Professoren und ihre Brut: Meiner darf auch Postbote werden

Standesdünkel kennen Professoren-Eltern nicht, wenn es um die Berufswahl ihrer Kinder geht. Kassiererin oder Mechaniker - klar, warum nicht? Insgeheim sähen sie den Nachwuchs doch gern in ihren Fußstapfen. Das geben sie aber erst nach dem dritten Glas Wein zu, weiß Juraprofessor Thomas Hoeren.

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Corbis

Prof und Sohn: Das kriegen wir schon, mein Jung

Professoren und ihre Kinder - das ist ein Verhältnis voller Klischees. Viele denken bei den Profs und ihrem Nachwuchs an Typen wie den Leipziger Gelehrten Johannes Olearius. Wie die Allgemeine Deutsche Bibliothek zu dem Griechischprofessor des 17. Jahrhunderts mitteilt, "wurden ihm sechs Söhne und sechs Töchter geboren. Drei der Söhne sind ebenfalls Professoren in Leipzig geworden, einer in der theologischen, einer in der juristischen, der jüngste in der philosophischen Facultät."

Von der Ehefrau und dem Werdegang der Töchter kein Wort. Aber drei Stammhalter - und wiederum Professoren in den klassischen Disziplinen und an der Uni des Papas. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm - einmal Akademiker, immer Akademiker.

Hat schon mal jemand gehört, dass einem Professor ein Tischler, Metzger oder Maurer geboren sei? All das wird's gegeben haben, wird aber nicht erzählt. Die Überlieferung zieht über professoral geborenes Handwerk stillschweigendverächtlich hinweg.

Nun gilt es aber der Wirklichkeit ins Auge zu blicken. Zunächst einmal die Geburtenraten. Die Zeiten mit sechs Töchtern und sechs Söhnen sind eindeutig vorbei. Akademiker haben deutlich weniger Kinder als der Durchschnitt der Bevölkerung. Und das nicht etwa, weil keine Zeit für die Kinderbetreuung bleibt, sondern weil Wissenschaftler häufig in instabilen Beschäftigungsverhältnissen tätig sein müssen. Also wird ihnen sehr viel später und weniger Nachwuchs geboren.

"Hat Lena eine 2-, muss sie jeden Tag eine Stunde mehr lernen"

Und wenn, dann rächt sich oft der Fokus der Eltern auf die Erwachsenenbildung. Durch Rufe gequält, fehlt umzugsbedingt meist die Nähe großelterlicher Unterstützung. Man muss sich eben als Eltern selbst erfinden - wie man es als Prof so gewohnt ist. Man ist ja ein Naturtalent, im Hörsaal, beim Institutsmanagement und eben auch als Vater oder Mutter. Und das geht dann oft auch schief. Nicht ohne Grund hört und liest man von dem merkwürdigen Verhalten der Profs ihren kleinen, windeltragend-tropfenden Kindern gegenüber. Man denke nur an das eigenartige Verhältnis der Einstein-Söhne Eduard und Hans Albert zu ihrem Vater, der einen Sohn sogar die geistige Gesundheit kostete.

Und im Netz häufen sich die Klagen über zu strenge Prof-Väter, etwa wie folgt: "Er ist selber ein guter Uniprofessor und stellt deshalb hohe Anforderungen an seine Tochter. Er ist sehr streng und denkt, gute Noten sind neben Freundschaften das Wichtigste im Leben. Wenn Lena eine 2- hat, muss sie jeden Tag eine Stunde mehr lernen."

Und wie sprechen die Profs selbst über ihre Kinder? Ich beobachte es nun schon seit vielen Jahren, das verschmitzte Gesicht der Kollegen, die über ihre Töchter und Söhne berichten: "Mein Sohn wird niemals Jurist; meine Tochter wird nie das studieren, was ich studiert habe. Unsere Kinder machen etwas ganz anderes. Gibt es Spießigeres als Kinder, die nie den Mief der elterlichen Studierbude verlassen haben?"

Ich konnte dies nachvollziehen. Selbst Arbeitersohn, war mir die Nonchalance akademischer Kinderkarrieren ein Dorn im Auge. Wer keinen Lehrer, Arzt oder am besten Professor zum Vater hatte, schien in der deutschen Gesellschaft keine Chance auf eine akademische Karriere zu haben. Kinder aus Akademikerfamilien bilden an Universitäten mehr als 60 Prozent der Studierendenschaft. Ihr Anteil ist seit 2004 um drei und seit 1993 um elf Prozentpunkte gewachsen.

Professoren sind Glucken, die den flüggen Nachwuchs gut versorgen

Schon zu Beginn meiner Uni-Karriere, als junger Professor in Münster, war mir allerdings unwohl. Ich kannte den Sog einer schönen Universitätsstadt wie Münster, das Gemütliche, das Behagliche eines Elternhauses, den Gedanken, das zu studieren, was man bei Papa und Mama schon als Professor oder Professorin gesehen hatte. Und deshalb beobachtete ich in einer Art Langzeitexperiment, was sich da so tat. Und die Beobachtung dauerte wirklich lange. Die Kinder der Kollegen wurden größer, gingen ins Gymnasium (natürlich die bischöfliche Schule), gingen in die USA (nicht zu lang und nicht zu kurz), kamen zurück mit wilden Ideen.

Doch schon einige Jahre später ging es los. Nun gut, die Kinder sollten studieren, irgendetwas - bloß kein Jura. Dänisch, Brauereiwesen, Physik - und weit weg in Passau. Eine Lehre - auch gut, vielleicht vorgeschaltet: Eine Banklehre, da hat man etwas in der Hand, wenn man später studiert. Und wieder Jahre später kam der entscheidende Moment beim dritten Glas Wein, in dem die Kollegen etwas zermürbt, in sich gesackt, nörgelten: Es wäre doch nichts Schlechtes, wenn die eigene Tochter, der eigene Sohn auch Jura studierte. Natürlich nicht in Münster, irgendwo anders. Aber wenn das Kind sich schon einmal so interessiere für das Fach? Es sei doch künstlich, die Kinder wegzuschicken, nur weil man selbst im Fach stecke.

In der Folge eskalieren die Gespräche, werden rätselhaft: "Meine Tochter/mein Sohn ist hochbegabt. 1,0 im Abitur. Von der deutschen Forschungshilfe für ein Stipendium ausgewählt. Vom Bundespräsidenten im Geschichtswettbewerb ausgezeichnet." Selffulfilling Prophecy - Kinder von Akademikern wissen meist, wo und wie es Preise, Stipendien, gute Noten gibt.

Und der Koloss wankte. Die nächsten Gespräche werden noch wankelmütiger: "Nun gut, Münster hat doch einen guten Ruf, warum nicht gleich Münster?" Natürlich zieht das Kind zu Hause aus, sucht sich etwas Eigenes. Natürlich wird die Tochter, der Sohn auch einen Studienwechsel vornehmen. Ob man nicht einmal als Freund des Hauses das Kind inspizieren könne? Mal zu Gericht mitnehmen - man sei ja eine der wenigen Fälle, wo ein Kollege auch einmal Richter beim Oberlandesgericht sei. "Mal in die Mensa mitnehmen, mit jungen Leuten aus dem Institut."

Und dann fragt meine Tochter: Besorgst du mir ein Praktikum?

Natürlich habe ich das gerne organisiert, war mir eine Ehre. Aber auffällig war: Professoren sind nicht die in der Literatur viel beschworenen Rabenväter. Klar, sie leben auch von klassischer Rollenverteilung, werden daher selten als Väter gesehen, vor allem auch nicht als Väter, die Schwierigkeiten haben, wissenschaftliche Karriere und Vaterrolle in Einklang zu bringen. Aber erstaunlich, Professoren sind wie Glucken, die zwar wenig Blick für kleine Küken haben, aber ihren flüggen Nachwuchs gut versorgen, sich im Einsatz für Praktika, Auslandsaufenthalte, Schulaustauschprogramme, Studienplätze geradezu verzehren.

Die Jahre vergingen; meine eigenen Kinder wurden älter. Studium, nein danke, Paps. Die Kinder waren noch klein - und ich war froh, dass sie sich anders entwickelten. Kassiererin wollte sie werden, Postbotin oder Stewardess. Aber ach: Dann kam er, der Tag, als die Älteste vor mir stand. Jura wolle sie nicht studieren, aber studieren auf jeden Fall. Allerdings nicht in Münster, sondern in den Niederlanden.

Und da ist sie jetzt auch, mit niederländischem Abitur, mit Studienplatz in Rotterdam, holländischer als die Niederländer selbst. Es geht noch weiter: Vor Kurzem hatte ich eine Unterredung mit meiner 14-Jährigen. Die fragte nach: Ob ich ihr wohl ein Betriebspraktikum in einer Anwaltskanzlei besorgen könne?


Thomas Hoeren, geboren 1961 in Dinslaken, ist Inhaber des Lehrstuhls Informationsrecht und Rechtsinformatik an der Universität Münster. Der Sohn eines Maurers studierte Jura und Theologie in Münster, Tübingen und London. Danch wurde Hochschullehrer, beriet in den Neunzigern die EU-Kommission und ist seit 1996 auch Richter am OLG Düsseldorf. Nach zwei Jahren als Professor für Bürgerliches Recht in Düsseldorf wechselte er 1997 an die Uni Münster, wo er sich mit seiner unterhaltsamen Vortragsweise eine beachtliche Fangemeinde schuf. Was die berufliche Laufbahn seiner beiden Töchter anbelangt, besteht Hoeren darauf, kein ehrgeiziger Professoren-Papa zu sein.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
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1. Der Wahnsinn!
makutsov 11.02.2010
Na das ist ja die Headline des Tages. Professoren sind tolerant dem Nachwuchs gegenüber, hoffen aber doch, dass er in Ihre Fußstapfen tritt. Unerhört! Sensationell! Unglaublich.
2. ...
e-ding 11.02.2010
Tja, auch an einer selffullfilling profecy muss gearbeitet werden. Was ist daran jetzt neu? Dass Eltern Einfluß auf die Entwicklung ihrer Sprößlinge haben?
3. Sensationell
xzz 11.02.2010
Das ist wirklich Sensationell! Oder, um es einmal ohne Ironie zu sagen, der wirklich uninteressanteste Beitrag der Woche; Das Nicht-Thema ist dazu auch noch mangelhaft ausgereizt.
4. ...
Camarillo Brillo 11.02.2010
Zitat von sysopStandesdünkel kennen Professoren-Eltern nicht, wenn es um die Berufswahl ihrer Kinder geht. Kassiererin oder Mechaniker - klar, warum nicht? Insgeheim sähen sie den Nachwuchs doch gern in ihren Fußstapfen. Das geben sie aber erst nach dem dritten Glas Wein zu, weiß Juraprofessor Thomas Hoeren. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,675502,00.html
"Professoren und ihre Brut" ... sagen Sie mal, wollen Sie sich jetzt sprachlich auf das Niveau des Unterschichtenfernsehens begeben !
5. am Thema vorbei
dumb nut 11.02.2010
Zitat von sysopStandesdünkel kennen Professoren-Eltern nicht, wenn es um die Berufswahl ihrer Kinder geht. Kassiererin oder Mechaniker - klar, warum nicht? Insgeheim sähen sie den Nachwuchs doch gern in ihren Fußstapfen. Das geben sie aber erst nach dem dritten Glas Wein zu, weiß Juraprofessor Thomas Hoeren. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,675502,00.html
Der Beitrag ist doch völlig am Thema vorbei. Hier steht doch nur, dass sich Väter (Professoren sind wohl besondere Väter?) um ihren Nachwuchs kümmern. Und? Kommt da noch mehr oder will der Herr Professor dafür bewundert werden, was jeder andere auch macht? Aus der Realität kann ich berichten, dass Professoren eher dazu neigen ihren Sprösslingen den Weg zu ebnen, wie es niemand anders kann. Sei es während des Studiums mit Parkatika und daraus resultieren Erstautorenschaftem, obwohl vom Praktikanten weder verstanden wurde worum es ging, noch die Arbeit gemacht wurde. Dafür hat Papa ja Angestellte, die die Arbeit für die lieben Kinder erledigen können. Danach werden dann Positionen an die Professorenbrut vergeben, obwohl sie ihnen nicht zustehen, aber weil der Herr Papa ein gutes Wort eingelegt hat, kann es ja nur eine Wahl geben.
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