Fehlende Uni-Streitkultur: Bitte, lasst die Fetzen fliegen
2. Teil: Wissenschaft im Wandel: Früher war mehr Zwist, heute regieren Fakten
"Wissenschaftlicher Streit ist heute deutlich erschwert", erklärt Professor Dr. Günter Stock, Chef der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und seit 2008 auch Präsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. "Früher gab es mehr Spekulationen über die richtigen akademischen Erkenntnisse, heute dagegen sind viel mehr Fakten bekannt", sagt Stock.
Die Ausdifferenzierung und Spezialisierung in den Disziplinen und die Zunahme von Faktenwissen schränkten sowohl die Themen als auch den Kreis derer deutlich ein, mit denen man noch streiten und debattieren könne. Wo früher anerkannte Experten auf Augenhöhe und mit gleichem oder ähnlichem Wissensstand um Erkenntnis rangen, wird es heute schwer bis unmöglich, die entsprechenden Streitpartner in ausreichender Zahl zu finden. "Natürlich werdend die Fachgebiete kleinteiliger und spezieller", bestätigt Wissenschaftshistoriker Friedrich Steinle, "aber die Streitpartner werden nicht weniger, sie sitzen nur irgendwo anders." Die weltweite Kommunikation über das Internet habe nur die personelle und räumliche Basis der Debatten verschoben. Man muss nicht mehr zu einer Tagung zusammenkommen, um sich miteinander im wissenschaftlichen Streit der Worte zu messen.
Doch die Krise der Debattenkultur wurzelt womöglich tiefer. Professor Dr. Dieter Simon, langjähriger Präsident der BBAW und 1997 Begründer der ausdrücklich dem Disput gewidmeten Zeitschrift "Gegenworte", vermisst jedenfalls schon seit Jahren die Lust am scharfen Argumentieren. "Ein bisschen Zustimmung, ein Hauch Zurückhaltung, eine Winzigkeit Achselzucken und Schweigen" - so beschreibt Simon die Reaktionen auf einen durchaus meinungsstarken Artikel zu Tierversuchen an Rhesus-Affen, geschrieben vor gut zehn Jahren von Hirnforscher Prof. Dr. Wolf Singer. "Der Kommunikationsgemeinschaft fehlen offenbar die Worte", analysiert Dieter Simon, "beim Tierversuch jedenfalls war die Streitkultur, wenn es sie denn überhaupt gibt, nicht anzutreffen. Anzutreffen ist der Autodialog, das Selbstgespräch jeder Gruppe mit sich und den Ihren."
Einen der Gründe für diesen so konstatierten Rückzug macht Günter Stock in dem permanenten Druck und der kontinuierlichen Beobachtung aus, unter denen Forscherinnen und Forscher heute stehen. "Political correctness wird bei öffentlichen Äußerungen von Wissenschaftlern immer wichtiger", sagt der BBAW-Präsident. Längst sei die Forschungswelt "getrimmt auf Planerfüllung" ,parallel dazu gebe es eine ständige Gutachterpräsenz. Günter Stock: "Da ist es doch nur verständlich, dass man sich vor einem pointierten Beitrag erst einmal überlegt: Mit welchem Gutachter könnte ich es mir hier verderben?" Schließlich gebe es die nachvollziehbare Befürchtung, der klare eigene Standpunkt könnte im schlimmsten Fall die Finanzierung eines Projekts oder die nächste Veröffentlichung gefährden.
Ganz anders nimmt das Professor Dr. Christoph Markschies wahr, bis 2010 Präsident der Humboldt-Universität und heute Vizepräsident der BBAW. "Die Lust zum Streit hat jedenfalls in den geisteswissenschaftlichen Fächern, die ich überblicke, überhaupt nicht nachgelassen. Nach wie vor gibt es ebenso heftige wie unterhaltsame, im wahrsten Sinne des Wortes geistreiche Auseinandersetzungen", sagt Markschies.
Selbst in Zeiten von beständiger Überbeanspruchung durch Studienreform und Exzellenzwettbewerb, des ständigen Abfassens neuer Berichte und Anträge und Ordnungen sei genügend Zeit für gepflegte oder erregte Streitigkeiten: "Das ist ein sehr beruhigendes Zeichen."
- 1. Teil: Bitte, lasst die Fetzen fliegen
- 2. Teil: Wissenschaft im Wandel: Früher war mehr Zwist, heute regieren Fakten
- 3. Teil: Strittige Wahrheitssuche: Beim Klima alles prima?
- 4. Teil: Diskussion im Internet: Kein Blog für alle Fälle
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