OECD-Bericht: Bildungsrepublik Deutschland fehlen Studenten

Die Quote steigt leicht an, dennoch hat Deutschland immer noch zu wenig Hochschüler. In einer Vergleichsstudie der OECD ist die Bundesrepublik bei der Zahl der Studienanfänger nur Mittelmaß. Kritik übt die Organisation auch am vielgelobten deutschen Berufsbildungssystem.

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Studenten in Köln: Deutschland investiert zu wenig in Bildung

Ja, studieren lohnt sich - und zwar für alle. Akademiker verdienen mehr, Betriebe bekommen hochqualifizierte Fachkräfte und der Staat profitiert von höheren Steuereinnahmen. Doch im internationalen Vergleich beginnen in Deutschland noch immer zu wenig junge Menschen ein Studium, und zu viele Studenten brechen ihr Studium ohne Abschluss ab - auch wenn es in den letzten Jahren besser wurde.

Zu diesem Ergebnis kommt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem neuen Bericht "Bildung auf einen Blick", der jährlich erscheint und die Bildungssysteme der Industriestaaten vergleicht.

Zwar konnte in der Bundesrepublik der Anteil junger Menschen, die ein Studium aufnehmen, auf 43 Prozent gesteigert werden. In vielen anderen OECD-Staaten und wirtschaftlichen Konkurrenten Deutschlands sind dies jedoch bereits weit über 50 Prozent. Auch sind in der 43-Prozent-Quote Gaststudenten aus Nicht-EU-Staaten enthalten, die nach Abschluss ihrer Ausbildung wegen der Bestimmungen des Ausländer- und Zuwanderungsrechts nicht für den deutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Betrachtet man nur die sogenannten Bildungsinländer - also die jungen Menschen, die in Deutschland auch ihr Abitur erworben haben - so kommt man auf eine Studienanfängerquote von 34 Prozent.

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Bildung im Vergleich: Was Deutschland gut macht - und was nicht
Der Leiter des OECD-Büros in Berlin, Heino von Meyer, sagte: "Mit 40 Prozent werden Sie es nicht schaffen, den Bestand an Hochqualifizierten zu halten." Vor allem in naturwissenschaftlichen, mathematischen und technischen Studienfächern sei die Lücke besonders groß.

Doch immerhin: Die Zahl der Hoch- und Fachhochschulabsolventen wuchs der Studie zufolge zwischen 2000 und 2008 um mehr als ein Drittel auf 260.000 pro Jahr. Ihr Anteil an einem Jahrgang stieg dadurch von 18 auf 25 Prozent. Im OECD-Mittel wuchs der Anteil der Hochqualifizierten allerdings stärker: von 28 auf 38 Prozent.

Die Studienabbrecherquote ist nach wie vor hoch: Jeder dritte Studienanfänger schafft es nicht, einen Abschluss zu machen. Damit liegt Deutschland leicht über dem Schnitt der Industriestaaten. In den 18 Ländern, für die Daten zu dieser Frage ausgewertet wurden, gelingt nur 31 Prozent der Studenten kein Abschluss.

Wer ein Studium abgeschlossen hat, verdient knapp 70 Prozent mehr

Fest steht: In allen Industrienationen schützt ein Hochschulabschluss am besten vor Arbeitslosigkeit und sichert zugleich ein deutlich höheres Einkommen. Denn dem Bericht zufolge wird der Einkommensvorsprung von Hochschulabsolventen in Deutschland immer größer. Hochqualifizierte verdienten im Jahr 2008 im Schnitt 67 Prozent mehr als Erwerbstätige, die nur über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Im Jahr 2007 lag dieser Einkommensvorsprung demnach noch bei 62 Prozent. Seit 1998 habe sich der Vorsprung sogar mehr als verdoppelt.

Auch für den Staat bringen nach der Analyse der internationalen Bildungsforscher Investitionen in Bildung hohe Erträge durch wirtschaftliches Wachstum und höhere Steuereinnahmen. Angesichts des Geburtenrückgangs in fast allen Industrienationen sei eine weitere Steigerung des Qualifikationsniveaus unverzichtbar, um den Fachkräftebedarf auch in Zukunft zu sichern, folgern die Wissenschaftler in dem über 500 Seiten umfassenden Bericht.

Berufsschulen vernachlässigen Risikoschüler

Kritik übten die Bildungsforscher auch an der beruflichen Bildung in Deutschland, von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) gern "Flaggschiff des deutschen Bildungssystems" genannt. Betriebe und Berufsschulen kümmern sich gemeinsam um die Ausbildung von Schulabgängern, eine Balance aus Praxisnähe und Allgemeinwissen, das ist die Idee des dualen Systems. Und Deutschland ist stolz darauf, auch die Bildungsministerin.

Doch das "Flaggschiff" schlingert, auch wenn es noch seetauglich ist: Das duale System vernachlässigt der Studie zufolge Schulabgänger, denen Grundfertigkeiten fehlen wie Lesen, Schreiben, Rechnen. Jene Risikogruppe also, die es eh schwer hat, weil ihr die Grundlagen fehlen für erfolgreiche Bildungskarrieren. Was die Schule nicht geschafft hat, versuchen Berufsschulen und Betriebe oft erst gar nicht mehr. Das kritisiert die OECD: "In den Berufsschulen sollte mehr Wert auf die Allgemeinbildung gelegt werden", heißt es in einer ebenfalls neu vorgestellten Länderstudie der Organisation.

Die Forscher kritisieren, dass manche Schulabgänger nach der Pflichtschulzeit "nur über unzureichende allgemeine Basiskompetenzen" verfügen. Und so, wie die Berufsausbildung momentan organisiert ist, lasse sich nicht herausfinden, wie sich das Wissensdefizit beheben lasse. Die OECD empfiehlt deswegen, dass alle Real- und Hauptschüler und alle Schulabbrecher bei Beginn einer Berufsausbildung eine Prüfung ablegen - Schreib-, Lese- und Rechentests. Wer Wissenslücken hat, soll "explizit Unterricht in diesen Basiskompetenzen erhalten", heißt es in der Studie.

Außerdem sollten in die Abschlussprüfungen an den Industrie- und Handelskammer und an den Handwerkskammern auch die Berufsschulnoten einfließen. Bisher zählten diese Leistungen oft nicht, bemängelt die OECD, so dass viele Auszubildende die Berufsschule nicht ernst nähmen. Das wiederum verschlechtert die Chancen, später erfolgreich Fortbildungen oder gar ein Studium zu absolvieren.

Deutschland solle mehr in Bildung investieren

Insgesamt allerdings stellt die OECD der deutschen Berufsbildung ein gutes Zeugnis aus. "Die berufliche Bildung leistet einen wesentlichen Beitrag zur Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt", sagte Kathrin Höckel, Mitautorin der Studie. Sie kritisierte aber auch das sogenannte Übergangssystem: Deutschland gebe zwar viel Geld dafür aus, Schulabgänger, die keinen Ausbildungsplatz finden, mit Bildungsprogrammen zu fördern. Doch gelinge es zu wenigen Teilnehmern, hinterher in eine reguläre Ausbildung zu wechseln. Das Übergangssystem sei intransparent und unübersichtlich. Es müsse mehr unternommen werden, um Jugendliche fit für die reguläre berufliche Ausbildung zu machen, so die OECD-Experten.

Auch die Bildungsausgaben seien in Deutschland im internationalen Vergleich noch zu niedrig. Die gesamten öffentlichen und privaten Ausgaben für Bildungseinrichtungen lagen laut OECD in Deutschland im Jahr 2007 bei 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Unter den OECD-Ländern, für die entsprechende Zahlen vorlagen, gaben nur die Slowakei, Tschechien und Italien einen geringeren Anteil der Wirtschaftsleistung für Bildung aus. Bei den Spitzenreitern USA, Korea und Dänemark lag der Anteil bei mehr als sieben Prozent des BIP.

Da aber die OECD private und öffentliche Bildungsausgaben zusammenrechnet, ist fraglich, inwieweit sich einzelne Länder überhaupt vergleichen lassen. Denn es stehen sich so ungleiche Systeme wie das finnische und das dänische Modell dem privatwirtschaftlichen Ansatz in den USA gegenüber.

Bundesbildungsministerin Schavan sieht sich in ihrer Politik bestätigt durch die Ergebnisse des Berichts und der Studie. "Wir haben unser Geld richtig ausgegeben. Dies gilt ganz besonders für den Hochschulpakt, in den Bund und Länder seit 2007 eine Milliarde Euro investiert haben, damit 90.000 junge Menschen zusätzlich ein Studium aufnehmen können." Bis 2015 stünden für weitere 270.000 Studienanfänger noch einmal 3,6 Milliarden Euro für den Hochschulpakt zur Verfügung. Sie sagte auch: "Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Deutschland halb so hoch wie im internationalen Schnitt."

Kritik an der Bundesregierung kam von den Grünen: Deutschland verschlafe die notwendige Qualifizierung von Fachkräften, so Priska Hinz, die bildungspoliitische Sprecherin der Grünen. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Ulrich Thöne, sagte unter Hinweis auf die im weltweiten Vergleich niedrigen Bildungsausgaben: "Die Bildungsrepublik Deutschland ist eine Fata Morgana." Allen Rechentricks der deutschen Finanzminister, Sonntagsreden und Bildungsgipfeln zum Trotz investiere die Bundesrepublik weiterhin viel zu wenig in die Bildung.

otr/dpa/Reuters/AFP

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insgesamt 49 Beiträge
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1. Studienanfänger in Deutschland
Iguana0815 07.09.2010
was ich mich bei diesen Zahlen und den Vergleichen von Studienanfängern in Deutschland und anderen Staaten immer frage, ist, ob es denn in den entsprechenden Spitzenreiterstaaten auch ein duales Ausbildungssystem gibt wie in Deutschland... Während meines Austauschstudiums in Chile (zugegebenermaßen jetzt nicht so das Vorzeigeland) hatte ich Freunde, die an der Universität Koch oder Krankenschwester studiert haben. Ist doch logisch, dass dann prozentual mehr Menschen auf die Uni gehen.
2. Komisch
distributer 07.09.2010
Warum ist die Ueberschrift des Artikels "Bildungsrepublik Deutschland fehlen Studenten", wenn es eigentlich um die Menschen geht die im Alter von 10 Jahren durchs System fallen und denen anschliessend entsprechende Bildung verwehrt wird?
3. 1. Bitte geben Sie keinen Titel für den Beitrag an!
Muddern 07.09.2010
"Bildungsrepublik Deutschland fehlen Studenten" Soso. Diesen Satz finde ich regelrecht amüsant, wenn man im gleichen Tenor die NCs der Hochschulen und die aus allen Nähten platzenden Seminarräume (Dozent: "Es gibt übrigens auch noch einen Alternativtermin, wenn Sie vielleicht den besuchen würden...?" - Chor der Studenten: "Der ist genau so voll!") sieht. Zumindest stimme ich insofern zu, dass die Investitionen in Bildung und Ausbildung d-e-u-t-l-i-c-h erhöht werden müssen. Im Land der Dichter und Denker zerfallen die Schulen, während sich Mövenpick & Co ins Fäustchen lachen. Wäre man ein Schelm, würde man böses dabei denken.
4. Wer ist für was zuständig?
leonardo01 07.09.2010
Manchmal frage ich mich, wie die OECD-Kommission, die uns ständig mit neuen Ratschlägen traktiert, eigentlich zusammengesetzt ist. Mir scheint, dass diese Leute ideologisch verblendet und selber nicht besonders schlau sind. Wenn ich lese: „Das duale System vernachlässigt der Studie zufolge Schulabgänger, denen Grundfertigkeiten fehlen wie Lesen, Schreiben, Rechnen.“ dann denke ich, dass ich im falschen Film sitze. Die berufsbildenden Schulen sind also dazu da, den Schülern Fähigkeiten beizubringen, die man eigentlich in der Grundschule erwerben sollte? Naiverweise dachte ich bisher immer, dass die Berufsschulen auf den später auszuübenden Beruf vorbereiten sollen. Das scheint aber ein Irrtum meinerseits zu sein. Auch ein Irrtum ist zu glauben, dass Studierende, die ein Abiturzeugnis in der Hand halten, damit wirklich die allgemeine Hochschulreife besitzen. An den Unis soll zukünftig wahrscheinlich all das gelehrt werden, was früher Lehrstoff des Gymnasiums war. Und in einigen Jahren werden wir hören, dass sich auch die Unis um die kümmern sollen, denen Grundfertigkeiten fehlen wie Lesen, Schreiben, Rechnen…
5. Um unser duales Berufsausbildungssystem ...
hoppeditz2 07.09.2010
Zitat von sysopViele deutsche Schulabgänger können nicht gut genug lesen, schreiben und rechnen, bemängelt die OECD und empfiehlt: Künftig sollen sich Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe stärker auf Grundfertigkeiten konzentrieren. So sollen Berufsanfänger fit gemacht werden fürs lebenslange Lernen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,716065,00.html
... beneidet uns die ganze Welt. Das hier ... "Das duale System vernachlässigt der Studie zufolge Schulabgänger, denen Grundfertigkeiten fehlen wie Lesen, Schreiben, Rechnen." ... kann doch wohl kaum als ernsthafte Kritik daran gelten. Wie will man Jugendlichen, die weder lesen, noch schreiben, noch rechnen können, in der Berufsschule helfen ?
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Die OECD
Die 1961 in Paris gegründete Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist ein internationales Diskussionsforum über die Wirtschaftspolitik. Sie umfasst 30 Mitgliedstaaten, darunter die meisten EU-Länder, die USA, Japan, Südkorea, Australien, die Schweiz und die Türkei. Die OECD veröffentlicht jährlich rund 250 Studien.
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