Deutschlands jüngster Bürgermeister: Der Drei-Stimmen-mehr-Mann

Von Tobias Lill, Schonungen

Wer hat den kleinsten Vorsprung im ganzen Land? Stefan Rottmann, 25, SPD, wurde in der bayerischen Provinz zum Bürgermeister gewählt - der jüngste in Deutschland. Die Schonunger erwarten viel von ihrem neuen Chef - denn schon als Schüler mischte der Jungspund seine Gemeinde auf.

Deutschlands jüngster Bürgermeister: Erst Banker, jetzt Politiker Fotos
Tobias Lill

Bereits als Drittklässler hatte Stefan Rottmann einen anderen Traumberuf als viele seiner Klassenkameraden im Städtchen Schonungen. Bürgermeister, schrieb er damals in Schönschrift in das Poesiealbum eines Mitschülers. Eineinhalb Jahrzehnte später ist er am Ziel.

Rottmann, 25, steht auf dem Rathausvorplatz seines Heimatorts. "Da werde ich bald sitzen", sagt Rottmann und zeigt auf ein hell erleuchtetes Zimmer im ersten Stock des Neubaus. Dann öffnet der junge Mann die schwere Türe des Gemeindezentrums.

Noch ist es ein symbolischer Schritt, nur für die Fotografen, die gekommen sind, um den Exoten vor seiner künftigen Arbeitsstelle zu fotografieren. Ein Sozi auf dem bayerischen Land löst einen CSU-Bürgermeister ab und wird dann, das bestätigt der Städte- und Gemeindebund, Deutschlands jüngster hauptamtlicher Bürgermeister sein.

In gut sechs Wochen nimmt Rottmann den Chefsessel der unterfränkischen 8000-Einwohner-Gemeinde ein. Mit hauchdünnem Vorsprung wählte ihn die Mehrheit der Schonunger am Sonntag zu ihrem neuen Bürgermeister. Drei Stimmen trennten den jungen Sozialdemokraten am Ende von seinem 61-jährigen Widersacher von der bayerischen Platzhirschpartei CSU.

Knapp gewonnen, und schon bayerischer SPD-Hoffnungsträger

Umgeben von Freunden und SPD-Genossen hatte der 25-Jährige am Wahlabend die Bekanntgabe der Ergebnisse verfolgt. Lange Zeit lag er vorne, doch am Ende waren die Prozent-Balken der beiden Kontrahenten auf der Ergebnistafel plötzlich gleich groß, 50 Prozent bei CSU-Kandidat Martin Oßwald, 50 bei Rottmann.

"2235 zu 2232 Stimmen - da schwitzt man ganz schön", sagt der adrette Jungpolitiker. Bis vier Uhr morgens hätten sie dann den Sieg gefeiert, "mit Spezi", denn um sich richtig gehen zu lassen, dafür war Rottmann der Vorsprung zu knapp: "Ich wusste ja nicht, was bei der Nachzählung der Stimmen noch herauskommt."

Am nächsten Tag habe er viel gegrübelt, wem er wohl die entscheidenden Stimmen zu verdanken habe. Dem Bäckerssohn? Oder der alten Frau, die ihm bei einem früheren Besuch noch die Türe vor der Nase zugeschlagen hatte, ihm diesmal aber wegen seiner beständigen Arbeit im Gemeinderat versprochen hatte, dann halt doch ihn, den SPD-Jungspund, zu wählen?

Freunde und Bekannte hatte Rottmann am Sonntagmittag noch einmal selbst angerufen, um sie an die Wahl zu erinnern: "Junge Menschen schlafen ja nach dem Weggehen gerne mal aus", und an einem verkatertern Bekannten sollte sein Projekt Jugendtraum nicht scheitern. Erst am Dienstagvormittag kam die erlösende Bestätigung, das endgültige Endergebnis stand fest, er hatte gewonnen.

Seitdem klingelt ständig das Telefon, bayerische SPD-Politiker gratulieren, "eines unserer größten politischen Talente", nennt ihn Bayerns SPD-Chef Florian Pronold. Denn aus Sicht der in Bayern seit Jahrzehnten in weiten Teilen des Landes marginalisierten Sozialdemokraten ist Rottmanns Erfolg nicht irgendein Sieg. Ein gutes Jahr vor der Landtagswahl soll er ein Symbol dafür sein, dass in Bayern für die SPD vielleicht doch was geht: Über "Deutschlands jüngsten Bürgermeister" schrieben schon mehrere bayerische Zeitungen. Das sind Schlagzeilen, die sie in der Münchner SPD-Zentrale gerne lesen.

Mit 18 Jahren wurde Stefan Rottmann SPD-Chef in Schonungen, seit 2008 ist er als stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat. Noch als Schüler schrieb er seine erste Petition an den Bundestag. Es ging um das Haus seiner Eltern, das auf arsenverseuchtem Boden stand, industrielle Altlasten aus dem 19. Jahrhundert. Im Jahr 2000 erfuhren die Eigentümer davon und sollten mit dem Wert ihrer Häuser für die Entsorgung des Giftes haften. Rottmann, damals 16, organisierte eine Großdemo und schrieb Briefe. 2006 gab der Freistaat nach: Die Grundstückseigentümer müssen nur für einen kleineren Teil der Entsorgungskosten aufkommen.

Erster Arbeitstag: Tag der Arbeit

Heute sagt Rottmann, er wolle vor allem "Politik für seine Heimatgemeinde machen". Das kann man ihm glauben, denn ohne seine Heimatverbundenheit hätte er den Job sicher nicht bekommen. Seit vielen Jahren spielt er Trompete im Schonunger Blasorchester und ist natürlich Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr.

"Glückwunsch", ruft ihm eine ältere Frau vor dem Rathaus zu und drückt Rottmann an ihre Brust. Rottmann guckt ihr etwas ungläubig hinterher. Die Ringe unter den blauen Augen und sein dunkelblonder Dreitagebart verraten, wie ihn der Erfolg durchgerüttelt hat, aber auch, dass der Wahlkampf davor harte Arbeit war. Ende der neunziger Jahre besuchte Rottmann in Schonungen die Hauptschule, dann die Realschule, machte das Fachabi und studierte parallel zu seiner Banklehre am BankColleg. Nun ist er Bankfachwirt, eine seriöse Erscheinung mit akkuratem Seitenscheitel, sein schwarzer Mercedes neu und sauber, bis auf die durcheinandergeworfenen Wahl-Flyer und Plakate im Fond.

Die Belastung der vergangenen Woche war groß, sagt er. Unter der Woche beriet er die Kunden in einer Schweinfurter Filiale der Volks- und Raiffeisenbank, samstags paukte er für den Studienabschluss und abends und an den Sonntagen fuhr und lief er durch die Gemeinde und ging auf Stimmenfang.

Sein Programm für das Städtchen am Main klingt ein wenig nach Piraten-Partei: Mehr Transparenz in der Verwaltung soll es geben, die Gemeinde soll in die sozialen Netzwerke. "Und vor allem müssen wir die Abwanderung stoppen", sagt Rottmann, und zeigt auf leerstehende Gebäude, an denen das Auto vorbeizieht. Es ist das alte Landproblem, die Jugend zieht weg. Darum will Rottmann Familien anlocken. Sagen das nicht alle Lokalpolitiker? Schon, sagt Rottmann, aber er glaubt, dass ihm seine Jugend und die Erfahrung aus dem Kampf ums elterliche Haus auch in seinem neuen Amt helfen können: "Damals habe ich kämpfen gelernt", sagt der Bürgermeister in spe. Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, kann der damit anfangen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ich wünsche ihm
huberwin 14.03.2012
viel Erfolg für seine Pläne...und ebenfalls beim Aufbau des kleinem Städtchens!
2. .
habsjaimmergesagt 14.03.2012
Schonungen ist zwar kein "Städtchen", sondern ein Dorf, aber das schmälert den Überraschungserfolg bei Leibe nicht. Offensichtlich wollte die knappe Mehrheit die übliche "Erbfolge" vom letzten alten CSU-Mann zu seinem genauso alten Stellvertreter und das unausgesprochene "einfach weiter so" nicht mehr! Viel Glück dem Ort und dem neuen Mann!
3. Super
anomie 14.03.2012
Glückwunsch, dann kann er sich ja per sofort schleifen lassen, dann ist er spätestens mit 30 der perfekte opportunist und kann profi werden.
4.
bindabei 14.03.2012
... es gibt auch einen Ein-Stimmen-mehr-Mann als Bürgermeister...
5. Glückwunsch
Rotbert 15.03.2012
Zitat von sysopWer hat den kleinsten Vorsprung im ganzen Land? Stefan Rottmann, 25, SPD, wurde in der bayerischen Provinz zum Bürgermeister gewählt - der jüngste in Deutschland. Die Schonunger erwarten viel von ihrem neuen Chef - denn schon als Schüler mischte der Jungspund seine Gemeinde auf. Deutschlands jüngster Bürgermeister: Der Drei-Stimmen-mehr-Mann - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,821233,00.html)
Tolle Leistung. Allerdings liegt die Wahrheit auf dem Platz. Dort gilt es, konservativen Politikstil zu verlassen. Der 1. Mai ist ein Feiertag. Erster Arbeitstag des neuen Ersten Bürgermeisters ist der 2. Mai.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Job & Beruf
RSS
alles zum Thema Bayern
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 9 Kommentare