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Praktikumsmühle: Kapieren geht über Kopieren

Von Nadine Nöhmaier

Im Studium und nach dem Examen jagen viele junge Akademiker von einem Praktikum zum nächsten. Kann man's auch übertreiben? Experten raten zu Klasse statt Masse: Praktikanten sollten sich ihre Arbeitgeber sorgsam aussuchen - und Nein sagen, wenn Ausbeutung droht.

"Wir Deutschen sind Europameister, wenn es gilt, freiwillige Praktika zu machen", sagt Harro Honolka, Geschäftsführer des Münchner Instituts Student und Arbeitsmarkt. Denn: Zwei bis drei Praktika absolvieren deutsche Studenten während ihres Studiums - meist aus eigenem Antrieb, wie die große SPIEGEL-Umfrage "Studentenspiegel" zeigte.

Ex-Praktikantin Lüdemann: Nirgends zu Hause
Gertje Klack

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Das kommt nicht von ungefähr: "Früher waren Praktika ein Plus, heute sind sie ein Muss", betont Anna-Maria Engelsdorfer, Beraterin im Hochschulteam der Arbeitsagentur in München. "Ohne vorhergehende Praxiserfahrung kommt man heute in vielen Unternehmen gar nicht erst in die Nähe eines Angestelltenvertrags." Beim richtigen Arbeitgeber dagegen kann ein Praktikum der Türöffner zum Traumberuf werden.

Engelsdorfer empfiehlt daher, drei, vier Praktika während des Studiums zu machen: eins zum Orientieren, eins zum Überprüfen, eins zum Vertiefen. "Die Gefahr bei fünf oder sechs Praktika in unterschiedlichen Unternehmen ist allerdings, dass Personaler später eine Zielorientierung vermissen", sagt sie.

Tobias Nickel schätzt das etwas anders ein. Der Recruiting-Leiter der BMW-Group hat während seines Studiums selbst fünf Praktika absolviert. "Wir sind definitiv nicht misstrauisch, wenn bei einem Bewerber mehrere Praktika im Lebenslauf stehen", sagt er. Manuela Ebbes-Barr, Senior Managerin bei den Bertelsmann Recruiting Services, stimmt zu: "Während der Studienzeit kann man gar nicht genügend Praxiserfahrung sammeln. Diejenigen, die umfassende und inhaltlich anspruchsvolle Praktika absolvieren, beweisen schon während des Studiums Eigeninitiative und Leistungsbereitschaft." Allerdings dürfe sich wegen Praxissemestern das Studium nicht allzu sehr in die Länge ziehen: "Das wäre wieder ein Minuspunkt", so Ebbes-Barr.

Praktika zu sammeln erweise sich allerdings nur für die Zeit während des Studiums als hilfreich, meint Tobias Nickel. Als Hochschulabsolvent sollte man sich schleunigst um eine feste Stelle kümmern: "Praktika nach dem Studium sind eher differenziert zu betrachten", so der BMW-Personaler. Wer dann zu viele Praktika absolviere, sollte sich jedenfalls eine gute Erklärung dafür zurechtlegen.

"Gefühlte Berufstätigkeit"

In vielen Branchen haben junge Akademiker nicht die Wahl - das Praktika-Hopping bleibt zunächst ihre einzige Chance, Berufserfahrung zu sammeln und Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern zu knüpfen. Das kann sehr anstrengend werden, sich aber letztlich auch auszahlen - wie bei Dagny Lüdemann, 29. Die Hamburgerin hatte bereits jahrelang als freie Journalistin gearbeitet und ihren Magister in Französisch und Biologie in der Tasche. Trotzdem hospitierte sie zunächst bei einem spanischen Fernsehsender, dann beim "PM-Magazin", dann bei "Spektrum der Wissenschaft". Und so weiter - insgesamt arbeitete sie zwei volle Jahre lang als Praktikantin, in immer neuen Städten.

Praktika: Im Schnitt 2,5 pro Student
DER SPIEGEL

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Acht Mal musste Dagny Lüdemann deswegen umziehen. Nebenher bewarb sie sich um Volontariate und Redakteursstellen - und kassierte am laufenden Band Absagen. "Während dieser Zeit habe ich mich wie eine Nomadin gefühlt", erzählt sie. "Nirgends war ich richtig zu Hause und immer von Menschen umgeben, die ich erst seit kurzem kannte." Immerhin habe sie sich bei ihren Praktika "berufstätig gefühlt - wenn auch nur für kurze Zeit". Ihre ernüchternde Erfahrung: "In dieser Branche trifft man immer wieder die gleichen Leute, die wie die Aasgeier um einen Traumjob kreisen. Alle sind Mitte bis Ende zwanzig, sie haben ein abgeschlossenes Studium und Erfahrungen im Journalismus."

Der Konkurrenzdruck war groß, der Praktikumsmarathon zermürbend, Dagny Lüdemann auf Unterstützung durch ihre Eltern angewiesen. Sie hielt durch: "Ich hatte Glück, dass ich Praktika in renommierten Häusern bekommen habe", sagt sie. "Das hat meine Chancen auf eine Festanstellung enorm verbessert.. Jetzt volontiert sie bei einer großen Tageszeitung in Berlin. "Dass ich das noch vor meinem 30. Geburtstag hinbekommen habe, freut mich wahnsinnig."

Auch wenn für Lüdemanns Berufseinstieg das alte Motto "Viel hilft viel" gegolten haben mag - wichtiger als die Anzahl klangvoller Praktika sei immer noch deren Qualität, da sind sich alle Experten einig. Damit die Mini-Lehren eine Maxi-Wirkung in Sachen Zukunftsplanung entfalten, müssen sie mehr beinhalten als reine Zuträger-Tätigkeiten.

"Die Branche ist mir zu unhöflich"

Bei der 21-jährigen Ursula Müller (Name geändert) geriet das erste Praktikum nach dem Abitur zum Fiasko. Für ihr Haushaltswissenschafts-Studium musste die Münchnerin ein Vorpraktikum in der Gaststättenbranche absolvieren - und hatte mit einer klassischen Mappe bei einem renommierten Münchner Hotel angeheuert. "Wahrscheinlich wäre eine aufwändige Bewerbung gar nicht nötig gewesen", sagt sie heute. "Später hatte sich herausgestellt, dass das Hotel alle Praktikumsbewerber nimmt."

Statt internationalen Flairs gab es im Hotel nur Ärger für die Abiturientin: keine Einweisung, keinen Ansprechpartner, keine Antworten auf Fragen. Dafür Malochen vom ersten Tag an. "Ich habe alles in Eigenregie erledigt", klagt Müller. "Vom Bettenmachen bis zum Kloputzen." Nach sechs Wochen kündigte sie. Länger wollte sie nicht als kostenfreie Arbeitskraft herhalten. Mehr noch: Müller hat als Konsequenz ihrer Praktikumserfahrung das Studium der Haushaltswissenschaft aufgegeben ("die Branche ist mir zu unhöflich"). Inzwischen studiert sie Deutsch und Geschichte auf Lehramt.

Ihr Hauptproblem war: Auch ein unbezahlter Hilfsjob trägt häufig den Decknamen "Praktikum". "Bei einem ordentlichen Praktikum muss von vornherein klar sein, dass es Wissenserwerb bringt", sagt Honolka von Student und Arbeitsmarkt. "Nur dadurch qualifiziert man sich für einen Beruf."

Es müsse um mehr gehen als um den Praktikanten-Dreikampf Kaffeekochen, Kopiererhüten, Kurierdienste machen: "Sonst kann der Praktikant weder seine Fähigkeiten testen, noch dem Arbeitgeber zeigen, wozu er in der Lage ist", sagt Honolka. Und hinterher könne das Unternehmen lediglich über den Praktikanten sagen: "Er kann Latte Macchiato kochen wie eine italienische Mama." Dem Ziel, den beruflichen Einstieg vorzubereiten, sei das nicht dienlich.

Nadine Nöhmaier ist Autorin des neuen Praktikumsknigge

Checkliste: So erkennt man ein gutes Praktikum

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Forum - Job-Odyssee - Was bringen Praktika wirklich?
insgesamt 215 Beiträge
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1. Gute Bedingungen fordern oder gehn!
Lewi, 15.11.2005
Die Bedingungen meiner ersten Praktika direkt nach der Schule waren zunächst eher deprimierend. Wenig bis gar kein Geld wurde mir für einige Praktika in der Medienbranche geboten, oftmals waren meine monatlichen Fahrtkosten höher als der Lohn. Vor allem wenn man eine recht magere Auswahl an Praktikumsangeboten hat, neigt man dazu, das zu nehmen was man kriegen kann, in der Hoffnung, wenigstens seinen Lebenslauf etwas aufzupolieren. In einer solchen Lage wird man leider in der Tat oft ausgenutzt. Man "praktiziert" schließlich nicht einfach, man arbeitet unter vollem Einsatz mit. Das liegt sicher auch daran, dass man von heutigen Praktikanten aufgrund gestiegener Computerkenntnisse etc. einfach auch viel mehr fordern kann, als einfach Handgriffe zu machen und viel zuzusehen. Oft wollen die Unternehmer auch keinen Praktikanten, den sie erst noch anlernen müssen und haben von vorherein ganz spezielle Anforderungen an einen Praktikanten. Als "einfacher" Schulabgänger hat man kaum eine Chance, irgendwo angelernt zu werden; entweder man bringt die erfoderlichen Kenntnisse mit, oder es wird eben nichts draus. Daraus ergibt sich einfach, dass man klare Bedingungen (und immer einen offiziellen Vertrag!!!) verlangen sollte. Zeitraum, Aufgaben und Gehalt müssen festgelegt sein. Wenn einem die genannten Bedingungen zusagen, sollte das Praktikum gut verlaufen, ansonsten kann man dem Unternehmer den Vertrag unter die Nase halten. Wenn die Verhältnisse vor Ort denn dennoch nicht zu ertragen sind, muss man auch klar einen Schlussstrich ziehen.
2.
ThomasGerhardt, 15.11.2005
Praktika haben sich extrem gewandelt in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren, gerade im Medienbereich. Vielfach sind heute Praktikanten extrem gut ausgebildet und verrichten den Job eines ansonsten fest angestellten Redakteurs. Da habe ich selbst Ausbeutung auf allerhöchstem Niveau in den vergangenen vier bis fünf Jahren erlebt. Zumeist aber wird darüber gerade in den Medien nicht gesprochen, da der Journalist an sich zwar eine große Klappe gegenüber anderen Industrien hat, in seinem eigenen beruflichen Umwelt sich durch Feigheit und Selbstsucht auszeichnet. Schön, dass der Spiegel wenigstens mal immer wieder drauf aufmerksam macht. Es ist schon lange so, dass sich Praktika nur für die auszahlen (wenn überhaupt), wenn der Praktikant durch sein Elternhaus extrem gefördert wird, anders sind solche Praktika erst gar nicht zu stemmen, zumal diese sehr oft in Großstädten oder sogar europäischen Metropolen angesiedelt sind und erst einmal eine Menge verfügbares Geld von nöten ist. So haben sich die Praktika schon in einigen Punkten beinahe zur modernen Sklaverei gewandelt.
3.
holala, 16.11.2005
Für die Schüler ist ein solches Praktikum eine hervorragende Möglichkeiten einen Blick auf die Arbeitswelt zu werfen und einen Vorgeschmack zu bekommen.. Andererseits lernt man auch - egal in welchem Beruf- was es heißt, täglich mehrere Stunden am Stück zu arbeiten. Diese Erfahrung finde ich für jeden Schüler wichtig, denn in der Schule kriegt man vom alltäglichen Streß nur wenig mit, auch wenn die meisten Schüler da anderer Meinung sind...
4. Einheitlicher Status
Lewi, 16.11.2005
Es muss für Praktikanten einfach einen einheitlichen Status geben, an dem auch kein Unternehmen mehr nach Lust und Laune herumdoktern kann. Ein Praktikant sollte sich einreihen in den vorberuflichen Zustand, genau wie Schüler, Azubi oder Student. Vor allem deshalb, weil Praktika heute nicht mehr nur Beschäftigungen von einigen Wochen sind, oft praktiziert man Monate, gar ein oder zwei Jahre. Und das noch nicht mal aus Spaß an der Sache, sondern aus purer Notwendigkeit. Wie der Spiegel so schön schreibt, sind Praktika heute kein Plus mehr, sondern ein Muss. Da werden unerfahrene Berufsanfänger damit konfrontiert, ihre Arbeitszeit und ihr Gehalt selber zu verhandeln und durchzusetzen. Wer bringt schon leichtfertig so viel Selbstbewusstsein auf, dass er bei seinem ersten Gespräch mit einem Personalchef ein paar Hunderter mehr verlangt, auch wenn es ihm zustünde? Praktika sind heute mehr wert, als das Geld, das man dafür bekommt. Soll man sich also damit zufrieden geben, dass man zumindest seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen konnte? Dankbar dafür sein, dass man endlich arbeiten darf? @ThomasGerhardt: Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. Niemand möchte sich eingestehen, dass er jahrelang den Illusionen über die eigene Berufswahl auf den Leim gegangen ist. Es gibt sie noch, die guten und die besten Adressen, aber vielerorts fehlt einfach die Fairness. Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann?
5.
ThomasGerhardt, 16.11.2005
---Zitat von Lewi--- Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. ... Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann? ---Zitatende--- Nun kann man trefflich darüber debattieren, ob ein Studium an unseren heutigen Hochschulen, mit teilweise unqualifizierten Professoren, überhaupt für ein Überleben auf dem Arbeitsmarkt sorgen kann, aber im Bereich Medien läßt sich festhalten, dass schon Anfang der 90er Jahre (als ich mein Volontariat machte) diese ursprünglich als Ausbildungszeit erschaffene Phase sich mehr und mehr zu einem Pool von Billigst-Redakteuren entwickelte, die vorher schon die anderen Stationen durchlaufen hatten (abgeschlossenes Studium zumeist, mehrjährige Mitarbeit...) Das Volontariat wurde dazu genutzt, diesen ohnehin schon hoch qualifizierten Bewerben einzureden, dass das Volo ihnen die Tür zum Redakteur öffnete. Vier von fünf der Volontäre wurden aber jeweils turnusmäßig durch Frischfleisch ersetzt. Nun kann man sogar noch einen Level tiefer ansetzen, beim Praktikanten. Aus rein betriebswirtschaftlichem Blickwinkel macht das sogar Sinn. Und, wie mein Ex-Geschäftsführer aus der Zeit beim Future Verlag mal offen in die Runde uns aller Chefredakteure gesagt hat, bevor er das gesamte Unternehmen gegen die Wand fuhr: "Schreiben? Schreiben ist doch Scheiße. Ich schreibe jeden Tag. Briefe. Emails. Das kann doch nun wirklich jeder." Meine damalige, zu meiner allerersten schriftlichen Abmahnung (bin ich auch heute, fünf Jahre später stolz drauf, jawoll) Antwort war: "Ja, schreiben kann jeder. Aber für das, was Du in deinen Briefen schreibst, können wir schlecht von den Leuten draußen Geld verlangen." In diesem Sinne :)
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