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Studenten beim "Elevator Pitch": Lifting für die Karriere

Von Daniel Kastner

Stell dir vor, du triffst deinen Chef im Fahrstuhl und hast nur wenige Augenblicke, ihn von deiner Idee zu überzeugen. In Leipzig wetteifern Studenten und Jungunternehmer beim "Elevator Pitch", wer der beste Lift-Laberer ist - und hoffen auf Geldgeber und einen Karriereschub.

"Elevator Pitch"-Wettkampf: Survival of the quickest Fotos
Daniel Kastner

Sie lehnt am Geländer und schaut hinunter auf die Bühne, die sie gleich erklimmen muss. "Mir schlägt das Herz bis zum Hals", sagt Amelie Becker, 25, Master-Studentin an der Universität Leipzig. Sie ist die fünfte von elf Kandidaten an diesem Abend, und ihre größte Sorge ist, dass sie mit ihren Stöckelschuhen stürzen könnte, vor fast 400 Gästen, vor dem britischen Botschafter, vor der Creme der sächsischen Wirtschaft, vor Politikern, Professoren und Investoren, vor all diesen potenziellen Kontakten.

Unten hält Leipzigs Wirtschaftsbürgermeister eine Ansprache auf Englisch, die Günter Oettinger zur Ehre gereicht hätte. Auf einer Leinwand laufen Twittermeldungen durch, rechts auf der Bühne steht ein Fahrstuhl.

In den muss Amelie Becker gleich einsteigen. Dann hat sie drei Minuten Zeit, um ihre Geschäftsidee vorzutragen. Ohne Manuskript, auf Englisch, gegen die Uhr. Das da unten ist die "11. Mitteldeutsche Elevator Pitch Night". Die Idee dahinter: Stell dir vor, du triffst deinen Chef im Aufzug; Du willst ihm deine Geschäftsidee verkaufen oder ihn von einer Beförderung überzeugen - und hast nur so lange Zeit, bis er wieder aussteigt.

Es ist Geschäftsdarwinismus in Reinform: Survival of the quickest. Das Konzept stammt aus den USA. Studenten amerikanischer Business Schools trainieren das verdichtete Selbstmarketing, es zwingt zur radikalen Vereinfachung. Am Massachusetts Institute of Technology wetteiferten im vergangenen Jahr 300 Teams um den Titel der besten Lift-Laberer. Im Publikum sitzen dann schonmal Investoren und Personalchefs.

Auf der Jagd nach Kontakten

An ihrer Geschäftsidee bastelt Amelie schon seit zwei Jahren, zusammen mit einem Kommilitonen: eine Mischung aus Stadtführer und Kinderhörspiel. Fiktive Geschichten sollen Kinder für reale Orte begeistern - Gangsterjagd in der Thomaskirche, Kidnapping hinterm Völkerschlachtdenkmal. Den Hörspiel-Prototypen will Amelie als Teil ihrer Masterarbeit einreichen. Bis zum Herbst soll die eigene Firma unter dem Namen "klangumfang" gegründet sein; bis dahin suchen sie Partner, Kontakte und Investoren. Wer ihnen eine Mail schreibt, landet sofort auf ihrer Xing-Liste.

Amelie trägt Pflaster in den Stöckelschuhen, ein Tipp ihrer Mitbewohnerin, das helfe gegen Blasen. Ein letzter Blick in den Spiegel, ein letzter Schluck Prosecco. "Was jetzt nicht sitzt, sitzt auch auf der Bühne nicht mehr", sagt sie.

Unten, auf der Bühne, gerät eine von Amelies Fahrstuhl-Konkurrentinnen ins Schleudern: Die Kandidatin heißt Annika und sucht weder Investoren noch Kontakte für eine neue Geschäftsidee, Annika sucht neue Kunden für ihr Enthaarungsstudio.

Ein Laufsteg für Jungunternehmer

Solche Veranstaltungen sind der Laufsteg für junge Existenzgründer. Während angehende Naturwissenschaftler sich bei Science Slams präsentieren, zeigen bei der "Elevator Pitch Night" künftige Betriebswirte und Jungunternehmer, was sie können.

Bei Kandidat Zwei rätselt das Publikum, was er da eigentlich vorstellt.

Nervös müsste Amelie nicht sein, gerade erst hat sie mit ihrer Idee einen sächsischen Förderpreis abgestaubt. Außerdem hat sie sich akribischer vorbereitet als die Konkurrenz. Beim Vorbereitungs-Workshop letzte Woche hatte sie als einzige schon ein Drei-Minuten-Statement parat. Jeden Abend hat sie vor dem Spiegel geprobt, ihr Kommilitone stoppte die Zeit. Sie strich Passagen, markierte Worte, schmiss das Konzept wieder um.

Kandidat Drei verliert den Faden.

350 neue Visitenkarten hat Amelie drucken lassen, "für die Häppchenfront", das Buffet nach der Show, für Kontakte, Kontakte, Kontakte. "Ich mach das ja nicht nur zum Spaß", sagt sie.

Kandidat Vier hat einen schweren sächsischen Akzent.

Eigentlich hat Amelie gar keine Zeit für den Elevator Pitch. "Die Abschlussarbeit, der Prototyp, die Vorbereitung auf die Selbständigkeit. Die Woche war ganz schön knackig, viel geschlafen haben wir nicht." James Parsons hat sie überredet; er ist Leiter einer Englisch-Schule in Leipzig und veranstaltet die Leipziger Fahrstuhl-Nacht, wirbt damit auch für seine Kurse und Workshops.

Amelies Auftritt: In der letzten Minute verhaspelt

Parsons kündigt Amelie an.

Amelie stolpert nicht. Sie betritt den Fahrstuhl. Parsons streckt sich neben ihr, er drückt einen Schalter über ihrem Kopf für den Countdown über ihr. "Three minutes start... now!" Nur das Publikum sieht die Zeitanzeige.

"I want you to imagine the following situation." Amelie spricht über genervte Eltern und quengelnde Kinder, die keine Lust haben auf Stadtrundfahrten und muffige Kirchen. "But not any more." Noch zweieinhalb Minuten. Der Appell an die Eltern zieht immer, das weiß sie schon.

Noch eine Minute. Irgendwer twittert schon Amelies gelungenen Auftritt. Und ausgerechnet jetzt verhaspelt sie sich, sucht ein Wort, der Satz bricht ab. Sie setzt neu an, lächelt angestrengt, die Röte schießt ihr in die Wangen, jetzt läuft sie auf Autopilot, das Konzept ist futsch, Amelie improvisiert, verheddert sich in Kleinigkeiten. Die Zeit rennt, noch 30 Sekunden. "Meet me at the bar", das wird sie noch los, dann geht das Licht wieder an, Parsons hilft ihr aus dem Fahrstuhl. Amelie verlässt die Bühne unter wohlwollendem Applaus, aber sie schaut dabei, als habe sie einen Geist gesehen.

The show must go on

Amelie atmet durch. Okay, sie hat zwischendurch den Faden verloren, aber das geht fast allen Pitchern so. The show must go on. Nummer Acht hämmert einen Monolog ins Publikum, Nummer Neun hält sich am Mikrofon fest, Nummer Zehn benutzt Kriegsvokabeln, "attack", "conquer", "battle".

Die Jury zieht sich zur Beratung zurück. Jemand hat Amelie ein Glas Wasser gebracht. Ihr Kommilitone, ihre Schwester und ihr Freund klopfen ihr auf die Schulter.

Die Preisverleihung naht, der beste Pitch kam - nicht von Amelie. Es gewinnt ein Kandidat mit einem Buchhaltungskonzept. Dann aber folgt der Preis für die beste Geschäftsidee, "and the winner is Amelie Becker!" Unter dem Jubel des Publikums nimmt Amelie auf der Bühne eine Kiste voller Schokolade entgegen.

Annika, die Frau mit dem Enthaarungsstudio, gewinnt den "Medienpreis für die beste Geschichte".

Der Publikumspreis geht wieder an Amelie, wieder gibt es eine Kiste. Außer Schokolade bekommt sie ein Coachingseminar, ein Romantikdinner für den Valentinstag und 500 Euro. Doch das sind Peanuts, Amelie will ja Kontakte knüpfen.

Vor der Bühne fällt sie ihrem Freund um den Hals. Zwei Preise an einem Abend! Ihre Wangen glühen noch stärker als nach dem Pitch. Erste Interessenten schwirren um sie herum, doch sie holt erstmal ihre Handtasche, wegen der Visitenkarten. Das Buffet ist eröffnet, aber Amelie kommt nicht durch.

Zwei Stunden später sitzt sie blass neben den Lachshäppchen und stochert in kalten Tagliatelle herum. Es ist, als gebe sie Audienzen, alle zwei Minuten sitzt jemand anderes neben ihr, Journalisten, Fotografen, Unternehmer. Amelie lächelt müde, erläutert zum gefühlten hundertsten Mal ihre Geschäftsidee.

In ihrer Handtasche liegen 50 neue Visitenkarten. "Ich fühle mich großartig", sagt Amelie.

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insgesamt 67 Beiträge
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    Seite 1    
1. Folge von Bachelorprogrammen
twixok 04.02.2011
Na wenn das mal nicht die Folge von Bachelor- und Masterprogrammen ist. Zeit ist kaum noch vorhanden, nur noch Leistungsdruck und Zeit ist Geld.
2. Die...
fatherted98 04.02.2011
...akademische Elite übertrifft sich wieder mal selbst mit guten Ideen. Hoffentlich vergessen die Damen und Herren nicht auch mal Rechtschreibung und das kleine 1x1 zu pauken...sonst wirds nix mit der Labberei.
3. .
HighFrequency 04.02.2011
Zitat von sysopStell dir vor, du triffst deinen Chef im Fahrstuhl und hast nur wenige Augenblicke, ihn von deiner Idee zu überzeugen. In Leipzig wetteifern Studenten und Jungunternehmer beim "Elevator Pitch", wer der beste Lift-Laberer ist - und hoffen auf Geldgeber und einen Karriereschub. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,743099,00.html
Na ja, wer auf Selbstprostitution steht, für den ist das vielleicht das richtige. Allen anderen kann dieses Treiben nur ekelhaft vorkommen.
4. Dummlaberei
Niamey 04.02.2011
Zitat von fatherted98...akademische Elite übertrifft sich wieder mal selbst mit guten Ideen. Hoffentlich vergessen die Damen und Herren nicht auch mal Rechtschreibung und das kleine 1x1 zu pauken...sonst wirds nix mit der Labberei.
Genau auf den Punkt gekommen! Und mehr als Laberei wird es dort wohl auch nicht sein, wenn ich mir ansehe was bei uns die letzten Jahre so alles an Praktikanten etc. durchgelaufen ist.
5. w. vollschwallen..
visitor_2007 04.02.2011
Wenn ich mit dem Fahrstuhl von Stockwerk A nach Stockwerk B fahre, warte ich eigentlich nicht auf Input, sondern bin z. B. auf dem Weg zu einer Besprechung, Treffen, was auch immer. Während ich also diese letzte Vorbereitungszeit nutze, kommt ein sog. Potential, ein noch nichts geleistet Habender und will mir ein Gespräch aufzwingen. Da ich nichts Besseres zu tun habe, ist mir mein ursprüngliches Ziel auch völlig egal...Ganz ehrlich Freunde der Sonne: buchstabiert mal das Wort Anschiß..
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