Abgesang auf die Juniorprofessur: Es hätte so schön sein können

Wissenschaft mit Begeisterung statt jahrelanger Arbeit an einem dickbäuchigen Text: Die Juniorprofessur sollte den Weg zum Lehrstuhl modernisieren - doch nach zehn Jahren herrscht Ernüchterung. Albert Kümmel-Schnur beklagt im Hochschulmagazin "duz" den Niedergang eines hoffnungsvollen Konzepts.

Hochschulabsolventen: Wer es sich leisten kann, lehrt weniger oder gar nicht Zur Großansicht
DPA

Hochschulabsolventen: Wer es sich leisten kann, lehrt weniger oder gar nicht

Bis Ende November 2010 war ich Juniorprofessor für Digitale Medien/Kunst an der Universität Konstanz. Berufen wurde ich im Wintersemester 2003/04 mit dem Auftrag, den Studiengang Literatur-Kunst-Medien inhaltlich zu gestalten und organisatorisch auszubauen. Ich war für drei Semester beurlaubt, während derer ich an der Humboldt-Universität zu Berlin eine Professur vertreten und an der Universität Wien eine Gastprofessur wahrgenommen habe - daher auch die verlängerte Laufzeit meiner Stelle.

Ich war ein enthusiastischer Juniorprofessor, Kalifornien-Heimkehrer (für meine Juniorprofessur habe ich ein Feodor-Lynen-Stipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung abgebrochen), überzeugt davon, dass diese neue Form der Hochschullehrerkarriere zukunftsweisend sei. Überzeugt davon, dass "training on the job" mit Evaluation des Geleisteten, die den Nachweis der Professorabilität bringen sollte, ein gegenüber dem langwierigen Prozedere der - und nun muss ich für meine Fachrichtung sprechen - geisteswissenschaftlichen Habilitation weit überlegeneres Modell sei: Junge Forschende sollten nach der Promotion nicht weiterhin an der kurzen Leine von Assistenzen gehalten und auf die Abfassung eines weiteren, möglichst dickbäuchigen Textes verpflichtet werden, sondern ihre Arbeitsgruppen selbst gestalten, ihre Forschung und Lehre eigenständig organisieren - in meinem Fall hieß das zum Beispiel, das Medium Ausstellung als ein wesentliches Instrument meiner Forschung und Lehre zu entwickeln - und ihr Engagement für die Studiengangsplanung und akademische Selbstverwaltung freiwillig und nach eigenem Ermessen dosieren.

Mir schien es völlig plausibel, diesen jungen Menschen, zu denen ich auch einmal gehört habe, diese Leistungen zuzutrauen und ihnen zu vertrauen. Hoch unwahrscheinlich erschien mir jedoch, dass die deutschen akademischen Strukturen - und auch hier spreche ich ausschließlich für die Geisteswissenschaften - allen Ernstes willig waren, diesen Machtverlust hinzunehmen, diese fröhliche Wissenschaft zuzulassen. Und das Geschrei war ja auch groß - ich erinnere an das Stichwort vom "McDonald's-Professor", das der Kanzler der Universität Bonn ausgab. Darüber konnten meine Kollegen und ich in Konstanz nur lachen.

Fotostrecke

7  Bilder
Professoren als Redner: Tarotspiel der Tagungspilger
Konstanz gehörte - neben der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Bremen und der Technischen Universität Clausthal, wo ja auch der Verein zur Förderung der Juniorprofessur (Deutsche Gesellschaft Juniorprofessur) gegründet wurde - zu den vier deutschen Hochschulen, die das Modell Juniorprofessur nicht zähneknirschend zuließen, sondern deutlich unterstützten.

Man hatte im Unterschied zu anderen Hochschulen die Juniorprofessur nicht als interne Weiterbeschäftigungsmaschine missbraucht, sondern explizit darauf geachtet, in aufwändigen und sauberen Berufungsverfahren neue Leute zu gewinnen.

Inzwischen rate ich Freunden ab, eine Juniorprofessur anzutreten

Es war schön, Juniorprofessor an der Universität Konstanz zu sein. Die Investitionsmittel des Bundes - 60.000 Euro in meinem Fall -, die mir im Unterschied zu Juniorprofessoren an anderen Universitäten tatsächlich im vollen Umfang zur freien Verfügung standen, ermöglichten mir einen schnellen und unproblematischen Einstieg in meine Aufgaben als Professor. Das hieß in meinem Fall vor allem die Schaffung einer medialen Infrastruktur: Ich kaufte Server, installierte darauf Wiki-Systeme, Ordner für die Studiengangs- sowie Projektwebseiten, investierte in die Basisausstattung zur Neugestaltung des studentischen Hochschulfernsehens Campus-TV, stattete Seminarräume so aus, dass für eine moderne Lehre auch moderne Lehrmedien zur Verfügung standen und initiierte Forschungskooperationen mit der Hochschule Konstanz. Ich genoss den Respekt und die Kooperationswilligkeit der Kollegen sowie diverser Einrichtungen der Universität - der Medientechnik und der wissenschaftlichen Werkstätten, um nur zwei zu nennen. Fächerübergreifend arbeiteten die Konstanzer Juniorprofessoren zusammen, veröffentlichten gemeinsam Texte zur Ausgestaltung der Juniorprofessur in den Medien, darunter dem "duz Magazin" und SPIEGEL ONLINE, veranstalteten Workshops und gaben unter dem Titel "Die Juniorprofessoren stellen sich vor" sogar eine gemeinsame Ringvorlesung.

Die Juniorprofessur hatte in uns allen unglaubliche Energien freigesetzt: Die meisten meiner Kollegen hatten wie ich auch schnell Drittmittelprojekte beantragt und waren auch erfolgreich damit. Alles hätte so schön sein können.

Mittlerweile rate ich Freundinnen, Freunden und Bekannten davon ab, eine Juniorprofessur anzutreten, wenn sie über eine Alternative verfügen. Seit dem Karlsruher Urteil von 2004 sind die Investitionsmittel des Bundes, die schnelle Unabhängigkeit sicherten, weggefallen. Die Habilitation erfreut sich nicht nur fröhlicher Urständ, sondern ist in den Geisteswissenschaften deutlich gestärkt gegenüber der Juniorprofessur, die nur dann irgendeine Bewerbungsqualität aufweist, wenn sie mit einer Habilitation verbunden ist oder aber genau die gleiche Leistung erbracht wurde, die für eine Habilitation notwendig ist.

Engagement in der Lehre wiegt gar nichts

Sie erinnern sich: In den Geisteswissenschaften ist dies das dicke Buch bei klarer Abwertung aller anderen Publikationsformen, unabhängig von ihrer Qualität, Innovativität und übrigens auch Quantität. Auch andere mediale Formate - insbesondere in und mittels digitaler Medien - zählen nicht das Geringste, werden mitunter nicht einmal als gedruckten Texten gleichrangige Wissenschaftsmedien wahrgenommen.

Habilitationsäquivalenz, das habe ich in vielen Berufungsverfahren zu spüren bekommen, bedeutet in den Geisteswissenschaften einfach und völlig strikt: das sogenannte zweite Buch, worunter eine zweite Monographie verstanden wird. Engagement in der Lehre wiegt gar nichts: Wer hier etwas leistet, wird eher bedauert, da Lehre - allen Sonntagsreden zum Trotz - noch immer der Forschung gegenüber als mindere Tätigkeit betrachtet wird. Wer es sich leisten kann, lehrt weniger oder gar nicht.

Engagement bei der Gestaltung von Studiengängen ist ebenfalls nicht karriereförderlich. "Wieso hat der in diesem Jahr nichts publiziert?", fragte ein Kollege in einer Berufungskommission. "Ach, der hat da die Akkreditierungsunterlagen für einen Studiengang geschrieben", war die Entgegnung. "Na, da sollte aber doch noch genug Zeit für eigene Texte sein", erklärte daraufhin der Fragende, der ganz offensichtlich nicht die geringste Ahnung hatte, wovon er sprach. In Konstanz dürfen Juniorprofessoren, die nicht habilitiert sind, mittlerweile nicht mehr an Habilitationskommissionen teilnehmen: eine unverständliche Beschneidung von Hoheitsrechten und ein klares Votum für die Höherrangigkeit der Habilitation. Und dass die Juniorprofessur endgültig zum Abschuss freigegeben ist, zeigte der Vorstoß konservativer Konstanzer Kollegenkreise, den Juniorprofessoren den Professorentitel mit juristischen Finten abzusprechen.

An anderen Universitäten war es ja ohnehin üblich gewesen, Juniorprofessoren als JProfs oder JunProfs abzukürzen, um den Abstand zur ordentlichen Professur, der ja juristisch nur in der zeitlichen Begrenzung bestand, klar zu markieren. In Konstanz wurde dem Begehren altvorderer Pfründewahrer nicht stattgegeben - für diesmal.

Hin und wieder wird man jedoch mittlerweile auch an der Universität Konstanz in Briefen oder E-Mails als JProf oder JunProf tituliert. Vielen der neu berufenen Juniorprofessoren ist das ganz gleichgültig: "Wir sind doch sowieso keine Professoren" oder "Ich bin doch kein Lehrstuhlinhaber" sind Sätze, die ich von meinen jüngst berufenen Kollegen immer wieder höre. Deutliche Zeichen, dass die Zeiten sich gewandelt haben. Ich bin noch immer überzeugt, dass man das ursprüngliche Modell der Juniorprofessur konsequent hätte weiterentwickeln sollen - ein stabiles Tenure-track-Angebot müsste dabei eine Selbstverständlichkeit sein. Für mich selbst ist es ein Trost, dass mir als Akademischem Rat auf Zeit noch eine Dreijahresfrist an der Universität Konstanz eingeräumt wird, um mein zweites Buch, mit dem ich mich auch ordentlich habilitieren werde, zu verfassen. Denn in den Geisteswissenschaften zählt nur dieses Buch, zählt nur diese Qualifikationsform.

Der Beitrag ist erschienen in: Jürgen Mittelstraß / Ulrich Rüdiger (Hg.), Wie willkommen ist der Nachwuchs? Neue Modelle der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung, UVK Universitätsverlag Konstanz 2011.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Fragestunden statt Vorlesungen
lichtwort.de 03.04.2012
Zitat von sysopDPAWissenschaft mit Begeisterung statt jahrelanger Arbeit an einem dickbäuchigen Text: Die Juniorprofessur sollte den Weg zum Lehrstuhl modernisieren - doch nach zehn Jahren herrscht Ernüchterung. Albert Kümmel-Schnur beklagt im Hochschulmagazin "duz" den Niedergang eines hoffnungsvollen Konzepts. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,823692,00.html
An vielen Unis sind Professoren und Vorlesungen überflüssig, außer mal zum Fragen. Darum sollten Vorlesungen mit Fragestunden ersetzt werden und die Studenten mit Büchern und Skripten vorliebnehmen.
2. Niedergang?
kapitaennemo 03.04.2012
Zitat von sysopDPAWissenschaft mit Begeisterung statt jahrelanger Arbeit an einem dickbäuchigen Text: Die Juniorprofessur sollte den Weg zum Lehrstuhl modernisieren - doch nach zehn Jahren herrscht Ernüchterung. Albert Kümmel-Schnur beklagt im Hochschulmagazin "duz" den Niedergang eines hoffnungsvollen Konzepts. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,823692,00.html
So negativ wie der Autor würde ich die Entwicklung nicht sehen. Es hat sich alles etwas eingespielt. Es gibt nun viele Jun.Profs, in vielen Fakultäten wird auf die Habilitation verzichtet oder nur noch kumulativ habilitiert (was ja einer "Evaluation" entspricht!). Andererseits zeigt sich, dass Jun.Prof auch oft noch besondere Unterstützung durch einen Mentor benötigen -- und daher eben die Zuordnung von Jun.Prof. wie auch Ass.Prof. zu Lehrstühlen eher der Karrierer förderlich denn schädlich ist. Es gibt halt nun insgesamt mehr Wahlmöglichkeiten. Die "Sicherheit", einen Lehrstuhl an einer Uni zu bekommen wird man nie haben -- es gibt nun mal ca. 10* mehr Bewerber als Postdocs. Wie soll das gehen? Da führt an einer "Auswahl" kein Weg vorbei. Allerdings gibt es genügend Alternativen zur Uni-Professur, auf die man auch hinweisen könnte -- FH-Professur, Ausseruniv.Forschung, usw. Man tut gut daran, "notfalls" auch etwas flexibler zu sein. Wer in der Wirtschaft nach 10 Jahren nicht Abteilungsleiter ist, ist auch nicht gescheitert.
3. unterschiedliche Fächerkultur
kldi 03.04.2012
Der Artikel ist klar aus der Sicht der Geisteswissenschaft geschrieben. Es wäre hilfreich zu hören, wie denn die Erfahrungen mit Juniorprofessuren in anderen Fachrichtungen sind. Bei den Ingenieuren gibt es eine lange Tradition im Umgang mit dem Begriff "habilitationsäquivalent". Ich habe niemals habilitiert, was dafür in der Industrie. Werden in anderen Fachbereichen auch alternative Wege der Habilitation, z.B. die "akkumulative" Habilitation unterstützt um das Schreiben des zweiten Buches zu erleichtern ? Wie sieht es denn aus mit der Einführung von Tenure-Track Systemen, in die das Konzept der Juniorprofessuren übergehen könnte ? Ich empfehle jungen Leuten oft ins Ausland zu gehen, als Assistant Professor Publikationen und Projekte anzuhäufen und dann wieder nach Deutschland zurückzukehren.
4. Weder Diversifikation noch Transparenz
Markus A. Dahlem 03.04.2012
Seit den 1970er Jahren ist es in der deutschen Hochschullandschaft nicht gelungen, mehr Diversifikation und Transparenz in die wissenschaftlichen Karrierewege zu bringen, dabei hindert kein Gesetz und noch nicht einmal die klamme finanzielle Lage die Universitäten heute daran den akademischen Oberbau auszubauen. Aber an den Universitäten werden lieber immer neue Umwege erfunden, um die Zwölf-Jahres-Regelung zu umgehen (http://www.scilogs.de/blogs/blog/graue-substanz/2011-11-23/die-umgehung-der-12-jahres-regelung) und andere Schikanen, wie hier dargestellt. Warum nur?
5. Null-Bock-Professoren-Generation
nervmann 03.04.2012
Zitat von sysopDPAWissenschaft mit Begeisterung statt jahrelanger Arbeit an einem dickbäuchigen Text: Die Juniorprofessur sollte den Weg zum Lehrstuhl modernisieren - doch nach zehn Jahren herrscht Ernüchterung. Albert Kümmel-Schnur beklagt im Hochschulmagazin "duz" den Niedergang eines hoffnungsvollen Konzepts. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,823692,00.html
Klar, Forschen macht viel mehr Spaß als Lehren. Zwar scheint es immer noch gute Hochschullehrer zu geben, eine größere Masse der Uni-Professoren ist wohl extrem gruselig, wenn ich mir so das Studium meiner Tochter und von Bewerbern anschaue. Was da für kuriose Nummern ablaufen, macht mich sprachlos. Total chaotische, zusammen(raub)kopierte 60 Powerpointfolien in 45 Minuten den Studenten an den Kopf geknallt, Vorlesungsinhalte, die den Titel oder gar den Studiengang nur hauchzart streifen, überhaupt, erratisch zusammengestellte Studiengänge; und dieser unsägliche Bachelor. Excellence in Teaching ist das alles nicht. Warum wohl Frau Schavan Ideenwettbewerbe für Bildung ausschreibt? Hat wohl selber keine Einfälle oder traut den dünkeligen unter den Professoren nicht?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Job & Beruf
RSS
alles zum Thema Arbeitsplatz Uni
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 75 Kommentare
Gefunden in

Zum Autor
  • Andre Beckersjürgen
    Dr. Albert Kümmel-Schnur, Akademischer Rat für Medienwissenschaft an der Universität Konstanz. Geboren 1969, lehrt und forscht Kümmel-Schnur als Medien- und Kulturwissenschaftler am Fachbereich Literaturwissenschaft der Universität Konstanz. Bis Ende 2010 hatte er eine Juniorprofessor für Digitale Medien/Kunst inne, die er im Wintersemester 2003/2004 angetreten hatte. An den Universitäten in Paderborn, Coleraine (Nordirland) und Berlin studierte Kümmel-Schnur in den neunziger Jahren Germanistik, Anglistik und Philosophie. Im Jahr 1999 promovierte er an der Universität Paderborn über Robert Musils Buch "Der Mann ohne Eigenschaften". An der Universität Konstanz baute er unter anderem das Campus-TV auf. Seine Forschungsschwerpunkte sind digitale und analoge Wissensräume, die Geschichte der Bildtelegraphie (1843-1923) und visuelle Navigationssysteme.
Zur Großansicht
Quelle: Statistisches Bundesamt/Grafik: ESM


Fotostrecke
Gerichtsurteil: Professorengehälter sind zu niedrig