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Praktikanten-Gehälter: Sprechen wir über Geld

Von Nadine Nöhmaier

Wochen- oder monatelang umsonst ackern, nur weil man zu feige war, nach dem Salär zu fragen? Das ist Blödsinn: Wer nicht leer ausgehen will, muss das Thema auf den Tisch bringen - spätestens beim Vorstellungsgespräch. Das gilt besonders für Praktikanten.

Wenn Praktikanten Glück haben, verdienen sie 800 Euro im Monat, marktüblich sind 300 bis 500 Euro, und manchmal - wie oft in der Medienbranche - springt gar nichts heraus. Wer das Gefühl hat, damit unterbezahlt zu sein, kann im Vorstellungsgespräch ruhig höher pokern, rät Dirk Pfenning, Praktikumsbeauftragter beim Pharma-Riesen Bayer: "Wenn der künftige Praktikant im Vorstellungsgespräch klar macht, dass er diese und jene Qualifikation mitbringt, dann ist die Diskussion der Vergütung durchaus angemessen."

Treffgenau verhandeln: Praktikanten dürfen das Thema Geld ansprechen
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Treffgenau verhandeln: Praktikanten dürfen das Thema Geld ansprechen

Das Problem für die Bewerber: "Mit Geld ist es wie mit Sex", sagt Jürgen Hesse, Diplompsychologe und Geschäftsführer des Berliner Büros für Berufsstrategie. "Man hat es oder nicht - aber man spricht nicht gern mit jedem darüber." Aus Angst vor Neidern oder aus Angst, wenig wert zu sein. Allerdings hätten Personalchefs kein Problem damit, über schnöden Mammon zu reden, das haben sie schließlich gelernt, so Hesse.

Was ihnen bei Gehaltsverhandlungen Sicherheit gibt: Im Gegensatz zum Bewerber kennen sie den finanziellen Spielraum der Firma - und müssen ihn nicht erst ausloten. Dennoch: "Kein Chef will als Geizkragen dastehen", ist Hesse überzeugt. Gerade schlecht bezahlte Praktikanten könnten versuchen, an die Großzügigkeit des Gegenübers zu appellieren. "Ein Vierteljahr lang zusätzliche 100 Euro im Monat auszugeben schmerzt ein Unternehmen in der Regel nicht weiter. Für viele Studenten indes ist die Summe ein halbes Vermögen."

Fixgehalt oder Verhandlungssache?

In vielen Unternehmen sind Praktikantengehälter festgelegt, zum Beispiel bei der Dresdner Bank: "Bei uns gibt es ein Fixgehalt von 665 Euro im Monat", bestätigt Sprecherin Renate Christ. Ein vergleichsweise sattes Gehalt - bei dem es möglicherweise unangemessen wäre, um weitere 50 Euro zu feilschen. Vielmehr sei beim Gespräch Fingerspitzengefühl gefragt, betont Christ: "Beim Vorstellungsgespräch geht es in erster Linie darum, den Bewerber als Person mit seinen Soft Skills kennenzulernen."

Um mit seiner Gehaltsforderung nicht meilenweit übers Ziel hinauszuschießen, sollte sich der Bewerber vorab auf der Homepage oder bei Ex-Praktikanten erkundigen, wie der Rubel rollt. "Wer bei einem Vorab-Telefonat als Erstes nach dem Gehalt fragt, macht keinen sonderlich guten Eindruck", sagt Alexander Wagner, Personalleiter der Werbeagentur Scholz & Friends in Hamburg. Die Werbeagentur bezahlt allen Praktikanten einheitlich 450 Euro - nicht mehr, nicht weniger.

In manchen Unternehmen dagegen ist der finanzielle Rahmen weiter gesteckt. Bei Bayer beispielsweise verdienen Praktikanten zwischen 130 und 1000 Euro: "Die Spanne deckt die unterschiedliche Qualifikation der Bewerber ab", erklärt der Praktikumsbeauftragte Pfenning. Bewerber mit Vordiplom in der Tasche könnten mit höheren Forderungen in den Ring treten als Erstsemester. "Wenn sie ein wenig Know how mitbringen, neueste Forschungsergebnisse kennen - dann ist uns das etwas wert." Um eine gute Verhandlungsposition im Vorstellungsgespräch zu haben, sollte der Bewerber daher mit seinem Fachwissen nicht hinterm Berg halten.

Wenn dagegen ein Studienanfänger auf fürstliche Entlohnung pochen würde, würde sich Pfenning ärgern. "Wir bieten ein Praktikum, das heißt: Wir bilden aus. Der Student wird nicht als Arbeitskraft eingeplant - und kann auch nicht als solche bezahlt werden." Überzogen fand der Bayer-Mann einen Praktikumsbewerber, der ihm beim Vorstellungsgespräch die Visitenkarte eines Steuerberaters in die Hand drückte und meinte, die Firma Bayer solle da anrufen, damit das Praktikum finanziell effizient gestaltet werde - der Bewerber habe ja auch noch Nebenjobs. "Das war unglaublich", sagt Pfenning kopfschüttelnd. "Der Herr wurde natürlich nicht eingestellt."

Übertriebene Vorstellungen schaden

Ebensowenig erhöhen Praktikumsanwärter ihren Marktwert, wenn sie vehement ihren niedrigen Kontostand beklagen. Pfenning: "Jammern kommt nicht gut an." Dagegen sollte sich der Praktikant nach betrieblichen Sonderleistungen erkundigen, die sein Leben verbilligen: Viele Unternehmen lassen ihre Mitarbeiter kostenlos im Fitness-Center strampeln oder besitzen Mitarbeiter-Wohnheime und Ferienwohnungen, in denen auch Praktikanten günstig unterschlüpfen könnten.

Der Praktikant sollte übrigens darauf warten, bis sein künftiger Vorgesetzter im Vorstellungsgespräch das liebe Geld anspricht. Falls das wider Erwarten nicht passiert, dann soll laut Alexander Wagner von Scholz & Friends erst die letzte Frage lauten: "Was ist in Ihrem Haus üblich, wie hoch ist die Praktikantenvergütung?"

Ähnlich denkt man auch bei der Dresdner Bank: "Sollte der Punkt Gehalt bis zum Schluss ausgespart werden, sollte der Bewerber auf jeden Fall noch danach fragen - dies wäre auch ein Zeichen dafür, dass er über ein taktvolles Selbstbewusstsein verfügt", findet Sprecherin Christ.

Harro Honolka, Geschäftsführer des Münchner Instituts Student und Arbeitsmarkt, empfiehlt aber, das Praktikum nicht an 50 Euro Differenz scheitern zu lassen: "Wer es sich leisten kann, sollte die Stelle dennoch annehmen, sofern es sich dabei um ein qualifiziertes Praktikum handelt. Schließlich steht hier der Wissenserwerb im Vordergrund - und nicht das Geldverdienen."

Nadine Nöhmaier ist Autorin des Praktikumsknigge

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Forum - Job-Odyssee - Was bringen Praktika wirklich?
insgesamt 215 Beiträge
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1. Gute Bedingungen fordern oder gehn!
Lewi, 15.11.2005
Die Bedingungen meiner ersten Praktika direkt nach der Schule waren zunächst eher deprimierend. Wenig bis gar kein Geld wurde mir für einige Praktika in der Medienbranche geboten, oftmals waren meine monatlichen Fahrtkosten höher als der Lohn. Vor allem wenn man eine recht magere Auswahl an Praktikumsangeboten hat, neigt man dazu, das zu nehmen was man kriegen kann, in der Hoffnung, wenigstens seinen Lebenslauf etwas aufzupolieren. In einer solchen Lage wird man leider in der Tat oft ausgenutzt. Man "praktiziert" schließlich nicht einfach, man arbeitet unter vollem Einsatz mit. Das liegt sicher auch daran, dass man von heutigen Praktikanten aufgrund gestiegener Computerkenntnisse etc. einfach auch viel mehr fordern kann, als einfach Handgriffe zu machen und viel zuzusehen. Oft wollen die Unternehmer auch keinen Praktikanten, den sie erst noch anlernen müssen und haben von vorherein ganz spezielle Anforderungen an einen Praktikanten. Als "einfacher" Schulabgänger hat man kaum eine Chance, irgendwo angelernt zu werden; entweder man bringt die erfoderlichen Kenntnisse mit, oder es wird eben nichts draus. Daraus ergibt sich einfach, dass man klare Bedingungen (und immer einen offiziellen Vertrag!!!) verlangen sollte. Zeitraum, Aufgaben und Gehalt müssen festgelegt sein. Wenn einem die genannten Bedingungen zusagen, sollte das Praktikum gut verlaufen, ansonsten kann man dem Unternehmer den Vertrag unter die Nase halten. Wenn die Verhältnisse vor Ort denn dennoch nicht zu ertragen sind, muss man auch klar einen Schlussstrich ziehen.
2.
ThomasGerhardt, 15.11.2005
Praktika haben sich extrem gewandelt in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren, gerade im Medienbereich. Vielfach sind heute Praktikanten extrem gut ausgebildet und verrichten den Job eines ansonsten fest angestellten Redakteurs. Da habe ich selbst Ausbeutung auf allerhöchstem Niveau in den vergangenen vier bis fünf Jahren erlebt. Zumeist aber wird darüber gerade in den Medien nicht gesprochen, da der Journalist an sich zwar eine große Klappe gegenüber anderen Industrien hat, in seinem eigenen beruflichen Umwelt sich durch Feigheit und Selbstsucht auszeichnet. Schön, dass der Spiegel wenigstens mal immer wieder drauf aufmerksam macht. Es ist schon lange so, dass sich Praktika nur für die auszahlen (wenn überhaupt), wenn der Praktikant durch sein Elternhaus extrem gefördert wird, anders sind solche Praktika erst gar nicht zu stemmen, zumal diese sehr oft in Großstädten oder sogar europäischen Metropolen angesiedelt sind und erst einmal eine Menge verfügbares Geld von nöten ist. So haben sich die Praktika schon in einigen Punkten beinahe zur modernen Sklaverei gewandelt.
3.
holala, 16.11.2005
Für die Schüler ist ein solches Praktikum eine hervorragende Möglichkeiten einen Blick auf die Arbeitswelt zu werfen und einen Vorgeschmack zu bekommen.. Andererseits lernt man auch - egal in welchem Beruf- was es heißt, täglich mehrere Stunden am Stück zu arbeiten. Diese Erfahrung finde ich für jeden Schüler wichtig, denn in der Schule kriegt man vom alltäglichen Streß nur wenig mit, auch wenn die meisten Schüler da anderer Meinung sind...
4. Einheitlicher Status
Lewi, 16.11.2005
Es muss für Praktikanten einfach einen einheitlichen Status geben, an dem auch kein Unternehmen mehr nach Lust und Laune herumdoktern kann. Ein Praktikant sollte sich einreihen in den vorberuflichen Zustand, genau wie Schüler, Azubi oder Student. Vor allem deshalb, weil Praktika heute nicht mehr nur Beschäftigungen von einigen Wochen sind, oft praktiziert man Monate, gar ein oder zwei Jahre. Und das noch nicht mal aus Spaß an der Sache, sondern aus purer Notwendigkeit. Wie der Spiegel so schön schreibt, sind Praktika heute kein Plus mehr, sondern ein Muss. Da werden unerfahrene Berufsanfänger damit konfrontiert, ihre Arbeitszeit und ihr Gehalt selber zu verhandeln und durchzusetzen. Wer bringt schon leichtfertig so viel Selbstbewusstsein auf, dass er bei seinem ersten Gespräch mit einem Personalchef ein paar Hunderter mehr verlangt, auch wenn es ihm zustünde? Praktika sind heute mehr wert, als das Geld, das man dafür bekommt. Soll man sich also damit zufrieden geben, dass man zumindest seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen konnte? Dankbar dafür sein, dass man endlich arbeiten darf? @ThomasGerhardt: Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. Niemand möchte sich eingestehen, dass er jahrelang den Illusionen über die eigene Berufswahl auf den Leim gegangen ist. Es gibt sie noch, die guten und die besten Adressen, aber vielerorts fehlt einfach die Fairness. Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann?
5.
ThomasGerhardt, 16.11.2005
---Zitat von Lewi--- Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. ... Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann? ---Zitatende--- Nun kann man trefflich darüber debattieren, ob ein Studium an unseren heutigen Hochschulen, mit teilweise unqualifizierten Professoren, überhaupt für ein Überleben auf dem Arbeitsmarkt sorgen kann, aber im Bereich Medien läßt sich festhalten, dass schon Anfang der 90er Jahre (als ich mein Volontariat machte) diese ursprünglich als Ausbildungszeit erschaffene Phase sich mehr und mehr zu einem Pool von Billigst-Redakteuren entwickelte, die vorher schon die anderen Stationen durchlaufen hatten (abgeschlossenes Studium zumeist, mehrjährige Mitarbeit...) Das Volontariat wurde dazu genutzt, diesen ohnehin schon hoch qualifizierten Bewerben einzureden, dass das Volo ihnen die Tür zum Redakteur öffnete. Vier von fünf der Volontäre wurden aber jeweils turnusmäßig durch Frischfleisch ersetzt. Nun kann man sogar noch einen Level tiefer ansetzen, beim Praktikanten. Aus rein betriebswirtschaftlichem Blickwinkel macht das sogar Sinn. Und, wie mein Ex-Geschäftsführer aus der Zeit beim Future Verlag mal offen in die Runde uns aller Chefredakteure gesagt hat, bevor er das gesamte Unternehmen gegen die Wand fuhr: "Schreiben? Schreiben ist doch Scheiße. Ich schreibe jeden Tag. Briefe. Emails. Das kann doch nun wirklich jeder." Meine damalige, zu meiner allerersten schriftlichen Abmahnung (bin ich auch heute, fünf Jahre später stolz drauf, jawoll) Antwort war: "Ja, schreiben kann jeder. Aber für das, was Du in deinen Briefen schreibst, können wir schlecht von den Leuten draußen Geld verlangen." In diesem Sinne :)
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