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24. April 2012, 11:35 Uhr

Allensbach-Studie

Junglehrer erleben Praxisschock

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Eine neue Studie stellt der Ausbildung junger Lehrer ein schlechtes Zeugnis aus. Viele fühlen sich unzureichend auf ihre Arbeit vorbereitet. Zugleich jedoch sind sie idealistisch, karriereorientiert - und schätzen die Jobsicherheit dank Verbeamtung.

Sie sollen Mathemuffel bekehren, aus Physikhassern kleine Einsteins machen und die Erziehungsfehler der Eltern ausbügeln. Deutschlands Lehrer fühlen sich für all diese Aufgaben allerdings schlecht gewappnet: Jeder Fünfte hat den Einstieg ins Berufsleben als Praxisschock erlebt, ergab eine neue Studie vom Institut für Demoskopie Allensbach.

Besonders unzufrieden sind dabei die Junglehrer, also jene, die seit weniger als fünf Jahren unterrichten. Auf die Frage "Worauf hat Sie Ihr Studium nur unzureichend vorbereitet?", sagten demnach jeweils rund 40 Prozent: auf Schüler, Eltern und auf den Schulalltag generell. Nur jeder Fünfte gab bei der Frage die Vermittlung des Stoffes an.

Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger, begründet die Ergebnisse der Studie zum Teil damit, dass die jungen Lehrer ihr Studium gerade erst durchlaufen haben. Rückblickend relativiere sich vieles. "Ich glaube nicht, dass die Lehrerausbildung vor 30 Jahren besser war", sagt Meidinger, der mit seinem Verband die Interessen der Gymnasiallehrer vertritt. Sie sei durch verpflichtende Praktika beispielsweise heute wesentlich praxisorientierter als früher. Allerdings haben zuletzt mehrere Bundesländer das Referendariat verkürzt - ein Fehler, der sich nun in den Ergebnissen der Studie niederschlage, sagt Meidinger.

Für die Studie "Lehre(r) in Zeiten der Bildungspanik" befragte das Institut im Auftrag der Vodafone Stiftung rund 550 repräsentativ ausgewählte Lehrer, zudem interviewten sie Eltern von Schulkindern. Bei der Lehrerbefragung zeigt sich: Die Antworten der jungen und der älteren Lehrer unterscheiden sich zum Teil erheblich.

Die zentralen Ergebnisse der Studie:

Damit ihre Arbeit nicht gleich mit einem Praxisschock beginnt, fordert der Vorsitzende des Philologenverbandes Meidinger eine Reform der Lehrerausbildung. Vor dem Lehramtsstudium sollte seiner Meinung nach eine Art Assessment Center stehen, und während der Ausbildung sollten Hochschule und Schule enger zusammenarbeiten: Schulpraktika sollten tatsächlich studienbegleitend sein und intensiv betreut werden. Und das Referendariat sollte nicht losgelöst von, sondern in Zusammenarbeit mit der Hochschule stattfinden.

Während Gehard Schröder, damals noch Ministerpräsident in Niedersachsen, Schülerzeitungsredakteuren einst zuraunte: "Ihr wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind", schauen junge Lehrer heute der Studie zufolge ganz anders auf ihren Beruf. Meidinger führt das gewachsene Selbstbewusstsein auf die Debatte zurück, die unter anderem die Pisa-Studie vor über zehn Jahren angestoßen hat: Für die Gesellschaft spiele Bildung heute eine wesentlich größere Rolle als früher. "Bildung ist der Schlüssel zum Aufstieg", sagt Meidinger, "dieses Bewusstsein war früher nicht so ausgeprägt." Jüngere Lehrer hingegen wüssten sehr wohl, was die Gesellschaft von ihnen erwartet - und dem würden sie sich gern stellen.

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