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Plagiat-Professoren: Der Kavalier liest und schweigt

Von Hermann Horstkotte

Abkupfern gilt nicht. Das gebietet der wissenschaftliche Anstand und wird auch Studenten beigebogen. Was aber, wenn Professoren sich mit fremden Federn schmücken? Ausgerechnet zwei Juristen in Berlin und Darmstadt wurden ertappt - es bleibt wohl bei Ermahnungen.

"Insbesondere für einführende Werke, die Studierende mit Wissenschaft vertraut machen sollen, gelten die höchsten methodischen wie inhaltlichen Standards", beteuert Christoph Markschies, Präsident der Berliner Humboldt-Universität (HU). "Ich stelle nach Abschluss eines internen Prüfverfahrens fest, dass die 'Juristische Methodenlehre' von Hans-Peter Schwintowski diese Standards in einer Weise verletzt, die eine öffentliche Erklärung der Universität notwendig macht." Es entspreche nicht guter wissenschaftlicher Arbeit, wenn "wörtliche Zitate nicht ausgewiesen sind", Autoren sich also mit fremden Federn schmücken. "Ein solcher Umgang mit dem geistigen Eigentum anderer ist an einer Universität schlechterdings nicht akzeptabel", so die Rüge des Präsidenten.

Copy + paste: So flott kann wissenschaftliches Arbeiten sein

Copy + paste: So flott kann wissenschaftliches Arbeiten sein

Was genau ist passiert? Im Februar machte eine Buchbesprechung in der Fachzeitschrift "Kritische Justiz" publik, dass Rechtsprofessor Schwintowski in seiner Methodenlehre für Anfänger breit abgeschrieben hat - bei Fachkollegen wie dem Bundesverfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem und fachfremden Wissenschaftlern wie dem international bekannten Hirnforscher Wolf Singer. Nach allen Regeln der akademischen Kunst müssen Übernahmen gekennzeichnet sein. Bei Schwintowski waren sie es nicht.

Zudem erweckte Schwintowski den Anschein, dass er nicht nur selber bei anderen abkupfert, sondern umgekehrt auch bei sich heimlich abkupfern lässt, etwa von einer Doktorandin. "Ich habe die fraglichen Übereinstimmungen zwischen meinem und ihrem Text im Promotionsverfahren durchgehen lassen", sagte der Prüfer SPIEGEL ONLINE. Wobei mitunter Lehrer wie Schülerin gleichermaßen bei Dritten abkupfern, ohne zu zitieren, namentlich aus dem Bestseller "Sich verständlich ausdrücken" von Langer, Schulz von Thun und Tausch. Von einer "bodenlosen Windbeutelei" sprach Dieter Simon, HU-Honorarprofessor und früherer Präsident der Belin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Höchststrafe: ein zarter, versteckter Tadel

Welche Folgen hat das offiziell "schlechterdings nicht akzeptable" Beispiel? Die Kommission zur Überprüfung wissenschaftlichen Fehlverhaltens an der Humboldt-Universität ("Ehren-Kommission") hat Schwintowskis Idee wohlwollend aufgenommen, in einer zweiten Auflage des Buches die Zitate zu kennzeichnen. Anders als Markschies, der das Vorgehen von Schwintowski als "wissenschaftliches Fehlverhalten" bewertet hatte, hatte die Kommission in ihrem knappen Beschluss allerdings nur festgestellt, dass es sich nicht um ein Plagiat im Sinne der "Satzung über die Grundsätze der HU zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis und über den Umgang mit Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens", sondern "um eine Verletzung der Zitiernorm" handele. Über mögliche Sanktionen verlieren die Kollegen in ihrem Bericht an den Präsidenten kein Wort. Ein Studentenvertreter gehört der Kommission nicht an.

Auch der HU-Präsident sieht in seiner tadelnden Erklärung - auf der Internetseite der Hochschule durch geschickte Platzierung nur schwer auffindbar - von weiteren Schritten ab. Sie ist die denkbar gelindeste Form einer Missbilligung, vergleichbar der bloßen Ermahnung des Schülers vor der Klasse. Das scheint das übliche Donnerwetter für geistigen Diebstahl durch Hochschullehrer zu sein. Bis in die Wortwahl erinnert die Berliner Erklärung an die Bußpredigt, die der Rektor der Uni Erlangen-Nürnberg im Herbst 2000 über einen seiner Philosophen verhängte.

Letzte Woche erläuterte Markschies im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, bewusst von einem disziplinarischen Vermerk in der Personalakte abzusehen oder beispielsweise auch von finanziellen Einschränkungen für Schwintowskis Lehrstuhl. Tags drauf dann per Mail eine Spitzkehre des Präsidenten: "Wir werden noch genauer prüfen, ob rechtliche Konsequenzen gezogen werden können."

"Hat er halt ein bisschen abgeschrieben, nun ja"

Das bedeutet: schnell noch Deckung nehmen vor vorhersehbarer Kritik von außen. Erst kürzlich stellte Ulrike Beisiegel, Ombudsfrau der Deutschen Forschungsgemeinschaft für den Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten, im Fachmagazin "duz" klar: "Kollegen und Kolleginnen, die in größerem Maße plagiieren, müssen abgemahnt werden oder aus dem Job gehen. Das sind schließlich die Vorbilder. Da wird noch allzu oft mit einem Schulterzucken weggeschaut: Hat er halt ein bisschen abgeschrieben, nun ja."

Immerhin schauen Deutschlands Professoren inzwischen genau hin, ob ihre Studenten sich Seminar- und Abschlussarbeiten aus dem Internet zusammengeräubert haben. Die Berliner Medienprofessorin Debora Weber-Wulff fordert: "Wir können Schüler und Studenten nicht wegen Copy and Paste durchfallen lassen und das bei Professoren durchgehen lassen. Das, denke ich, kann sich erst recht keine Hochschule erlauben, die noch im Exzellenz-Wettbewerb um den Titel Elite-Uni und das entsprechende Preisgeld mitmacht", sagte Deutschlands Plagiatjägerin Nummer eins SPIEGEL ONLINE.

Für mögliche rechtliche Konsequenzen hat Juraprofessor Schwintowski sich gewappnet. Er verteidigt sich mit einer feinsinnigen Unterscheidung: Einerseits spricht er von der "urheberrechtlichen Zitierpflicht", die allemal nur der betroffene Autor oder Verlag einklagen kann. Andererseits nennt er das "wissenschaftliche Zitiergebot" oder die "Zitierethik", die es "als rechtsverbindliche Regel" überhaupt nicht gebe.

Noch offene Fragen? Die können dann nur die Verwaltungsgerichte in langatmigen Verfahren klären. Es droht der Skandal ohne Ende.

Neue Farbenlehre - grauer Bereich oder rote Karte?

Ein Ratgeber der Berliner Ehren-Kommission, der die Konfrontation mit Schwintowski lieber vermeiden möchte, entwickelt gegenüber SPIEGEL ONLINE einen neuen Zitiercode als Vorschlag zur Güte. Er zieht eine Trennlinie: Hier die Qualifikationsschriften von der Bachelor- über die Doktorarbeit bis zur Habilitationsschrift, in denen der Autor genau zitieren und somit "zeigen muss, dass er den wissenschaftlichen Apparat beherrscht". Dort alle anderen Arbeiten, in denen Pauschalhinweise am Ende eines Kapitels ausreichen und die Textähnlichkeiten oder -übernahmen in einer "Grauzone" bleiben können. "Das genügt mir auch in Seminarreferaten."

Schwintowskis Methodenlehre bliebe ebenfalls im grauen Bereich. Hingegen betrachtet der Verlag die amtliche Erklärung des HU-Präsidenten als rote Karte und nimmt, wie ein Sprecher SPIEGEL ONLINE erklärte, das Buch jetzt endgültig vom Markt.

Derweil untersucht die Uni Darmstadt seit fast einem Jahr den Plagiatfall ihres Jura-Professors Axel Wirth. Der hatte unter seinem Namen einen Gesetzeskommentar veröffentlicht, den im wesentlichen ein Schreibknecht vorbereitet und stellenweise einfach aus einem fremden Standardwerk abgeschrieben hatte ( SPIEGEL ONLINE berichtete ausführlich.

Hochschullehrer Wirth waltet seines Amtes wie eh und je. Der Assistent aber hat, wie aus dem Kollegenkreis zu hören ist, schon im vergangenen Herbst den Hut genommen. Der Darmstädter Uni-Sprecher will den Abgang weder bestätigen noch bestreiten. Er verweist auf einen Abschlussbericht über die ganze Affäre, der zu einem noch unbestimmten Zeitpunkt das Licht der Welt erblicken soll.

Kommt Zeit, kommt Rat.

P.S.: Im Wikipedia-Eintrag zu Schwintowski wurde Mittwochmorgen folgende Passage ergänzt: "Mit endgültigem Beschluss hat jedoch die Kommission für wissenschaftliches Fehlverhalten an der Humboldt-Universität festgestellt, dass es sich bei den streitigen Teilen in seinem Lehrbuch nicht um Plagiate handelt. Damit steht fest, dass die Plagiatsvorwürfe gegen Prof. Schwintowski der Grundlage entbehren." Eingefügt hat das ein unbekannter Benutzer am 9. Mai um 11.07 Uhr und keinen Namen hinterlassen. Seine IP-Adresse führt zur Humboldt-Universität Berlin.

P.P.S, (Nachtrag am 13. Mai): Wikipedianer sind flink und emsig. Nach Erscheinen des SPIEGEL-ONLINE-Beitrages Samstagmittag gab es in 36 Stunden rund 60 Änderungen des Schwintowski-Artikels. Unter der Überschrift "Plagiatsvorwürfe" heißt es in der Sonntagnacht aktuellen Version, allerdings unter Bezugnahme auf die vom Kommissionsbeschluss abweichende Bewertung des Verhaltens von Schwintowski als "wissenschaftliches Fehlverhalten" durch HU-Präsident Markschies, nunmehr: "In einer in der Fachzeitschrift Kritische Justiz veröffentlichten Besprechung des 2005 erschienenen Lehrbuchs zur juristischen Methodenlehre von Schwintowski wurde dargelegt, dass Schwintowski in diesem Werk bei anderen Autoren abgeschrieben habe, ohne die Zitate als solche zu kennzeichnen. Nach Untersuchung des Plagiatsvorwurfs durch die Kommission zur Überprüfung wissenschaftlichen Fehlverhaltens der Humboldt-Universität hat der HU-Präsident, Christoph Markschies, Schwintowski für sein wissenschaftliches Fehlverhalten öffentlich getadelt. Laut der Erklärung des Präsidenten liegen gravierende Verstöße gegen wissenschaftliche Zitierregeln vor. Trotz des in dieser Erklärung festgestellten wissenschaftlichen Fehlverhaltens Schwintowskis erklärte der Präsident zunächst, dass gegen Schwintowski keine disziplinarrechtlichen oder sonstigen Sanktionen verhängt werden. Inzwischen hat der Präsident erklärt, dass nun doch die Verhängung von Sanktionen geprüft werde. Der Wissenschaftler hat angekündigt, die Werke in einer neuen Ausgabe seiner Methodenlehre korrekt zu zitieren. Der Verlag erklärte jedoch, er werde das Buch endgültig vom Markt nehmen."

P.P.P.S (Nachtrag am 10. Juli): Aufgrund einer rechtlichen Auseinandersetzung ist der Ursprungstext leicht geändert und ergänzt worden.

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