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Sackgasse Uni-Karriere: Das Proletariat der Denker

Von Hermann Horstkotte

Erst mit einer Professur gelangt der Hochschulnachwuchs auf die sichere Seite. Ganze Hundertschaften von Wissenschaftlern schaffen das nicht - und finden sich mitten im Berufsleben auf dem Arbeitsamt wieder. Schuld an der elenden Lage von Dr. Hartz IV sind unflexible Arbeitsregelungen.

Hartz IV: Beim Uni-Nachwuchs grassiert Existenzangst
DDP

Hartz IV: Beim Uni-Nachwuchs grassiert Existenzangst

"Im Zweifelsfall stelle ich lieber dienstältere Wissenschaftler ein oder sogar Hochschullehrer-Kollegen ohne Job, als junge Doktoren in die Unikarriere zu locken", sagt der Geschichtsprofessor Ulrich Herbert. Er ist einer der angesehensten Wissenschaftler in seinem Fach, was sich in rund zwanzig akademischen Mitarbeiterstellen niederschlägt.

Vor drei Jahren profilierte sich der Historiker, der dem Wissenschaftsrat angehört, als Kritiker eines "de facto-Berufsverbots" für Wissenschaftler, die nach zwölf oder höchstens 15 Jahren keine Stelle als Professor ergattert haben.

Sie dürfen nach dem seinerzeit geltenden, mit dem Juniorprofessur-Urteil gekippten und Ende 2004 teilweise wieder in Kraft gesetzten Hochschulrahmengesetz nach Ablauf der Frist nicht in ihrer bisherigen Stellung weiterbeschäftigt werden. Das gilt auch für Projekte, die aus Drittmitteln finanziert werden, also die Unis nichts kosten.

Mit 40 vor dem beruflichen Aus

Das soll sich aber "möglichst bis Ende 2006" ändern, wie der Bundestag nach einer Empfehlung des Wissenschaftsrates festlegte. Demnach sollen zwar die Nachwuchskräfte nach zwölf Jahren, wenn möglich, fest angestellt werden.

Allen anderen soll aber ein Ausweg offen stehen: Falls noch Drittmittel vorhanden sind, sollen die Hochschulen die Wissenschaftler auch über die 12-Jahres-Frist hinaus beschäftigen und bei Projektende kündigen dürfen. Doch dieses Schlupfloch ist momentan noch verstellt.

Die aktuelle Suche nach Lösungen wirft das Licht auf die Nöte des akademischen Nachwuches: Häufig hochdekoriert mit akademischen Meriten, stehen die Wissenschaftler mit Mitte 30 oder 40 vor dem beruflichen Aus. Das Hangeln von Zeitvertrag zu Zeitvertrag ist nicht länger möglich. Und der Arbeitsmarkt schreit auch nicht gerade nach promovierten Quereinsteigern im fortgeschrittenen Alter.

Agentur für Arbeit: Schwer vermittelbare Fachkräfte
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Agentur für Arbeit: Schwer vermittelbare Fachkräfte

Meist haben die "Zwölfender" nach dem Doktor auch noch die Habilitation abgelegt. Sie dürfen sich dann "Privatdozenten" nennen und einer unentgeltlichen Lehrverpflichtung nachkommen. Der Kurztitel "PD" gewinnt nach dem Karriere-K.o. in der Mitte des Lebens schnell eine neue, sozialpolitische Bedeutung: Proletarier des Denkens.

Für die akademische Arbeiterklasse heißt das in der Praxis: Mit Ende 30 ab aufs Arbeitsamt, zu den "schwer vermittelbaren" Fachkräften, "unseren Langzeitpatienten", wie ein Bonner Arbeitsberater resignierend bemerkt.

Seit den rot-grünen Sozialreformen nimmt sich die Lage dieser höchstqualifizierten Patienten schnell bedrohlich aus. Von maximal 1600 Euro Arbeitslosengeld im Monat bleiben Ledigen nach einem Jahr gerade einmal 400 Euro plus ortsüblicher Mietzuschuss übrig.

Beschäftigungsregeln verhageln Karrieren

Und wenn der Ehe- oder Lebenspartner auch nur das Gehalt einer Sekretärin oder eines Postboten nach Hause bringt, geht Dr. Hartz IV ganz leer aus.

Dem Atomphysiker Elmar Träbert verbauten die Beschäftigungsregeln an der Universität eine geordnete Weiterführung seiner akademischen Laufbahn und seiner aus öffentlichen Mitteln geförderten Forschung. Jetzt lebt er vor allem von den Einnahmen seiner Frau, die als Lehrerin arbeitet. Insgesamt 21 Jahre ging es mit seiner Karriere gut voran. Nach der Promotion arbeitete er unter anderem jeweils zwei Jahre in Oxford und Harvard, er war in Bochum Assistent und wurde nach der Habilitation beamteter Dozent auf Zeit.

Vor acht Jahren war dann Schluss. Als Lohn für seine seither unbezahlte Hochschullehrertätigkeit darf Träbert lediglich den Titel "außerplanmäßiger Professor" tragen.

Heute arbeitet der in Deutschland stellungslose Gelehrte für Honorare, die er unregelmäßig für Lehre und Forschung im Ausland erhält. Ende Februar berät er Kollegen an der Fudan-Universität in Schanghai, für das ortsübliche Monatsgehalt von 300 Euro - das sind immerhin 300 Euro mehr, als ein "apl. Prof." für seine Lehrtätigkeit an einer deutschen Universität erhält. Davor forschte er einen knappen Monat lang an einem renommierten Institut an der Universität von Kalifornien, für das dort ortsübliche Gehalt.

Nach einer Vielzahl erfolgloser Bewerbungen im In- und Ausland, auch außerhalb der Hochschulen, sind dem Atomphysiker solche akademischen Gelegenheitsaufträge sehr willkommen. Zwar hatte Träbert vor 30 Jahren sein Diplom gleichzeitig als Staatsexamen anerkennen lassen. Doch an der Schule wollte er lieber nicht unterkommen, zumal er nicht jeden Dozenten für geeignet hält, Kinder zu unterrichten.

Für den Lackhandel zu schade

Viele Wissenschaftler empfinden es als Frage der akademischen Ehre, nicht irgendeinen anderen Job anzunehmen. Ein 40-jähriger Kollege sieht das ähnlich: "Ich habe schließlich nicht studiert und geforscht, um Lacke zu verkaufen", sagt der Chemiker und Experte der Nanotechnologie. Doch das akademische Selbstbewusstsein wird häufig von einer "demoralisierenden Existenzangst" begleitet, wie der Karlsruher Philosophieprofessor Helmut Spinner bei vielen Fachvertretern ohne Job beobachtet hat.

Die genaue Zahl der Unbeirrbaren hat niemand statistisch erfasst. Der Deutsche Hochschulverband spricht von rund 4300 Privatdozenten und außerplanmäßigen Professoren, wobei allerdings Krankenhausärzte mit entsprechenden Titeln eingerechnet sind.

Kritisiert Befristungsregelung: Historiker Ulrich Herbert

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Zufallsstichproben an den Universitäten führen durchweg zu einem Dutzend auf Anhieb bekannter Fälle von "PDs" und "apl. Prof.s" ohne laufendes Einkommen. Bei vorsichtiger Schätzung ist die Gesamtzahl stark vierstellig.

"Es sind durchaus nicht die Schlechteren, die keine Professuren erhalten", betont Ulrich Herbert, "etwa, wenn es drei erstklassige Nachwuchskräfte in der französischen Linguistik gibt, aber nur eine freie Stelle."

Fetisch "Nachwuchsförderung"

Auf dem Schleudersitz mit tickendem Zeitzünder halten es bis zum Schluss nur Kandidaten aus, die außerhalb des öffentlichen Dienstes keine Berufschancen sehen. Die massenhafte Verschwendung von akademischem Know-How ist auch gesamtwirtschaftlich unsinnig - schließlich wurden die kurzerhand Ausgemusterten im Namen der "Nachwuchsförderung" ein Dutzend Jahre lang finanziert.

Solche Bildungsinvestitionen können sich erst lohnen, so Herbert, wenn die Spitzenkräfte eines Faches auch noch nach zwölf oder 15 Jahren unterhalb der Professorenebene in einzelnen Forschungsprojekten weiter beschäftigt werden dürfen.

Dem steht freilich ein Privileg des öffentlichen Dienstes entgegen, wie der Sozialrechtler Ulrich Preis erläutert. Die Tarifparteien haben vereinbart, dass Mitarbeiter nach 15 Jahren Beschäftigung praktisch unkündbar sind. Solchermaßen geschützt ist in der restlichen Arbeitswelt kein Arbeitnehmer.

Ab in die "Befristungsknechtschaft"

Allerdings können schon jetzt, ergänzt der Rechtsprofessor, 52-jährige und ältere Arbeitswillige, also etwa der Atomphysiker Träbert, auch in der Hochschule auf Zeit eingestellt werden, "sogar von Tag zu Tag oder Freitag bis Freitag".

Preis sieht diese Flexibilisierungstendenz nicht ohne sozialpolitischen Gewissensbisse. Seine Befürchtung: Sie könnten in einer universitären "Befristungsknechtschaft" enden. Diese wäre aber einstellenden Professoren und alternden Nachwuchswissenschaftlern immer noch lieber als ein Quasi-Berufsverbot nach zwölf Jahren.

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