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Schulstudie: Schlappe Lehrer brennen schneller aus

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Ist Lehrer kein Beruf, sondern eine Diagnose? Eine neue Studie zeigt: Wer am lautesten über Burnout im Klassenzimmer klagt, hat oft "nie für seinen Job gebrannt". Viele dieser Pädagogen waren schon im Studium unmotiviert und als Berufseinsteiger überfordert.

Das Burnout-Syndrom ist fies, hinterhältig, ungerecht sowieso: Es streckt stets nur jene nieder, die für ihren Beruf brennen und über viele Jahre alles geben. Irgendwann zehrt der volle Einsatz an den Kräften, Pausen bringen keine richtige Erholung mehr, das Feuer glimmt nur noch und verlöscht schließlich: Endstation Erschöpfungszustand. Lehrer trifft es am härtesten - und just die besten sind auffällig anfällig.

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AP

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Wirklich?

Eine Langzeitstudie von Frankfurter Bildungsforschern bestätigt, dass viele Pädagogen im Schulalltag schlecht zurechtkommen: Bereits nach den ersten vier Berufsjahren fühlt sich jeder Zehnte stark überfordert. Sie bestätigt indes keineswegs die These, dass gerade besonders engagierte Lehrer wegen der Diskrepanz zwischen eigenen Zielen und beruflicher Realität ausbrennen.

Im Gegenteil: Der Untersuchung zufolge zeichnet sich schon im Studium ab, wer später im Beruf scheitern und verzweifeln wird - es sind die schwachen, die überforderten, die Verlegenheitsstudenten, die von Anfang an nicht Feuer und Flamme für den Beruf sind. Und beim "Burnout"-Phänomen Jahre später im Schuldienst kommt Pädagogik-Professor Udo Rauin zu einem bemerkenswerten Schluss: "Die über besondere Belastungen Klagenden haben vermutlich nie 'gebrannt'."

Mit seinem Team hat der Wissenschaftler 1100 Lehrer von Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg vom Studium bis in die ersten Berufsjahre begleitet. Die Ergebnisse sind gerade im Frankfurter Uni-Magazin "Forschung aktuell" erschienen. "Im Studium wenig engagiert - im Beruf schnell überfordert", lautet der Titel.

"Schlechte Lehrer belasten Schulen viele Jahre"

Udo Rauin plädiert darin für eine bessere Beratung und klügere Auswahl der Studienanfänger in Lehramt-Studiengängen. Die Noten in den Staatsexamina seien "bis auf die zweite Stelle nach dem Komma entscheidend dafür, ob jemand ein Angebot auf Einstellung erhält oder nicht". Aber mit den tatsächlichen Anforderungen im Berufsalltag habe das wenig zu tun. Und weil es kaum sinnvolle sachliche Kriterien gebe, würden gute Kandidaten zu oft abgewiesen und stattdessen "weniger geeignete Bewerber eingestellt, die dann über viele Jahre die Arbeit an Schulen belasten".

Rauin hält das für unnötig, weil sich anhand von Motivation, Persönlichkeit und Fachwissen früh prognostizieren lasse, wer später im Lehrerberuf reüssiert und wer schnell an seine Grenzen stößt. Die Lehrer waren zwölf Jahre lang im Visier der Forscher: Befragt wurden sie zum Studienbeginn, nach sechs Semestern, zum Ende des Referendariats und schließlich nach vier Berufsjahren.

Jeder vierte Studienanfänger wollte eigentlich nie Lehrer werden und wählte das Studium nur als "Notlösung"; die Hälfte dieser Gruppe machte dennoch weiter. 27 Prozent der Studenten gaben sich in einer Selbsteinschätzung schlechte Noten bei Persönlichkeits-Merkmalen wie Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Menschen oder Zuverlässigkeit. Auch wenn Zweifel an der eigenen Eignung keimten, hielten sie am Berufsziel fest.

Die Forscher ermittelten auch, wie die Entscheidung für das Lehramt-Studium fiel: Über die Hälfte der Befragten nannte sehr pragmatische Gründe, etwa die Hoffnung auf ein überschaubares oder einfaches Studium in Heimatnähe, den Wunsch nach einem sicheren und familienfreundlichen Arbeitsplatz. Es drängen also keineswegs nur "geborene Erzieher" ins Lehramt, so Rauin - und "bei der ersten Begegnung mit der Praxis stößt ihnen dann auf, dass die Rolle des Lehrers mit ganz anderen Belastungen behaftet ist, als sie sich das immer erträumt haben".

Die Risiko-Lehrer sind früh erkennbar

Sein Frankfurter Bildungsforscher-Kollege Andreas Gold ergänzt, dass sich nach seinen Erkenntnissen im Vergleich zu Diplom- und Magisterstudenten durchschnittlich schwächere Abiturienten für das Lehramtstudium entscheiden. Zudem gebe es von der Sekundarstufe 2 über die Sekundarstufe 1 bis zur Grund- und Hauptschule ein "Gefälle des intellektuellen Leistungspotenzials".

Geringe Ambitionen, stattdessen die Hoffnung auf Bequemlichkeit und zugleich schlechte Voraussetzungen für den Job im Klassenzimmer: Nach Auffassung des Bildungsforschers werden daraus genau jene Risiko-Lehrer, die später wenig Freude an ihrem Beruf empfinden und besonders lautstark über die Belastungen stöhnen. "Etwa 60 Prozent derer, die sich den Anforderungen des Berufes nicht gewachsen fühlten, waren auch schon im Studium überfordert und wenig engagiert. Aus der größeren Gruppe der engagierten Studenten kommen dagegen nur 10 Prozent der Fälle", heißt es in der Untersuchung.

Rauin empfiehlt, mehr in die Beratung der Studienanfänger zu investieren, damit sie ihre Studien- und Berufswahl noch einmal kritisch prüfen - zumal die Entscheidung zur Einstellung des falschen Lehrers für Schulen nicht revidierbar sei, solange der Beamtenstatus nicht aufgehoben werde.

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen war kürzlich eine Untersuchung der Universität Potsdam gekommen. Dort waren Forscher nach einer Befragung von 20.000 Lehrer aus 14 Bundesländern ebenfalls zu dem Schluss gekommen, dass viele junge Lehrer sich für den falschen Beruf entscheiden - und aus den falschen Gründen. Jeder vierte Lehramtstudent oder Referendar wurde als "resignativer Typ" eingestuft, der schon vor dem Berufseintritt einknickt. Und weitere 30 Prozent verordneten sich selbst Schonung durch geringes Engagement. Das sei ein "ernstes Hindernis für erfolgreiche Arbeit", denn im Lehrerberuf komme es gerade auf "eigenaktives und engagiertes Handeln an", heißt es in der Studie. Zur Selbsteinschätzung für Abiturienten entwickelten die Potsdamer Wissenschaftler den Online-Test "Fit für den Lehrerberuf?".

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