Von Ole Reißmann
Erst der Stau auf der Autobahn, jetzt auch noch ein streikender Beamer: Die Präsentation von Philipp Bertisch und Marcel Günthel hätte längst beginnen sollen, selbst die akademische Viertelstunde ist schon vorbei. Dabei sind die beiden Studenten gar nicht bei einem Seminar oder bei ihrem Professor an der Bauhaus-Uni in Weimar, sondern in der Firmenzentrale des Fischproduzenten Friedrichs, am Stadtrand von Hamburg.
Es ist doppelt ernst. Die beiden Designer wollen das mehrere Hundert Mitarbeiter starke Unternehmen davon überzeugen, mit einer zusätzlichen Verpackung neue, jüngere Käuferschichten zu erschließen. Vier Tage haben sie an dem Konzept gearbeitet. "Von Fisch hatten wir bis dahin keine Ahnung", sagt Günthel.
Seit fünf Wochen sind sie auf Rundreise, bieten kleinen und mittelständischen Unternehmen kreative Beratung an. Friedrichs ist ihre vierte Station - und das bisher mit Abstand größte Unternehmen, das sich auf das Experiment eingelassen hat. Nach einer ausführlichen Werksführung mit Verkostung des Sortiments machten sie sich an die Arbeit.
Fahrende Gesellen
Zwei Stunden lang versuchen sie, die Marketing-Leiterin Kathrin Runge für ihre neuen Fischverpackung zu gewinnen. Die Expertin hört zu, unterbricht, stellt Fragen. Auf ihrem Schreibtisch sitzt Günthel und bedient den Laptop, Bertisch wippt von einem Bein auf das andere. Sie fallen sich gegenseitig ins Wort, unterbrechen auch Runge. "Wir gehen schon mal vor", heißt das Motto ihrer Reise. Die angehenden Designer trampen von Ort zu Ort, fast so wie Zimmermänner. "Wir haben fahrende Gesellen in Weimar gesehen, das ist schon eine faszinierende Kultur", sagt Bertisch.
Ganz so strikt halten sie es mit der Tradition dann aber doch nicht. Schon allein für Laptops, Kamera und Scanner reist ihre Kommilitonin Theresia Koch mit einem vollgepackten Auto hinterher und kümmert sich außerdem um Fotos und Videos von der Reise. Drei bis vier Tage planen sie für eine Beratung ein. "Dann stellen wir unser Konzept vor und besprechen mit der Firma, wie sie das umsetzen kann", sagt Günthel.
Dass auch Designer auf die Walz gehen, ist gar nicht mehr so unüblich. Doch bisher zog es die Kreativen vor allem in große Städte, zu bekannten Agenturen, nicht in die Provinz. "Wir gehen eher zu kleinen Unternehmen, die sich sonst nicht an Designer wenden würden", sagt Bertisch. Denen wollen sie zeigen, dass sie mehr können, als nur schicke Logos entwerfen. Der Lohn ihrer Arbeit: Freie Unterkunft in einem Gasthaus, etwas zu Essen und jede Menge Praxiserfahrung.
Mehr als nur schicke Logos entwerfen
Insgesamt zehn Wochen wollen sie unterwegs sein, dann bleiben ihnen noch zwei Monate, um ihre Erfahrungen für ihr Diplom aufzuschreiben. Auf ihrer Tour haben sie einem Winzer im Rhein-Lahn-Kreis neue Etiketten für seinen Wein gestaltet, einem Hochseilgarten in der Nähe von Ulm einen Flyer nebst Zukunftskonzept verpasst und einem Kosmetik-Studio in der Nähe von Mannheim bei der Schaufenster-Dekoration geholfen.
Um leichter mit potentiellen Auftraggebern in Kontakt zu kommen, tragen sie eine eigene Kluft: Ein blaues Tuch mit Lederbänzeln, dass an das Bündel der Wanderburschen erinnern soll und dass sie sich um die Schultern legen. "Wir wollten keine Uniform, dazu sind wir zu sehr egomane Gestalter, die selbst als Kunstwerk herumlaufen wollen", sagt Günthel. Mit dem Tuch fallen sie auf, zumal, wenn sie einem kleineren Ort zweimal die Einkaufstraße abgelaufen sind.
Auch die extra eingerichtete Facebook-Seite zahlt sich aus: Nicht nur Tipps für Ansprechpartner und Schlafplätze haben sie darüber bekommen, sondern sogar ein neues Auto. "Unseres ist kaputt gegangen, die Reparatur hätte lange gedauert und wäre teuer gewesen", sagt Günthel. Nach der Panne setzten sie einen verzweifelten Hilferuf ins Netz, der von einem Autohändler erhört wurde. Der lieh der Truppe prompt einen umweltfreundlichen Kleinwagen mit Gasantrieb und rettete damit die Diplom-Walz.
Volle Zufriedenheit und jede Menge Fisch
Bei Friedrichs haben die jungen Designer einen guten Eindruck hinterlassen. Marketingleiterin Runge lobt das selbstbewusste Auftreten und das strukturierte Vorgehen. Dass die Studenten den Sprung in die Praxis wagen, findet ihre volle Unterstützung. "Eine sehr gute Berufserfahrung", sagt sie.
Mit der Präsentation ist Runge zufrieden. So seien die Ideen angenehm bodenständig und auf Machbarkeit ausgelegt. "Ich hatte mir das ehrlich gesagt chaotischer vorgestellt", sagt sie. "Was sich die beiden in der kurzen Zeit ausgedacht haben, ist schon sehr interessant." Die Ergebnisse ließen sich zwar nicht eins zu eins umsetzen - als Anregung für weitere Diskussion im Unternehmen seien sie aber willkommen.
Zum Abschied gibt sie den drei Studenten noch eine große Kühltasche voller Fisch mit. Auch Bertisch und Günthel sind zufrieden, ihre Begleiterin Koch macht noch ein Erinnerungsfoto und schon geht es weiter. Fünf Wochen lang wollen sie noch unterwegs sein. Angst vor einer Abfuhr haben sie nicht: "Die Firmen können ja einfach sagen, okay, Danke für das Gespräch, tschüs", sagt Günthel.
Bisher sie die Erfahrung hingegen eine andere: "Wenn wir schon ganz woanders sind, rufen unsere Kunden nochmal an und erzählen stolz, wie sie unsere Ideen umsetzen wollen."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Job & Beruf | RSS |
| alles zum Thema Studium - und dann? | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH