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Optimierungswahn Kapitalismus der Gefühle

Plakat von Ikea-Gegnern (in Hamburg): Nach dem Besuch des Selbermach-Pioniers verbringt man schweißtreibende Stunden, die sich läppernZur Großansicht
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Plakat von Ikea-Gegnern (in Hamburg): Nach dem Besuch des Selbermach-Pioniers verbringt man schweißtreibende Stunden, die sich läppern

2. Teil: Renten, Reisen, Regale: Der aktive Kunde packt selbst mit an - und spart den Unternehmen Millionen

Der Wunsch, Moral und Komfort zu vereinen, ist jedoch lediglich Symptom eines tiefergreifenden Aspekts des Strebens nach Perfektionierung: nämlich des Anspruchs, sein Leben auch als Konsument selbst in die Hand zu nehmen. Der "Selbstunternehmer" im Jobleben, der nicht stumpf Befehle ausführt, sondern seinen Marktwert durch Optimierung stetig steigert - er findet seine Entsprechung im aktiven Kunden, der seinen alltäglichen Konsum selbst verantwortet und möglichst gut managt. "Gut" im Sinne von "moralisch richtig" wie auch von "profitabel".

Tatsächlich aber hat sich das Ideal vom selbstbestimmten Kunden längst verwandelt in einen grassierenden Zwang zum Selbermachen. Aus dem hehren Ziel der Selbstverwirklichung ist ein Do-it-yourself-Imperativ geworden, der uns immer mehr Verantwortung in banalen Alltagsdingen aufbürdet. Von der Optimierung profitieren andere. "Die Kunden sind vielerorts zu unbezahlten Arbeitskräften, zu einer expliziten betrieblichen Wertquelle geworden", bilanziert der Soziologe Gerd Günter Voß.

Unseren Morgenkaffee holen wir uns selbst bei Starbucks, unsere Bankgeschäfte erledigen wir online, das Bahnticket nach München buchen wir selbst, unser Paket holen wir an der Packstation ab. Allein zwischen 1991 und 2007 ist etwa die Zahl der Postfilialen und -agenturen um ein Drittel gesunken. Trotzdem, sehr bequem, diese neue Flexibilität. Vielleicht nicht ganz so bequem wie früher, als Postboten das Paket nach Hause lieferten, aber man will ja nicht klagen. Wir sind unser eigener Wertpapierhändler, Reisebürokaufmann und Postbote. Schade, dass wir uns keinen Stundenlohn zahlen. Da käme ein hübsches Sümmchen zusammen.

"Bananenprodukte": Sie reifen beim Kunden

Verkauft wird uns die "self service economy" unter dem guten alten Banner der Autonomie und Selbstentfaltung: als Mehr an Macht, Freiheit, Zeit, Geld. In Wahrheit frisst die neue Autonomie ungeheuer viel Zeit, und die großartigen Einsparungen bleiben meist da, wo sie erzielt werden - in den Firmen. Drei Beispiele:

  • Bei Ikea, Selbermach-Pionier der ersten Stunde, suchen wir unsere Möbel selbst aus, wuchten sie in den Wagen und bauen sie zu Hause auf. Schweißtreibende Stunden, die sich läppern: Wenn wir für den Aufbau eines Billy-Regals eine halbe Stunde veranschlagen und einen Stundenlohn von 10 Euro ansetzen, dann macht das bei rund 41 Millionen bislang weltweit verkaufter Billys mehr als 200 Millionen Euro, die wir dem blau-gelben Möbelriesen per Eigenmontage gespart haben.
  • Die Bahn, wo man schon aus Gewohnheit mit dem Schlimmsten rechnet, schreckt ihre Kunden geradezu ab, persönlichen Service zu verlangen. Sie hat die Zahl der Reisezentren allein zwischen 2000 und 2006 von 750 auf rund 400 eingedampft. 2008 wurden schon 60 Prozent der Fahrkarten im Internet oder am Automaten gekauft. Damit spart die Bahn viele Millionen, unter anderem für Personal - wie viele genau, darüber schweigt man. "Wir kommunizieren die Zahlen nicht", heißt es kategorisch aus der Konzernzentrale. "Aber dass die Buchung im Netz oder am Automaten von den Vertriebskosten her günstiger ist, liegt doch auf der Hand."
  • Auch bei der privaten Rente lautet die Parole: Der aktive Bürger sorgt vor. Tut er das nicht, nagt er im Alter am Hungertuch, weil sich die berüchtigte "Versorgungslücke" auftut. Vom Imperativ der Selbstverantwortung profitiert hier zunächst der Staat, weil er zwar die Riester-Rente subventioniert, aber später an der gesetzlichen spart. In viel größerem Ausmaß aber nutzt die Veranstaltung privaten Anbietern, denen Riester und Rürup in den letzten Jahren die Bilanzen vergoldet haben. Pikanterweise startete vor allem die Riester-Rente recht schleppend; erst ab 2005 bekam sie einen Schub - weil die Vermittler seither deutlich höhere Provisionen kassierten und entsprechend mehr dafür warben.

Schon ist die nächste Stufe in der "Verbetrieblichung" des Konsumenten gezündet. Das Web 2.0 schuf die technischen Voraussetzungen, dem Kunden nicht nur banale Dienstleistungen aufzubürden, sondern ihn noch stärker in die Wertschöpfungskette zu integrieren - indem er an der Entwicklung neuer Produkte beteiligt wird.

So wildern Software-Konzerne ihre neuen, noch fehlerhaften "Betaversionen" aus, auf dass begeisterte Nerds Programmierungsfehler suchen und am besten gleich beheben. Ingenieure nennen das "Bananenprodukte": Die reifen beim Kunden. Für Lego entwickeln sogenannte AFoLs ("Adult Friends of Lego") eigenständig neue Modelle, zur Belohnung erscheint dann ihr Name auf der Packung. Amazon spannte Tausende Nutzer fürs mühselige Verschlagworten von Bildern ein; die Band Beastie Boys ließ ein Konzertvideo von ein paar Dutzend Amateur-Kameraleuten filmen; auch Weltkonzerne wie BMW oder Adidas nutzen ähnlich die Potentiale ihrer Kunden.

Ein Rückweg ist nicht in Sicht. Niemand lässt sich gern Freiheiten wieder wegnehmen, auch wenn sie Zeit kosten und oft kaum Geld sparen. Nur in wenigen Nischen entsteht ein Gegentrend: Shell hat den Tankwart wieder eingeführt, Fluglinien bieten Chauffeurdienste an, die Bahn holt auf Wunsch Gepäck von zu Hause ab.

Es ist bisweilen beinah so wie früher. Nur kostet es jetzt meist dicke Aufschläge. Für den Extra-Service.


Der Beitrag ist ein Auszug aus Klaus Werles Buch "Die Perfektionierer" (siehe Kasten links). Zuletzt schrieb er über den stressigen Alltag der Very Important Babys, über Karriereturbo mit Fehlzündungsowie Studenten in der Lebenslauf-Falle.

  • Lesen Sie nächste Woche: Bitte freihalten - Fluchtwege aus der Optimierungsfalle. Und warum gut manchmal besser ist als perfekt.

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insgesamt 38 Beiträge
Matze-in-London 08.02.2010
Aha.... und wo ist die Nachricht? Das Bahnbrechende, das Neue? Greenwash existiert nicht erst seit gestern, und dass ich fuer eine ikea Regal weniger bzahle weil ich selbst aufbaue ist auch nix neues, kann ja auch woanders [...]
Aha.... und wo ist die Nachricht? Das Bahnbrechende, das Neue? Greenwash existiert nicht erst seit gestern, und dass ich fuer eine ikea Regal weniger bzahle weil ich selbst aufbaue ist auch nix neues, kann ja auch woanders hingehen und fuer das fuenfache das fertige regal kaufen...
hoppo 08.02.2010
Nix Neues-wirklich nix. Vor ein paar Jahren gab es in und von den Unternehmen in Dublin die Wohltu-Initiative, abends doch bittschoen die Bueromonitore auszuschalten, um 'gruen' zu sein. Was nicht gesagt wurde: Die Kraftwerke [...]
Nix Neues-wirklich nix. Vor ein paar Jahren gab es in und von den Unternehmen in Dublin die Wohltu-Initiative, abends doch bittschoen die Bueromonitore auszuschalten, um 'gruen' zu sein. Was nicht gesagt wurde: Die Kraftwerke liefen durch den explosionsartigen Boom auf ueber 90% Kapazitaet, waehrend man versuchte, neue Meiler in Eile hochzuziehen. Wir sind doch aber immer mehr Konsumenten und immer weniger Staatsbuerger und als solche haben wir das Maul zu halten und zu konsumieren. Dass der Artikel zu implizieren scheint, das Bildungsbuergertum wuerde hier vom Wohlfuehlkapitalismus angesprochen ist eine Illusion. Zusammenhaenge zwischen der immer groesseren Erosion von Buergerrechten, Kapitalismus egal welcher Geschmacksrichtung und der Bildungskrise auszuarbeiten, waere mal einen schoenen Artikel wert.
oktolyt 08.02.2010
Dass die Post ein Paket in die Packstation steckt, ist für mich ein verdammter Fortschritt und hat nichts mit 'unbequem' zu tun. Sicher - wer, wie wohl der Autor, den ganzen Tag zuhause sitzt und die Wohnungstür anstarrt, auf [...]
Dass die Post ein Paket in die Packstation steckt, ist für mich ein verdammter Fortschritt und hat nichts mit 'unbequem' zu tun. Sicher - wer, wie wohl der Autor, den ganzen Tag zuhause sitzt und die Wohnungstür anstarrt, auf dass der Postbote ein Paket bringt, für den ist eine Packstation ein Abstieg. Aber wenn ich von der Arbeit komme, hat die Post(filiale oder Agentur oder schlagmichtot) wo man das dann abholen könnte längst zu.
termin8r 08.02.2010
Seh ich ähnlich wie Matze: Stimmt zwar alles irgendwie (so halb), aber wo ist die glorreiche Alternative? Ich lese "kritische" Bücher dieser Art wirklich gerne, vermisse aber die aufgezeigten Alternative. Vereinfacht [...]
Seh ich ähnlich wie Matze: Stimmt zwar alles irgendwie (so halb), aber wo ist die glorreiche Alternative? Ich lese "kritische" Bücher dieser Art wirklich gerne, vermisse aber die aufgezeigten Alternative. Vereinfacht ausgedrückt: Ähnlich bei "No Logo": Globalisierung ist schlecht für Umwelt, ausgebeuete Lohnsklaven usw. Gibt einem das Buch praxistaugliche Alternativen? Nein. Ähnlich bei "Die Suppe lügt": Food-Konzerne verkaufen industriellen Müll voller minderwertiger Zutaten gespickt mit leckeren von Aromen usw. Zeigt das Buch realistische Alternativen? Nein. Ich frage mich, ob das Fazit beim Optimierungsbahn ähnlich ernüchternd ist?!
keenox 08.02.2010
Der Autor sollte lieber die Finger von Themen mit ökonomischem Zusammenhang lassen. Über Laien-Kenntnisse hinausgehendes Wissen hat er nämlich anscheinend nicht vorzuweisen. Außerdem hätte er diesen Artikel genau so schon vor 10 [...]
Der Autor sollte lieber die Finger von Themen mit ökonomischem Zusammenhang lassen. Über Laien-Kenntnisse hinausgehendes Wissen hat er nämlich anscheinend nicht vorzuweisen. Außerdem hätte er diesen Artikel genau so schon vor 10 Jahren schreiben können. Und in 10 Jahren nochmal...
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Zum Autor
Klaus Werle, Jahrgang 1973, studierte Geschichte, Anglistik und Germanistik in Heidelberg und Exeter. Er ist Absolvent der Henri-Nannen-Journalistenschule und heute Redakteur beim manager magazin. Sein Buch "Die Perfektionierer" zeigt, warum das permanente Optimieren in Ausbildung, Beruf und Alltag längst nicht immer die erhofften Vorteile bringt - und wer davon profitiert.
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Buchtipp
Klaus Werle:
"Die Perfektionierer"
Warum der Optimierungswahn uns schadet - und wer wirklich davon profitiert.

Campus Verlag; 256 Seiten; 19,90 Euro.

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