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Professor beim Abschreiben erwischt: Wissenswertes über Erlangen

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Zum 1000-jährigen Jubiläum von Erlangen leistete sich ein Historiker einen dicken Fauxpas: Seinen Artikel zur Stadtgeschichte hatte er ausgerechnet beim Erlanger Stadtarchivar abgekupfert. Nun flog der Schwindel auf. Plagiate in der Wissenschaft sind nicht gerade selten - auch gestandene Gelehrte klauen mitunter Ideen und Texte.

"Fürstliche Stadtentwicklung in der frühen Neuzeit: Toleranz und Geometrie" lautete der etwas sperrige Titel des Artikels, den der Erlanger Geschichtsprofessor Wolfgang Wüst vor zwei Jahren zum 1000-jährigen Erlanger Stadtjubiläum veröffentlichte. Ein Text mit deutlichen Schönheitsfehlern: In seinem Beitrag verzichtete Wüst darauf, erhebliche Textübernahmen aus einem früheren Artikel des Erlanger Stadtarchivars Andreas Jacob deutlich zu machen.

"Diese Kennzeichnung von wörtlichen Passagen ist normalerweise wissenschaftlich üblich, und wenn man das unterlässt, dann ist der Vorwurf eines Plagiats zutreffend", kommentiert der Erlanger Uni-Rektor Karl-Dieter Grüske den Fall. Wüst habe, so der Rektor, den Text- und Ideenklau nach einem Gespräch mit der zuständigen Untersuchungskommission auch eingeräumt: "Er hat die Vorwürfe, nachdem er damit konfrontiert wurde, bestätigt."

Der Erlanger Historiker ist kein Einzelfall. Immer wieder fliegen Wissenschaftler auf, die sich für angeblich aus ihrer Feder stammende Artikel bei Kollegen, bei wissenschaftlichen Mitarbeitern oder sogar in studentischen Haus- und Diplomarbeiten bedienen. Hintergrund ist der Zwang, möglichst schnell möglichst viele Publikationen vorweisen zu können, wenn man erfolgreich sein will. "Publish or perish", verlangt die akademische Tradition - veröffentliche oder verrecke. Lang und eindrucksvoll sollen die Publikationslisten sein; schließlich hat der "Impact Factor", die Zitierhäufigkeit, für die akademische Karriere hohe Bedeutung.

Trickser unter Studenten wie Professoren

Für die wissenschaftliche Grundlagenarbeit bleibt dabei oft keine Zeit mehr, der Bedarf an Textmaterial wird deshalb schnell durch frei erfundene Ergebnisse oder durch abgekupferte Erkenntnisse aus anderen Veröffentlichungen gestillt. In einer Serie bei SPIEGEL ONLINE hat Debora Weber-Wulff die Abschreibepraktiken bei Studenten wie bei Wissenschaftlern detailliert geschildert. Selbst gestandene Gelehrte bedienten sich bisweilen schamlos bei ihren Kollegen, notierte die Berliner Professorin und kritisierte die "Wortverdreher, Dünnbrettbohrer und Halbsatzpanscher". Nicht selten veröffentlichten auch verantwortliche Professoren die Arbeiten ihrer Studierenden und Assistenten unter eigenem Namen - glatter Ideendiebstahl, so Weber-Wulff.

Auf der Jagd nach Plagiaten: Deborah Weber-Wulff

Auf der Jagd nach Plagiaten: Deborah Weber-Wulff

Neben Studenten schmücken sich also mitunter auch Professoren mit fremden Federn, betätigen sich als "Ehrenautoren", Datenmelker und Textklauer. Aber wissenschaftliches Fehlverhalten steht seit einigen Jahren unter stärkerer Beobachtung.

Seit 1997 der bisher größte deutsche Fälschungsskandal in der Wissenschaft bekannt wurde, bei dem ein Ulmer Medizinprofessor gleich dutzendfach angebliche Laborergebnisse gefälscht, erfunden, zurechtgebogen und abgeschrieben hatte, hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) alle Hochschulen verpflichtet, so genannte Ombudsleute als Ansprechpartner für Fälle von Wissenschaftsbetrug zu ernennen. Unis und Fachhochschulen mussten außerdem erklären, wie im Falle eines Falles eine entsprechende Untersuchungskommission zu arbeiten hat.

Der Historiker leistete Abbitte

Eine solche Kommission tagte auch im Fall des Erlanger Historikers. Wolfgang Wüst, der auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE keine Stellungsnahme abgeben wollte, wurde gerügt, erhielt einen Eintrag in seine Personalakte und wurde obendrein dazu vergattert, eine Richtigstellung zu seinem Fake-Artikel zu veröffentlichen.

Und so geschah es: "In einem von mir veröffentlichten wissenschaftlichen Beitrag wurden substanzielle Textteile aus Veröffentlichungen von Herr Dr. Jacob verwendet, die als solche nicht als wörtliche Zitate oder als sinngemäße Wiedergaben gekennzeichnet wurden", heißt es in der mittlerweile erschienenen Abbitte, "durch die Art meiner Darstellung konnte zudem der Eindruck entstehen, ich hätte die entsprechenden Archivalien selbst recherchiert. Dies ist nicht der Fall."

Für den Erlanger Rektor Karl-Dieter Grüske ist die schnelle Erledigung des Falls Beleg dafür, wie gut die Selbstkontrolle der Wissenschaft in Erlangen mittlerweile funktioniert. Vor vier Jahren hatte es in einem anderen Fachbereich schon einmal einen ganz ähnlichen Fall gegeben: Damals war ein Philosophieprofessor aufgeflogen, der ein ganzes Buchkapitel als eigene Geistesleistung ausgegeben hatte, obwohl es sich in Wirklichkeit um die wörtliche Übersetzung eines englischen Fachbuches gehandelt hatte.

Das Bekanntwerden des aktuellen Plagiats inner- und außerhalb der Universität, hofft Rektor Karl-Dieter Grüske, sei für den Betroffenen "eine wichtige Lehre", die "mit Sicherheit dazu führen wird, dass hier sorgfältiger gearbeitet wird". In der im Internet veröffentlichten Publikationsliste von Wolfgang Wüst ist der inkriminierte Artikel allerdings immer noch zu finden.

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