Autoren-Jungstar Sebastian Polmans: Wie Summsemann zu Suhrkamp kam

Von Alexander Linden

Die Abschlussarbeit wurde gleich sein erster Roman: Als das Manuskript halbfertig war, nahm ihn ein renommierter Verlag unter Vertrag. Jetzt feiern Kritiker Sebastian Polmans, 29, als großes Talent. Dabei begann er seine Karriere nicht mit feingeistiger Literatur - sondern als Rapper.

Nachwuchsautor Sebastian Polmans: Der Junge vom Dorf Fotos
Alexander Linden

In einer Dachgeschosswohnung im Berliner Stadtteil Wilmersdorf erleuchtet eine kleine Lampe Sebastian Polmans Schreibtisch. Den ganzen Tag hat er Sätze geschrieben, verworfen, neu begonnen. Schreiben ist seine Leidenschaft, sein Beruf und seine Berufung. Sebastian Polmans, 29, ist Schriftsteller. Er gehört zur Avantgarde der deutschen Nachwuchsautoren.

Polmans setzt sich mit der Teetasse in der Hand in einem Ohrensessel und zieht die Beine an den Körper. "Ich hatte schon sehr früh Lust am Fabulieren", sagt er, "aber es dauert, bis man den Ausdruck dafür findet und dann die Zusammenhänge." Ende vergangenen Jahres hat der Suhrkamp Verlag seinen ersten Roman veröffentlicht. Sebastian Polmans, dunkelblond, schlank, groß, filigrane Finger und eindringlicher Blick, gilt nicht nur als begabt, sondern unter Literaturkennern als eines der größten Talente in Deutschland.

Die vergangenen Monate waren turbulent, sagt er. Er beendete sein Studium, Literarisches Schreiben, in Hildesheim mit Bestnote, veröffentlichte den ersten Roman und gewann prompt einen der bedeutendsten deutschen Debütpreise: den Jürgen-Ponto-Literaturpreis, dotiert mit 15.000 Euro. Bekommen hat er ihn für "Junge", so heißt sein Debütwerk. "Die Zeit " hat es besprochen, "Die Welt" ebenso, der "Stern" schreibt von einem "sehsnuchtsstarken Debüt", die "Süddeutsche Zeitung" von "ungewöhnlicher Sprachkraft" und einer "verstörend berauschenden Wirkung".

Im Studium mit dem Manuskript begonnen

Das alles war so nicht geplant, denn in erster Linie war das Buch seine Abschlussarbeit. Während des Studiums in Hildesheim hat er mit dem Manuskript begonnen. Schon vorher hat er etliche Essays und Gedichte veröffentlicht, doch "Junge" ist das erste Buch. Es handelt von einem Jungen, ohne Alter und ohne Namen, der in einem kleinen Dorf lebt. Sein Leben ist trist, er verliert sich in Tagträumen, in Phantasien und Fieberträumen. Immer wieder wird er von Schwindelschüben heimgesucht, seine Welten verschwimmen. Ist es eine Art Autobiografie? "Es gibt Elemente von mir, aber meine Kindheit war schön." Was vom Buch bleiben solle, sei die Sehnsucht, die jeder mal in sich fühlt, ohne sie genau definieren zu können.

Sebastian Polmans wuchs in dem rheinischen Dorf Niederkrüchten an der holländischen Grenze auf, seine Mutter ist Erzieherin, sein Vater Personalleiter. Schon als Kind kam er mit Poesie in Berührung - so empfand er zumindest die Geschichten, die sein Opa ihm von früher erzählte. Später in der Schule habe Polmans erkannt, dass ihm das Schreiben liege. "Wenn ich schreibe, will ich Dinge begreifen", sagt er. Vieles sei der Versuch, Dinge zurückzuholen. Sicher ist auch "Junge" davon geprägt. Das Buch behandelt auch Lebenserfahrungen, die verlorengegangen scheinen, Kindheitserinnerungen wie das Spielen im Wald, das ferne Rauschen einer Autobahn, rotgoldene Sonnenuntergänge, Schützenfestumzüge.

Mit 15 beginnt er zu rappen

Dabei sah es zunächst nicht danach aus, als würde Sebastian Polmans mit feinsinniger Literatur groß rauskommen: Denn mit 15 beginnt er zu rappen. Er textete Lieder, erzählte Geschichten, unter anderem vom Tod eines guten Freundes. "Es war gewiss eher story telling denn Rap, aber ich habe gemerkt, dass mir das Schreiben mehr behagt als das Vortragen", sagt er.

Er trat damals mehrfach auf. Mit einem Kumpel gründete er die Band Summsemann und Meista Fader und produziert zwei CDs: "Wohnzimmer" und "Da". Beide kamen in Deutschland und Asien auf den Markt.

Wenn er vom Publikumspreis erzählt, den er 2010 beim Berliner Wettbewerb "open mike" gewonnen hat, lächelt er verlegen und fährt sich mit der Hand durch die Haare. Mit neun anderen Autoren präsentierte er sich damals einem Saal voller Menschen, las seine eigenen Zeilen vor. Er stehe nicht gern im Rampenlicht, sagt er. Er spricht mit ruhiger Stimme und drückt sich gewählt aus: Kaum ein Satz kommt nicht makellos daher. Ein junger Mann auf dem Weg zum Intellektuellen.

"Seine größte Stärke ist seine Sprache"

Das überzeugte wohl auch den Suhrkamp Verlag, Polmans Erstlingswerk zu publizieren - obwohl zunächst nur die Hälfte des Manuskripts fertig war. Polmans kannte den Lektor Lars Claßen durch ein früheres Projekt, er ist beim Suhrkamp Verlag für deutsche Literatur zuständig. Polmans habe ihm von "Junge" erzählt, Claßen wollte es lesen.

Claßen sagt, er und seine Kollegen bekämen pro Woche 50 Manuskripte auf den Tisch. 99 Prozent fielen durch. Bei Polmans zögerten sie nicht: Sie ließen ihm beim Rest des Buches nicht nur freie Hand, sondern boten ihm auch einen Vertrag für das nächste Werk an.

"Seine größte Stärke ist seine Sprache", sagt Claßen über seine Entdeckung. "Er will die Welt nicht poetischer machen als sie ist, sondern er kann die poetischen Potentiale der Welt und der Wirklichkeit erkennen und in Sätze bannen."

Aber ist ein solches Buch nicht auch sehr anstrengend zu lesen? Claßen sagt, generell müssten Bücher junger Autoren eigensinnig und eigenartig sein: "Das fordert, das infiziert, aber dieser Seltsamkeitswert zwingt eben auch zum Nachdenken."

Sebastian Polmans, von Freunden und Familie "Poldi" genannt, steht nun vor dieser großen Welt der Literatur und Schöngeister. Hat er Vorbilder? "Nein, ich habe kein Vorbild, im Gegenteil", antwortet er schnell. "Im Studium habe ich so viele Autorinnen und Autoren kennen- und schätzen gelernt, dass ich mich eher von denen wegschreiben will."

Spät abends gähnt Sebastian diskret, aber schlafen will er noch nicht. Er setzt sich an den kleinen Schreibtisch, legt zwei Schriften von Peter Handke zur Seite und klappt den Laptop wieder auf. Er beginnt zu tippen. Es sind die Anfänge des zweiten Romans.

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