Ja, studieren lohnt sich - und zwar für alle. Akademiker verdienen mehr, Betriebe bekommen hochqualifizierte Fachkräfte und der Staat profitiert von höheren Steuereinnahmen. Doch im internationalen Vergleich beginnen in Deutschland noch immer zu wenig junge Menschen ein Studium, und zu viele Studenten brechen ihr Studium ohne Abschluss ab - auch wenn es in den letzten Jahren besser wurde.
Zu diesem Ergebnis kommt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem neuen Bericht "Bildung auf einen Blick", der jährlich erscheint und die Bildungssysteme der Industriestaaten vergleicht.
Zwar konnte in der Bundesrepublik der Anteil junger Menschen, die ein Studium aufnehmen, auf 43 Prozent gesteigert werden. In vielen anderen OECD-Staaten und wirtschaftlichen Konkurrenten Deutschlands sind dies jedoch bereits weit über 50 Prozent. Auch sind in der 43-Prozent-Quote Gaststudenten aus Nicht-EU-Staaten enthalten, die nach Abschluss ihrer Ausbildung wegen der Bestimmungen des Ausländer- und Zuwanderungsrechts nicht für den deutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Betrachtet man nur die sogenannten Bildungsinländer - also die jungen Menschen, die in Deutschland auch ihr Abitur erworben haben - so kommt man auf eine Studienanfängerquote von 34 Prozent.
Doch immerhin: Die Zahl der Hoch- und Fachhochschulabsolventen wuchs der Studie zufolge zwischen 2000 und 2008 um mehr als ein Drittel auf 260.000 pro Jahr. Ihr Anteil an einem Jahrgang stieg dadurch von 18 auf 25 Prozent. Im OECD-Mittel wuchs der Anteil der Hochqualifizierten allerdings stärker: von 28 auf 38 Prozent.
Die Studienabbrecherquote ist nach wie vor hoch: Jeder dritte Studienanfänger schafft es nicht, einen Abschluss zu machen. Damit liegt Deutschland leicht über dem Schnitt der Industriestaaten. In den 18 Ländern, für die Daten zu dieser Frage ausgewertet wurden, gelingt nur 31 Prozent der Studenten kein Abschluss.
Wer ein Studium abgeschlossen hat, verdient knapp 70 Prozent mehr
Fest steht: In allen Industrienationen schützt ein Hochschulabschluss am besten vor Arbeitslosigkeit und sichert zugleich ein deutlich höheres Einkommen. Denn dem Bericht zufolge wird der Einkommensvorsprung von Hochschulabsolventen in Deutschland immer größer. Hochqualifizierte verdienten im Jahr 2008 im Schnitt 67 Prozent mehr als Erwerbstätige, die nur über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Im Jahr 2007 lag dieser Einkommensvorsprung demnach noch bei 62 Prozent. Seit 1998 habe sich der Vorsprung sogar mehr als verdoppelt.
Auch für den Staat bringen nach der Analyse der internationalen Bildungsforscher Investitionen in Bildung hohe Erträge durch wirtschaftliches Wachstum und höhere Steuereinnahmen. Angesichts des Geburtenrückgangs in fast allen Industrienationen sei eine weitere Steigerung des Qualifikationsniveaus unverzichtbar, um den Fachkräftebedarf auch in Zukunft zu sichern, folgern die Wissenschaftler in dem über 500 Seiten umfassenden Bericht.
Berufsschulen vernachlässigen Risikoschüler
Kritik übten die Bildungsforscher auch an der beruflichen Bildung in Deutschland, von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) gern "Flaggschiff des deutschen Bildungssystems" genannt. Betriebe und Berufsschulen kümmern sich gemeinsam um die Ausbildung von Schulabgängern, eine Balance aus Praxisnähe und Allgemeinwissen, das ist die Idee des dualen Systems. Und Deutschland ist stolz darauf, auch die Bildungsministerin.
Doch das "Flaggschiff" schlingert, auch wenn es noch seetauglich ist: Das duale System vernachlässigt der Studie zufolge Schulabgänger, denen Grundfertigkeiten fehlen wie Lesen, Schreiben, Rechnen. Jene Risikogruppe also, die es eh schwer hat, weil ihr die Grundlagen fehlen für erfolgreiche Bildungskarrieren. Was die Schule nicht geschafft hat, versuchen Berufsschulen und Betriebe oft erst gar nicht mehr. Das kritisiert die OECD: "In den Berufsschulen sollte mehr Wert auf die Allgemeinbildung gelegt werden", heißt es in einer ebenfalls neu vorgestellten Länderstudie der Organisation.
Die Forscher kritisieren, dass manche Schulabgänger nach der Pflichtschulzeit "nur über unzureichende allgemeine Basiskompetenzen" verfügen. Und so, wie die Berufsausbildung momentan organisiert ist, lasse sich nicht herausfinden, wie sich das Wissensdefizit beheben lasse. Die OECD empfiehlt deswegen, dass alle Real- und Hauptschüler und alle Schulabbrecher bei Beginn einer Berufsausbildung eine Prüfung ablegen - Schreib-, Lese- und Rechentests. Wer Wissenslücken hat, soll "explizit Unterricht in diesen Basiskompetenzen erhalten", heißt es in der Studie.
Außerdem sollten in die Abschlussprüfungen an den Industrie- und Handelskammer und an den Handwerkskammern auch die Berufsschulnoten einfließen. Bisher zählten diese Leistungen oft nicht, bemängelt die OECD, so dass viele Auszubildende die Berufsschule nicht ernst nähmen. Das wiederum verschlechtert die Chancen, später erfolgreich Fortbildungen oder gar ein Studium zu absolvieren.
Deutschland solle mehr in Bildung investieren
Insgesamt allerdings stellt die OECD der deutschen Berufsbildung ein gutes Zeugnis aus. "Die berufliche Bildung leistet einen wesentlichen Beitrag zur Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt", sagte Kathrin Höckel, Mitautorin der Studie. Sie kritisierte aber auch das sogenannte Übergangssystem: Deutschland gebe zwar viel Geld dafür aus, Schulabgänger, die keinen Ausbildungsplatz finden, mit Bildungsprogrammen zu fördern. Doch gelinge es zu wenigen Teilnehmern, hinterher in eine reguläre Ausbildung zu wechseln. Das Übergangssystem sei intransparent und unübersichtlich. Es müsse mehr unternommen werden, um Jugendliche fit für die reguläre berufliche Ausbildung zu machen, so die OECD-Experten.
Auch die Bildungsausgaben seien in Deutschland im internationalen Vergleich noch zu niedrig. Die gesamten öffentlichen und privaten Ausgaben für Bildungseinrichtungen lagen laut OECD in Deutschland im Jahr 2007 bei 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Unter den OECD-Ländern, für die entsprechende Zahlen vorlagen, gaben nur die Slowakei, Tschechien und Italien einen geringeren Anteil der Wirtschaftsleistung für Bildung aus. Bei den Spitzenreitern USA, Korea und Dänemark lag der Anteil bei mehr als sieben Prozent des BIP.
Da aber die OECD private und öffentliche Bildungsausgaben zusammenrechnet, ist fraglich, inwieweit sich einzelne Länder überhaupt vergleichen lassen. Denn es stehen sich so ungleiche Systeme wie das finnische und das dänische Modell dem privatwirtschaftlichen Ansatz in den USA gegenüber.
Bundesbildungsministerin Schavan sieht sich in ihrer Politik bestätigt durch die Ergebnisse des Berichts und der Studie. "Wir haben unser Geld richtig ausgegeben. Dies gilt ganz besonders für den Hochschulpakt, in den Bund und Länder seit 2007 eine Milliarde Euro investiert haben, damit 90.000 junge Menschen zusätzlich ein Studium aufnehmen können." Bis 2015 stünden für weitere 270.000 Studienanfänger noch einmal 3,6 Milliarden Euro für den Hochschulpakt zur Verfügung. Sie sagte auch: "Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Deutschland halb so hoch wie im internationalen Schnitt."
Kritik an der Bundesregierung kam von den Grünen: Deutschland verschlafe die notwendige Qualifizierung von Fachkräften, so Priska Hinz, die bildungspoliitische Sprecherin der Grünen. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Ulrich Thöne, sagte unter Hinweis auf die im weltweiten Vergleich niedrigen Bildungsausgaben: "Die Bildungsrepublik Deutschland ist eine Fata Morgana." Allen Rechentricks der deutschen Finanzminister, Sonntagsreden und Bildungsgipfeln zum Trotz investiere die Bundesrepublik weiterhin viel zu wenig in die Bildung.
otr/dpa/Reuters/AFP
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