Schweizer Titelmühlen: Prof. Dr. Hochmut

Von Ruedi Arnold

Wer einen falschen Titel führt, macht sich strafbar. Trotzdem blüht der Handel, vor allem in der Schweiz. Dort kann man an wunderlichen Hochschulen besonders leicht promovieren - ab 20.000 Euro ist man dabei, die Titelschleudern warten schon. Eine Spurensuche.

Hoch über dem Zugersee steht das Kloster Gubel. Hier beten Kapuzinerinnen tagaus, tagein für das Heil der Welt. Sie tun gut daran. Denn am Fuß des Berges, eingeklemmt zwischen See und Anhöhen, in der 25.000 Einwohner kleinen Stadt Zug, irrlichtert so allerlei, das einzudämmen ein kräftiges Gebet Not tut.

Kein Rotlichtviertel, Gott behüte, dafür wäre kein Platz. Zug ist, mit der Nachbargemeinde Cham, selbst für schweizerische Verhältnisse ein Steuerparadies. Und davon profitieren zwölf Bankniederlassungen, 40 Finanz- und 135 Treuhandgesellschaften, mächtige Konzerne ebenso wie Aktiengesellschaften und Einzelfirmen und zwei Institutionen, die sich Freie Universität Zug und Freie Universität Cham nennen.

Sie gehören zu den wunderlichsten Hochschulen der Welt. Sie brauchen kein Hörsäle, keine Studierenden oder Professoren, ja nicht einmal eine Anschrift oder einen Telefonanschluss. Den Steuerzahler kosten diese Universitäten keinen Cent. Und doch verleihen sie akademische Titel aller Art: Master, Doktor, Ehrendoktor, Professor - alles ist zu haben, und alle haben sie ihren Preis. Ab 20.000 Euro ist man dabei. Denn die beiden Universitäten sind sogenannte Titelmühlen.

Einfache Frage, keine Antwort: Wer steckt dahinter?

Interessenten werden auf der Website gebeten, im Internet ein Formular auszufüllen und abzuschicken. Für Briefe genügt ein Postfach, für "dringende Anfragen" gibt es eine Handy-Nummer. Der Anruf enttäuscht allerdings. Selbst nach langem Klingeln zu verschiedenen Zeiten antwortet keiner. Einen Anrufbeantworter gibt's auch nicht. Man hat es einfach lieber schriftlich.

Mittlerweile ist die Neugierde erwacht. In wessen Tasche fließt das Geld für die Titel? Die Universitäten sind keine Firmen. Die Internetadressen gehören der Einzelfirma BMV Benz, deren Eigentümer ein gewisser Dr. Andreas Benz ist, deutscher Staatsbürger mit Wohnsitz in Zug. Nur ist der Mann in keinem Adress- oder Telefonbuch zu finden.

Das Domizil der Firma ist die Nordstraße 19 in Zug. Und hier strandet, wer mehr über die beiden Universitäten wissen möchte. Alle Wohnungen in dem Haus mit der Nummer 19 sind vermietet, BMV Benz aber ist auf keinem Klingelschild zu finden. Irgendjemand muss also seine Adresse einer Briefkastenfirma zur Verfügung gestellt haben.

Das ist typisch für die Besitzer von Titelmühlen, von denen es in der Schweiz viele gibt. Mehr als 2000 solcher Händler gibt es weltweit, schätzen Experten, in den USA ebenso wie in der nach Osten erweiterten EU, wo das Angebot akademischer Titel in den vergangenen Jahren besonders unübersichtlich geworden ist. Trotzdem ist eine Promotion oder die Ernennung zum Professor in kaum einem anderen Land so einfach wie in der Schweiz.

Die bekannteste der zweifelhaften Hochschulen ist die Freie Universität Teufen. Sie gehört der Firma Cognos für Forschung und Bildung in Appenzell. Die Einzigen, die über deren Besitzer etwas sagen könnten, sind zwei Frauen. Margit Fülöp, kaufmännische Angestellte in St. Gallen, erklärt, sie hätte mit Cognos und der Universität schon lange nichts mehr zu tun. "Aber Sie sind doch im Handelsregister als einzige Aufsichtsrätin eingetragen?" Das sei ihr egal. "Wer ist denn der Besitzer der Cognos?" Dazu will sie nichts sagen.

Legal, illegal, egal

Auch Yvette Estermann nicht, die von 2004 bis 2005 ebenfalls Aufsichtsrätin der Cognos war. Sie stehe absolut hinter der Freien Universität Teufen, und dass man deren Titel in Deutschland nicht führen dürfe, gehe ohnehin auf Hitlers Gesetz über die Führung akademischer Grade vom 9. Juni 1939 zurück. Und heute sei es wieder gleich: Jetzt verbiete es die EU, missliebige Schweizer Doktortitel in Deutschland zu führen.

Der Vergleich zwischen Nazideutschland und der EU mutet selbst dann grotesk an, wenn man weiß, dass die gebürtige Slowakin Yvette Estermann, Mitglied des Nationalrats (eine Kammer des Schweizer Parlaments), der rechten, immigrationsfeindlichen SVP von Ex-Bundesrat Christoph Blocher angehört.

In einem hat sie recht: Wer in Deutschland den Titel einer nicht anerkannten Universität trägt, verletzt den Paragrafen 132a des deutschen Strafgesetzbuches und riskiert eine Gefängnisstrafe. Manche blamieren sich auch einfach, bevor es soweit ist: Thomas Kühr, damals Geschäftsführer der Telekom-Tochter T-Venture, musste den Doktortitel der ehemaligen St. Bernhards-Universität Zürich 2005 abgeben. Udo Klein-Bötting, CEO von BBDO Consulting, verzichtete 2006 auf den Doktor der Universität Teufen. Thorsten Knopp, Finanzvorstand des Armaturenherstellers Grohe, strich den Doktor der Uni Herisau aus seinem Lebenslauf. Und der Berliner CDU-Abgeordnete Mario Czaja trat 2006 wegen seines Diploms der Uni aus dem Ausschuss für Wissenschaft und Forschung zurück.

Das Geschäft mit den falschen Titeln scheint zu laufen. Dieser Meinung ist auch Manuel René Theisen, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er verfolgt den Titelhandel seit vielen Jahren und hält dessen Umsatz für stabil: "Wenn die kein Geld hätten, könnten sie auch nicht mehr so oft annoncieren wie früher", sagt er. "Das tun sie aber."

Wie groß das Geschäft ist, kann er nicht sagen, weil keiner darüber spricht, weder die Anbieter, noch die Kunden. Hingegen drohe den Schweizer Pseudo-Universitäten Konkurrenz aus den neuen EU-Ländern im Osten Europas. "Da kann man an manchen Universitäten mit wenig Aufwand seinen Doktor machen und darf den Titel erst noch in der ganzen EU führen."

Warum die Schweizerische Eidgenossenschaft den Titelmühlen nicht das Handwerk legt, sagt Andrea Stegmann von der Schweizerischen Universitätskonferenz (SUK): "Die Anerkennung von Universitäten ist Sache der Kantone." Die meisten aber warten ab, bis die SUK eine Institution zertifiziert - und alle Freien Universitäten bemühen sich darum gar nicht erst.

Nur ein Schweizer Kanton nimmt's genau

Nicht anerkannt ist zum Beispiel auch die Uni Educatis in Altdorf im Kanton Uri. Im Unterschied zu den Titelmühlen hat diese Institution für Fernunterricht tatsächlich Studierende und Dozenten. Von der SUK aber wurde sie abgelehnt. Universität nennt sie sich trotzdem.

REUTERS
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Im Kanton Aargau zwischen Basel und Zürich wäre das nicht möglich. Er hat als einziger Kanton im Hochschulgesetz festgehalten, dass sich strafbar macht, wer eine Universität ohne Anerkennung der SUK führt oder deren Titel trägt. Die anderen Kantone warten einfach ab.

Darin sind die Schweizer Behörden ja Meister, wie sich zeigte, als Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende April zu einem Staatsbesuch in der Schweiz war und über das Bankgeheimnis, den Schutz von Steuerhinterziehern und die Verbindung der Banken zu liechtensteinischen Stiftungen sprechen wollte. Sie reiste ohne greifbares Resultat zurück nach Berlin.

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