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Neue Professuren an der TU Dresden: Forscher ohne Grenzen

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Neue Professur an der TU Dresden: Grenzenlose Professoren Fotos
DPA

Zehn Stellen, mehr als 1300 Interessenten: Als die TU Dresden neue Professoren suchte, wurde sie mit Bewerbungen überhäuft. Kein Wunder - denn die Uni macht den neuen Hochschullehrern kaum Vorgaben.

Lars Koch war der Erste. Der 41-Jährige kam vor einem halben Jahr nach Dresden, um einen Lehrstuhl an der Technischen Universität (TU) anzutreten. Er forscht zum Thema Angst in den Medien, unter anderem arbeitet er an "Typologien des terroristischen Monsters im Gegenwartskino". Doch der Dresdner Medienwissenschaftler ist mehr als nur ein Dozent mit skurrilem Wissenschaftsinteresse: Als erster Hochschullehrer in Deutschland hat er eine sogenannte Open-Topic-Professur.

Wer auf einen solchen Open-Topic-Lehrstuhl in Dresden berufen wird, muss sich nicht mehr in ein enges fachliches Korsett zwängen. Stattdessen stehen nur noch die eigenen wissenschaftlichen Interessen im Fokus, vorhandene formale Grenzen dürfen und sollen ignoriert werden. Der größte Unterschied zu einer normalen Professur sei die Vielfalt der Fachrichtungen in seinem Team, sagt Lars Koch. An der TU hat er jetzt eine Professur für Medienwissenschaft und Neuere deutsche Literatur am Institut für Germanistik. Früher hätte er ganz selbstverständlich nur Germanisten als Mitarbeiter gehabt, sagt er. Jetzt arbeite er mit Sprach- und Kulturwissenschaftlern zusammen, aber auch mit soziologisch und historisch arbeitenden Kollegen.

500 Bewerber aus dem Ausland

Die Idee, insgesamt zehn solcher Professuren auszuschreiben, hatte die TU Dresden im Rahmen der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern entwickelt und damit beim Elitewettbewerb die Gutachter überzeugt. "Wir haben diese Maßnahme als völlig neuartiges Programm zur Gewinnung der weltweit besten Köpfe für Forschung und Lehre entwickelt", sagt der Dresdner Rektor Hans Müller-Steinhagen. Ein Ansatz, der aufging: Mehr als 1300 Bewerbungen trudelten in Dresden ein, davon über 500 aus dem Ausland. "Vom weltweiten enormen Interesse waren wir selbst überrascht", sagt Müller-Steinhagen. Er spricht von einem riesigen "Zugewinn an Innovationskraft und interdisziplinärem Forscherdrang".

Als klare Win-Win-Situation empfindet auch Lars Koch den Ruf nach Dresden: "Davon profitiere ich bei meiner Forschung, davon profitieren aber auch die Studenten, weil ganz andere Themen quer zu den normalen Forschungsrichtungen behandelt werden", sagt er. Ihm sei aber auch klar, dass so etwas nur mit den zusätzlichen Exzellenzmitteln möglich sei. Schließlich müsse ja auch der Normalbetrieb der Uni weiterlaufen - mit den in den Studienordnungen vorgesehenen grundständigen Seminaren entlang der klassischen Fächerstruktur.

Viel Lob für die Uni-Verwaltung

Umso größer, sagt Lars Koch, sei für ihn das Gefühl forscherischer Freiheit. "Bei meinem Thema, der Medialisierung von Gefahr, arbeite ich natürlich mit Leuten aus meinem Fachbereich zusammen, aber auch mit Wissenschaftlern aus ganz anderen Disziplinen - bis hin zu den Ingenieuren, die ja hier in Dresden sehr gut vertreten sind." Besonders positiv sei ihm außerdem "die extrem forschungsfördernde Verwaltung" aufgefallen: "Das kenne ich aus anderen Unis längst nicht in dieser Form."

Wie aber haben die anderen Professoren und Forscher reagiert - diejenigen, die nicht mit solchen Freiheiten arbeiten können, weil sie auf einem klassischen Lehrstuhl mit klar definierter fachlicher Ausrichtung sitzen? "Mir wurde und wird ein hohes Maß an produktiver Neugier entgegengebracht", erzählt Koch. Er selbst sieht sich als Open-Topic-Professor "in einer Brückenfunktion" - und hofft, dass sein Ruf nach Dresden nach fünf Jahren in eine dauerhafte Anstellung mündet.

"Vielleicht ist das ja noch die Euphorie des Anfangs", sagt Lars Koch und macht eine kurze Pause: "Aber das ist wirklich so etwas wie ein Lottogewinn. Ich bin rundum positiv gestimmt."

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1.
mrotz 11.11.2014
Daran sieht man doch die Misere in der Wissenschaft: es gibt praktisch keine Stellen. Und wenn jemand eine Stelle in Deutschland kriegt, war er zuvor schon Professor. Da auf jede Umbesetzung zwei Stellen für 1 Jahr brach liegen, verschärft dies dann zusätzlich die Stellenknappheit.
2. Rundum positiv
The Geek 11.11.2014
"Typologien des terroristischen Monsters im Gegenwartskino." Da wäre ich auch "rundum positiv gestimmt", wenn ich für so einen Blödsinn ein leistungsloses Spitzengehalt mit Pensionsanspruch kassieren könnte. In der Tat "so etwas wie ein Lottogewinn": Jede Menge Kohle und keine Arbeit. Na ja, uns geht's ja gut in Deutschland, wir ham's ja. Aber ab und zu sollte man vielleicht auch an die vielen Idioten denken, die wie ich jeden Tag zur Arbeit gehen, damit so ein dekadenter Irrsinn überhaupt möglich ist.
3. Die Idioten sollen an sich selbst denken
gisela.schwan 11.11.2014
Zitat von The Geek"Typologien des terroristischen Monsters im Gegenwartskino." Da wäre ich auch "rundum positiv gestimmt", wenn ich für so einen Blödsinn ein leistungsloses Spitzengehalt mit Pensionsanspruch kassieren könnte. In der Tat "so etwas wie ein Lottogewinn": Jede Menge Kohle und keine Arbeit. Na ja, uns geht's ja gut in Deutschland, wir ham's ja. Aber ab und zu sollte man vielleicht auch an die vielen Idioten denken, die wie ich jeden Tag zur Arbeit gehen, damit so ein dekadenter Irrsinn überhaupt möglich ist.
und bei der nächsten Wahl vielleicht mal un-idiotisch jemanden wählen, der sie nicht systematisch ausnutzt. Die Situation in Dresden ist nur die Spitze des Eisbergs. Oder warum glauben Sie, dass in D zig Mrd Steuergelder pro Jahr in Hochschulen gesteckt werden, deutsche Akademiker und Forschung aber oft nur noch zweitklassig ist? Da bedienen sich ganz viele Leute, die auch nie etwas anderes vorgehabt hatten. Deutsches Beamtentum, das ist das Arkadien in dem Milch und Honig fließen.
4.
Sique 11.11.2014
Zitat von gisela.schwanund bei der nächsten Wahl vielleicht mal un-idiotisch jemanden wählen, der sie nicht systematisch ausnutzt. Die Situation in Dresden ist nur die Spitze des Eisbergs. Oder warum glauben Sie, dass in D zig Mrd Steuergelder pro Jahr in Hochschulen gesteckt werden, deutsche Akademiker und Forschung aber oft nur noch zweitklassig ist? Da bedienen sich ganz viele Leute, die auch nie etwas anderes vorgehabt hatten. Deutsches Beamtentum, das ist das Arkadien in dem Milch und Honig fließen.
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass andere Hochschulen noch deutlich mehr Geld haben? Die drei Spitzenuniversitäten der USA Havard, MIT und Stanford haben gemeinsam mehr Geld als alle deutschen Universitäten zusammen.
5. enge fachliche Korsetts eigentlich nicht notwendig
Jakobskaffee 11.11.2014
Es ist immer wieder ein Irrsinn zu beobachten, wie eigentlich Selbstverständliches als große Innovation gefeiert sind. Die Gewährleistung der Freiheit von Forschung und Lehre ist Aufgabe von Staat und Hochschulen. Es ist nur nach meiner Erfahrung leider so, dass grade die Fakultäten die Besetzung von Lehrstühlen mit sehr eng gefassten Denominationen wünschen. Dabei gibt es dafür keine Rechtsnorm und auch keine Notwendigkeit. Außerhalb der Lehrerbildung und der Staatsexamensstudiengänge gibt es auch keine fachinhaltlichen Vorgaben für die Gestaltung von Studiengängen. Die Hochschulen und dort insb. die Fakultäten müssen sich nur endlich vom Klebstoff des Diplomzeitalters lösen...
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