Gutachter der Schavan-Doktorarbeit: Ein akribischer Analytiker

Von und Karoline Kuhla

Wer ist der Mann, dessen Gutachten die Bildungsministerin unter Druck setzt? Der Wissenschaftler Stefan Rohrbacher wirft Annette Schavan in seiner Analyse eine "leitende Täuschungsabsicht" vor. Wenig ist über ihn bekannt, er selbst schweigt, aber er gilt als akribischer und präziser Denker.

Ministerin Schavan (im Mai): Bestreitet jede Täuschungsabsicht Zur Großansicht
dapd

Ministerin Schavan (im Mai): Bestreitet jede Täuschungsabsicht

Die Vorlesung "Davidstern und Halbmond. Jüdische Gemeinden in der islamischen Welt" der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf fiel aus am Montag. Der Professor, der sie halten sollte, ist nicht zu erreichen. Sein Name steht plötzlich in allen Zeitungen, aber er darf und will sich nicht äußern.

Am Wochenende berichtete der SPIEGEL über ein Gutachten, das der Mann geschrieben hatte, es gefährdet die Karriere einer Bundesministerin: Professor Dr. Stefan Rohrbacher hat für den Promotionsausschuss der Universität fünf Monate lang über der Doktorarbeit von Annette Schavan gebrütet. Er sollte herausfinden: Ist die Arbeit ein Plagiat?

Rohrbacher, Professor für Jüdische Studien, Prodekan der Philosophischen Fakultät und Vorsitzender des zuständigen Promotionsausschusses, wurde von der Dekanin der philosophischen Fakultät mit der Prüfung des Falls beauftragt. Zuvor hatte ein anonymer Plagiatsjäger, der sich "Robert Schmidt" nennt, Vorwürfe gegen Schavan im Netz veröffentlicht.

Altmodisch ging der 53-Jährige dabei vor, verzichtete auf technische Hilfsmittel wie Plagiatssoftware. Akribisch verglich Rohrbacher Sätze aus der Dissertation direkt mit der Literatur. Mit seiner sorgfältigen handwerklichen Methode wurde der Wissenschaftler auf 60 der 351 Seiten fündig.

So ist sein 75 Seiten langes Urteil, aus dem der SPIEGEL zitiert, deutlich: "Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbildes, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren." Das schreibt er in sachlicher und präziser, bisweilen akademisch-umständlicher Sprache. Damit kommt der Forscher im Prinzip zum gleichen Urteil wie der Plagiatsjäger "Schmidt" im Internet.

Wie Rohrbacher Professor wurde

Doch Rohrbachers Urteil hat einen anderen Charakter und deshalb auch ein anderes Gewicht als das anonymer Plagiatsjäger. Genauso wie sein echter Name bleiben auch die Qualifikationen des Internetaktivisten "Schmidt" unbekannt. Rohrbacher hingegen ist ein renommierter Wissenschaftler, seit 15 Jahren Universitätsprofessor, und es ist nicht erkennbar, dass er von persönlichen oder parteipolitischen Motiven getrieben war beim Verfassen des Gutachtens. Dem ungewohnten Sturm in den Medien, der seit dem Wochenende über ihn hereinbricht, setzt Rohrbacher diese Tage öffentliches Schweigen entgegen. Für Auskünfte ist er nicht zu erreichen, seine Sekretärin wimmelt jede Anfrage ab.

Sein Gutachten ist die Grundlage der für Mittwoch geplanten Beratungen des Promotionsausschusses. Neben Rohrbacher sollen drei weitere Professoren, zwei wissenschaftliche Mitarbeiter und ein Studentenvertreter eine Empfehlung an den Fakultätsrat abgeben, der dann entscheiden muss, ob Schavan der Doktortitel aberkannt wird.

Durch einen Blick ins Archiv und der Internetseite der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden e. V. lässt sich zumindest ein Teil seiner Karriere rekonstruieren: Rohrbacher studierte in Köln und Berlin Orientalistik, Judaistik, Bibliothekswissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte. 1991 promovierte er mit der Dissertation "Gewalt im Biedermeier. Antijüdische Ausschreitungen im Vormärz (1815-1848/49)". Danach wurde er zunächst Professor in Duisburg und ist nun seit mehreren Jahren in Düsseldorf.

Der Wissenschaftler widmet sich insbesondere dem Leben und der Geschichte der Juden in Mitteleuropa, insbesondere in der Frühen Neuzeit. Dazu schreibt und forscht er. Zudem engagiert sich Rohrbacher in mehreren Vereinen und Gruppen. So war er Vorsitzender des Gemeinderates der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf und ist den Webseiten der Organisationen zufolge Mitglied der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden sowie im Vorstand des Leo-Baeck-Instituts in Jerusalem.

Auch wenn er bislang nicht groß öffentlich in Erscheinung getreten ist - inhaltliche Auseinandersetzungen scheint Rohrbacher nicht zu scheuen. 1985, mit Mitte zwanzig, legte er sich mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland an. Die Organisation hatte der sogenannten Mischehe den Kampf angesagt: Mit Andersgläubigen verheiratete Juden sollten, wie der SPIEGEL damals berichtete, nicht mehr in jüdische Führungspositionen aufsteigen können. Der junge Rohrbacher, mit einer Christin verheiratet und Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes Jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD), war empört. Der gesamte Vorstandsbeirat des BJSD schloss sich diesem Protest an.

Heute bietet Rohrbacher seinen Doktoranden jeden Donnerstagnachmittag in einem Kolloquium Hilfe. Dort, sowie in seiner Einführungsveranstaltung für die Erstsemester montags, dürfte unter anderem das korrekte wissenschaftliche Arbeiten immer wieder ein Thema sein. Um künftige Plagiate zu verhindern.

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insgesamt 91 Beiträge
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1. nebenbei
toskana2 16.10.2012
Zitat von sysopWer ist der Mann, (...) aber er gilt als akribischer und präziser Denker.
Nebenbei gesagt: "akribisch" UND "präziser" kann kein Mensch sein, die Begriffe sind der Bedeutung nach identisch!
2. Nö, is' nich' so
Pat-Riot 16.10.2012
Zitat von sysopDoch Rohrbachers Urteil hat einen anderen Charakter und deshalb auch ein anderes Gewicht als das anonymer Plagiatsjäger. Genauso wie sein echter Name bleiben auch die Qualifikationen des Internetaktivisten "Schmidt" unbekannt. Schavan-Gutachter Stefan Rohrbacher: Unauffällig und akribisch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/schavan-gutachter-stefan-rohrbacher-unauffaellig-und-akribisch-a-861544.html)
Egal wer und nach welcher Qualifikation die Texte gegenüberstellt, die der Originale und die der sogenannten Dissertation: Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede kann jeder Halbintellektuelle mit mittlerer Schuldbindung nachvollziehen. (Man muss es nur wollen.) Das ist nicht viel schwerer als die beliebten Suchbilder in den Illustrierten unter dem Titel "Original und Fälschung." Wobei es bei Schvaniplag ausnahmsweise mehr auf die Übereinstimmungen als auf die Abweichungen ankommt. Die Fakten sprechen einfach für sich. Ohne Ansehen der Person. Nicht nur Justitia ist blind, auch der Plagigeist sollte im Hintergrund verharren. Anonymus "Schmidt" tut gut daran, ein solcher zu bleiben. Was passiert, wenn man seinen Klarnamen enttart, kann er gut an dem Kollegen Rohrbacher erkennen. Ein Hype um die völlig falsche Person.
3. Bausch und Bogen
Pat-Riot 16.10.2012
Zitat von toskana2Nebenbei gesagt: "akribisch" UND "präziser" kann kein Mensch sein, die Begriffe sind der Bedeutung nach identisch!
Vielleicht sollte es nur ein Hendiadyoin (nein, liebe Kids, das ist kein antikes Mobiltelefon aus dem alten Griechenland) sein? So wie "null und nichtig" oder "Haus und Hof".
4.
propagandhi 16.10.2012
Zitat von sysopWer ist der Mann, dessen Gutachten die Bildungsministerin unter Druck setzt? Der Wissenschaftler Stefan Rohrbacher wirft Annette Schavan in seiner Analyse eine "leitende Täuschungsabsicht" vor. Wenig ist über ihn bekannt, er selbst schweigt, aber er gilt als akribischer und präziser Denker. Schavan-Gutachter Stefan Rohrbacher: Unauffällig und akribisch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/schavan-gutachter-stefan-rohrbacher-unauffaellig-und-akribisch-a-861544.html)
Der Mann hat jedenfalls aufgrund seiner Vita und seiner Erfahrung schonmal weitaus mehr Glaubwuerdigkeit als die gesamte Regierungstruppe.
5.
kannmanauchsosehen 16.10.2012
Zitat von toskana2Nebenbei gesagt: "akribisch" UND "präziser" kann kein Mensch sein, die Begriffe sind der Bedeutung nach identisch!
Stimmt, sie sind auch sehr präzise ;-) Bei mit hat "akribisch" noch einen leicht negativen Beiklang. Wenn ich weiß, der Mann beim TÜV ist akribisch, wird mir ja schon unwohl, gegen "präzise" ist weniger einzuwenden.
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