Von Lena Greiner und Karoline Kuhla
Die Vorlesung "Davidstern und Halbmond. Jüdische Gemeinden in der islamischen Welt" der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf fiel aus am Montag. Der Professor, der sie halten sollte, ist nicht zu erreichen. Sein Name steht plötzlich in allen Zeitungen, aber er darf und will sich nicht äußern.
Am Wochenende berichtete der SPIEGEL über ein Gutachten, das der Mann geschrieben hatte, es gefährdet die Karriere einer Bundesministerin: Professor Dr. Stefan Rohrbacher hat für den Promotionsausschuss der Universität fünf Monate lang über der Doktorarbeit von Annette Schavan gebrütet. Er sollte herausfinden: Ist die Arbeit ein Plagiat?
Rohrbacher, Professor für Jüdische Studien, Prodekan der Philosophischen Fakultät und Vorsitzender des zuständigen Promotionsausschusses, wurde von der Dekanin der philosophischen Fakultät mit der Prüfung des Falls beauftragt. Zuvor hatte ein anonymer Plagiatsjäger, der sich "Robert Schmidt" nennt, Vorwürfe gegen Schavan im Netz veröffentlicht.
So ist sein 75 Seiten langes Urteil, aus dem der SPIEGEL zitiert, deutlich: "Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbildes, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren." Das schreibt er in sachlicher und präziser, bisweilen akademisch-umständlicher Sprache. Damit kommt der Forscher im Prinzip zum gleichen Urteil wie der Plagiatsjäger "Schmidt" im Internet.
Wie Rohrbacher Professor wurde
Doch Rohrbachers Urteil hat einen anderen Charakter und deshalb auch ein anderes Gewicht als das anonymer Plagiatsjäger. Genauso wie sein echter Name bleiben auch die Qualifikationen des Internetaktivisten "Schmidt" unbekannt. Rohrbacher hingegen ist ein renommierter Wissenschaftler, seit 15 Jahren Universitätsprofessor, und es ist nicht erkennbar, dass er von persönlichen oder parteipolitischen Motiven getrieben war beim Verfassen des Gutachtens. Dem ungewohnten Sturm in den Medien, der seit dem Wochenende über ihn hereinbricht, setzt Rohrbacher diese Tage öffentliches Schweigen entgegen. Für Auskünfte ist er nicht zu erreichen, seine Sekretärin wimmelt jede Anfrage ab.
Sein Gutachten ist die Grundlage der für Mittwoch geplanten Beratungen des Promotionsausschusses. Neben Rohrbacher sollen drei weitere Professoren, zwei wissenschaftliche Mitarbeiter und ein Studentenvertreter eine Empfehlung an den Fakultätsrat abgeben, der dann entscheiden muss, ob Schavan der Doktortitel aberkannt wird.
Durch einen Blick ins Archiv und der Internetseite der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden e. V. lässt sich zumindest ein Teil seiner Karriere rekonstruieren: Rohrbacher studierte in Köln und Berlin Orientalistik, Judaistik, Bibliothekswissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte. 1991 promovierte er mit der Dissertation "Gewalt im Biedermeier. Antijüdische Ausschreitungen im Vormärz (1815-1848/49)". Danach wurde er zunächst Professor in Duisburg und ist nun seit mehreren Jahren in Düsseldorf.
Der Wissenschaftler widmet sich insbesondere dem Leben und der Geschichte der Juden in Mitteleuropa, insbesondere in der Frühen Neuzeit. Dazu schreibt und forscht er. Zudem engagiert sich Rohrbacher in mehreren Vereinen und Gruppen. So war er Vorsitzender des Gemeinderates der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf und ist den Webseiten der Organisationen zufolge Mitglied der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden sowie im Vorstand des Leo-Baeck-Instituts in Jerusalem.
Auch wenn er bislang nicht groß öffentlich in Erscheinung getreten ist - inhaltliche Auseinandersetzungen scheint Rohrbacher nicht zu scheuen. 1985, mit Mitte zwanzig, legte er sich mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland an. Die Organisation hatte der sogenannten Mischehe den Kampf angesagt: Mit Andersgläubigen verheiratete Juden sollten, wie der SPIEGEL damals berichtete, nicht mehr in jüdische Führungspositionen aufsteigen können. Der junge Rohrbacher, mit einer Christin verheiratet und Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes Jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD), war empört. Der gesamte Vorstandsbeirat des BJSD schloss sich diesem Protest an.
Heute bietet Rohrbacher seinen Doktoranden jeden Donnerstagnachmittag in einem Kolloquium Hilfe. Dort, sowie in seiner Einführungsveranstaltung für die Erstsemester montags, dürfte unter anderem das korrekte wissenschaftliche Arbeiten immer wieder ein Thema sein. Um künftige Plagiate zu verhindern.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Job & Beruf | RSS |
| alles zum Thema Annette Schavan | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH