Studenten im Optimierungswahn: Karriere, Karriere, Knick

Von Klaus Werle

2. Teil: Warum die Anna-Lenas auf die Nase fallen können

Was Bologna nachweisbar geschmälert hat, ist die Zeit (und Lust) fürs außeruniversitäre Engagement oder auch fürs Auslandsjahr. Der Jetzt-Student betrachtet Studieren als Job, verzichtet auf intellektuelles Sich-Ausprobieren und Weltverbessern. Doch gerade der Hang, das zu tun, was (scheinbar) gerade nachgefragt ist (und was deshalb alle tun), hindert ihn, ein eigenes Profil zu entwickeln. Der Optimierungsmodus wird zur Barriere vor dem eigentlichen Ziel: herauszuragen aus der Masse.

Welchen Job Anna-Lena anstrebt? Sie zuckt mit den Schultern, hat bei all den Praktika keinen Beruf gefunden, der ihr gefällt. Die Steuerkanzlei - zu trocken. Der Konsumartikler - "soll ich mein Leben lang Weichspüler verkaufen?" Die Wirklichkeit kann kaum mithalten mit dem perfekt ziselierten Lebensplan. Oder sie hat sich darüber tatsächlich noch keine Gedanken, sondern immer nur den nächsten Haken im Lebenslauf gemacht. Sich breit aufstellen, alles aufs große Ziel ausrichten - auch wenn es im dichten Nebel liegt.

Anna-Lenas Gegenüber im Bewerbungsgespräch heißt Stephan Jansen, Präsident der Zeppelin-Uni. Der Enddreißiger will ihr eine Brücke bauen: Könnte sie frei wählen, wie sähe dann ihr Leben aus? Anna-Lena guckt ratlos. Schule, Praktika, Bachelor - immer war sie top, hat Erwartungen übertroffen. Indes: Immer konnte sie sich an Erwartungen orientieren. Was sie selbst will, war selten Thema. "Frei wählen? Das ist doch ein Trick, oder?", fragt sie und lächelt verschwörerisch.

Wanted: Menschen mit Köpfchen und Neugier

In seinem Buch "The Rise of the Creative Class" zeigt der US-Ökonom Richard Florida, wie entscheidend Kreativität für wirtschaftlichen Erfolg ist. Was aber für Volkswirtschaften gilt, gilt in der wissensbasierten Ökonomie erst recht für den Einzelnen: Das Ausgefallene, das besondere Talent machen seinen Erfolg aus. Denn mangelt es etwa der Welt von morgen an Standards, an reproduzierbarem Wissen? An Leuten, die vorgegebene Muster rasch und präzise ausfüllen?

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Vorsicht, Studentenfalle: Lost in Perfection

Eher nicht. Woran es fehlt, sind Menschen mit Köpfchen und Neugier. Die mit Kreuzungen, Sackgassen und Umleitungen umgehen können - nicht nur mit Einbahnstraßen. Die mit individuell Besonderem statt mit Mainstream-Wissen überzeugen. Das lernt man nicht, indem man einen normierten Ausbildungskanon im Rekordtempo absolviert.

Viele Studenten galoppieren mit voller Kraft in die Perfektionismusfalle: Wenn es stimmt, dass wir lebenslang lernen müssen, dass Denken in komplexen Zusammenhängen die Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts ist - dann ist eine Optimierung anhand vermeintlich verbindlicher Karriereideale ein Irrweg. Wer all sein Wissen und Talent dafür einsetzt, wird bei den wirklichen Herausforderungen versagen: Innovation, unorthodoxe Lösungen, vernetztes Denken sind exakt jene Felder, auf denen Berufseinsteiger sich beweisen und herausragen könnten.

"Sie verlernen, selbst zu denken"

Diese Fähigkeiten fehlen Anna-Lena. Und auch anderen Bewerbern an der Zeppelin-Uni. Morgens hatten sie zusammen eine Firma besucht, die Büroeinrichtungen verleast und zugleich eine große Kunstsammlung besitzt. Synergien sollten sie entwickeln und brüteten zweieinhalb Stunden über ihren Folien. Doch kein einziger von 70 Master-Kandidaten kam auf eine originellere Idee als "Imagepflege".

Uni-Präsident Jansen ringt um Fassung. "Wir haben Büro-Leasing", sagt er langsam, als spräche er zu Zweijährigen, und betont "Leasing", "wir haben Hunderte Gemälde, die im Keller verstauben. Was fällt Ihnen dazu ein?" Anna-Lena spielt an ihren Perlenohrringen, sieht jetzt aus wie ein waidwundes Reh. "Gemälde-Leasing" kommt ihr nicht in den Sinn. "Auf die Frage bin ich nicht vorbereitet", erwidert sie. "Was wollen Sie denn von mir hören?" Jansen sagt: "Es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich will, dass Sie selbst überlegen."

Was ihn wurmt: Brav gingen alle Bewerber die Materialien durch. Aber niemand befragte die Firmenmitarbeiter und sammelte weitere Informationen. "Die lernen das, was man ihnen sagt: schematische Tools, stures Anwenden, Rezepte statt Reflektion", sagt Jansen. "Dabei verlernen sie, selbst zu denken."

Einzigartigkeit, seriell produziert, wird uniform. Statt sich wahllos Fähigkeiten anzueignen, die vielleicht wichtig sein könnten, wird eine Frage tatsächlich wichtig: Wer bin ich? Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt hat weniger mit Qualifikation zu tun als mit Identität und Selbstbewusstsein. Eine schlechte Nachricht für Anna-Lena. Und für alle, die auf die Blaupause des perfekten Studiums vertrauen.

Der Beitrag ist ein Auszug aus Klaus Werles Buch "Die Perfektionierer" (siehe Kasten links). Zuletzt: Der stressige Alltag der Very Important Babys sowie Karriereturbo mit Fehlzündung

  • Lesen Sie demnächst: Kapitalismus der Gefühle - wie mit dem Drang, moralisch perfekt zu konsumieren, Geld verdient wird

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 164 Beiträge
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1. Nachdenken
Cienne 03.02.2010
Schöner Artikel, sollte zum nachdenken anregen.
2. ...
Currie Wurst 03.02.2010
Die so gedrillt worden sind, sitzen heute schon in diversen Chefetagen und statt Imagepflege heißt deren Patentlösung Kostensenkung. Etwas böser ausgedrückt: Personalabbau. Kreativität glatte Fehlanzeige, Ichorientierung im Überfluss vorhanden. Ich seh´s in meinem Nachbarbüro: da sitzen wie in einer Legebatterie lauter graue kleine Wirtschaftsprüfer-Mäuslein in ihren Kostümchen und fühlen sich so wichtig, dass sie keine Zeit mehr haben, guten Morgen zu wünschen. Bei denen deutet rein gar nichts auf ein einigermaßen ausgewogenes und interessantes Privatleben hin - immer nur Trolley und saure Miene. Vielleicht ist es die Gnade der frühen (aber nicht zu frühen...) Geburt, dass einem selbst so etwas stromlinienförmiges erspart geblieben ist.
3. .
john mcclane 03.02.2010
Der Aussage des Autors, das oft eher die krummen Wege zum Erfolg führen, kann ich nur bedingungslos beipflichten. Ich habe eine kaufmännische Ausbildung (Industriekaufmann) bei einem Energiekonzern absolviert, habe dann dort noch etwa zwei Jahre im Immobilienmanagement (eigentlich total fachfremd) gearbeitet, und bin dann, nachdem unsere Abteilung an einen lupenreinen Immo-Konzern outgesourced wurde, arbeitslos geworden. Die Arbeitslosigkeit wollte ich als Chance nutzen und habe mich an der FH Aachen für ein bewußt generalistisches BWL-Studium eingeschrieben. Nach drei Semestern verließ ich diese glorreiche Institution wieder (zu den Gründen habe ich mich in anderen Foren bei SpoN hinreichend geäußert). In dieser Situation bekam ich von einer Zeitarbeitsfirma das Angebot, erstmal auf befristeter Basis bei einem großen Versicherungskonzern in der Wertpapierabwicklung zu arbeiten. Ich wollte erst ablehnen, weil ich keine bank- oder versicherungsspezifische Ausbildung hatte, wurde aber von der freundlichen Mitarbeiterin der Zeitarbeitsfirma ausdrücklich dazu ermuntert. Langer Rede kurzer Sinn: Ich wurde in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen, für einen Job, von dem ich vor Jahren im Traum nicht daran gedacht hätte, ihn einmal zu machen. Natürlich ist auch dieser nicht in Stein gemeißelt, aber wenn ich noch mal arbeitslos werden sollte, dann weiß ich jetzt wie es geht: einfach mutig bewerben, offen sein für neue Herausforderungen, diese annehmen, den Verstand benutzen, das ist schon die halbe Miete, da muß man seinen Lebenslauf nicht mit Praktika bei Seehundrettern tunen...
4. -
Alex066 03.02.2010
Von der Kita bis nach dem Studium alles bestens durchgeplant, das wird doch von Staat und Spiegel stark gefördert. Jetzt hier ein melancholischer Artikel, nicht wirklich ehrlich.
5. puh
tobolinio 03.02.2010
mir wird bei solchen Anna-Lena Geschichten immer körperlich richtig schlecht. Für mich geht das in eine Orwelsche 2984 Richtung, dieser Drang nach Stromlinienform, nur leider machen die Menschen das scheinbar freiwillig, oder halt irgendwie manipuliert von den Erwartungen ihres Umfelds. Und dieser Naive Traum von einem erfüllten lukrativen Bürojob???? Ich hab diesen Job von dem die Studis träumen, nur glücklicher macht der mich sicher nicht!
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Zum Autor
Klaus Werle, Jahrgang 1973, studierte Geschichte, Anglistik und Germanistik in Heidelberg und Exeter. Er ist Absolvent der Henri-Nannen-Journalistenschule und heute Redakteur beim manager magazin. Sein Buch "Die Perfektionierer" zeigt, warum das permanente Optimieren in Ausbildung, Beruf und Alltag längst nicht immer die erhofften Vorteile bringt - und wer davon profitiert.
Buchtipp
Klaus Werle:
"Die Perfektionierer"
Warum der Optimierungswahn uns schadet - und wer wirklich davon profitiert.

Campus Verlag; 256 Seiten; 19,90 Euro.

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