Praktika: "Nach dem Studium Finger weg!"

Jung, qualifiziert, ausgenutzt: Müssen Praktikanten per Gesetz vor ausbeuterischen Arbeitgebern geschützt werden? Kolja Briedis, Experte beim Hochschul-Informations-System, hält den Begriff "Generation Praktikum" für das Ergebnis einer Nabelschau der Medienbranche.

SPIEGEL ONLINE: Die "Generation Praktikum" macht mobil, und sie hat in Arbeitsminister Franz Müntefering einen mächtigen Fürsprecher gefunden. Wie viele Absolventen müssen sich von Praktikum zu Praktikum hangeln?

"Kettenpraktika sind kein Massenphänomen": Kolja Briedis ist beim Hochschul-Informations-System zuständig für Absolventenstudien, lebenslanges Lernen und Hochschulforschung
Hochschul-Informations-System

"Kettenpraktika sind kein Massenphänomen": Kolja Briedis ist beim Hochschul-Informations-System zuständig für Absolventenstudien, lebenslanges Lernen und Hochschulforschung

Kolja Briedis: "Generation Praktikum" hieße, dass tatsächlich ein großer Anteil der Hochschulabsolventen betroffen wäre. Das konnten wir vom Hochschul-Informations-System in unseren Absolventenbefragungen nicht feststellen: Nur 3 Prozent der Uni-Abgänger in Informatik oder in den Ingenieurwissenschaften machen nach dem Abschluss ein Praktikum. Bei den Geisteswissenschaftlern sind es 8 Prozent, bei den Sozial- und Politikwissenschaftlern 28 Prozent. Und was noch wichtiger ist: Nur ein verschwindend geringer Anteil bleibt länger als sechs Monate Praktikant.

SPIEGEL ONLINE: Aber fast jeder hat doch Freunde und Bekannte, die ein Praktikum an das nächste zu reihen scheinen. Ist das nur Einbildung?

Briedis: Im Talmud gibt es ein schlaues Sprichwort: Zum Beispiel ist kein Beweis. Ich würde außerdem strikt unterscheiden zwischen Praktika im und nach dem Studium. Die Praktika im Studium sind ja meist von den Studienordnungen vorgesehen und dienen der beruflichen Qualifikation. Das hat mit einem problematischen Berufseinstieg nichts zu tun. Den Begriff "Generation Praktikum" finde ich sehr übertrieben, denn Kettenpraktika nach dem Studium sind kein Massenphänomen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist dann die Aufmerksamkeit für die Anliegen von Praktikanten derzeit so groß?

Briedis: Das hat mehrere Gründe. Zum einen war es vor einigen Jahren weitgehend unüblich, dass zwischen Abschluss und Job überhaupt Praktika geschaltet werden. Dazu kommt, dass Praktika besonders in der Medienbranche sehr verbreitet sind, und die Medien widmen sich selbst nun einmal viel Aufmerksamkeit. Bei der Nabelschau wird übersehen, dass das Phänomen in vielen anderen Branchen überhaupt nicht auftritt.

SPIEGEL ONLINE: Wo gibt es wenig Praktikanten?

Briedis: In technischen Berufen oder in den Naturwissenschaften. Es ist beispielsweise sehr ungewöhnlich, dass sich Ingenieure oder Informatiker den Einstieg über ein Praktikum verschaffen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Das Wort Praktikum hat mittlerweile den schalen Beigeschmack von Ausbeutung und sinnloser Fleißarbeit. Sollten die Praktikanten die Schnupperzeit nicht als Chance sehen, auch nach dem Studium?

Briedis: Ich finde es schon problematisch, wenn der Berufseinstieg über Praktika läuft. Das kann ein Zeichen dafür sein, dass das Studium bestimmte Qualifikationen, die für den Beruf erforderlich sind, nicht mehr vermittelt. Außerdem ist es ein Hinweis darauf, dass sich Studenten während des Studiums nicht ausreichend orientieren und sich erst danach einen Überblick verschaffen müssen. Auch Berufsberater der Hochschulen berichten häufig, dass unter Studenten eine gewisse Orientierungslosigkeit herrscht.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist schuld daran, dass der Einstieg ohne Praktikum vielfach nicht mehr klappt? Schließlich ist ein Studium doch berufsqualifizierend.

Briedis: Da gibt es mehrere Schuldige beziehungsweise Ursachen. Erstens ist die Hochschulausbildung nicht so ausgerichtet, dass sie einen nahtlosen Übergang ermöglicht. Zweitens ist die Arbeitsmarktlage für Absolventen derzeit nicht rosig, eine gewisse Suchdauer also ganz normal - und die gab es übrigens auch schon früher. Drittens unterwerfen sich Hochschulabgänger selbst sehr stark dem Diktat des lückenlosen Lebenslaufes und reihen deshalb Praktika aneinander.

SPIEGEL ONLINE: Was sollen sie stattdessen tun?

Briedis: Gelassen bleiben und mit einem gewissen Selbstbewusstsein auftreten. Akademiker haben ja durchaus einige Qualifikationen vorzuweisen und bringen sich entsprechend ein. Es gibt häufig Alternativen zum Praktikum: Werkverträge, Zeitverträge, studiennahe Jobs mit Übergangscharakter, die vielleicht besser für den späteren Beruf qualifizieren und meist besser bezahlt sind.

SPIEGEL ONLINE: Gehören zur viel beklagten Ausbeutung nicht immer zwei Seiten, jemand, der sich die billige Arbeitskraft nimmt, und jemand, der sich unter Wert verkauft?

Briedis: Auf jeden Fall. Mein Plädoyer ist deshalb, nach dem Studium die Finger von Praktika weg zu lassen. Denn wenn sich viele Absolventen umsonst anbieten, wird das Dumping verschärft, man schadet den anderen und sich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Was können gesetzliche Schutzbestimmungen für Praktikanten bringen, wie sie derzeit im Gespräch sind?

Briedis: Sie können durchaus flankierend helfen, wobei die schwarzen Schafe unter den Arbeitgebern auch so Wege finden würden, um sich unterbezahlte Arbeitskräfte zu verschaffen. Der Wille zur Lösung muss schon von den Absolventen selbst kommen. Sie sollten sich die Kontakte während des Studiums verschaffen, nicht danach. Das funktioniert beispielsweise bei FH-Absolventen, die ihre Abschlussarbeiten in Unternehmen schreiben, schon sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es selbst gehalten mit den Praktika?

Briedis: Ich habe zwei Praktika in Behinderteneinrichtungen gemacht, während des Studiums, beide unbezahlt. Ich habe ursprünglich Erziehungswissenschaften mit einer sozialen Ausrichtung studiert und mich später im Studium, nachdem ich durch die Praktika festgestellt habe, dass diese Richtung des Studiums mir eigentlich gar nicht so gut gefällt, auf Bildungs- und Sozialforschung spezialisiert. Bevor ich eine Stelle mit einer viel versprechenden Perspektive bekommen habe, habe ich fachnah an der Universität gearbeitet. Das alles hat sich ein gutes Jahr nach dem Abschluss hingezogen.

SPIEGEL ONLINE: Können sich Absolventen den Einstieg auch durch zu viele Praktika verbauen?

Briedis: Ich würde mir als Personalverantwortlicher schon überlegen, warum jemand, der nach dem Studium drei verschiedene Praktika gemacht hat, noch nicht untergekommen ist. Stimmt etwas mit den Qualifikationen nicht? Oder mit der Persönlichkeit? Da würde ich schon ins Grübeln kommen, ob der Kandidat oder die Kandidatin geeignet sind. Deshalb mein Grundsatz: Gern mehrere, auch verschiedene Praktika während des Studiums, wenn sie Qualifikationen bringen. Aber nach dem Studium so wenige Praktika wie möglich.

Das Interview führte Jan Friedmann

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Forum - Job-Odyssee - Was bringen Praktika wirklich?
insgesamt 215 Beiträge
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1. Gute Bedingungen fordern oder gehn!
Lewi 15.11.2005
Die Bedingungen meiner ersten Praktika direkt nach der Schule waren zunächst eher deprimierend. Wenig bis gar kein Geld wurde mir für einige Praktika in der Medienbranche geboten, oftmals waren meine monatlichen Fahrtkosten höher als der Lohn. Vor allem wenn man eine recht magere Auswahl an Praktikumsangeboten hat, neigt man dazu, das zu nehmen was man kriegen kann, in der Hoffnung, wenigstens seinen Lebenslauf etwas aufzupolieren. In einer solchen Lage wird man leider in der Tat oft ausgenutzt. Man "praktiziert" schließlich nicht einfach, man arbeitet unter vollem Einsatz mit. Das liegt sicher auch daran, dass man von heutigen Praktikanten aufgrund gestiegener Computerkenntnisse etc. einfach auch viel mehr fordern kann, als einfach Handgriffe zu machen und viel zuzusehen. Oft wollen die Unternehmer auch keinen Praktikanten, den sie erst noch anlernen müssen und haben von vorherein ganz spezielle Anforderungen an einen Praktikanten. Als "einfacher" Schulabgänger hat man kaum eine Chance, irgendwo angelernt zu werden; entweder man bringt die erfoderlichen Kenntnisse mit, oder es wird eben nichts draus. Daraus ergibt sich einfach, dass man klare Bedingungen (und immer einen offiziellen Vertrag!!!) verlangen sollte. Zeitraum, Aufgaben und Gehalt müssen festgelegt sein. Wenn einem die genannten Bedingungen zusagen, sollte das Praktikum gut verlaufen, ansonsten kann man dem Unternehmer den Vertrag unter die Nase halten. Wenn die Verhältnisse vor Ort denn dennoch nicht zu ertragen sind, muss man auch klar einen Schlussstrich ziehen.
2.
ThomasGerhardt 15.11.2005
Praktika haben sich extrem gewandelt in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren, gerade im Medienbereich. Vielfach sind heute Praktikanten extrem gut ausgebildet und verrichten den Job eines ansonsten fest angestellten Redakteurs. Da habe ich selbst Ausbeutung auf allerhöchstem Niveau in den vergangenen vier bis fünf Jahren erlebt. Zumeist aber wird darüber gerade in den Medien nicht gesprochen, da der Journalist an sich zwar eine große Klappe gegenüber anderen Industrien hat, in seinem eigenen beruflichen Umwelt sich durch Feigheit und Selbstsucht auszeichnet. Schön, dass der Spiegel wenigstens mal immer wieder drauf aufmerksam macht. Es ist schon lange so, dass sich Praktika nur für die auszahlen (wenn überhaupt), wenn der Praktikant durch sein Elternhaus extrem gefördert wird, anders sind solche Praktika erst gar nicht zu stemmen, zumal diese sehr oft in Großstädten oder sogar europäischen Metropolen angesiedelt sind und erst einmal eine Menge verfügbares Geld von nöten ist. So haben sich die Praktika schon in einigen Punkten beinahe zur modernen Sklaverei gewandelt.
3.
holala 16.11.2005
Für die Schüler ist ein solches Praktikum eine hervorragende Möglichkeiten einen Blick auf die Arbeitswelt zu werfen und einen Vorgeschmack zu bekommen.. Andererseits lernt man auch - egal in welchem Beruf- was es heißt, täglich mehrere Stunden am Stück zu arbeiten. Diese Erfahrung finde ich für jeden Schüler wichtig, denn in der Schule kriegt man vom alltäglichen Streß nur wenig mit, auch wenn die meisten Schüler da anderer Meinung sind...
4. Einheitlicher Status
Lewi 16.11.2005
Es muss für Praktikanten einfach einen einheitlichen Status geben, an dem auch kein Unternehmen mehr nach Lust und Laune herumdoktern kann. Ein Praktikant sollte sich einreihen in den vorberuflichen Zustand, genau wie Schüler, Azubi oder Student. Vor allem deshalb, weil Praktika heute nicht mehr nur Beschäftigungen von einigen Wochen sind, oft praktiziert man Monate, gar ein oder zwei Jahre. Und das noch nicht mal aus Spaß an der Sache, sondern aus purer Notwendigkeit. Wie der Spiegel so schön schreibt, sind Praktika heute kein Plus mehr, sondern ein Muss. Da werden unerfahrene Berufsanfänger damit konfrontiert, ihre Arbeitszeit und ihr Gehalt selber zu verhandeln und durchzusetzen. Wer bringt schon leichtfertig so viel Selbstbewusstsein auf, dass er bei seinem ersten Gespräch mit einem Personalchef ein paar Hunderter mehr verlangt, auch wenn es ihm zustünde? Praktika sind heute mehr wert, als das Geld, das man dafür bekommt. Soll man sich also damit zufrieden geben, dass man zumindest seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen konnte? Dankbar dafür sein, dass man endlich arbeiten darf? @ThomasGerhardt: Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. Niemand möchte sich eingestehen, dass er jahrelang den Illusionen über die eigene Berufswahl auf den Leim gegangen ist. Es gibt sie noch, die guten und die besten Adressen, aber vielerorts fehlt einfach die Fairness. Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann?
5.
ThomasGerhardt 16.11.2005
---Zitat von Lewi--- Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. ... Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann? ---Zitatende--- Nun kann man trefflich darüber debattieren, ob ein Studium an unseren heutigen Hochschulen, mit teilweise unqualifizierten Professoren, überhaupt für ein Überleben auf dem Arbeitsmarkt sorgen kann, aber im Bereich Medien läßt sich festhalten, dass schon Anfang der 90er Jahre (als ich mein Volontariat machte) diese ursprünglich als Ausbildungszeit erschaffene Phase sich mehr und mehr zu einem Pool von Billigst-Redakteuren entwickelte, die vorher schon die anderen Stationen durchlaufen hatten (abgeschlossenes Studium zumeist, mehrjährige Mitarbeit...) Das Volontariat wurde dazu genutzt, diesen ohnehin schon hoch qualifizierten Bewerben einzureden, dass das Volo ihnen die Tür zum Redakteur öffnete. Vier von fünf der Volontäre wurden aber jeweils turnusmäßig durch Frischfleisch ersetzt. Nun kann man sogar noch einen Level tiefer ansetzen, beim Praktikanten. Aus rein betriebswirtschaftlichem Blickwinkel macht das sogar Sinn. Und, wie mein Ex-Geschäftsführer aus der Zeit beim Future Verlag mal offen in die Runde uns aller Chefredakteure gesagt hat, bevor er das gesamte Unternehmen gegen die Wand fuhr: "Schreiben? Schreiben ist doch Scheiße. Ich schreibe jeden Tag. Briefe. Emails. Das kann doch nun wirklich jeder." Meine damalige, zu meiner allerersten schriftlichen Abmahnung (bin ich auch heute, fünf Jahre später stolz drauf, jawoll) Antwort war: "Ja, schreiben kann jeder. Aber für das, was Du in deinen Briefen schreibst, können wir schlecht von den Leuten draußen Geld verlangen." In diesem Sinne :)
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