Vollgemüllte Schreibtische: Ich horte was, was du nicht siehst

Von Mareike Knoke

Kleine Schreibtischkunde: Gutes Chaos, böses Chaos Fotos
Corbis

Im Chaos wohnt die Kreativität! Mit dieser Ausrede trösten sich hoffnungslose Schreibtisch-Chaoten. Das Hochschulmagazin "duz" hat ergründet, was an dem Klischee dran ist, und ob Büro-Messies oder Saubermänner kreativer arbeiten.

Rotraut Walden ist bekennende Volltischlerin. Wenn die promovierte Architekturpsychologin und Privatdozentin ihre Schreibtische an der Uni Koblenz und in der heimatlichen Wohnung beschreiben soll, spricht sie scherzhaft von "geologischen Schichten", die am Ende eines jeden Semesters abgetragen werden müssen. Vor allem, wenn die zu begutachtenden Bachelor-Arbeiten ihrer Studierenden dazukommen.

"Im Gegensatz zu meinen Kollegen, die ganz regelmäßig aufräumen, brauche ich immer eine ganze Woche dafür", gibt Walden zu, die sich als Forscherin unter anderem mit Büroumwelten beschäftigt. Es sei ein schönes Gefühl, wenn wieder Ordnung herrscht. Zur Leertischlerin - dem anderen Extrem - werde sie nie werden: "Ich kann sehr gut arbeiten, wenn ich viel auf dem Schreibtisch habe. Ich weiß immer, was in welchem Haufen steckt, und finde es auch immer."

Ordnung im scheinbaren Chaos ist möglich. Was Volltischler beschwören, halten Leertischler für blanken Selbstbetrug. Und nicht nur die: Der Betriebswirt Jürgen Kurz zum Beispiel hat Organisation zum Beruf gemacht. Kurz lebt mit seiner Firma davon, andere Unternehmen bei der Büro-Organisation zu beraten. Die Formel vom kreativen Chaos hält er für blanken Unsinn: "Hinter notorischen Volltischlern steckt oft die Furcht, etwas Wichtiges zu vergessen, wenn es nicht irgendwo in einem Stapel auf ihrem Schreibtisch liegt." Das Extrem seien dann die sogenannten Messies, die auch nicht einen Zettel oder eine Büroklammer wegwerfen könnten - von faulenden Äpfeln in der Büroschublade ganz zu schweigen.

Voller Tisch als Placebo für den Chef

Kurz versucht, seinen Kunden dagegen Kaizen nahezubringen: Kaizen, so bezeichnet man eine japanische Arbeits- und Lebensphilosophie, deren Ziel die kontinuierliche Verbesserung ist. Bei Kaizen werden nicht nur Arbeitsabläufe analysiert und optimiert - auch das Wohlergehen der Mitarbeiter spielt eine große Rolle. "Wenn alles seinen Platz hat, kann man viel strukturierter arbeiten. Man verliert weniger Zeit durch unnötiges Suchen und kann sich auf die eigentliche, kreative Arbeit konzentrieren", sagt Jürgen Kurz überzeugt.

"Denken Sie an einen Notarzt: Den würde man für hochgradig unprofessionell halten, wenn in seinem Koffer das komplette Chaos herrschte und er erst herumwühlen müsste, um die nötigen Instrumente für die Patientenversorgung zu finden." Den meisten Menschen gebe es ein gutes Gefühl, mit dem Aufräumen Ballast loszuwerden, erklärt Kurz. Warum tun sie es dann so selten im Büro? Weil sich hartnäckig das Klischee halte, wer einen vollen Schreibtisch habe, sei auch enorm fleißig. "Viele befürchten, dass ein superordentlicher, leerer Schreibtisch beim Chef den Eindruck erwecken könnte, der- oder diejenige habe wohl zu wenig zu tun", sagt Kurz.

Höhlenbewohner, die in kuscheliger Ecke mit der Beute lagern

Eine These, der Rotraut Walden widersprechen kann. Für sie ist ein dicht bepackter Schreibtisch mitnichten ein Markenzeichen von Strebern und sonstigen Büro-Emporkömmlingen, sondern Indikator für Leistungskraft. "Ein leerer, zu kleiner Schreibtisch und ein unpersönliches Arbeitsumfeld wirken sich eher kontraproduktiv auf die Arbeit aus", sagt die Architekturpsychologin. Vor Ordnung kann sie nur warnen. Die sei Gift für Kreativität. Rotraut Walden weiß, wovon sie spricht. Gemeinsam mit ihren Studierenden untersuchte sie das Hochhaus der Deutschen Post in Bonn. Das Licht-Temperatur-Konzept in den Räumen des Wolkenkratzers, die Anordnung und Funktionalität der von den Mitarbeitern gemeinschaftlich genutzten Bereiche und der Blick aus den zahlreichen Büros bekamen von Walden und ihren Studierenden gute Noten.

Aber: "Es sollte etwas mehr Wert auf Aspekte wie Layout und Arbeitsflächen gelegt werden, damit mehr Raum für Unordnung und somit aus unserer Sicht auch für Kreativität und Innovationen entstehen kann", sagt Rotraut Walden. Auch fielen die "kalten, modernen Materialien und die teilweise unerwünschte, hohe Transparenz der verglasten Büroräume" unangenehm auf. Die "Zellenstruktur" der durchschnittlichen Büros an einer Hochschule seien der Kreativität zwar auch nicht immer förderlich, sagt sie, doch erlaubten sie immerhin eine individuelle Gestaltung.

Fotostrecke

16  Bilder
Schreibtische im weltweiten Vergleich: Grünzeug, Kitsch und Autoschlüssel

Gibt es also immer noch den Höhlenbewohner in uns, der am liebsten in einer kuscheligen Ecke seine Beute um sich lagert? "Die Art, wie man seinen Schreibtisch gestaltet und mit Fotos oder Nippes bestückt, ist immer auch ein bisschen eine Show nach außen, die bedeuten soll: Das hier ist mein Territorium", bestätigt Dr. Uta Brandes, Professorin für Gender, Design und Designforschung an der Köln International School of Design. Gemeinsam mit einem Kollegen hat sie den Fotoband "My Desk is my Castle" herausgebracht (siehe Kasten), der als Ergebnis eines internationalen Forschungsprojekts weltweit Schreibtische dokumentiert.

Demnach kann man an einem Schreibtisch ablesen, wie spannend oder langweilig die Arbeit des Schreibtischbesitzers ist, welcher Hierarchiestufe, welchem Geschlecht und welchem Kulturkreis er angehört. In Asien etwa, sagt Uta Brandes, wo die Menschen oft sehr viel Zeit im Büro verbrächten, seien deren Schreibtische meistens mit allem Möglichen vollgestellt: vor allem mit vielen kitschigen Figuren und mit diversen Snacks. Deutsche Forscher, die mit Kollegen aus Korea oder Japan zusammenarbeiten, sollten daraus aber keine falschen Schlüsse ziehen: "Was so infantil wirkt, weist nicht auf eine unreife Persönlichkeit hin, sondern einfach auf eine andere Kultur." Eine weitere Erkenntnis sei auch: "Je höher jemand in der Hierarchie steht, desto leerer ist oft sein Arbeitsplatz."

Allerdings: Im Zeitalter des Büros 2.0 oder 3.0, in dem Wissenschaftler zunehmend virtuell durch den Arbeitsalltag navigieren, kann ein leerer, offenkundig aufgeräumter realer Schreibtisch die Bürobesucher auf eine falsche Fährte locken. "Der moderne Büroarbeiter hinterlässt mehr Spuren im Internet und drückt seiner Cloud, in der er online all seine Dokumente, Diagramme und Fotos aufbewahrt, viel eher seinen persönlichen Stempel auf als dem Schreibtisch", sagt Stefan Rief. Er ist Abteilungsleiter am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart und Leiter des Forschungsprojekts Office 21.

Tatsächlich könne in der Cloud oder auf der Festplatte des Computers ein ebenso großes Chaos herrschen wie auf einem Schreibtisch. Nur merkt das kein Außenstehender. Rief selbst hat am Institut keinen festen Schreibtisch mehr, weil er so viel unterwegs ist. Unter Wissenschaftlern, insbesondere unter Hochschullehrern, werde dies aber noch lange nicht die Norm sein, räumt er ein.

Erschienen in: duz Magazin 08/13 vom 26. Juli 2013

Tipps zum Weiterlesen

Brandes, Uta/Erlhoff, Michael: My Desk is my Castle: Exploring Personalization Cultures; Birkhäuser Verlag 2011; 319 Seiten. Der Fotoband bietet einen aufschlussreichen Streifzug durch die Büros dieser Welt.

Roth, Susanne: Einfach aufgeräumt! In 24 Stunden mit der Simplify-Methode das Chaos besiegen; Campus Verlag 2005; 179 Seiten. Die Autorin erläutert ihre "Alles im Blick, alles im Griff"-Methode.

Kurz, Jürgen: Für immer aufgeräumt. 20 Prozent mehr Effizienz im Büro; Gabal Verlag 2007/2013; 160 Seiten. Der Autor verrät im Buch die Methoden, mit denen er auch die Büros seiner Kunden auf Trab bringt. Auf Jürgen Kurz' Homepage finden sich Tipps und Zahlen zum Thema: www.fuer-immer-aufgeraeumt.de

Forschungsprojekt: Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation geht im Projekt "Office 21" der Frage nach, wie sich Büro- und Wissensarbeit zukünftig entwickeln werden. Auf der Homepage finden sich bereits jetzt Informationen über das Büro von morgen und Hinweise auf die Projektpublikationen: www.office21.de

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1. optional
großwolke 20.08.2013
Der Hinweis auf die Asiaten ist gut: in unserem Land, wo Ordnung die Norm ist, deutet Chaos ganz klar auf Defizite hin. Wobei paar Haufen (vielleicht thematisch sortiert?) noch kein Chaos sind, sondern eher eine Ordnung außerhalb von Schubladen. Mein persönlicher Ansatz zu dem Thema ist ganz profan von einer praktischen Notwendigkeit diktiert: Man kann einen Tisch kaum sinnvoll sauberhalten, wenn man dazu erst tausenduneinen Kram beiseiteschieben muss. Also lieber alle paar Tage mal Tabula rasa (wortwörtlich) machen, dann hat man auch Staub und Siff im Griff. Und zwingt sich nebenbei noch dazu, den ganzen Kleinkram, der sich lange von einer Ecke in die andere schieben ließe, nebenbei mit abzuarbeiten. Denn egal in welchem Fach man arbeitet: echte Kreativität macht nur einen kleinen Teil der eigentlichen Arbeit aus. Wenn eine Idee erstmal gefunden ist, gehört sie organisiert, ausgeführt, archiviert - Kreativkräfte haben zum Austoben zumeist andere Arbeitsräume als den todlangweiligen Büroschreibtisch.
2.
SasX 20.08.2013
Zitat von sysopIm Chaos wohnt die Kreativität! Mit dieser Ausrede trösten sich hoffnungslose Schreibtisch-Chaoten. Das Hochschulmagazin "duz" hat ergründet, was an dem Klischee dran ist, und ob Büro-Messie oder Saubermänner kreativer arbeiten.
Bei uns in der Firma wurden von einer Weile mal Zauberwürfel mit Firmenlogo an die Mitarbeiter verteilt. Es war interessant, wie sich der Umgang damit nach Abteilungszugehörigkeit veränderte (die meisten kriegen das Ding ja nicht wieder richtig gedreht). In vielen Abteilungen lagen die Dinger bunt verdreht auf den Tischen. Dann schaute ich mal beim Controlling rein. Aber wirklich überall beim Controlling lagen die Würfel akkurat auf den Tischen. Ein ganz Verwegener hatte eine Seite verdreht.
3. Super Beispiel, mein lieber Herr Kurz...
CobCom 20.08.2013
Möge Ihnen ein "kreativ" an Ihnen arbeitender Notarzt möglichst lange erspart bleiben. Äpfel sind keine Birnen und nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich...
4. Äpfel mit Birnen
Blue0711. 20.08.2013
Uraltes Thema und mal wieder nur Extreme. Und unsinnige Vergleiche. Am Beispiel des Notarztkoffers: Ich bieg mir mein Beispiel, wie ichs brauche. Ein Notarztkoffer ist nicht das persönliche Materiallager des Notarztes, sondern ein Material-Archiv für ein Team. Selbstverständlich muss das geordnet sein, denn verschiedene Menschen müssen darin für zig verschiedene Anlässe mit einem Griff das richtige Material finden, auch, wenn diese Anlässe nur einmal im Jahr vorkommen. Was hat das mit einem persönlichen Arbeitsplatz zu tun? Abgesehen davon, dass das ein mobiler Arbeitsplatz ist, der unter allen äußeren Bedingungen funktionieren muss, nicht nur im warmen trockenen Büro. Dazu das Thema Organisation: Wer sagt denn bitte, dass ein voller Schreibtisch per se ungeordnet ist? Ordnung herrscht in verschiedenster Form vor. Geschlossene Schubladen mit beschrifteten Hängeregistern sind nur eine Ordnung von tausenden. Abgesehen davon, dass mancher auch eine buchhalterische Ablageverliebtheit entwickelt, bei der die Ordnung zum Selbstzweck wird. Da geht die Produktivität im Extremfall gegen 0. Kreativität hat aber genauso wenig mit dem Zustand des Schreibtischs zu tun. Ob der nun leer zum Auffüllen animiert oder voll zur Ergebnisfindung, ist unterm Strich schnuppe. Kreativitätstechniken gibt's auch wie Sand am Meer und da lässt sich weder der leere noch der volle Schreibtisch einbauen, sofern er nicht konkrete Inhalte zur Aufgabe enthält.
5. ....
jujo 20.08.2013
Zitat von sysopIm Chaos wohnt die Kreativität! Mit dieser Ausrede trösten sich hoffnungslose Schreibtisch-Chaoten. Das Hochschulmagazin "duz" hat ergründet, was an dem Klischee dran ist, und ob Büro-Messie oder Saubermänner kreativer arbeiten. Schreibtisch-Chaos: Hindernis oder Quell der Kreativität - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/schreibtisch-chaos-hindernis-oder-quell-der-kreativitaet-a-917411.html)
Bei mir kam alles unbearbeitete auf einen Haufen, upsite down. Hatte der Stapel eine beachtliche Höhe erreicht wurde er umgedreht und dann entsprechend dem Datum abgearbeitet und abgelegt. klappte super. vor allem es war immer klar, wenn ich etwas unerledigtes suchte, der Vorgang musste (!) in diesem Stapel sein. Zeitweilig fing ein zweiter Stapel an zu wachsen, mir ist nie etwas verloren gegangen.
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