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Profs mit Migrationshintergrund: Wir sind "Deutsche plus"

Von Tina Bauer

Internationale Profs: Ihre Herkunft macht sie begehrt Fotos
DPA

Sie bringen internationale Kontakte mit, sprechen mehrere Sprachen und denken global: Doch die Unis nutzen zu selten das Potential von Professoren mit Migrationshintergrund, wie das Hochschulmagazin "duz" analysiert. Erstmals zeigt eine Studie jetzt, wie ihre Karrieren verlaufen.

Sie ist in der Türkei geboren und hat dort studiert. Promoviert hat sie in Kanada, geforscht und gelehrt in Irland. Jetzt ist Dr. Gökçe Yurdakul Professorin in Berlin. "Ich bin kosmopolitisch", sagt sie. In der Hochschulstatistik ist sie als Deutsche erfasst, Yurdakul hat die deutsche Staatsbürgerschaft.

"Dabei sind deutsche Hochschulen durch Personen wie Gökçe Yurdakul und andere deutsche Professoren mit ausländischer Herkunft internationaler als vermutet. Diese verschwinden aber aus der amtlichen Statistik", sagt Prof. Dr. Aylâ Neusel, Forscherin am Hochschulforschungszentrum Incher (International Centre for Higher Education Research) in Kassel. "Mit unserer Studie können wir das jetzt belegen. Und ich bin selbst positiv überrascht: Es sind noch viel mehr, als wir gehofft und geahnt hatten."

Erstmals sind unter ihrer und der Leitung von Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Andrä Wolter von der Humboldt-Universität Berlin Karriereverläufe und Karrierebedingungen von Professoren mit jetziger oder früherer ausländische Staatsbürgerschaft untersucht worden. Das fand zunächst als Pilotprojekt in Berlin und Hessen statt.

Lieber "international" als "Migrant"

Die Forscher sprechen von internationalen Professoren. "Den Begriff haben wir in Anlehnung an die Bezeichnung 'Menschen mit Migrationshintergrund' des Mikrozensus für diese Untersuchung neu konstruiert", erläutert Neusel. "Hochqualifizierte identifizieren sich nicht mit Migrationshintergrund." Denn bei dem Begriff Migrant schwingt das Vorurteil eines niedrigen Bildungsniveaus mit. Es gibt erst wenige Studien, die sich mit Migranten in der Wissenschaft befassen. "Inzwischen ist die Diskussion sicher weiter fortgeschritten", sagt Neusel. "Vielleicht können wir bei der nächsten Studie offensiv von Professoren mit Migrationshintergrund sprechen."

Die Professoren mit ausländischer Herkunft für die Studie ausfindig zu machen, war die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Denn die Hochschulen erfassen wie bei Gökçe Yurdakul nicht die Staatsangehörigkeit bei Geburt. Doch rund die Hälfte der in der Studie erfassten Personen hat mittlerweile einen deutschen Pass. Auch am Namen erkennt man die Herkunft nicht immer. Wie bei Claudia Brincker-von der Heyde. Die Germanistin ist Professorin und Vizepräsidentin der Uni Kassel. In Deutschland geboren, ging sie als junge Frau in die Schweiz. Sie nahm die Schweizer Staatsbürgerschaft an und kehrte als Schweizerin zurück an eine deutsche Hochschule.

Für die Studie von Neusel und Wolter sind 203 Fragebögen ausgewertet worden. Der duz liegen erste Zahlen vor. Eine Veröffentlichung ist für 2014 geplant. Befragt wurden hauptamtlich tätige Professoren und Juniorprofessoren. 71 Prozent arbeiten an einer Universität, 21 Prozent an einer Fachhochschule und acht Prozent an einer Kunst- oder Musikhochschule. Die meisten sind Mathematik- und Naturwissenschaftler (29 Prozent), etwa ein Fünftel sind Sprach- und Kulturwissenschaftler.

"Ich bezeichne mich als 'Deutscher plus' aufgrund meiner Herkunft"

Insgesamt sind die Professoren mit Migrationshintergrund verhältnismäßig jung. Mehr als die Hälfte (54,6 Prozent) sind zwischen 41 und 55 Jahre alt. Mit 34 Prozent sind bemerkenswert viele Frauen unter ihnen. Das ist sehr viel, liegt der Frauenanteil von Professoren in Deutschland insgesamt laut Statistischem Bundesamt bei rund 20 Prozent. Und sie kommen vor allem aus Europa. "Zumindest sind sie dort geboren", erläutert Wolter. "Über ihre Herkunft sagt das letztlich nichts aus." Denn ihre Eltern können Einwanderer von anderen Kontinenten sein. So wie bei Prof. Dr. Joybrato Mukherjee. Der Professor für englische Sprachwissenschaften und Präsident der Universität Gießen stammt aus Indien. "Bis zu meinem 18. Lebensjahr hatte ich die indische Staatsbürgerschaft, habe mich dann aber für die deutsche entschieden", sagt Mukherjee.

"Ich fühle mich als Deutscher, bin hier geboren und aufgewachsen und fühle mich in der deutschen Sprache am wohlsten." Jedoch sei er eben ein "Deutscher plus" - mit zusätzlichen, herkunftsbedingten Erfahrungen. "Ich bin familiär stark indisch geprägt, gehöre dem hinduistischen Glauben an und sehe nicht typisch deutsch aus", sagt Mukherjee. Für die Wissenschaftler um Neusel und Wolter bestand die Herausforderung darin, die extrem heterogene Gruppe von internationalen Professoren mit Migrationshintergrund an deutschen Hochschulen zu kategorisieren, um Rückschlüsse ziehen zu können.

"Es ist absolut spannende Arbeit", sagt Wolter, "hinter jedem Fall kann sich eine völlig andere Mobilitätsgeschichte verbergen". Sechs Mobilitätstypen wurden ausgearbeitet. "Bemerkenswert ist, dass 36 Prozent schon früh das deutsche Bildungssystem kennengelernt haben, das heißt in Deutschland zur Schule gegangen sind", sagt Neusel. Die Hälfte aber ist erst mit dem Eintritt ins Berufsleben auf dem deutschen Arbeitsmarkt präsent. Sie kamen als Postdocs oder erst mit der Berufung nach Deutschland.

"Immer im gleichen Saft zu schwimmen, macht blind"

Die zunehmende Internationalisierung des Wissenschaftssystems hat Einfluss auf die Rekrutierung des wissenschaftlichen Personals. Denn die Herkunft eines Professors birgt Potenzial. Die internationalen Profs bieten den Hochschulen einen Mehrwert. Nach eigener Einschätzung laut Umfrage von Neusel und Kollegen liegt ihr Potenzial in der Kenntnis unterschiedlicher Hochschul- und Wissenschaftskulturen (86 Prozent), in internationalen Kontakten und Netzwerken (83 Prozent) und internationalen Forschungsaktivitäten (73 Prozent).

"Aufgrund meines bikulturellen Hintergrunds habe ich viele Erfahrungen machen können, die ich insbesondere bei der Internationalisierung der Hochschule einbringen kann", sagt beispielsweise Prof. Dr. Karim Khakzar. Der Präsident der Hochschule Fulda ist Kind einer Schwäbin und eines Iraners. "Ich profitiere davon, zwei Religionen zu kennen, zwei Sprachen zu sprechen und zwei Kulturen zu erleben", sagt er. "Dadurch habe ich wenige Berührungsängste mit fremden Kulturen und Gepflogenheiten und finde meist schnell einen guten Draht zu unseren internationalen Studierenden."

Den Blick über den Tellerrand hält auch Claudia Brinker-von der Heyde für wichtig. "Durch meine Erfahrungen in der Schweiz habe ich ein anderes Hochschulsystem kennengelernt. Ich sage nicht: In der Schweiz ist alles besser. Aber es gibt Positives, das sich zumindest anzuschauen lohnt", sagt sie. "Immer im gleichen Saft zu schwimmen, macht blind und unflexibel." Das bestätigt auch Gökçe Yurdakul: "Durch meine Herkunft und meine Auslandserfahrungen weiß ich, wie ich mich in einem internationalen sozialen Umfeld verhalten und wie ich mit Menschen aus anderen Ländern umgehen soll", sagt die Sozialwissenschaftlerin. "Meine Erfahrungen gebe ich weiter, nicht nur wissenschaftlich, sondern auch in einer kosmopolitischen Kulturform."

Doch um vom prallen Gepäck, das die internationalen Profs mit Migrationshintergrund mitbringen, zu profitieren, müssen die deutschen Hochschulen noch einiges tun. Die Studie zeigt, dass die Willkommensangebote nur wenig bis kaum genutzt wurden. "Wir müssen noch mehr Hilfestellung bieten", sagt Dr. Marina Frost, Vizepräsidentin der Humboldt-Uni und zuständig unter anderem für das Personal der Hochschule. "Vor allem müssen wir mehr für die soziale Bindung tun. Es ist nicht damit getan, dass die Professoren nur aufgrund des guten wissenschaftlichen Umfeldes kommen. Wir müssen ihnen dabei helfen, sich auch sozial einrichten zu können." Im Vergleich zu den USA: Dort zahle die Hochschule Zuschüsse zum Schulgeld der Kinder, unterstütze bei rechtlichen Fragen und Ämtergängen. Marina Frost arbeitet daran, dass in der Humboldt-Uni Leseabschriften von den wichtigsten Personalunterlagen auch in Englisch vorliegen. Zudem sollen alle leitenden Mitarbeiter fließend Englisch sprechen. "Wir werden spezielle Auslandsprogramme anbieten, damit sie sehen, wie die Kollegen woanders arbeiten. Ich verspreche mir viel davon, weil dann ein anderes Verständnis füreinander herrscht", sagt die Vizepräsidentin.

Ähnliche strukturelle Defizite sieht auch Prof. Dr. Carola Bauschke-Urban. Die Soziologin forscht an der Hochschule Fulda unter anderem am vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderten Projekt "Global Learning for Sustainable Development" über Biografien und Karrierewege von internationalen Master-Absolventen aus Afrika, Asien und Lateinamerika. "Beispielsweise in Sachen Bezahlung sind deutsche Hochschulen nicht konkurrenzfähig. Auch Mentoring-Programme und Dual-Career-Möglichkeiten sind unterentwickelt", sagt sie. "Verwundert haben sich auch einige ausländische Kolleginnen von mir die Augen gerieben über die Höhe der Lehrdeputate in Deutschland." Die Hochschulen können vieles verbessern, um Professoren aus dem Ausland zu gewinnen und das Potenzial von Professoren mit Migrationshintergrund auszuschöpfen.

Drei "Deutsche plus"
Gökçe Yurdakul

Die Sozialwissenschaftlerin ist Professorin an der Humboldt-Universität (HU) Berlin. Sie ist in Istanbul geboren und hat in der Türkei studiert. Ihre Promotion absolvierte sie in Toronto und arbeitete anschließend in Dublin und Kanada, bis sie eine Postdoc-Stelle an der Freien Uni Berlin erhielt.

"Seit 2001 bin ich zwischen zwei Ländern zuhause: Deutschland und Kanada. Eine große Rolle für meine Berufung an die Humboldt-Universität spielte sicherlich meine türkische Herkunft und meine Erfahrungen in Kanada. Die HU hat sich, wie andere deutsche Universitäten auch, auf die Fahnen geschrieben, kosmopolitischer zu werden. Ich bringe ein internationales Netzwerk mit, lade Kollegen an die Humboldt-Universität ein und weiß, wie ich in einem sozialen Umfeld mit internationalen Kollegen und Studierenden umgehen muss."

Karim Khakzar

Der Professor für Elektrotechnik ist seit 2008 Präsident der Hochschule Fulda. Geboren ist Khakzar in Stuttgart als Sohn einer Schwäbin und eines Iraners. Als Achtjähriger zog er mit seiner Familie nach Teheran, wo er auf eine deutsche Schule ging. Abitur und Studium absolvierte er in Stuttgart. Dort promovierte er auch. Anschließend arbeitete er unter anderem in Belgien.

"Wir haben einen sehr hohen Anteil (rund 15 Prozent) ausländischer Studierender an der Hochschule Fulda. Möglicherweise wirkt es sich positiv aus, wenn der Präsident einen nicht-deutschen Namen hat. Aufgrund meiner Herkunft, aufgewachsen in einer bikulturellen Familie, kann ich mich gut in unsere internationalen Studierenden hineinversetzen und weiß, welchen Herausforderungen sie sich in einer fremden Kultur stellen müssen. Ich habe sicherlich auch eine Vorbildfunktion.

Claudia Brinker-von der Heyde

Die Professorin für germanistische Mediävistik ist seit 2009 Vizepräsidentin der Uni Kassel. In Konstanz studierte sie Germanistik und Geschichte. Anschließend ging sie in die Schweiz. In Zürich beendete sie ihr Studium, promovierte und habilitierte. Sie hat die Schweizer Staatsbürgerschaft. 2000 kam der Ruf aus Kassel.

"Ich habe den Unibetrieb in der Schweiz intensiv kennengelernt. Dadurch bringe ich auf jeden Fall Offenheit mit. Ich sehe nicht nur das eine System. Offenheit und Flexibilität wünsche ich mir mehr in Deutschland. Ich plädiere für ein Auslandssemester für jeden, auch wenn das finanziell schwer umzusetzen ist. Als Vizepräsidentin ist es mir wichtig, internationale Kontakte zu pflegen und Unipartnerschaften zu fördern. Das ist wichtig, um vermehrt ausländische Kollegen und Kolleginnen an die Universität zu holen."

Erschienen im Hochschulmagazin "duz" 11/13 vom 25. Oktober 2013

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Fakten zum Projekt

In dem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt "Internationale Mobilität und Professur" wurden die Berufsverläufe von Professorinnen und Professoren an deutschen Hochschulen untersucht, die entweder einen ausländischen Pass haben oder eine deutsche Staatsbürgerschaft haben, aber ausländischer Herkunft sind.

Nach einer Online-Befragung wurden 203 verwertbare Fälle untersucht. Dabei wird unterschieden zwischen Professoren inklusive Stiftungsprofessoren sowie Juniorprofessoren inklusive Stiftungsjuniorprofessoren.

Die Studie ist ein Pilotprojekt in den Ländern Berlin und Hessen. Laufzeit: 2011 bis 2013. Die Fortsetzung in anderen Bundesländern ist beabsichtigt.

Das Projekt leiten Prof. Dr. Aylâ Neusel vom Incher (International Centre for Higher Education Research) an der Uni Kassel und Hochschulforscher Prof. Dr. Andrä Wolter von der Humboldt-Universität Berlin. Es findet in Zusammenarbeit mit Dr. Marianne Kriszio vom Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Uni statt.


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