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Persönlichkeitstests im Test: Reisen ins Ich

Von Xenia von Polier

2. Teil: "Fluglotse? Dafür fehlt es Ihnen an Genauigkeit" - der Bochumer Inventar

Meine Reise beginne ich mit einem der weltweit am häufigsten eingesetzten Verfahren: Das Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung - kurz Bip (siehe Kasten links).

Andreas Eimer, Leiter des Career Centers an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, will das Verfahren mit mir durchführen. Normalerweise berät er Studenten mit Hilfe des Bips bei der Berufswahl. Konkrete Empfehlungen dürfen die Job-Suchenden allerdings nicht erwarten. Das Verfahren versucht lediglich Persönlichkeitsmerkmale darzustellen, die man mit den Anforderungen an unterschiedlichen Arbeitsplätzen abgleichen kann.

Der Computer mit dem geheimnisvollen Programm steht allein in einem Raum. Eimer loggt mich unter einer Nummer ein. Anonymisierung ist den Entwicklern wichtig. Denn Eimer weist auf einen entscheidenden Faktor hin: "Auch die psychische Stabilität wird gemessen."

Ich werde nervös. Werden gleich ungeahnte Abgründe zum Vorschein kommen? Bei niedrigen Werten im Bereich der mentalen Stabilität kann dem Prüfling sogar ein Gang zum Psychologen nahegelegt werden. Obwohl bei allen Verfahren betont wird, dass sie lediglich wertfrei das Selbstbild reflektieren: Die Ergebnisse von Persönlichkeitstests sind nicht immer erbaulich.

Arbeitstier oder Faultier?

Eimer lässt mich und den Computer mit den 210 Fragen allein. Auf dem Bildschirm erscheinen Sätze wie: "Es macht mir nichts aus zu arbeiten, während andere Freizeitaktivitäten nachgehen." Ich soll mich entscheiden. Die Skala reicht von eins - trifft voll zu - bis sechs - trifft gar nicht zu. Das hängt von der Tätigkeit und meiner Stimmung ab. Hier soll vermutlich die Leistungsmotivation gemessen werden.

Die Aussagen scheinen leicht durchschaubar. Ich versuche trotzdem ein authentisches Bild abzugeben, dazu raten auch Personalexperten. Manipulationsversuche gehen meistens schief, und niemand ist glücklich in einem Job, der nicht zu den eigenen Fähigkeiten passt.

Mein erstes Häkchen setze ich auf zwei. Gelegentlich müssen die anderen ohne mich ins Schwimmbad gehen. Eine Selbsterkenntnis habe ich schon nach wenigen Fragen: Ich neige nicht zu einseitigen Positionen. Da es keine Möglichkeit gibt, differenziert zu antworten, landen die meisten Kreuze im Mittelfeld.

Die Blicke hinter die Fassade: Ist das mein wahres Ich?

Nach rund einer Stunde warte ich auf bewegende Erkenntnisse. Doch das Schaubild, das mir Eimer kurz darauf in seinem Büro vorlegt, zeigt bloß eine vertikale Linie, unterbrochen von einem einzigen Ausreißer. In fast allen Punkten attestiert mir das Bip Durchschnittlichkeit: Leistungsmotivation, Führungsmotivation, Durchsetzungsstärke, Selbstbewusstsein, Belastbarkeit und Teamorientierung sind nur wenig stärker ausgeprägt, als beim angezeigten Mittelmaß. Nur meine große Kontaktfähigkeit sticht hervor. Ich bin beruhigt und enttäuscht zugleich. Es sind keine ausgeprägten Macken erkennbar, aber auch keine klare Berufung. So profillos hätte ich mich eigentlich nicht eingeschätzt.

Hilfreich ist mein Bip-Ergebnis immerhin als Basis für das folgende Beratungsgespräch. Die Antworten bieten dem Karriereexperten einen Zugang zu mir. Anhand der Ausprägung meiner Führungsmotivation sprechen wir über Situationen, in denen ich Verantwortung übernehme. Meine Kontaktfähigkeit und meine Mobilität seien gute Voraussetzungen für eine journalistische Tätigkeit, aber auch brauchbar in der Entwicklungszusammenarbeit.

"Sie sind für unterschiedliche Stellen geeignet", resümiert Eimer. "Gut passen zu Ihnen Tätigkeiten, bei denen Sie mit Menschen zu tun haben." Ich bohre nach: "Gibt es einen Job, von dem Sie mir abraten würden?" Eimer überlegt: "Sie sollten kein Fluglotse werden. Dafür fehlt es Ihnen an Genauigkeit." Mit dieser Erkenntnis habe ich kein Problem. Fluglotse wollte ich eh nie werden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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1. Fragwürdig
forumgehts? 01.02.2010
Zitat von sysopSind Persönlichkeitstests für Job-Bewerber der Schlüssel zur Selbsterkenntnis? Oder nur ein Seelenstrip in unwürdigen Bewerbungsverfahren? SPIEGEL ONLINE hat vier unterschiedliche Verfahren ausprobiert - mit ganz erstaunlichen Ergebnissen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,672556,00.html
Es gibt meines Wissens keinen Test, der die kriminelle Energie misst. Solange eine Tester nicht nach der Auswertung sagen kann "Sie haben ein geradezu aberwitziges kriminelles Potential, am liebsten würde ich Sie gleich in Handschellen abführen lassen" sind sogar die positivsten Eigenschaften für den Arbeitgeber gefährlich, wenn sie gegen diesen angewandt werden. Wenn viele Betriebe nicht so dämlich wären, so würden sie den bestmöglichen Persönlichkeitstest für sich nutzen: das Praktikum. Statt dessen vergraulen sie mit ausbeuterischen Methoden die Besten und müssen sich dann von irgendwelchen Psychos sagen lassen, wen sie nehmen sollen. Geschieht ihnen recht.
2. -
blubb1788 01.02.2010
In 'nem Praktikum das man als Test für eine Festanstellung sieht verhält man sich aber auch anders als als Festangestellter. Wenn man ständig damit rechnen muss wegen Konflikten gekündigt zu werden wird man sich mit Kritik / der eigenen Meinung eher zurückhalten. Imho kann man nach der fachlichen Qualifikation nur in 'nem Bewerbungsgespräch schauen ob die Chemie des Bewerbers mit dem Team stimmt - alles andere ist Intuition / Glücksache.
3. sinnvolle Ergänzung
Frederik86 01.02.2010
forumgehts und blubb1788, meiner meinung nach greifen beide aussagen zu kurz. bei anspruchsvollen jobs wie banking oder unternehmensberatung werden oft schon für ein praktikum umfangreiche Einstiegshürden gestellt, oft beinhalten diese mehrere Bewerbungsrunden sowie persönlichkeits- und Intetligenztests. Ein solcher Test kann ein Praktikum also nie ersetzen - aber er kann bereits die Praktikanten aussortieren, die einfach überhaupt nicht zu Firme/Stelle/Kollegen passen! Persönlichkeitstests als Ergänzung zum Praktikum, nicht Substitut! blubb - gerade die angesprochene fachliche Qualifikation und die Motivation im Alltag sind in einem Bewerbungsgespräch nur schwer zu erkennen. Hier haben grundsätzlich diejenigen einen Vorteil, welche über die vielgerühmten "softskills" verfügen - sie kommen symphatisch rüber, motiviert und wohlerzogen... aber im Endeffekt wird hier vor allem die Fähigkeit gemessen, sich in einem stressigen Jobinterview zu beweisen, als im tatsächlichen Job! Viele Firmen versuchen, dass fachliche Wissen schon vorher abzuklären - wenn dann nur die Bewerber zum Gespräch geladen werden, die allesamt die gewünschten Vorraussetzungen erfüllen, kann man sich im Interview voll darauf konzentrieren den zu finden, der von der Persönlichkeit am besten zur Abteilung passt ...und das ist schon Herausforderung genug!
4. Urteilsvermögen
forumgehts? 01.02.2010
Zitat von blubb1788In 'nem Praktikum das man als Test für eine Festanstellung sieht verhält man sich aber auch anders als als Festangestellter. Wenn man ständig damit rechnen muss wegen Konflikten gekündigt zu werden wird man sich mit Kritik / der eigenen Meinung eher zurückhalten. Imho kann man nach der fachlichen Qualifikation nur in 'nem Bewerbungsgespräch schauen ob die Chemie des Bewerbers mit dem Team stimmt - alles andere ist Intuition / Glücksache.
Da bin ich anderer Meinung. In einem Gespräch ist von der "Chemie" her nichts festzustellen, da man sich eher ein paar Stunden (höchstens) verstellen kann als ein paar Monate. Was Kritik/eigene Meinung betrifft, so gibt es 3 Möglichkeiten: 1. Diese treffen zu, sein Vorgesetzter und seine Kollegen begrüssen den neuen Blickwinkel, alles ist OK 2. Diese treffen zu, die Reaktion ist feindlich. Rat an den Praktikanten: nichts wie weg, so bald wie möglich. 3. Der Praktikant, im Normalfall ohne jede Erfahrung, beurteilt das Problem falsch und man erklärt ihm die Sachlage. Je nach Selbsteinschätzung kann der Praktikant dann die Konsequenzen ziehen. In vielen Fällen ist es jedoch so, dass es bei einem Studentenpraktikum gar nicht um Anstellung geht.In diesem Fall kann der Arbeitgeber nur versuchen, Kontakt zu halten, wenn er der Meinung ist die ideale Person für einen bestimmten Job gefunden zu haben. Wenn der Praktikant dann auch der Meinung ist, den idealen Arbeitgeber (oder wenigstens die idealen Mitarbeiter) gefunden zu haben, könnte ja was draus werden. Wenn es zu Konflikten kommt, muss schlussendlich immer jemand gehen, ob nun fest oder nur vorübergehend angestellt. Wenn fachliche Meinungsverschiedenheiten zu Konflikten führen, ist immer etwas anderes faul.
5. Der Test, den Augstein gleich dreimal nicht gemacht hätte...
knaxknarke 01.02.2010
Aha, als Praktikant beim Spiegel muss man also gleich vier Tests machen. Ob Augstein die auch machen musste, bevor ihm die Briten die Drucklizenz gegeben haben? Oder ob er danach lieber eine Top-Karriere als Versicherungsvertreter ergriffen hätte. Wir werden es nie erfahren. Ich trainiere solange mit Psycho-Tests aus Fernsehheft und Goldenem Blatt. Evlt. ergattere ich so noch eine Top-Praktikanten-Stelle als Kloputzer bei McDonalds...
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Xenia von Polier, 26, hat Geschichte und Politikwissenschaft in Göttingen und Hamburg studiert und ist derzeit Praktikantin bei SPIEGEL ONLINE. Mit vier gängigen Persönlichkeitstests hat sie versucht, ihre Jobkompatibilität auszuloten: "Die Ergebnisse reichten von euphorisierend bis ernüchternd."
Berufsbezogene Persönlichkeitstests
Das Bip
Das Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung wurde 2003 entwickelt. Die Testperson muss 210 Aussagen beurteilen. Untersucht werden berufliche Orientierung, Arbeitsverhalten, soziale Kompetenz und psychische Konstitution.
Der Predictive Index
Der PI legt zugrunde, dass Menschen auf symbolische Reize reagieren. Mittels einer Liste von 86 Adjektiven soll über die Merkmale Dominanz, Extraversion, Geduld und Formalität ein Psychogramm erstellt werden.
Der Allianz Perspektiven-Test für Studenten
Der Allianz Perspektiven-Test für Studenten untersucht die kognitive Leistungsfähigkeit sowie berufsrelevante Fähigkeiten. Aussagen müssen beurteilt werden. Zudem werden Situationen des Berufslebens vorgegeben, bei denen man sich für Verhaltensmöglichkeiten entscheiden muss.
Der Unicum Job-Test
Der Unicum-Jobtest untersucht zunächst die kognitive Leistungsfähigkeit. Die berufsrelevanten Potentiale misst der Test anhand von Aussagen. Es folgen Aufgaben zur Messung der Kreativität sowie eine Beurteilung persönlicher Prioritäten.