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Schulpolitik: Grüne fordern Bildungssoli

Zu wenig Studenten, zu viele Abbrecher, Hauptschüler ohne Chance: Als Konsequenz aus dem alarmierenden Bildungsbericht fordert Grünen-Chef Bütikofer höhere Investitionen in den Nachwuchs des Landes. Der Solidaritätszuschlag für den Osten sollte in einen "Bildungssoli" verwandelt werden.

Berlin - Nach der Veröffentlichung des zweiten Nationalen Bildungsberichtes ist die Diskussion um die Zukunft des deutschen Bildungssystems voll entbrannt. Die Grünen kritisierten den gestern von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vorgeschlagenen Bildungsgipfel als Symbolpolitik. "Merkels schöne Worte entsprechen nicht ihren Taten", sagte ihr hochschulpolitischer Sprecher Kai Gehring der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". "Was will Merkel fast am Ende der Legislaturperiode noch auf den Weg bringen?" Durch die jüngste Föderalismusreform habe sich die Kanzlerin "selbst aus der Verantwortung für die Bildungspolitik katapultiert".

Merkel hatte am Donnerstag angekündigt, sie werde die Bildungspolitik zur Chefsache machen. Am 22. Oktober will sie mit den Länder-Ministerpräsidenten über die Probleme reden. Der am Donnerstag herausgegebene Bildungsbericht 2008 von Bund und Ländern zeichnet trotz vieler Reformen erneut ein kritisches Bild über den Zustand von Schulen und Hochschulen in Deutschland: zu viele Schulabbrecher und Hauptschüler ohne Berufschance, zu wenig Studenten. Einen Grund für die Defizite sehen die Autoren des Berichts in den geringen Investitionen in die Bildung.

Grünen-Chef Reinhard Bütikofer regte an, den für den Aufbau Ost eingeführten Solidaritätszuschlag über 2020 hinaus fortbestehen lassen und in einen "Bildungssoli" umzuwandeln. Schon heute könnte Geld aus den Soli-Einnahmen in die Bildung fließen, da nicht mehr alle Mittel für den Osten benötigt würden, sagte Bütikofer der "Saarbrücker Zeitung". Das wäre nach seiner Einschätzung auch ein Beitrag zu einem fairen Zugang zur Bildung in Deutschland.

Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle warnte vor einer "Kasten-Bildung" im deutschen Bildungssystem. "Heute gibt es kaum ein Land, in dem der Zusammenhang zwischen den Bildungschancen eines Kindes und seiner sozialen Herkunft so groß ist wie bei uns", sagte Westerwelle der "WAZ". Deutschland drohe zurückzufallen in die 50er oder 60er Jahre.

Der Leiter des Bildungsberichts, Eckhard Klieme, verlangte in der "Welt" von deutschen Schülern mehr Leistungsbereitschaft. "Die Pisa-Befragung ergab, dass deutsche Schüler besonders über ihre schulischen Belastungen klagen. Dabei ist der Leistungsdruck in asiatischen Gesellschaften und auch in manchen europäischen Staaten deutlich höher", sagte Klieme. Überdies wies der Bildungsforscher die Forderung von SPD, Grünen, Linkspartei und einigen Gewerkschaften nach der Einführung einer Einheitsschule in Deutschland zurück. Er sehe nicht, wo die Akzeptanz in der Gesellschaft herkommen solle.

Der Deutsche Lehrerverband wies die Kritik von Firmen an der Bildung in den Schulen zurück. Der Chef des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, sagte der "Bild"-Zeitung: "Die Betriebe müssen mehr Ausbildungsplätze anbieten, sie verstoßen sonst gegen ihre patriotische Pflicht zur Berufsausbildung." Es gebe zwar "viele Baustellen" im Bildungswesen in Deutschland, sagte Kraus mit Blick auf den vorgestellten Bildungsbericht. "Aber so schlecht, wie alle immer sagen, sind wir in Deutschland nicht", sagte Kraus dem Blatt.

phw/dpa/AFP

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Forum - Schwarz-Grüne Schulreform - der große Wurf?
insgesamt 675 Beiträge
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1.
Constantinopolitana, 10.06.2008
Hallo, selbst wenn der Bürger voll Vertrauen denkt, es könne ja nur besser werden, glaube ich, daß die Schüler, die im ersten Jahr dieser Reform Versuchskaninchen sind, erstmal leiden werden. Welche Reform klappt schon ohne Nachbesserungen? Also wird zuerst einmal ausprobiert, dann sieht man, was in der Realität alles nicht klappt, und nach fünf Jahren ist der große Wurf dann da. Ich denke, im Großen und Ganzen ist es Zeit für eine umfassende Reform; es klingt ja auch erst einmal gar nicht so schlecht; des weitern ist es auch gut, daß es in Hamburg gewissermaßen erstmal im Labormaßstab ausprobiert wird (ganz Nordrhein-Westfalen oder Sachsen wäre da noch ein anderes Kaliber...), aber ich schätze mal, die Eltern und Schüler, die das jetzt direkt betrifft, sind weitaus skeptischer als diejenigen, die bloß zuschauen, ob's nun was wird oder nicht. Aber - wenn in Brüssel jetzt einer käme und eine umfassende Reform hier vorschlüge, die einigermaßen stimmig wäre, dächte ich als Betroffene sicher: PRIMA! Unterstützen wir! Beste Grüße, Eva
2. Endlich
manten75 10.06.2008
getraut sich ein Bundesland in Deutschland die verkrustete und unfaire Situation im deutschen Schulsystem anzugehen. Weiter so!
3.
PeterShaw 10.06.2008
Zitat von sysopLängere Grundschule, Abitur nach zwölf Jahren, Schluss mit dem dreigliedrigen Schulsystem: Mi einem Mammutprojekt wollen CDU und Grüne das Hamburger Bildungssystem komplett umkrempeln. Ist diese Reform der zukunftsträchtige große Wurf?
Man könnte diesem Thema ernsthaft begegnen, indem man z.B. die unter Fachleuten unstrittige Meinung weiter begründet, dass eine Zeit von 6 Jahren am Gymnasium zu einem deutlichen Niveauverlust beim Abitur führen muss. Aber bringt diese Diskussion etwas? In Wirklichkeit geht es darum, wie man mit möglichst geringem finanziellen Aufwand möglichst viele (pseudo-) glücklich machen kann. Also mein Vorschlag: Mit der Geburtsurkunde wird gleich das Abitur überreicht. Das spart ungemein! Wer dann etwas lernen will, geht an eine Privatschule mit kleinen homogenen Klassen und gut bezahlten Lehrern. So verabschiedet sich der Staat auch aus dem Bereich Bildung. So verabschieden sich auch die nicht Priviligierten von der Bildung. Aber zum Glück haben sie ja neben der Geburtsurkunde noch das Abitur!
4.
Klo, 10.06.2008
Zitat von sysopLängere Grundschule, Abitur nach zwölf Jahren, Schluss mit dem dreigliedrigen Schulsystem: Mi einem Mammutprojekt wollen CDU und Grüne das Hamburger Bildungssystem komplett umkrempeln. Ist diese Reform der zukunftsträchtige große Wurf?
Das wird sich zeigen. Klar ist aber, dass es ein Schritt in die richtige Richtung sein dürfte, Kinder nicht nach 4 Jahren in Schulformen unabänderlich zu selektieren.
5. Beamtenstatus der Lehrer abschaffen!
derweise 10.06.2008
Der Beamtenstatus der Lehrer muß fallen!
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