Streetart-Praktikum: Kopieren für den Künstler

Von Anne Fromm

Über Zäune klettern, nachts sonderbare Plakate kleben, im Regen Graffiti analysieren - wer mit Bronco unterwegs ist, darf nicht zimperlich sein. Der Berliner Streetartist suchte eine Praktikantin und fand Christine Schäfer, 24. Die Fotografin weiß jetzt: Kunst ist schön, macht aber viel Büroarbeit.

Streetart-Praktikum: "Jung, dynamisch, aber sonst ganz in Ordnung?" Fotos
Anne Fromm

Der Arbeitstag von Christine Schäfer beginnt herzlich: eine Umarmung mit dem Chef, ein Kaffee zur Begrüßung. Aus den Boxen der kleinen Berliner Wohnung dröhnt HipHop, auf dem Holzfußboden liegen Pappen und Ausdrucke überdimensionaler Buchstaben. Christines Arbeitsplatz ist die kleine Wohnung von Streetartist Bronco. Zwischen Dusche und Wohnzimmer entstehen die Plakate, die Bronco und sie später in der Berliner Innenstadt aufhängen werden.

Seit September ist die 24-jährige Fotografin Praktikantin bei Bronco. Bisher half sie bei der Vorbereitung von Ausstellungen und öffentlichen Aktionen. Sie vertrat ihn bei einer Podiumsdiskussion zu Streetart, weil der Künstler nicht gern in der Öffentlichkeit auftritt. Momentan bastelt sie an großen Buchstabenschablonen für Broncos Sprüche.

Als Bronco seine Anzeige für einen Praktikumsplatz an Berliner Ampeln und Straßenschilder klebte, war er eigentlich gar nicht auf der Suche. Sie war zunächst nur als Provokation, als Persiflage auf billige Werbetexte gedacht: "Du bist jung, dynamisch, flexibel, aber sonst ganz in Ordnung? Dann schicke eine kurze Bewerbung, Foto und Lebenslauf." Ein bisschen "großkotzig" nennt er das heute. "Ich hängte die Zettel vor allem neben schlechte Streetart, nach dem Motto: Schau mal, hier kannst du lernen, wie das richtig geht."

Beim Praktikanten erwünscht: Wetterresistenz und ein Fahrrad

Statt gestandenen Künstlern meldeten sich Abiturienten und Studenten. Sogar aus Schweden kam eine Bewerbung. Blogs und Mund-zu-Mund-Propaganda hatten das Angebot bis ins Ausland getragen. 30 Bewerbungen erreichten Broncos Mailfach binnen weniger Tage. Überrascht von der Resonanz, entschied er sich, die Idee ernsthaft zu verfolgen.

Er schrieb einen Plan, wie das Praktikum aussehen könnte und was er vermitteln kann: in der Praxis technische Grundlagen von Streetart, von Stickern über Plakate bis zu Graffiti, Aktionen in den Straßen Berlins und die Planung von Ausstellungen. In der Theorie einen geschichtlichen Überblick über die Entstehung von Urban Art.

Voraussetzungen, die der künftige Praktikant mitbringen sollte: Wetterresistenz, ein Fahrrad plus die Bereitschaft, mit Hilfe der Räuberleiter Hindernisse zu überwinden. Bronco wies in seiner Anzeige darauf hin, dass manche seiner Aktionen illegal sind. Schließlich ist Plakatieren im öffentlichen Raum ohne Genehmigung nicht erlaubt, das Besprühen von Wänden schon gar nicht. Einige Interessenten antworteten mit Sprüchen wie: "Dann erst recht."

"Ein bisschen spielen gehen, bei Leuten, die mich umhauen"

Mit sechs Bewerbern traf sich Bronco zum Gespräch. "Teilweise hatten die Leute ganz andere Erwartungen an meine Arbeit", erzählt er. "Einer hob das Ganze auf eine sehr philosophische Ebene und wollte seine ganze Gesellschaftskritik loswerden. Eine andere hatte gerade ihr Kulturmanagement-Studium abgeschlossen und wollte Kunst fernab von Museen kennenlernen."

Christine Schäfer hatte die Praktikumsanzeige nicht richtig ernst genommen. Die Telefonnummer steckte sie ein, meldete sich aber erst nach drei Tagen bei Bronco. Beruflich wollte sie sich gerade neu orientieren und "ein bisschen spielen gehen, bei Leuten, die mich umhauen". Broncos Plakate kannte sie aus dem Stadtbild und hatte sich auch vorher schon mit Streetart beschäftigt.

Zum Bewerbungsgespräch trafen sich die beiden auf einer Parkwiese. Einige Tage später nahm Bronco Schäfer mit auf einen "Wahrnehmungsspaziergang", um sie in die Facetten der Urban Art einzuweisen. "Ich war überrascht, wo und in welchem Rahmen Streetart stattfindet. Bunte Graffiti fallen sofort auf, aber es gibt ja noch viel mehr: Papierschnitte, Kreide, Fliesen", sagt Christine.

Das Praktikum ist unbezahlt. Christine findet das nicht schlimm. Für sie stehen die Erfahrungen und Denkanstöße für ihre Arbeit im Vordergrund. Ob sie nach den drei Monaten bei Bronco selbst kleistert, sprüht oder Fassaden gestaltet, lässt sie offen. Ein paar kleine Ideen hat sie schon im Kopf. Aber erstmal steht Kopieren auf dem Plan.

Wenn die elfjährige Schwester wie Shakira tanzt

Im Copyshop und Papierladen sind die beiden schon bekannt. Die Verkäuferin begrüßt sie mit "Ihr wisst ja, wo alles steht". Zielsicher steuert Bronco auf ein Regal mit dicken Graupappen zu, Christine erklärt: "Wir brauchen genau die, weil die sehr stabil sind. Darauf kleben wir später die Buchstaben, so entstehen die Schablonen."

Die Streetartist-Arbeit ist nicht immer nur aufregend. Die Vorbereitung der Aktionen frisst viel Zeit. Als Christine Papier für die Poster besorgen sollte, telefonierte sie tagelang und landete schließlich in Druckereien, wo beim Zeitungsdruck immer Papierreste bleiben. Die Rollen lagern nun in Broncos Wohnung und warten darauf, besprüht zu werden.

Aber vorher geht's ans Kleistern. Broncos neuestes Poster ist zwei Meter hoch und trägt den Spruch: "I feel strange when my 11 year old sister dances like Shakira in front of my Step-father." Den Spruch hat er auch ins Türkische übersetzt und will das Poster in Kreuzberg plakatieren. Schäfer ist begeistert von der Idee und kann es kaum erwarten, beim Aufhängen dabei zu sein: "Je länger ich hier bin, desto mehr kribbelt es mir in den Fingern."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Ohjeh
Ein netter Netter 15.12.2009
Ohjeh, dank Berlin bekommen wir jetzt alle Ausprägungen dieser verwirrten Jugendkultur, die in anderen Großstädten schon längst, und zurecht, nur mit Gähnen quittiert werden. Das alles wurde woanders schon längst entlarvt. Bitte bitte, junge Leute, seid wieder jung, und denkt euch mal was wirklich Neues aus. Das Vorbild aller Streetartists, ein Langweiler namens Banksy, wird sehr schön hier verrissen: http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2006/sep/22/arts.visualarts Ansonsten kann ich zum Thema "angeblich spannende Jugendkultur" nur den Wash Echte Blog empfehlen.
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