SPIEGEL-Absolventenbefragung: Am Leben vorbei studiert

Von und Joachim Mohr

Ob die Jobsuche für junge Akademiker glatt läuft oder zur Qual wird, hängt vor allem vom Fach ab. Die große Untersuchung "Studentenspiegel 2" zeigt: Naturwissenschaftler und Ingenieure werden heftig umworben, Schöngeister müssen darben. Das Problem der Tüftlerfächer ist bloß: Sie sind nicht sexy.

Björn Dankel hat schon als Kind gern Autos gebaut: Aus den kleinen Plastikteilen seiner Fischertechnik-Bausätze konstruierte er filigrane Kräne, Seilbahnen und natürlich alle Arten von Fahrzeugen.

Nach einem Schnupperpraktikum beim Sportwagenhersteller Porsche in der 10. Klasse stand sein Berufsziel endgültig fest: Dankel wollte sein Leben lang mit Technik zu tun haben - vielleicht mal richtige Autos bauen, vielleicht bei Porsche. Nur logisch, dass er sich nach dem Abitur für Maschinenbau an der Uni Karlsruhe einschrieb, Schwerpunkt Fahrzeugtechnik. Sein Praxissemester machte Dankel im Porsche-Entwicklungszentrum in Weissach und schrieb auch die Diplomarbeit bei der schwäbischen PS-Schmiede. Dort war man zufrieden mit dem Nachwuchs-Ingenieur: Gleich nach dem Abschluss bekam er ein Job-Angebot.

Mit seinem Studium war der 27-Jährige sehr zufrieden - "da gab es viel Bezug zur Praxis". Seine Arbeit findet er "äußerst spannend". Und das Gehalt, freut sich Dankel, "das stimmt auch".

"Eigentlich alles richtig gemacht"

Wie Björn Dankel hatte auch Katharina Schönwitz, 30, schon am Anfang des Studiums genaue Vorstellungen von ihrem späteren Arbeitsplatz. Schönwitz wollte Journalistin werden, am liebsten beim Fernsehen. Doch nach dem Skandinavistik-, Sport- und Geografie-Studium in Tübingen, Freiburg und im schwedischen Uppsala, vielen Praktika und freier Mitarbeit bei einer Regional-Zeitung und einem privaten Fernsehsender wollte keiner sie haben.

Rund 100 Bewerbungen schickte Schönwitz los, an Redaktionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sogar bei einem deutschsprachigen Radiosender auf La Gomera stellte sie sich vor.

"Das Schlimmste war das Gefühl, dass ich doch eigentlich alles richtig gemacht hatte", sagt Schönwitz - zügiges Studium, Auslandsaufenthalt, viele Praktika. "Ich habe mich sogar bewusst gegen ein Germanistik-Studium entschieden, weil es hieß, mit Orchideenfächern sind die Chancen besser", erinnert sie sich.

Nach zwei Jahren Suche hat sich die Jung-Akademikerin bei einer privaten Journalistenschule im schwäbischen Reutlingen eingeschrieben - und zog wieder zu ihrer Mutter. 200 Euro im Monat kostet die einjährige Ausbildung, Schönwitz schreibt jetzt als freie Mitarbeiterin für Zeitungen und Magazine. "Inzwischen kann ich davon leben", sagt sie.

Riesige Kluft zwischen den Fächern

DER SPIEGEL

Zwischen dem Techniker und der Geisteswissenschaftlerin klafft ein Abgrund - während er problemlos in eine vielversprechende Karriere durchstartet, kämpft sie als Teil eines hoch gebildeten Lumpenproletariats ums wirtschaftliche Überleben. Die beiden Hochschulabsolventen zeigen, wie radikal der Arbeitsmarkt für junge Akademiker derzeit auseinander bricht: Über den beruflichen Erfolg entscheidet inzwischen vor allem das Studienfach.

Die große sozialwissenschaftliche Untersuchung zur Lage junger Akademiker, der "Studentenspiegel 2 - die Umfrage für Berufseinsteiger", zeigt in bisher nicht gekannter Breite: Mit der Einschreibung für ein bestimmtes Fach stellt jeder Abiturient bereits die Weichen für seine späteren Berufsaussichten, den Verlauf der Karriere und damit für sein ganzes Leben. Die Umfrage, an der 25.000 Absolventen teilnahmen, setzt die Studie "Studentenspiegel" fort, bei der im Jahr 2004 rund 50.000 Hochschüler in ganz Deutschland Auskunft über ihre Noten, Studiendauer, Sprachkenntnisse und Praxiserfahrung gaben.

Die aktuelle Online-Befragung von Hochschulabsolventen, die der SPIEGEL gemeinsam mit der Unternehmensberatung McKinsey durchgeführt hat, zeichnet ein umfassendes Bild der heutigen akademischen Berufsneulinge.

So liegt etwa das Anfangsgehalt bei Wirtschaftsingenieuren, Betriebswirten, Elektrotechnikern oder Mathematikern im Durchschnitt bei mehr als 3000 Euro pro Monat; Historiker, Germanisten oder Architekten hingegen nehmen am Anfang kaum 2000 Euro brutto mit nach Hause.

Mehr als ein Viertel aller Politologen, Sozialwissenschaftler und Historiker sucht nach dem Examen länger als ein halbes Jahr nach einer Stelle; die meisten Informatiker oder Maschinenbaueringenieure landen dagegen ruckzuck in Lohn und Brot: Gerade mal sechs Prozent unter ihnen halten sechs Monate oder länger Ausschau nach der passenden Betätigung.

Auch wenn ein Bewerber eine Stelle ergattert hat, unterscheiden sich die beruflichen Welten deutlich: Während unter den Ingenieuren, Informatikern und Betriebswirten über 90 Prozent der Berufseinsteiger gleich eine Vollzeit-Stelle besetzen, sind es in den Fächern Psychologie, Biologie oder etwa den Erziehungswissenschaften nur gut 50 Prozent.

Unter den BWLern, Wirtschaftsingenieuren und Wirtschaftsinformatikern haben rund zwei Drittel der Job-Frischlinge von Anfang an eine unbefristete Anstellung. In den Fächern Medizin und Biologie müssen sich dagegen fast 90 Prozent der Absolventen erst einmal mit Zeitverträgen herumschlagen.

Insgesamt lautet die Bilanz: Mit Blick auf einen erfolgreichen Berufseinstieg sind die technischen, wirtschaftswissenschaftlichen und einige mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer die klaren Gewinner. Als Verlierer stehen vor allem die Geisteswissenschaften da.

Ingenieuren fehlt der Nachwuchs

Doch die Situation ist paradox: Die Abiturienten bangen viel stärker als früher um ihren künftigen Job, selten waren die Aussichten für Absolventen technischer Studiengänge so gut - dennoch stagnieren die Anfängerzahlen in den Natur- und Ingenieurwissenschaften auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Die Geistes- und Sozialwissenschaften dagegen haben kaum Grund, über Nachwuchsmangel zu klagen.

"Unsere Ingenieure sind Weltspitze", sagt VDI-Direktor Willi Fuchs, "aber wir haben einfach nicht genug davon." Schon jetzt ist der volkswirtschaftliche Schaden durch die Technikverweigerung immens: An jeder Ingenieurstelle hängen geschätzte 2,3 weitere Arbeitsplätze, die durch den Mangel verloren gehen.

Muss nun also, wer sich immer schon zum Meeresforscher, oder Mediävisten berufen fühlte, zum Maschinenbau konvertieren, um später ganz sicher eine feste Stelle zu bekommen? "Niemand sollte gegen seine Neigung anstudieren", winkt Christoph Heine, Wissenschaftler am Hochschulinformationssystem (HIS) in Hannover, ab: Seine Studenten-Befragungen haben ergeben, dass diejenigen, die sich bei ihrer Fachwahl zu sehr von äußeren Motiven leiten ließen, ihr Studium häufiger abbrechen als jene, die aus reiner Neigung wählten.

Wie Heine rät auch der Wuppertaler Studentenforscher Markus Schölling von rein wirtschaftlich orientierten Studienentscheidungen ab. Der Soziologe geht sogar noch weiter: Nicht Arbeitsmarkt, Berufsberatung oder kurzfristige Interessen bestimmen das Studienfach - vielmehr, so Schölling, münden Herkunft und familiärer Lebensstil fast automatisch in eine bestimmte Studienentscheidung.

Jedes Studienfach ist ein "Sammelbecken für einen bestimmten Menschenschlag", behauptet Schölling. Es gibt einen Fachhabitus, der von einer Generation in die nächste geschleppt wird."

Ärzte und Juristen bilden Dynastien

Wer etwa aus einer Arzt- oder Juristenfamilie stamme, wählt laut Schölling seltener ein sozialwissenschaftliches Studium - und wird auch nicht Ingenieur. "Prestigeträchtige Fächer wie Jura oder Medizin werden gewählt, weil die Abiturienten an den Habitus gewöhnt sind", hat Schölling beobachtet. Wer medizinische Fachbegriffe vom elterlichen Abendbrottisch kenne, habe es im Studium leichter. "Bei wem das Fachwissen nicht auf vorbereiteten Boden fällt, der hat immer einen schlechteren Start", weiß Schölling.

Umgekehrt ist der Ingenieur ein typischer Aufsteigerberuf, die Studenten stammen häufiger aus nicht-akademischen Elternhäusern als angehende Ärzte, Anwälte oder Geisteswissenschaftler, und oft finden sich die künftigen Ingenieure erst nach Fachabitur und Berufsausbildung an der Hochschule ein.

"Gerade diese sozialen Schichten haben aber ein hohes Sicherheitsbedürfnis", erklärt HIS-Wissenschaftler Heine. Sieht es auf dem Arbeitsmarkt für Ingenieure schlecht aus, geht es mit der Studienbereitschaft bergab. So gingen von Mitte der neunziger Jahre bis zur Jahrtausendwende die Absolventenzahlen in den Ingenieurwissenschaften dramatisch in den Keller, in einzelnen Fächern sanken sie nahezu auf die Hälfte - der schwerste Einbruch bei der Anzahl der Ingenieurstudenten in der Nachkriegszeit.

Trotz des mittlerweile meist glatten Jobeinstiegs haben die technischen Berufe hierzulande ein Imageproblem: "Das Studium ist einfach noch nicht sexy genug", hat VDI-Mann Fuchs erkannt. Tatsächlich taugen Sätze wie: "Ich studiere Maschinenbau und beschäftige mich vor allem mit Steuerungstechnik" in Uni-Kreisen kaum als eindrucksvoller Partytalk.

Wer sich dennoch für ein Ingenieurstudium entscheidet, scheitert dann häufig auch noch an den hohen Ansprüchen: Jeder dritte Anfänger bricht das Studium ab. "Ich habe absolut kein Verständnis für Professoren, die damit prahlen, wie viele Studenten bei ihnen durchfallen", schimpft etwa Porsche-Chef Wiedeking. "Solche Horrorszenarien schüren bei jungen Menschen doch bloß die Angst vor technischen Fächern."

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Forum - Berufsstart - wie sind Ihre Erfahrungen?
insgesamt 372 Beiträge
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1.
Adran 21.06.2006
Nun, ja..mein berufsstart ist ja 5 jahre her..und ist ehr frustierend abgelaufen. Als Frischling, ohne berufserfahrung..kommen dann schnell die rückschläge. Zwar hat man den komischen wisch, wo drauf steht, dass man diesen beruf gelernt hat, aber es fehlt an "Berufserfahrug"..ergo man kommt überhaupt schwer in das berufsleben rein.. Ist man dann erstmal drin, geht es eigentlich halbsweg einfacher. Nur die zeit zwischen berufsausbildung und ersten job ist sehr ernüchternt..und man fragt sich schon, warum man überhaupt eine Ausbildung machen soll, wenn man eh zu hören bekommt, dass man berufserfahrung haben soll...Stellt sich die frage..wie man die sammeln soll, wenn man kaum eine chance bekommt? Stellt man diese frage..dann stehn die münder offen..tja..sollte einem zudenken geben..
2.
Elektro 21.06.2006
Ich finde die Antworten der befragten Personen allesamt eher traurig und unbefriedigend. Kann es denn wirklich sein, dass es das Ziel für ein erfüllteres Leben ist, mit weniger Schlaf auszukommen? So sehen also die "Opfer" einer extrem leistungsorientierten Gesellschaft aus.
3.
JoergB 21.06.2006
---Zitat von Elektro--- Ich finde die Antworten der befragten Personen allesamt eher traurig und unbefriedigend. Kann es denn wirklich sein, dass es das Ziel für ein erfüllteres Leben ist, mit weniger Schlaf auszukommen? So sehen also die "Opfer" einer extrem leistungsorientierten Gesellschaft aus. ---Zitatende--- Ja oder eher gesagt die Wunschkandidaten der Untenrnehmen. Arbeiten bis in die Puppen und glücklich dabei :)
4.
Pumo 21.06.2006
Ich bin erst seit 6 Monaten in meinem Beruf - und mir geht es in vielen Dingen ähnlich wie den Menschen in den Beiträgen. Man geht abends nicht mehr so selbstverständlich weg, muss mehr planen... Ich habe allerdings das "Glück", dass ich nur eine halbe Stelle (als Doktorandin) habe - und somit viele Freiheiten. Ich erlebe also gerade einen sehr sanften Übergang vom Studium zum Beruf. Für mich ist das perfekt. Mal sehen, wie es in drei Jahren aussieht, wenn ich meine Promotion abgeschlossen habe...
5. Berufsstart
ninaspiegel 21.06.2006
Also, bei mir lief alles recht reibungslos (vor drei Jahren), allerdings bleibt die finazielle Sorglosigkeit aus. Ich hatte mir immer gedacht, dass die Geldknappheit besser statt schlechter würde... Schade. Aber ich stehe ja noch am Anfang! ;-)Ansonsten wird man Stress-resistenter und entscheidungsfreudiger; und natürlich MÜDER! Aber was soll man sonst den ganzen Tag tun?
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