Plagiatsaffäre: FDP-Politiker Chatzimarkakis verliert Doktortitel

Von Armin Himmelrath

Er selbst findet "sehr wenige Textstellen" seiner Dissertation kritikwürdig, die Uni Bonn ist anderer Meinung - und entzog Jorgo Chatzimarkakis den Doktortitel. Mehr als die Hälfte der Arbeit habe der FDP-Politiker abgekupfert, lautet die Begründung.

Jorgo Chatzimarkakis (FDP): Texte anderer Autoren nicht gekennzeichnet Zur Großansicht
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Jorgo Chatzimarkakis (FDP): Texte anderer Autoren nicht gekennzeichnet

Hamburg - FDP-Politiker mit Doktortitel brauchen derzeit ein dickes Fell: "Bist du der Nächste?", diese Frage bekommen sie derzeit häufiger gestellt. Seit Mittwochnachmittag ist klar, wen es als nächsten trifft: den Europaabgeordneten Jorgo Chatzimarkakis. Nach einem mehrwöchigen Prüfverfahren hat ihm die Universität Bonn jetzt den Doktortitel aberkannt. In dem einstimmig gefassten Beschluss des Fakultätsrats heißt es, der Politiker habe "in zahlreichen Fällen" Texte anderer Autoren nicht gekennzeichnet. "Mehr als die Hälfte" des Textes der Chatzimarkakis-Dissertation stamme aus fremden Federn.

Lediglich am Ende der Passagen habe der FDP-Mann in einer Fußnote die Belegstelle genannt. Das reiche jedoch nicht aus und verletze die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens. "Eine solche Praxis vermittelt den Eindruck, dass hier Herr Chatzimarkakis spricht, während in Wirklichkeit Texte anderer Autoren reproduziert werden", erklärte der Dekan der Philosophischen Fakultät, Günther Schulz. "Wir werden verstärkte Anstrengungen unternehmen, um solche Machenschaften künftig zu verhindern. Einen absoluten Schutz gibt es leider nicht", so Schulz.

Chatzimarkakis erhielt im Jahr 2000 den Doktortitel für seine Arbeit "Informationeller Globalismus. Kooperationsmodell globaler Ordnungspolitik am Beispiel des Elektronischen Geschäftsverkehrs". Er reichte sie bei der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn ein. Gutachter waren der mittlerweile emeritierte Professor Detlev Karten und Honorarprofessor Uwe Holtz. Ihnen entging offenbar, was die Rechercheure der Internetplattform VroniPlag entdeckten: Auf mehr als 70 Prozent der Seiten in Chatzimarkakis' Doktorarbeit fanden sie Plagiate.

"Ich bin kein Plagiator"

Nachdem der Politiker von den Recherchen der Plagiatsjäger erfahren hatte, wandte er sich selbst an die Universität Bonn und bat um eine Überprüfung. Seine Begründung: Durch die Debatte um Doktorarbeiten von Politikern sei er für das Thema sensibilisiert worden, und seine Arbeitsweise schaffe "Raum für Spekulationen". Chatzimarkakis sagte, er habe bei seiner Dissertation verschiedene Zitierweisen verwendet, darunter auch "Zitate im Fließtext, nicht eingerückt und ohne Anführungszeichen, ausgewiesen durch Fußnoten". Und er berief sich auf eine Zitierweise, wie er sie an der Elite-Uni Oxford gelernt habe.

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Chatzimarkakis bei Will: Das Oxford-Argument
Chatzimarkakis hatte in den vergangenen Wochen vehement gegen die Aberkennung seines Doktortitels gekämpft. In einer Stellungnahme an den Promotionsausschuss der Universität Bonn hatte er die Plagiatsvorwürfe als haltlos zurückgewiesen. Und auch in der Öffentlichkeit - etwa bei einem Anne-Will-Auftritt Anfang Juli oder in Gesprächen mit Journalisten - machte er immer wieder deutlich, dass er sich aus seiner Sicht zwar wissenschaftliche Schwächen geleistet habe, ansonsten aber unfair behandelt werde: "Ich bin kein Plagiator."

Mit ihrer Entscheidung hat die Bonner Universität jedoch deutlich gemacht, dass sie dem FDP-Mann die Übernahme von langen, nicht gekennzeichneten Passagen nicht mehr als wissenschaftliches Versehen durchgehen lässt. Auch Chatzimarkakis selbst hatte im Vorfeld schon mit dieser Entscheidung gerechnet und trotzig verkündet, dann werde er eben eine neue Doktorarbeit verfassen: "Ich habe meinem Großvater versprochen, das durchzuziehen, dazu stehe ich." Er hatte mehrfach öffentlich erzählt, dass er ein Exemplar seiner Doktorarbeit seinem Großvater ins Grab gelegt habe.

Unterstützung von Parteifreunden

In einer ersten Reaktion erklärte Jorgo Chatzimarkakis: "Diese heutige Entscheidung ist sehr bitter für mich." Seine Dissertation sei ein Grenzfall: "Dass meine damals gewählte Zitierweise heute als unzureichend angesehen wird, bedauert niemand mehr als ich: Ich habe meine Dissertation im Jahre 2000 online veröffentlicht, weil ich überzeugt war, dass sie gemäß der Promotionsordnung war." Nach dem Entzug erneuerte er seine Ankündigung, auf den Titel nicht dauerhaft verzichten zu wollen: "Ich bin bereit, eine erneute Doktorarbeit in Angriff zu nehmen."

Der FDP-Delegationsleiter im Europaparlament, Alexander Graf Lambsdorff, bedauerte die Entscheidung der Bonner Universität. "Offenbar haben unzureichende Zitiermethoden zu diesem Schritt geführt", erklärte er in Brüssel. "Wir begrüßen, wie offen Jorgo Chatzimarkakis mit seinem Fall umgegangen ist und auch heute noch umgeht. Für sein erneutes Promotionsverfahren drücken wir ihm die Daumen."

Nach der Entscheidung im Fall Chatzimarkakis wird die Promotionskommission der philosophischen Fakultät jetzt die nächste politikwissenschaftliche Arbeit durchleuchten: Die Uni Bonn hatte am Dienstag angekündigt, erneut die Doktorarbeit der FDP-Politikerin Margarita Mathiopoulos unter die Lupe zu nehmen. Und ein paar Kilometer rheinabwärts steht ebenfalls die Arbeit eines FDP-Politikers im Fokus: Hier prüft die Uni Köln den Fälschungsverdacht bei der wirtschaftswissenschaftlichen Dissertation des Bundestagsabgeordneten Bijan Djir-Sarai.

mit Material von AFP

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