Fehlende Uni-Streitkultur: Bitte, lasst die Fetzen fliegen

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4. Teil: Diskussion im Internet: Kein Blog für alle Fälle

Kluge Köpfe: Große Vorbilder der Uni-Streitkultur Fotos
DPA

Trotzdem sagt Professor Dr. Peter Krammer, Immungenetiker am Deutschen Krebsforschungsinstitut: "Es ist eine zynische Einstellung, dass sich die Wissenschaft mit der Zeit selbst heilt." Er will gezielt die neuen Medien - und da vor allem wissenschaftliche Blogs - als Korrektiv in die Debatten der Forscher mit einbeziehen. Es müsse für Wissenschaftler eine Kontrollinstanz geben, und Blogs seien dafür "eine gute Möglichkeit". Funktionierende Beispiele gibt es: Auf der Seite "Retraction Watch" bloggen Wissenschaftsjournalisten über Studien, die zurückgezogen werden - häufig deshalb, weil erhebliche Zweifel an den publizierten Ergebnissen bestehen. Die Chronisten berichten über zurückgezogene Untersuchungen und verfolgen Fälschungsfälle.

Christoph Markschies hält das für gut, "weil Beiträge auch von Menschen gelesen werden können, die die entsprechenden Tageszeitungen und Journale nicht abonnieren, aber dafür am heimischen Schirm lesen können". Besonders netzaktiv sind die Vertreter der Volkswirtschaftslehre. Princeton-Ökonom und Nobelpreisträger Professor Dr. Paul Krugman bloggt ebenso wie sein Kollege Gary Becker. "Blogs haben große Auswirkungen auf die Verbreitung von Forschungsergebnissen", stellen die Weltbank-Ökonomen David McKenzie und Berk Özler in einer Untersuchung englischsprachiger VWL-Blogs fest: Studien werden auf diese Weise häufiger gelesen und aktive Blogger werden schneller als wichtige Diskutanten wahrgenommen.

Einschätzungen, die in Deutschland auf Skepsis stoßen. "Es täte vielen Debatten manchmal gut, wenn man auch mal ein paar Tage nachdenkt, bevor man sich äußert", fasst Wissenschaftshistoriker Friedrich Steinle die Kritik pointiert zusammen: "Blogs und Mails wirken als Beschleuniger, und das führt nicht unbedingt zu mehr Qualität." Auch Günter Stock will die wissenschaftliche Streitkultur nicht über das Internet beleben.

"Streit und Kampf entzündet sich immer dann, wenn man die engen Grenzen festbetonierter Disziplinen verlässt", sagt der Akademie-Präsident und fügt hinzu: "Erst der Dialog über Fachgrenzen hinweg sorgt für intellektuellen Funkenflug." Diese Räume - ganz real - bereitzustellen, in denen gestritten und hart debattiert werden könne, sei originäre Aufgabe der Akademien: "Wir bieten den Rahmen für physische Begegnungen, bei denen fachlich fundiert Auge in Auge gestritten werden kann und soll." Dieser persönlich ausgetragene Disput, der Wettstreit zwischen Argumenten, sei online nicht zu ersetzen, sagt Günter Stock: "Problemorientierte Debatten bedürfen menschlicher Nähe - das ist meine feste Überzeugung."

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Freiheit für Forschung und Lehre!
strixaluco 16.05.2012
Warum streiten Forscher nicht mehr richtig... Vielleicht auch, weil sie sich berechtigtermaßen nicht trauen. Wer auf Drittmittel oder die Verlängerung einer befristeten Stelle angewiesen ist, kann es sich eben nicht leisten, steile Thesen aufzustellen - auch wenn das oft die Sache wesentlich weiter bringen würde. Freiheit in der Forschung kann es nur geben, wenn eine gewagte oder auch eine gelegentliche irrtümliche Behauptung keine existenzielle Bedrohung ist - Irrtümer gehören notwendigerweise zum Erkenntnisprozess dazu! - Und wozu die Angst vor dem Internet? Kein Mensch wird gezwungen, täglich auf Twitter Verbaldiarrhoe abzugeben. Man kann sich seine Meinung fürs Internet genauso überlegen wie fürs Gedruckte - nur kommt sie besser an, wenn man sie dort unterbringt!
2.
Olaf 16.05.2012
Zitat von sysopDer wissenschaftliche Streit gilt als Keimzelle im Erkenntnisprozess. Er trennt die Spreu vom Weizen, schärft den Geist und ohne den Disput wäre die Wissenschaft wohl verloren. Das Hochschulmagazin "duz" fragt, ob Forscher heute wirklich noch so diskutieren, wie sie sollten. Streitkultur an Universitäten: Forscher haben das diskutieren verlernt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,830143,00.html)
Was wir brauchen ist eine Diskussionskultur, keine Streitkultur. Die haben wir. Es mangelt uns am zuhören, nicht am reden. Wissenschaftliche Arbeit ist heute zu großen Teilen ideologisch besetzt ist. Gerade die im Artikel genannten Felder Klimawandel, Tierversuche, Atomkraft und Gentechnik gehören dazu. Diese Themen sind hochgradig emotional aufgeladen. Da ist schon vor Beginn einer Diskussion klar, wer Gut und wer Böse ist. Da findet doch kein Austausch von Argumenten statt und zugehört wird da erst recht nicht, wenn schon von vorne herein klar ist, dass es um moralische Fragen geht. Die Naturwissenschaftler müssen sich wieder von der Politik und ihren ideologischen Denkverboten lösen, sonst ist kein freier Diskurs möglich. Wissenschaftler dürfen sich nicht durch die Moralvorstellungen ihrer Zeit fesseln lassen. Das wäre eine Charles Darwin nicht würdig. Es geht darum die Welt so zu erkennen wie sie ist und nicht wie sei nach Meinung der gesellschaftlichen Mehrheit sein sollte.
3. optional
achim33 16.05.2012
Ich kann ein abebben der Streitkultur nicht nachvollziehen. Bestenfalls eine Verlagerung. Siehe auch der Flamewar zwischen Tanenbaum und Torvalds über den richtigen Umfang von Betrietssystemkerneln in den 90ern. Desweiteren: srsly, muss diese Registrierungspflicht für Kommentare sein? Ein Captcha sollte es auch tun gegen Spam.
4. Streit ist eine Form der Diskussion
strixaluco 16.05.2012
Zitat von OlafWas wir brauchen ist eine Diskussionskultur, keine Streitkultur. Die haben wir. Es mangelt uns am zuhören, nicht am reden. Wissenschaftliche Arbeit ist heute zu großen Teilen ideologisch besetzt ist. Gerade die im Artikel genannten Felder Klimawandel, Tierversuche, Atomkraft und Gentechnik gehören dazu. Diese Themen sind hochgradig emotional aufgeladen.
Eigentlich beschreiben Sie doch genau das, was die Autoren auch sagen: es wird diskutiert, aber der Kontroverse aus dem Weg gegangen - weil man Angst hat, den Kürzeren zu ziehen, denn die aktuelle Form des Wettbewerbs in der Wissenschaft begünstigt Opportunismus in allen Varianten. Viele wollen einfach nur irgendwie ihr Auskommen retten, und um die Sache geht es nur noch am Rande. Um manches müsste man gar nicht emotional werden, wenn nicht die Karriere dran hängen würde! Und, ganz ehrlich, ich glaube, die meisten hören durchaus zu, aber sie trauen sich nicht, sich mit dem Gehörten wirklich kritisch auseinanderzusetzen und schon gar nicht, eine Antwort zu geben. Streit ist eine notwendige Form der Diskussion, wenn diese vorwärts führen soll. - Man kann auch sehr zivilisiert und mit viel Spaß streiten.
5. Problemorientierung
caecilia_metella 16.05.2012
Günter Stock: "Problemorientierte Debatten bedürfen menschlicher Nähe - das ist meine feste Überzeugung." Meine ist es nicht, und Überzeugungen anderer sind es auch nicht vorrangig, die mich interessieren, wenn ein Problem diskutiert werden soll. Ich will nicht von der Meinung eines anderen überzeugt werden, sondern mir eine eigene bilden. Wenn ein Problem diskutiert werden soll, dann ist es mitunter aus bestimmten Perspektiven sehr hilfreich, wenn man die Person des Gegenübers nicht kennt, sondern nur das, was er äußert. Wenn ich den Namen Günter Stock lese, muss ich zum einen voraussetzen, dass er bei Mitdiskutierenden bekannt ist, die dann vermutlich auf mich einhämmern werden, wenn ich es wage, seine Meinung zu kritisieren. (Andererseits weiß ich aber auch, dass er kein unscheinbares Wesen war. Er hätte schon lange auf die Streitkultur achten können.) Ein Student wird anders mit einem Professor reden als ein Professor mit einem Studenten. Ein Abhängiger redet anders mit seinem Herrn als ein Herr mit seinem Abhängigen. Ein Mann redet anders mit einer Frau als eine Frau mit einem Mann. Ein Mann redet anders mit seiner Frau als eine Frau mit ihrem Mann. Eine Frau redet anders mit Männern als Männer mit dieser Frau. ... Vorurteile. Einstein war wirklich ein Genie.
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