Stellen Sie sich einen reißenden Fluss vor, mit Wasserfällen und Strudeln, endlos tief. Am Ufer steht ein zögernder Mensch: Soll er probieren, auf die andere Seite zu schwimmen? Oder besser nicht? Ein paar Damen und Herren, auf dem Weg zur sicheren Brücke, rufen ihm zu: "Du schaffst das schon!" Also springt er - und ersäuft.
Ebenso läuft es im Büro. Was rufen die Kollegen, wenn einer vor lauter Arbeit am Ertrinken ist, aber einen weiteren Großauftrag auf sich zurollen sieht? Was rufen sie, wenn ein Berufsanfänger vor einem Projekt steht, das für ihn mit Sicherheit wie ein Kamikazeflug endet? Was rufen sie, wenn einer nach dem ersten Herzinfarkt und der zweiten Kur gleich wieder den schwersten Arbeitsrucksack tragen soll? Sie rufen: "Du schaffst das schon!"
Dieser Satz meint natürlich nicht, dass einer es schafft, er meint nur, dass er es schaffen soll, also: "Ich wünsche dir, dass du es schaffst." So wie einem Todkranken von seinen Angehörigen bis zuletzt eine stattliche Lebenserwartung vorgegaukelt wird.
Doch was als Ermutigung gemeint ist, wird bei der Arbeit zur Hypothek. Wer würde ein Projekt ablehnen, das ihm (scheinbar) alle zutrauen? Das kitzelt falschen Ehrgeiz wach und schläfert richtige Bedenken ein.
Ebenso kann "Du schaffst das schon!" ein Schutzschild sein, hinter dem sich die Interessen der Kollegen verkriechen. Denn was passiert, wenn einer den Arbeitsberg ablehnt? Dann muss die Aufgabe dennoch gemacht werden - von den Kollegen. Sie denken sich: Besser eine falsche Ermutigung rufen (und weniger Arbeit haben), als sie zugerufen zu bekommen (und unter der Arbeit zu ersticken).
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