümmern", sagte der Bundesarbeitsminister und Vizekanzler heute bei der Haushaltsdebatte im Bundestag. Wenn Unternehmen Berufsanfänger nach dem Studium dazu benutzten, eine Vollzeitarbeit verrichten zu lassen, ihnen dafür aber nicht die entsprechende Bezahlung gäben, sei das nicht in Ordnung.

Praktikanten-Protest (am 1. April in Berlin): Auch der Bundesarbeitsminister will helfen
DDP

Praktikanten-Protest (am 1. April in Berlin): Auch der Bundesarbeitsminister will helfen

"Die jungen Leute, die aus der Hochschule kommen, dürfen nicht missbraucht werden", so Müntefering weiter. Er verwies darauf, dass es eine Vereinbarung mit über 300 Unternehmen gebe, die solche Praktika-Methoden nicht mitmachten.

Müntefering ist Schirmherr der Initiative "Fair Company" der Zeitschrift "Karriere" - ein Gütesiegel für Unternehmen, die "Absolventen echte Chancen bieten, statt sie als Dauerpraktikanten zu verheizen". Der Bundesarbeitsminister äußerte sich zu dem Thema, als er heute die Bilanz der Bundesregierung bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vorstellte und unter anderem ein neues Qualifizierungsprogramm für schwer erziehbare Jugendliche in Aussicht stellte.

Damit reiht sich die SPD ein in die Reihe derer ein, die Hochschulabsolventen vor Ausbeutung durch Arbeitgeber schützen wollen. Die "Generation Praktikum", so die vielstimmige Klage von Praktikanten in den letzten zwei Jahren, sei gezwungen, sich von einem schlecht oder gar nicht bezahlten Arbeitsverhältnis zum nächsten zu hangeln. In jedem neuen Job engagieren sich die arbeitssuchenden Studenten und Absolventen mit vollem Einsatz - und werden doch wieder enttäuscht. Sie leben aus dem Koffer und immer in der Drehtür: rein in die Firma, gleich wieder raus, so jungen Akademiker.

Gibt es die "Generation Praktikum" wirklich?

Ob es sich tatsächlich um ein Massenphänomen handelt und der Trend zum Dauerpraktikantenleben neu ist oder ob sich Praktikanten lediglich selbst ein griffiges Etikett verpasst haben, ist umstritten. Nach Zahlen des Deutschen Gewerkschaftsbundes sollen angeblich 56 Prozent der Hochschulabsolventen zur "Generation Praktikum" gehören. Diese Zahl ist aber mit Vorsicht zu genießen - die entsprechende Studie stützt sich auf die Angaben von lediglich 89 Teilnehmern.

Andere Untersuchungen, etwa vom Hochschul-Informations-System (HIS), stützen die These von einer "Generation Praktikum" nicht. Natürlich gebe es schwarze Schafe, und diesen Missbrauch müsse man auch anprangern, sagt HIS-Mitarbeiter Karl-Heinz Minks. Der Eindruck, es handele sich um ein Massenphänomen , lasse sich jedoch nicht bestätigen: "Das ist wohl eher das Gefühl einer Generation."

Auch wenn sich die Statistiker über das Ausmaß der "Generation Praktikum" streiten, so finden deren Anliegen doch zunehmend Gehör. Am 1. April dieses Jahres wurde der erste Aktionstag für die Rechte der Praktikanten ausgerufen. Eine Online-Petition an den Deutschen Bundestag, unbezahlte Langzeitpraktika per Gesetz zu verbieten, unterschrieben über 40.000 Menschen.

In Frankreich schafften es die "Précaires" gar, die Regierung zur Rücknahme eines geplanten Gesetzes zu bringen. Mit monatelangen Streiks und Blockaden verhinderten sie, dass der Kündigungsschutz für Berufsanfänger wie geplant gelockert wurde.

jaf/jol/AFP/AP/ddp/rtr

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Job-Odyssee - Was bringen Praktika wirklich?
insgesamt 215 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Gute Bedingungen fordern oder gehn!
Lewi, 15.11.2005
Die Bedingungen meiner ersten Praktika direkt nach der Schule waren zunächst eher deprimierend. Wenig bis gar kein Geld wurde mir für einige Praktika in der Medienbranche geboten, oftmals waren meine monatlichen Fahrtkosten höher als der Lohn. Vor allem wenn man eine recht magere Auswahl an Praktikumsangeboten hat, neigt man dazu, das zu nehmen was man kriegen kann, in der Hoffnung, wenigstens seinen Lebenslauf etwas aufzupolieren. In einer solchen Lage wird man leider in der Tat oft ausgenutzt. Man "praktiziert" schließlich nicht einfach, man arbeitet unter vollem Einsatz mit. Das liegt sicher auch daran, dass man von heutigen Praktikanten aufgrund gestiegener Computerkenntnisse etc. einfach auch viel mehr fordern kann, als einfach Handgriffe zu machen und viel zuzusehen. Oft wollen die Unternehmer auch keinen Praktikanten, den sie erst noch anlernen müssen und haben von vorherein ganz spezielle Anforderungen an einen Praktikanten. Als "einfacher" Schulabgänger hat man kaum eine Chance, irgendwo angelernt zu werden; entweder man bringt die erfoderlichen Kenntnisse mit, oder es wird eben nichts draus. Daraus ergibt sich einfach, dass man klare Bedingungen (und immer einen offiziellen Vertrag!!!) verlangen sollte. Zeitraum, Aufgaben und Gehalt müssen festgelegt sein. Wenn einem die genannten Bedingungen zusagen, sollte das Praktikum gut verlaufen, ansonsten kann man dem Unternehmer den Vertrag unter die Nase halten. Wenn die Verhältnisse vor Ort denn dennoch nicht zu ertragen sind, muss man auch klar einen Schlussstrich ziehen.
2.
ThomasGerhardt, 15.11.2005
Praktika haben sich extrem gewandelt in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren, gerade im Medienbereich. Vielfach sind heute Praktikanten extrem gut ausgebildet und verrichten den Job eines ansonsten fest angestellten Redakteurs. Da habe ich selbst Ausbeutung auf allerhöchstem Niveau in den vergangenen vier bis fünf Jahren erlebt. Zumeist aber wird darüber gerade in den Medien nicht gesprochen, da der Journalist an sich zwar eine große Klappe gegenüber anderen Industrien hat, in seinem eigenen beruflichen Umwelt sich durch Feigheit und Selbstsucht auszeichnet. Schön, dass der Spiegel wenigstens mal immer wieder drauf aufmerksam macht. Es ist schon lange so, dass sich Praktika nur für die auszahlen (wenn überhaupt), wenn der Praktikant durch sein Elternhaus extrem gefördert wird, anders sind solche Praktika erst gar nicht zu stemmen, zumal diese sehr oft in Großstädten oder sogar europäischen Metropolen angesiedelt sind und erst einmal eine Menge verfügbares Geld von nöten ist. So haben sich die Praktika schon in einigen Punkten beinahe zur modernen Sklaverei gewandelt.
3.
holala, 16.11.2005
Für die Schüler ist ein solches Praktikum eine hervorragende Möglichkeiten einen Blick auf die Arbeitswelt zu werfen und einen Vorgeschmack zu bekommen.. Andererseits lernt man auch - egal in welchem Beruf- was es heißt, täglich mehrere Stunden am Stück zu arbeiten. Diese Erfahrung finde ich für jeden Schüler wichtig, denn in der Schule kriegt man vom alltäglichen Streß nur wenig mit, auch wenn die meisten Schüler da anderer Meinung sind...
4. Einheitlicher Status
Lewi, 16.11.2005
Es muss für Praktikanten einfach einen einheitlichen Status geben, an dem auch kein Unternehmen mehr nach Lust und Laune herumdoktern kann. Ein Praktikant sollte sich einreihen in den vorberuflichen Zustand, genau wie Schüler, Azubi oder Student. Vor allem deshalb, weil Praktika heute nicht mehr nur Beschäftigungen von einigen Wochen sind, oft praktiziert man Monate, gar ein oder zwei Jahre. Und das noch nicht mal aus Spaß an der Sache, sondern aus purer Notwendigkeit. Wie der Spiegel so schön schreibt, sind Praktika heute kein Plus mehr, sondern ein Muss. Da werden unerfahrene Berufsanfänger damit konfrontiert, ihre Arbeitszeit und ihr Gehalt selber zu verhandeln und durchzusetzen. Wer bringt schon leichtfertig so viel Selbstbewusstsein auf, dass er bei seinem ersten Gespräch mit einem Personalchef ein paar Hunderter mehr verlangt, auch wenn es ihm zustünde? Praktika sind heute mehr wert, als das Geld, das man dafür bekommt. Soll man sich also damit zufrieden geben, dass man zumindest seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen konnte? Dankbar dafür sein, dass man endlich arbeiten darf? @ThomasGerhardt: Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. Niemand möchte sich eingestehen, dass er jahrelang den Illusionen über die eigene Berufswahl auf den Leim gegangen ist. Es gibt sie noch, die guten und die besten Adressen, aber vielerorts fehlt einfach die Fairness. Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann?
5.
ThomasGerhardt, 16.11.2005
---Zitat von Lewi--- Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. ... Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann? ---Zitatende--- Nun kann man trefflich darüber debattieren, ob ein Studium an unseren heutigen Hochschulen, mit teilweise unqualifizierten Professoren, überhaupt für ein Überleben auf dem Arbeitsmarkt sorgen kann, aber im Bereich Medien läßt sich festhalten, dass schon Anfang der 90er Jahre (als ich mein Volontariat machte) diese ursprünglich als Ausbildungszeit erschaffene Phase sich mehr und mehr zu einem Pool von Billigst-Redakteuren entwickelte, die vorher schon die anderen Stationen durchlaufen hatten (abgeschlossenes Studium zumeist, mehrjährige Mitarbeit...) Das Volontariat wurde dazu genutzt, diesen ohnehin schon hoch qualifizierten Bewerben einzureden, dass das Volo ihnen die Tür zum Redakteur öffnete. Vier von fünf der Volontäre wurden aber jeweils turnusmäßig durch Frischfleisch ersetzt. Nun kann man sogar noch einen Level tiefer ansetzen, beim Praktikanten. Aus rein betriebswirtschaftlichem Blickwinkel macht das sogar Sinn. Und, wie mein Ex-Geschäftsführer aus der Zeit beim Future Verlag mal offen in die Runde uns aller Chefredakteure gesagt hat, bevor er das gesamte Unternehmen gegen die Wand fuhr: "Schreiben? Schreiben ist doch Scheiße. Ich schreibe jeden Tag. Briefe. Emails. Das kann doch nun wirklich jeder." Meine damalige, zu meiner allerersten schriftlichen Abmahnung (bin ich auch heute, fünf Jahre später stolz drauf, jawoll) Antwort war: "Ja, schreiben kann jeder. Aber für das, was Du in deinen Briefen schreibst, können wir schlecht von den Leuten draußen Geld verlangen." In diesem Sinne :)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Job & Beruf
RSS
alles zum Thema Praktika
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -273-