"Speed Coaching": Lebenshilfe mit Stoppuhr

Studium fortsetzen oder abbrechen? Noch ein sechstes Praktikum anhängen? Oder für den Job in eine andere Stadt ziehen? Bei solchen Lebensfragen lässt man sich nicht mehr die Karten legen: Beim "Speed Coaching" in Berlin wird im Zehn-Minuten-Takt beraten - ein Selbstversuch von Sarah Tschernigow.

Turbo-Beratung: Fünf Coaches, schnelle Tipps Fotos
Sarah J. Tschernigow

18.50 Uhr, Lokal Kaiserstein in Berlin-Kreuzberg

Die Vorstellung, in fünfmal zehn Minuten eine knifflige Lebensfrage beantwortet zu bekommen, klingt so verlockend wie abwegig. Wie sollen Konflikte, die mich seit Monaten zwicken, in nur 50 Minuten geklärt werden? Dass mein Problem kaum in einen Satz passt, macht die Angelegenheit nicht einfacher.

Aber ich bin vorbereitet. Bei jedem Coach bleibt wenig Zeit, um mein Thema zu schildern UND die Lösung zu erarbeiten. Also reduziere ich es auf eine einzige Frage: Ist meine Entscheidung für die Freiberuflichkeit wirklich besser, als eine Festanstellung anzustreben?

Fünf Tische, fünf Coaches, fünf Ratsuchende mit unterschiedlichen Erwartungen. Während ich, etwas angespannt, am ersten Tisch platziert werde und eine Strategie überlege, um möglichst viele Informationen flink auszutauschen, ist Teilnehmerin Sabine, 50, ganz entspannt: "Ich bin neugierig auf den Abend, aber meine Erwartungen sind gering", sagt sie. Sie verrät, dass sie arbeitslos ist und ein paar Tipps bekommen möchte, wie sie sich in ihrem Alter am besten neu bewerben kann.

19 Uhr: an Tisch eins bei Coach Jutta Wiedemann, Personalleiterin

Als alle mit Getränken am Tisch sitzen, ertönt eine Triangel als Startsignal. Bei Coach Jutta fühle ich mich gut aufgehoben, sie war lange Personalleiterin und sollte sich mit meinem Thema auskennen. Strukturiert fragt sie ein paar Fakten ab: Wie lange ich schon freiberuflich tätig bin, ob es ein konkretes Angebot für eine feste Stelle gebe, was ich mir davon versprechen würde?

Ich offenbare ihr, dass ich nur schwer Feierabend machen kann - und ein geregelter Tagesablauf mit festem Zeitplan das vielleicht erleichtern könnte. Jutta stellt meine Logik prompt in Frage. Schnell erkennt sie, dass ich nicht der Typ bin, der nach acht Stunden den Stift weglegt, auch im festen Job.

19.10 Uhr: an Tisch zwei bei Annukka Ahonen, im Öffentlichen Dienst - mehr verrät sie nicht

Um dem nächsten Coach die Ergebnisse des ersten Durchgangs zügig zusammenzufassen, relativiere ich die vermeintlichen Vorteile einer Festanstellung selbst. Schließlich bietet das Freiberuflerdasein ja auch Vorteile. Annukka bestärkt mich: "Das ist doch toll! Ich gehe jeden Tag in dasselbe Büro. Das ist nicht so aufregend wie dein Leben."

Sie versucht, eine Kompromisslösung zu erarbeiten: "Wenn du gern dein Ding machst, aber eine Bürostruktur vermisst, mach doch ein Sarah-Team auf! Such dir Leute, mit denen du zusammenarbeitest, sei aber die Chefin!" Leider erlaubt die Zeit es nicht, Annukka zu erklären, dass sich ein solches Konzept mit meiner Tätigkeit nicht vereinbaren lässt. "Vielleicht musst du einfach nur mal richtig abkotzen!" Mit diesem Satz schickt sie mich zum nächsten Tisch.

Ich bin irritiert und kann damit nichts Konkretes anfangen. Aber vielleicht hat sie recht, und ich zerbreche mir über meine Berufssituation einfach zu sehr den Kopf? Gleich werde ich zum dritten Mal erzählen, wie reibungslos die Freiberuflichkeit eigentlich läuft und dass es keinen wirklichen Grund zur Klage gibt.

19.20 Uhr: an Tisch drei bei Reinhard Karl, Buchhändler, arbeitslos

Aus Neugierde frage ich jeden Coach, welchen Background er hat. Als Reinhard mir erzählt, dass er arbeitslos ist und sich mit Kunst beschäftigt, frage ich mich zum ersten Mal, was die Coaches überhaupt als solche qualifiziert. Sie alle haben sich bei einem Coaching-Seminar kennengelernt und gehen, außer Reinhard, derzeit einem Beruf nach, der mit Lebensberatung wenig bis gar nichts zu tun hat.

"Wir haben Kompetenzen in unterschiedlichen Bereichen", wird mir später erklärt. Niemand erhebt hier den Anspruch, eine vollständige Beratung durchzuführen - "wir möchten Visionen begleiten, Hilfestellung leisten und die Leute vielleicht mit einem kleinen Aha-Effekt gehen lassen. Wir ersetzen nicht den Therapeuten." Ebensowenig gehe es beim Speed Coaching darum, dem Teilnehmer seine Entscheidungen abzunehmen.

Trotzdem erstellt Reinhard bei unserem Gespräch eine Pro-und-Contra-Liste. Viel trägt er nicht ein. Er stellt die Begriffe "Frei" und "Fest" gegenüber und kreist das Wort "Druck" ein. Er rät mir, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, zu überlegen, wie ich Leistungsdruck verringern kann. Entspannungstechniken seien da hilfreich.

19.30 Uhr: an Tisch vier bei Niels Petring, Politikwissenschaftler

Speed Coaching hat seinen Namen zu Recht. Es ist anstrengend. Ich habe keine Lust, mein Problem ein viertes Mal zu schildern, würde lieber noch eine Weile die letzten Gespräche nachwirken lassen. Mein Vorschlag an Tisch vier: die Biograpfe einfach außen vor lassen und sich gleich über Druckabbau unterhalten. Coach Niels hört geduldig zu und fragt: "Gönnst du dir mal Urlaub?" Ich fühle mich ertappt. Der Mann kennt mich nicht, trifft aber voll ins Schwarze. "Du wirkst auf mich nämlich nicht wie jemand, der dem falschen Beruf nachgeht."

Es sind genau solche Sätze, die hängenbleiben. "Denkanstöße" nennt das Teilnehmer Gerhard, der sich coachen lässt, weil er sich mit geführten Kanu-Touren selbständig gemacht hat und nicht weiß, ob er sich doch lieber bei einer größeren Firma einklinken sollte. Am Ende des Abends hat er darauf zwar immer noch keine Antwort, ist aber trotzdem zufrieden: "Viele der Anregungen decken sich mit meinen Überlegungen. Es hilft mir schon, das bestätigt zu bekommen und zu wissen: Ich bin auf dem richtigen Weg."

19.40 Uhr: an Tisch fünf bei Anita Mosch, Pädagogin

Letzter Coach - und die zehn Euro scheinen mir inzwischen gut investiert zu sein: Mein Kopf raucht, in mir arbeitet es. Dabei waren manche Dialoge vorherzusehen, einige Ratschläge kannte ich schon von Freunden. Coach Anita macht als einzige einen Vorschlag, der in eine völlig neue Richtung führt. Als ich stolz berichte, dass ich als Ausgleich zur Arbeit jetzt Kickboxen gehe, greift sie ein: "Probier doch lieber mal etwas aus, das nichts mit Wettkampf und Konkurrenz zu tun hat. Setz dich zum Beispiel hin und male ein hässliches Bild! Du wirst sehen, das ist gar nicht so einfach."

Anita hat viele solcher Ideen. Kein Wunder, Leistungsdruck, Stress auf der Arbeit, Burnout - Fragen aus der Berufswelt sind beim Speed Coaching stark vertreten.

19.50 Uhr: ein Kaffee zum Abschluss

50 Minuten Beratung mit Alltagstipps, Pro-und-Contra-Listen, philosophischen Exkursen - die Teilnehmer sind erschöpft, aber zufrieden. "Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis", sagt die arbeitslose Sabine und freut sich über eine Liste mit weiterführenden Adressen.

Stimmt schon: Gespräche wie mit den Coaches sind mir zwar auch schon in der U-Bahn begegnet, aber nur an guten Tagen und längst nicht so gemütlich. Mehr als ein Handvoll Anregungen habe ich nicht erwartet und auch nicht bekommen. Manchmal aber gab es eine überraschende Perspektive - der Kopf ist rund, damit die Gedanken ihre Richtung ändern können.


Nächster Termin: Mittwoch, 4. November 2009 (jeden ersten Mittwoch im Monat) im Berliner Lokal "Kaiserstein", Nähe U-Bahnhof Mehringdamm. Eintritt zehn Euro. Zwei Durchläufe, Beginn 19 und 20 Uhr.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Speed Coaching
oakley 10.10.2009
5 Coaches beraten 1h lang 5 Leute für insgesamt 50 Euro?! Zwar stand im Artikel, dass die Coaches das nebenbei machen, aber das ist ja fast schon ehenamtliche Tätigkeit :-)
2. Speed Coaching???
calo 10.10.2009
...wieder etwas für die Rubrik "Dinge, die die Welt nicht braucht". Genauso überflüssig wie Speed Cooking, Speed Dating usw. Der Besuch eines Coaching-Seminars, qualifiziert also jemanden zum Lebenshilfe-Berater bzw. Coach...:-) Der Besuch eines Blumenseminars dann womöglich zum Floristen... Wer nicht selbst bereit ist ein gewisses Risiko einzugehen und Entscheidungen zu treffen, wird wohl immer Selbstzweifel haben...Man muss auch mal neg.Erfahrungen machen. 50 Euro=50 Minuten? Für "Tips" die Online massenhaft zu finden sind? Da gehe ich doch lieber zum Italiener um die Ecke und bleibe für die Kohle zwei Stunden... Beste Grüße...
3. ja,
digital-transducer 10.10.2009
na und, wenn es ehrenamtlich ist, warum nicht? immerhin springen 50 euro dabei rum, muss man natürlich noch die nebenkosten abziehen, aber vielleicht klappts, ich jedenfalls wünsch viel erfolg.
4. ->
Bias 10.10.2009
Wie kommt ihr auf 50 Euro pro Stunde? Meine Interpretation des Textes kommt auf 10 Euro.
5. nur ein coaching-seminar?!
speedcoach 10.10.2009
In dem Artikel mag es sich so angehört haben, als hätten die Coaches nur an einem Wochenendseminar teilgenommen - wenn man es bösartig lesen will. Aber es handelte sich immerhin um eine halbjährige Vollzeit-Fortbildung, bei der Coaching einen Schwerpunkt bildete! Zumindest die bisherigen TeilnehmerInnen wissen, dass das kein Blödsinn ist.
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