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Reden über Gehälter: Sex? Spannend! Geld? Tabu

Von Nicole Basel

In deutschen Kneipen und Kantinen redet man über Politik, den Job, das Privatleben - nur bei einem Thema herrscht großes Schweigen: dem Gehalt. Schließlich will man weder Neid wecken noch Mitleid ernten. In anderen Ländern sind die Menschen viel entspannter.

Entspannte Plauderei am Feierabend: Beim eigenen Gehalt hört der Spaß auf Zur Großansicht
Corbis

Entspannte Plauderei am Feierabend: Beim eigenen Gehalt hört der Spaß auf

Hamburg - Unglaublich, was man auf Bürofluren so alles erfahren kann: Wer nur lang genug Großraumbüro, Drucker und Kantinentisch teilt, der hat meist nur noch wenig Geheimnisse voreinander. Der eine sorgt sich wegen der pubertierenden Kinder, dem nächsten graut vorm anstehenden TÜV. Und die Kollegin im Vertrieb geht gerade durch eine schwierige Scheidung.

Nur bei einem Thema endet die innerbetriebliche Offenheit: Dem eigenen Gehalt.

Ein Verhalten, das im internationalen Vergleich noch sonderbarer wirkt. Denn nicht in allen Ländern ist man beim Thema Geld derartig verkrampft. "Wenn man zum ersten Mal vom Taxifahrer gefragt wird, was man denn so verdiene, ist man natürlich völlig perplex", erzählt etwa Rolf Daufenbach. Mehrere Jahre hat der Psychologe als Entwicklungshelfer in Asien gearbeitet. Und da wird die Frage nach dem Gehalt in einer Reihe mit der Frage nach dem Wetter gestellt.

Nicht immer hat Daufenbach geantwortet. Seine eigene Erziehung zu überwinden, das sei nicht einfach. "Ob man nun in die Kirche geht oder nicht", sagt er, "bei uns gibt es einen christlich geprägten Wertekanon: Vor Gott sind alle gleich - und das wird stark in der Gesellschaft gelebt." So erklärt er sich die kulturellen Unterschiede beim Thema Einkommen.

In hierarchisch geprägten Ländern ist Geld kein Tabuthema

Geld schaffe eine Hierarchie, und die sei in Deutschland nicht erwünscht. Jemand, der bei uns sage, er könne sich eine S-Klasse leisten, der komme schlecht an. Jemand, der sage, er habe ein Auto mit einem kleinen Sternchen vorne drauf, der wirke schon wieder sympathisch. "Weil er den Unterschied verbal kleiner macht", sagt Daufenbach.

In anderen Ländern würden die Menschen nie auf die Idee kommen, ihren Reichtum oder ihre Armut zu verbergen. Daufenbach arbeitet heute beim Institut für Interkulturelles Management und bereitet Menschen auf ihren Auslandsaufenthalt vor. "Jeder, der in ein hierarchisch geprägtes Land geht", sagt er, "muss mit der direkten Frage nach dem Geld rechnen." Auch in Asien, seinem Spezialgebiet, habe der Umgang mit Geld wie in Europa religiöse Wurzeln. "Dort hat man Religionen, die nicht so sehr vom Gleichheitsgedanken geprägt sind", sagt Daufenbach. "Dort wird eher differenziert."

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In einigen Ländern gibt es sogar unterschiedliche Personalpronomen für die ältere Schwester und die jüngere Schwester. Hierarchien sind dort wichtig, sie werden stark gelebt. "Daher muss man natürlich wissen", sagt Daufenbach, "wie man zu einer anderen Person auf der imaginären Hierarchieskala steht. Die Frage nach dem Gehalt hilft da und ist völlig normal."

Man will weder Neid noch Mitleid ernten

Zudem verstärkt sich bei Vielen das Unbehagen, über Geld zu reden, je besser man sein Gegenüber kennt. Wer mit dem Personalverantwortlichen schon öfter Mittagessen war, dem mag es als doppelt unangenehm erscheinen, über sein Salär zu sprechen. Schließlich möchte man bei dem netten Kollegen nicht als Raffke dastehen. Daher sind die Verhandlungen bei einem Jobwechsel immer leichter. Mit fremden Menschen lässt es sich nun mal leichter über Geld reden.

Das eigene Gehalt den Kollegen zu verraten, kann einem übrigens niemand verbieten: Schweigeklauseln in Arbeitsverträgen sind nicht wirksam, das hat im letzten Jahr das Landesarbeitsgericht Mecklenburg-Vorpommern entschieden. Es muss den Beschäftigten erlaubt sein, über ihr Gehalt zu reden, damit sie erkennen können, ob ihr Arbeitgeber gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstößt, begründete das Gericht.

Nur bei der einen Frage, die jeden interessiert, schweigt der Flurfunk. Weil niemand sich traut, sie zu stellen - schließlich will man sie auch selbst nicht beantworten. Nein, übers Gehalt sprechen die Deutschen nicht. Sogar noch seltener als über Sex, das ergab eine Forsa-Umfrage vor zwei Jahren. In Deutschland raten zwar die meisten Experten dazu, auch weiterhin nicht so offen mit dem eigenen Gehalt zu sein - weil man entweder Neid oder Mitleid ernten kann. Beides ist nicht schön. Doch unsere Verschwiegenheit führt auch zu Problemen. Etwa bei Gehaltsverhandlungen. Hier wäre es gut einzuschätzen, was Freunde und Kollegen für ihre Arbeit bekommen - und ob man im Verhältnis dazu endlich mal mehr fordern kann oder ohnehin schon ganz gut dasteht.

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insgesamt 121 Beiträge
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    Seite 1    
1. .
heinrichv. 17.03.2011
also ich hab 4000 brutto - so, nu isses raus.
2. Aufhören!
Madiba, 17.03.2011
Ich finde es immer äußerst nervig und kaum ein Argument hier im Forum dümmer als "Das ist / Sie sind typisch deutsch". Und dann? Sofort ändern und an alle Anderen anpassen? Es gibt ja auch typisch italienisch. Ist das jetzt gut oder schlecht? Natürlich kann / sollte man immer schauen, wo und was man lernen kann / sich weiter entwickeln kann. Aber wenn es nun typisch deutsch ist, nicht über Geld zu reden, -so what?!! Eine gewachsene Verhaltensweise, mit Vor- und Nachteilen. ich reise gerne und bin ein großer FAn vom Kennenlernen neuer Sitten und Gebräuche. Aber warum kritiklos alles anderen hin-/annehmen (bis z.B. hin zur falsch verstandenden Toleranz dem Frauenbild bestimter Nationen)?? Warum mit dem dümmsten aller Argumente kommen? Dumm, weil unreflektiert, undifferenziert. Typisch deutsch ist automatisch negativ behaftet. Und dazu jetzt mein dümmstes Statement: Ihr wisst gar nicht, wie komfortabel es euch hier in unserer deutschen gesellschaft trotz und wegen all unserer verhaltensweisen und Umstände geht.
3. ...
Glossolalia, 17.03.2011
Ich halte die im Artikel genannten Gründe für das "nicht über Geld reden" für nicht schlüssig. Der Hauptgrund nicht darüber zu reden ist in Deutschland sehr einfach: in vielen frei ausgehlandelten außertariflichen Verträgen steht eine bindende Schweigepflicht über das ausgehandeölte Gehalt. Und warum ist das so? Weil diese Schweigepflicht zu oft dazu genutzt wird, Löhne niedrig zu halten und die Abhängigkeit vom Vorgesetzten zu erhöhen. Ich habe selber erlebt, daß in den Ländern in denen die Löhne aller bekannt und offen sind, deutlich weniger Neid entsteht und gleichzeitig die hierzulande oft anzutreffende Diskrepanz zwischen Leistung und Lohn auch wirkungsvoll eingedämmt wird.
4. Reden über Gehälter
Hubert Rudnick, 17.03.2011
Zitat von sysopIn deutschen Kneipen und Kantinen redet man über Politik, den Job, das Privatleben - nur bei einem Thema herrscht großes Schweigen: dem Gehalt. Schließlich will man weder Neid wecken noch Mitleid ernten. In anderen Ländern sind die Menschen viel entspannter. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,751330,00.html
In unseren heutigen Unternehmen ist es den Beschäftigten bei Strafe verboten über ihre Gehälter zu reden, die Unternehmer befürchten eine betriebliche Unruhe und das auch mit Recht, denn zu oft bekommt der andere Kollege der die gleiche Arbeit verrichtet einen ganz anders Gehalt/Lohn. Es geht nicht um Neid, sondern man will absichtlich die Ungleichheit schüren und so den Beschäftigten noch besser ausnutzen zu können. Wenn der Beschäftigte über seinen Lohn/Gehalt redet, dann bekommt er gleich eine Abmahnung und danach die Kündigung, wegen angeblichen stören des Betriebsfrieden, aber den Betriebfrieden stören immer nur diejenigen, die die Kollegen unter einander ausspielen.
5. Egal
jupol 17.03.2011
Das Thema hat sich eh' bald erledigt, da es über kurz oder lang fast nur noch Aufstocker geben wird!
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Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen in ausgewählten Berufen
Bürokaufleute
Bürokauffrauen mit bis zu drei Berufsjahren verdienen mit 1782 Euro nur rund 1,7 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, die auf 1813 Euro kommen. Bei Mitarbeitern mit vier bis zehn Berufsjahren steigt der Rückstand auf 10,7 Prozent.
Industriekaufleute
Industriekauffrauen mit bis zu drei Berufsjahren verdienen im Schnitt 11,5 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen (1962 statt 2216 Euro), in den folgenden Jahren (vier bis zehn Berufsjahre) schwächt sich die Einkommensdifferenz etwas ab; sie beträgt dann noch 10,3 Prozent.
Großhandelskaufleute
In diesem Beruf beträgt der Einkommensabstand der Frauen gegenüber den Männern gut 14 Prozent. In den ersten drei Jahren bedeutet dies einen Rückstand von durchschnittlich 286 Euro, bei Mitarbeitern mit vier bis zehn Berufsjahren wächst er absolut auf 335 Euro.
Buchhalter
In den ersten drei Berufsjahren liegen Frauen acht Prozent hinter den Männern zurück. Bei Mitarbeitern mit vier bis zehn Berufsjahren wächst dieser Rückstand auf 14,9 Prozent. Bei den Frauen steigt das durchschnittliche Einkommen von 2053 auf 2317 Euro, bei den Männern von 2230 Euro auf 2722 Euro.
Bankkaufleute
Bankkauffrauen verdienen in den ersten drei Jahren im Schnitt mit 2462 Euro insgesamt 105 Euro (4,1 Prozent) weniger als Bankkaufmänner. Dieser Abstand wächst in der Gruppe der Beschäftigten mit vier bis zehn Berufsjahren auf 217 Euro (7,4 Prozent).
Sozialpädagogen
Berufsanfängerinnen liegen mit einem Einkommen von 2211 Euro in den ersten drei Berufsjahren im Schnitt 5,6 Prozent vor ihren männlichen Kollegen (2093 Euro). Weibliche Angestellte mit vier bis zehn Berufsjahren verdienen dagegen im Schnitt 9,4 Prozent weniger als männliche Sozialpädagogen.
Mathematiker und Statistiker
Mathematikerinnen starten mit einem kräftigen Einkommensrückstand von 15,7 Prozent gegenüber ihren männlichen Kollegen. Sie verdienen im Schnitt in den ersten drei Jahren 3100 Euro, Männer 3677 Euro. In der Folgezeit (vier bis zehn Berufsjahre) steigern die Frauen ihr Durchschnittseinkommen auf 4237 Euro. Männer verdienen in dieser Zeitspanne im Schnitt 4187 Euro und liegen damit 1,2 Prozent hinter den Frauen.
Juristen
Zu Beginn ihrer Berufskarriere verdienen Juristinnen im Schnitt 7,3 Prozent weniger als Männer. Sie verdienen in den ersten drei Berufsjahren im Schnitt 3207 Euro, rund 252 Euro weniger als ihre Kollegen. Bei Mitarbeitern mit vier bis zehn Berufsjahren wächst der Abstand sogar auf 12,4 Prozent. Juristinnen verdienen dann im Schnitt 3845 Euro, Juristen 4391 Euro.
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