Stephen-King-Dreharbeiten: Horror, der aus der Uni kam

Von Lars Gaede

Grusel-Großmeister Stephen King hat in seinem finsteren Herzen viel Platz für junge Filmemacher. Für Kleingeld verkaufte er Potsdamer Jungfilmern die Rechte an einer seiner Kurzgeschichten. Die kleckern nun in Kings Namen mit falschem Blut - und freuen sich schon auf das Feedback vom Horrormeister.

Gruseln lernen: Blutgeklecker im Namen des Horror-Meisters Fotos
Daniel Carsenty, HFF "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg

Nachts auf der Landstraße steuert der Romanautor Axel, blond, blass, Augenringe, seinen Wagen auf eine Tankstelle zu. Sie wirkt mindestens so verlassen und verloren wie er selbst. Er will nur kurz auf die Toilette, doch dann hört er den Schrei einer Frau. Es entspinnt sich eine Geschichte, in der Axel zum Protagonisten wird wie eine seiner Romanfiguren. Eine Geschichte, in der Axel mit einem Schraubenschlüssel zuschlägt, bis am Ende Blut daran klebt. Oder doch nicht?

Spätestens, als plötzlich der Regen stehenbleibt, wird Axel klar, dass irgendetwas nicht stimmt; Tausende Tropfen schweben in der Luft und damit die Frage: Phantasie oder Realität?

Schnitt!

Null Uhr, es ist kühl geworden am Set. Ein riesiger Filmscheinwerfer ist auf einen roten Audi 80 gerichtet und taucht die umstehenden Bäume in ein diffuses Zwielicht. Hier, im Hinterhof der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Potsdam, sitzt Student Félix Koch, 30, in seinem Regiestuhl und starrt auf einen matten Bildschirm. "Noch einmal", ruft er. Zum dritten Mal überholt ein Renault Clio den Audi der Filmfigur Axel. Die Beifahrerin schaut langsam in den stehenden Audi - auf der Leinwand dann einmal in Axels Gesicht, jetzt in eine Kameralinse. Félix Koch blickt vom Bildschirm auf, zufrieden. "Danke!"

Keine Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit

Es ist der letzte Drehtag für "Rest Stop". Die Potsdamer Filmstudenten produzieren eine Kurzfilm-Adaption der gleichnamigen Stephen-King-Geschichte um Axel und seine Horrorreise ins Reich der eigenen Phantasie, bei der es irgendwann keine Grenzen mehr gibt zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Es ist dieses Verwirrspiel, dieser dramaturgische Taschenspielertrick, den Stephen King so meisterhaft beherrscht, dass er zu einem der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart wurde - und zu einem verlässlichen Vorlagengeber für die amerikanische Filmindustrie. Mehr als 50 Geschichten des Horrorhandwerkers wurden verfilmt, den Anfang machte "Carrie" 1976, es folgten Klassiker wie "Shining" oder "Es". "Die Verurteilten" und "The Green Mile" waren mehrfach Oscar-nominiert.

Doch King liefert sein Blockbuster-Material nicht nur an die großen Studios in Hollywood, sondern manchmal eben auch an einen Haufen Studenten in einem Kiefernwäldchen in Potsdam.

"Diese Geschichte zu machen, ist ganz großartig", sagt Regiestudent Koch. "Man muss das ganze Schweizer Taschenmesser des Films nutzen, die Kraft der Bilder, Kamera, Sounddesign, Musik, um Gruseleffekte zu erzeugen." Bis zu 30 Leute arbeiteten am Set, die Vorbereitungen laufen seit April. Koch ist im achten Semester, "Rest Stop" ist sein letztes Projekt vor dem Abschlussfilm. Bevor er einen Platz an der Hochschule bekam, entwarf er Filmposter und DVD-Cover für Bernd das Brot. An der Hochschule drehte er einen Dokumentarfilm über Rechtsradikale, die sich im Gefängnis ihre Nazi-Tattoos entfernen lassen. Komödien, Dramen, Melodramen und jetzt also den Stephen-King-Stoff. Wenn alles klappt, hofft Koch, zeigen sie ihren 13-Minüter bei der Berlinale 2011.

Der Horror im Alltag

Das Geniale an King sei, dass er den Horror immer im Alltag entdecke, sagt Koch. "Nicht in irgendeiner Phantasiewelt, sondern im Hausflur, unterm Bett oder, wie im Original von "Rest Stop", eben an einer Raststätte. An Orten, zu denen jeder einen Bezug hat."

Auf der Suche nach einem passenden Drehort haben er und der Produktionsstudent einmal an einem verlassenen Autobahnparkplatz die Scheinwerfer ausgemacht und einfach nur gewartet. "Da kann man exakt beobachten, was anfängt, einen zu gruseln." Und genau diese Atmosphäre wollten sie auch in ihrem Film erzeugen.

Die Tankstelle für den Dreh fanden die beiden dann in Bad Liebenwerda, nachts geschlossen, das Vordach abgebrannt. Koch entwarf ein 3-D-Modell der Tankstelle, bestimmte am Computer die exakten Positionen für die Kamera, die Feuerwehr sorgte für den Regen, die Schauspieler froren die Nächte durch. Es hat sich gelohnt. Wenn sich Koch in einer Drehpause durch die Standbilder vom Tankstellen-Set klickt, wirkt er fast euphorisch. Er zeigt auf eines der düsteren Bilder: "Gruselig! Wenn Stephen King das sieht, wird er sehr zufrieden sein." Für Félix Koch ist "Rest Stop" schon der sechste Film, ein rein freiwilliges Projekt. "Die Vorstellung, dass sich Stephen King den Film ansehen wird, hat uns sehr gekitzelt."

Und sehen wird der Meister den Film garantiert - so wie alle Werke, die im Rahmen seines "Dollar Baby"-Projekts entstehen. Mit den "Dollar Babys" fördert Stephen King den filmischen Nachwuchs. Studenten können sich bei ihm für das Recht bewerben, eine seiner Kurzgeschichten verfilmen zu dürfen. Der Autor überlässt sie ihnen dann für den symbolischen Preis von einem Dollar.

Die Filme dürfen die Studenten zeigen, auf Festivals einreichen, nur die kommerzielle Vermarktung ist verboten. Es sei denn, Stephen King ist so begeistert von der Arbeit, dass er dem "Dollar Baby"-Regisseur eine Kooperation anbietet. So geschehen bei dem 20-jährigen Frank Darabont, der den Autor so sehr beeindruckte, dass der ihm anschließend weitere Stoffe anbot. Unter anderem "The Green Mile", den Darabont dann mit Tom Hanks besetzte.

Ganz so große Hoffnungen haben Félix Koch und seine Kommilitonen nicht. Aber eine Mail von Stephen King, das wäre schon was, sagt er. "Einfach nur 'Well done, guys' würde mir schon reichen." Dann muss er zurück zum Set, die letzten Szenen warten.

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insgesamt 4 Beiträge
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    Seite 1    
1. Darabont war bei "The green Mile" schon 40
Bas 29.09.2010
Da kann man ja mal gespannt auf das Ergebnis sein... Etwas unglücklich formuliert ist ein Abschnitt im Artikel: ---Zitat--- Es sei denn, Stephen King ist so begeistert von der Arbeit, dass er dem "Dollar Baby"-Regisseur eine Kooperation anbietet. So geschehen bei dem 20-jährigen Frank Darabont, der den Autor so sehr beeindruckte, dass der ihm anschließend weitere Stoffe anbot. Unter anderem "The Green Mile", den Darabont dann mit Tom Hanks besetzte. ---Zitatende--- Das hörte sich für mich so an als hätte Darabont "The Green Mile" kurz nach seinem 20. gemacht, 1999 war er aber schon 40...
2. Super
Loewenherz 29.09.2010
Einfach klasse, dass ein Autor, der es geschafft hat und sich um Geld keine Sorgen mehr machen muss, solch eine Aktion fährt. Leider nicht selbstverständlich. Und wenn es sich dabei um meinen Lieblingsautor handelt, noch besser :)
3. .
Miguel 29.09.2010
Zitat von BasDa kann man ja mal gespannt auf das Ergebnis sein... Etwas unglücklich formuliert ist ein Abschnitt im Artikel: Das hörte sich für mich so an als hätte Darabont "The Green Mile" kurz nach seinem 20. gemacht, 1999 war er aber schon 40...
Danke für den aufklärenden Hinweis, ich war ehrlich erstaunt als ich las, das dieser Film von einem 20 Jahre alten Mann gedreht worden sein soll.
4. Dabei sind Kings.....
Realo 29.09.2010
...Kurzgeschichten wirklich vom "Allerfeinsten" ! Nichts gegen seine Romane, ich liebe ES, aber durch die Arena quäle ich mich im Augenblick... Seine Kurzgeschichten sind einfach genial und wenn man es richtigt macht, reicht es für einen guten Kinofilm. Seine Romane sind vielfach so komplex das man sie gar nicht wirklich verfilmen kann und sich auf einen Handlungstrang konzentrieren muss. Dabei geht leider vieles der Wirkung verloren. Ich denke da an "the stand" oder "needfull thins". Die Bücher haben mir besser gefallen als die Filme.
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