Anerkennung ausländischer Abschlüsse: Migrationsrat geißelt "Zuständigkeitsdschungel"

Von und Maximilian Popp

Boschwerk in Stuttgart (Archiv): Die Wirtschaft braucht ausländische Fachkräfte Zur Großansicht
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Boschwerk in Stuttgart (Archiv): Die Wirtschaft braucht ausländische Fachkräfte

Gute Idee, mäßig umgesetzt: Ein Gesetz erlaubt es Zuwanderern zwar, ihre Berufsabschlüsse in Deutschland anerkennen zu lassen. Doch das Verfahren ist nahezu undurchschaubar, kritisiert der "Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration". Fachkräfte verirren sich im "föderalen Zuständigkeitsdschungel".

Die Zahnärztin fährt Taxi, der Physiker arbeitet als Türsteher - weil ihre Abschlüsse in Deutschland lange Zeit nicht anerkannt wurden, arbeiteten viele Migranten mit guter Ausbildung oder Studienabschluss in Billigjobs. Gleichzeitig fehlen den deutschen Unternehmen weiter reihenweise Fachkräfte. Seit 1. April 2012 gilt nun das neue "Anerkennungsgesetz", das den Migranten helfen soll, in ihren erlernten Berufen arbeiten zu können.

30.000 Menschen haben seitdem den Antrag gestellt, ihren Berufsabschluss in Deutschland anerkennen zu lassen, teilte Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) mit. Das Gesetz sei gelungen und ein wichtiger Impuls gegen den Fachkräftemangel. Der "Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration" (SVR) sieht das anders: In seinem Jahresgutachten zur EU-Binnenmigration, das er an diesem Freitag vorgestellt hat, fordert er die Bundesregierung auf, eine Migrationspolitik "aus einem Guss" zu entwickeln - und er weist vor allem darauf hin, was noch nicht funktioniert.

Erst fünf Bundesländer haben ein Gesetz

"Das Anerkennungsgesetz", so SVR-Vorsitzende Christine Langenfeld, "ist eine entscheidende Starthilfe für die Integration" - umso wichtiger sei es, die Hürden zu beseitigen. Ein Grundproblem: Das Gesetz gilt bei weitem nicht für alle Berufe und nicht in ganz Deutschland einheitlich. Für Ausbildungsberufe in Industrie und Handel, Handwerksberufe und Gesundheitsberufe ist der Bund zuständig. Damit greift das neue Gesetz. Für Lehrer, Ingenieure, Erzieher und alle Studienabschlüsse, die keinem bestimmten gesetzlich geregelten Beruf zugeordnet werden können, sind dagegen die Bundesländer zuständig. "Das übergeordnete Ziel, die Anerkennungsverfahren in Deutschland umfassend zu verbessern, um Fachkräfte anzuziehen, darf nicht im föderalen Zuständigkeitsdschungel verloren gehen", sagte Langenfeld.

Damit das Gesetz in der Breite wirken kann, müssen alle deutschen Bundesländer ihrerseits ein Landesgesetz verabschieden, das die Anerkennung ausländischer Abschlüsse möglich macht oder vereinfacht. Erst in fünf Ländern gibt es bereits entsprechende Gesetze: in Hamburg, Saarland, Niedersachsen, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern. Andere Bundesländer wollen im Laufe des Jahres 2013 nachziehen.

Doch auch dort, wo das Gesetz bereits greift, zum Beispiel bei den sogenannten Gesundheitsberufen, fehle es an vielem, so das Gutachten des Sachverständigenrats: Das Bundesgesundheitsministerium habe es bisher versäumt, eine zentrale Stelle einzurichten, die Ärzte oder Pfleger mit einem ausländischen Abschluss prüft. Es gebe auch keine klaren Leitlinien, wie die Abschlüsse in Deutschland anerkannt werden können. Der Verwaltung fehle es zudem an Personal, dies behindere eine effektive Anwendung des neuen Gesetzes. "Für Außenstehende" sei das System bei den Heilberufen "praktisch undurchschaubar", so der Bericht.

Wichtig sei zudem, dass sich die Bundesländer darauf einigen, in der EU anerkannte Lehrer mit nur einem Unterrichtsfach zuzulassen, auch wenn sonst zwei vorausgesetzt sind. "Es kann nicht sein, dass dringend gesuchten Fachlehrern aus dem EU-Ausland der Zugang zum Lehrerberuf in Deutschland erschwert wird", so Langenfeld.

Migration nicht verhindern, sondern ermöglichen

Der entscheidende Punkt bleibt aber nach Sicht des Rates, dass ein Wandel im Bewusstsein von Politik und Verwaltung eintritt: Zuwanderung, gerade von Fachkräften, soll nicht verhindert, sondern ermöglicht werden. Menschen, die seit Jahren unter dem Niveau ihrer ausländischen Ausbildung in Deutschland arbeiten müssen, sollen die Chance haben, endlich in ihren ursprünglichen Berufen zu arbeiten - oder sich so weiterzubilden, "nachzuqualifizieren", dass sie eine ähnliche Stelle in Deutschland bekommen können.

Politik und Verwaltung sollten sich von dem Ziel leiten lassen, so der Bericht, "die beruflichen und fachlichen Potentiale von Migranten gezielt für den deutschen Arbeitsmarkt zu erschließen". Das neue Gesetz solle als Chance begriffen werden, so der Bericht, "Qualifikationen von Migranten in Deutschland" sinnvoll einzusetzen.

Migration nach Deutschland müsse insgesamt vereinfacht werden, regt der Bericht an, auch für Menschen, die keinen Hochschulabschluss haben, aber zum Beispiel eine Ausbildung als Fachkraft in einem Beruf, in dem in Deutschland Mangel herrscht. Der Sachverständigenrat schlägt zudem vor, Menschen bereits vor der Anerkennung ihrer Qualifikation ein Aufenthaltsrecht zu verleihen, um Zeit zu haben, zum Beispiel eine Nachqualifikation in Deutschland zu beginnen. Das Zuwanderungsrecht und das Anerkennungsgesetz sollten nicht gegeneinander gestellt werden, sondern sinnvoll miteinander verknüpft.

Immerhin hat das Bundesbildungsministerium im vergangenen Jahr eine Internetseite ins Leben gerufen: Unter "Anerkennung in Deutschland" können sich Interessenten über das neue Gesetz informieren und darüber, wie sie ihren ausländischen Abschluss eventuell in Deutschland geltend machen können.

Bisher gibt es die Seite auf Deutsch und Englisch.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass es die Internetseite "Anerkennung in Deutschland" nur in einer deutschsprachigen Version gibt. Das war leider nicht richtig, es gibt sie auch auf Englisch. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 26 Beiträge
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1. da haben wir doch Gleichstand
lupo44 12.04.2013
das ist doch bei den Deutschen sorry (mit deutschen Wurzeln) nicht anders. Bloß darum kümmert sich kein deutscher Politiker. Bitte mehr Recherche vor jeglicher Veröffentlichung zu diesem Thema.Sehr brizant!!!
2.
MatthiasM 12.04.2013
Zitat von sysopDPAGute Idee, mäßig umgesetzt: Ein Gesetz erlaubt es Zuwanderern zwar, ihre Berufsabschlüsse in Deutschland anerkennen zu lassen. Doch das Verfahren ist kompliziert bis undurchschaubar, kritisiert jetzt der "Sachverständigenrat Migration". Fachkräfte verirren sich im "föderalen Zuständigkeitsdschungel". http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/sachverstaendigenrat-migration-kritisiert-anerkennungsgesetz-a-893870.html
Und Deutsch müssen die hochgebildeten Zuwanderer, die laut Artikel auch oft schon jahrelang hier leben und in Zukunft z.B. als Lehrer oder Ärzte in Deutschland tätig sein sollen, ja nicht beherrschen ...
3. Willkommen im Club
A&O 12.04.2013
Zitat von sysopDPAGute Idee, mäßig umgesetzt: Ein Gesetz erlaubt es Zuwanderern zwar, ihre Berufsabschlüsse in Deutschland anerkennen zu lassen. Doch das Verfahren ist kompliziert bis undurchschaubar, kritisiert jetzt der "Sachverständigenrat Migration". Fachkräfte verirren sich im "föderalen Zuständigkeitsdschungel". http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/sachverstaendigenrat-migration-kritisiert-anerkennungsgesetz-a-893870.html
Da lernen sie gleich mal, warum es für Deutschland keine Zukunft gibt. Willkommen im Land in dem jeder Provinzpolitiker sich ein Denkmal setzen darf mit weitreichenden Folgen. Der Föderalismus bremst uns alle tagtäglich aus und gleichzeitig versucht man staatlicherseits alle noch vorhandenen Sicherheiten in Europa aufzulösen. Vor einer eventuellen Einbürgerung sollte eine Verständnisprüfung des deutschen Pfandflaschensystems die guten von den schlechten trennen. Warum sollen wir alleine und still leiden? Schilda ist überall.
4. optional
u30 12.04.2013
Eine Freundin von mir versucht sich gerade ihren Abschluss (Ingenieurin) anerkennen zu lassen. Erstmal in Hamburg. Sollte sie umziehen müssen - auch wenn sie nicht die Firma wechselt (denn es geht ja auch oft um Zertifikate - darf ja nicht jeder was konstruieren) muss sie sich ihr Diplom in dem anderen Bundesland neu anerkennen lassen. WTF? Wenn ihre Uni im Ausland sagt sie kann das und Bayern sagt sie kann das, müssen dann Bremen, Hamburg und Sachsen das auch nochmal separat prüfen? Das doch doof!
5. Kulturföderalismus als Bremse
frank2013 12.04.2013
Der Kulturföderalismus ist ein ernsthaftes Hindernis in Deutschland und nicht mehr zeitgemäss, wo Ausbildungen, Studiengänge, Anerkennung von Berufsabschlüssen international einheitliche Standards benötigen. Was ist das für eine Botschaft ans Ausland und an qualifizierte Einwanderer. Da die Politik sich nicht einigen kann und die Duodezfürsten der Länder auf ihre Kompetenzen nicht verzichtetn wollen, sollte endlich die Volksabstimmung in Deutschland eingeführt werden, damit die Verfassung geändert werden kann. Diese Bevormundung des deutschen Volkes durch die Politiker ist nicht mehr hinnehmbar, ein Schlag ins Gesicht und gegen den Geist der Demokratie.
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