Studenten im Optimierungswahn: Karriere, Karriere, Knick

Von Klaus Werle

Studenten machen sich selbst zum passgenauen Firmenfutter. Ultra-pragmatisch perfektionieren sie ihre Lebensläufe, straff, stur, strategisch. Doch bei allem Ehrgeiz vergessen sie das Wichtigste: Manchmal sind die krummen Wege die geraden.

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Vorsicht, Studentenfalle: Lost in Perfection
Draußen auf dem Bodensee glitzert die Sonne, junge Enten spielen Fangen. Anna-Lena, 21, hat dafür keinen Blick. Sie sitzt im Präsidentenzimmer der privaten Zeppelin University in Friedrichshafen, weil sie sich fürs Master-Programm beworben hat - nach Abi mit 1,2 und Bachelor mit "sehr gut" der nächste logische Schritt in ihrem Aufstiegsszenario.

Anna-Lena hat den Rücken durchgedrückt und die langen blonden Haare zum Knoten geschlungen, trägt Perlenohrringe zu hellgrauem Kostüm und rosa Bluse - wie ein Fotomodell, das die perfekte Bewerberin darstellen soll. Bislang lief alles nach Plan: Sie war Schülersprecherin und in der Theater-AG, absolvierte Praktika bei einer Steuerkanzlei, einem Konsumartikler, einer Unternehmensberatung und amnesty international. Ballett ist ihr Hobby, bei dem der Körper mit eiserner Disziplin in wunderschöne, irgendwie unnatürliche Verrenkungen gezwungen wird. Vielleicht kein Zufall, dass Anna-Lena sich dafür entschieden hat.

"Ich ziehe durch, was ich mir vorgenommen habe, ich will mein Leben nicht verbummeln" - Anna-Lena ist eine Vertreterin der Generation Lebenslauf, die kühlen Blicks das Drauflosstudieren entsorgt hat und allzeit bereit ist zu harter Arbeit, sofern es reinpasst ins Karrieredesign. Nüchtern bis zur Selbstaufgabe planen sie das eigene Fortkommen. Als ideologiefreie "Ego-Taktiker", die ihr Leben als Managementaufgabe begreifen, beschreibt sie Klaus Hurrelmann, Leiter der Shell-Studie. "Zielorientiert" nennt die Studie das - und untertreibt noch. Es sind Ultra-Pragmatiker, die knallharte Kosten-Nutzen-Rechnungen aufstellen auf dem Weg nach oben.

Student 2.0: Strategisch bis in die Knochen

So folgt eine wachsende Zahl von Studenten einer Perfektionierungsstrategie auf der Suche nach der besten Ausbildungsrendite. Die möglichen Konsequenzen der Wahl von Studienfach, Uni und Praktika sind ihnen gnadenlos bewusst. Die Sorglosigkeit und Selbstständigkeit früherer Generationen sind Geschichte; die Gegenwart ist straff und effizient. Ziel: umwegloser Erwerb passgenauen Wissens, die eigene "employability" als Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt.

Die Bologna-Reform ist nur die Infrastruktur. Der eigentliche Mentalitätswandel fand in den Köpfen statt. Viele Studenten musste man nicht zwingen: Ergeben, bisweilen gar freudig nahmen sie die neuen, strengeren Bachelor-Strukturen an. Klar, es gibt sie noch, die Bummeltypen mit in langen Asta-Sitzungen gestähltem Sitzfleisch. Doch die Mehrheit ist: vernünftig. Strategisch. Fokussiert.

Seit 25 Jahren waren Deutschlands Studenten nicht so ehrgeizig und zugleich so zufrieden mit ihrem Studium. Bei einer Umfrage Konstanzer Forscher im Auftrag des Bundesbildungsministeriums 2008 beurteilten sie - erstmals seit 1983 - alle zentralen Bereiche überwiegend positiv: Qualität der Inhalte, Studienaufbau, Veranstaltungen, Betreuung. Im Gegenzug wollen sie schneller studieren, arbeiten intensiver für die Uni und legen größeren Wert auf ein gutes Examen als noch 2001.

Sicher, es gab kleinere Aufstände. Im vergangenen Jahr protestierten Studenten und Schüler zu Zehntausenden gegen Bachelor und Turbogymnasium. Die Feuilletons waren begeistert: Die unpolitische Generation schien endlich das Aufbegehren zu lernen. Doch vielerorts waren die Demo-Reihen dann doch ziemlich licht, und der Studentenfrust entfachte sich nicht an der Unireform als solcher, sondern an Umsetzungsmängeln: das Curriculum zu vollgestopft mit Paukstoff und Prüfungen, das Pensum nicht zu schaffen.

Lost in Perfection: Wenn der optimierte Lebenslauf zur Sackgasse wird

An der Grundidee eines schnelleren und effizienteren Studiums, den Blick auf die Wirtschaft gerichtet, rütteln nur wenige Studenten. Ihren Protest befeuerte eher die Angst, im neuen System nicht mehr mithalten zu können. "Wo Effizienz, Planung und Kontrolle zu allein gültigen Leitprinzipien werden", so der Bildungsreformer Konrad Schily, "darf man sich nicht wundern, wenn die Studierenden effizient, kontrolliert und geplant mit ihren geistigen und zeitlichen Ressourcen umgehen."

Bei der Bildung geht es heute es auch um Geld. Auf 2,2 Billionen US-Dollar schätzt die Investmentbank Merrill Lynch den weltweiten Bildungsmarkt. Vom studentischen Wunsch der zügigen Berufsvorbereitung scheinen alle zu profitieren: der Staat über eine höhere Bildungsrendite, einige Privathochschulen direkt über die Studiengebühren - und Unternehmen, weil sie schneller an passgenau ausgebildete Absolventen kommen.

Aber profitieren auch die Studenten selbst? Zumindest glauben es viele; die Optimierung der Bildung haben sie längst verinnerlicht. "Alles Tun wird auf die eigene Marktgängigkeit, die Verwertbarkeit im Lebenslauf hin abgeklopft", so Jugendforscher Hurrelmann. Anna-Lena sagt: "Wir sind schon eine ichbezogene Generation. Jeder will in Rekordzeit, mit Rekordnoten durch die Uni. Manchmal frage ich mich, wie ich das Pensum noch steigern soll, wenn ich im Beruf bin." Ironisch schaut sie auf ihre schmale Festina-Uhr, als sei es deren Schuld, dass der Tag nur 24 Stunden hat.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 164 Beiträge
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    Seite 1    
1. Nachdenken
Cienne 03.02.2010
Schöner Artikel, sollte zum nachdenken anregen.
2. ...
Currie Wurst 03.02.2010
Die so gedrillt worden sind, sitzen heute schon in diversen Chefetagen und statt Imagepflege heißt deren Patentlösung Kostensenkung. Etwas böser ausgedrückt: Personalabbau. Kreativität glatte Fehlanzeige, Ichorientierung im Überfluss vorhanden. Ich seh´s in meinem Nachbarbüro: da sitzen wie in einer Legebatterie lauter graue kleine Wirtschaftsprüfer-Mäuslein in ihren Kostümchen und fühlen sich so wichtig, dass sie keine Zeit mehr haben, guten Morgen zu wünschen. Bei denen deutet rein gar nichts auf ein einigermaßen ausgewogenes und interessantes Privatleben hin - immer nur Trolley und saure Miene. Vielleicht ist es die Gnade der frühen (aber nicht zu frühen...) Geburt, dass einem selbst so etwas stromlinienförmiges erspart geblieben ist.
3. .
john mcclane, 03.02.2010
Der Aussage des Autors, das oft eher die krummen Wege zum Erfolg führen, kann ich nur bedingungslos beipflichten. Ich habe eine kaufmännische Ausbildung (Industriekaufmann) bei einem Energiekonzern absolviert, habe dann dort noch etwa zwei Jahre im Immobilienmanagement (eigentlich total fachfremd) gearbeitet, und bin dann, nachdem unsere Abteilung an einen lupenreinen Immo-Konzern outgesourced wurde, arbeitslos geworden. Die Arbeitslosigkeit wollte ich als Chance nutzen und habe mich an der FH Aachen für ein bewußt generalistisches BWL-Studium eingeschrieben. Nach drei Semestern verließ ich diese glorreiche Institution wieder (zu den Gründen habe ich mich in anderen Foren bei SpoN hinreichend geäußert). In dieser Situation bekam ich von einer Zeitarbeitsfirma das Angebot, erstmal auf befristeter Basis bei einem großen Versicherungskonzern in der Wertpapierabwicklung zu arbeiten. Ich wollte erst ablehnen, weil ich keine bank- oder versicherungsspezifische Ausbildung hatte, wurde aber von der freundlichen Mitarbeiterin der Zeitarbeitsfirma ausdrücklich dazu ermuntert. Langer Rede kurzer Sinn: Ich wurde in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen, für einen Job, von dem ich vor Jahren im Traum nicht daran gedacht hätte, ihn einmal zu machen. Natürlich ist auch dieser nicht in Stein gemeißelt, aber wenn ich noch mal arbeitslos werden sollte, dann weiß ich jetzt wie es geht: einfach mutig bewerben, offen sein für neue Herausforderungen, diese annehmen, den Verstand benutzen, das ist schon die halbe Miete, da muß man seinen Lebenslauf nicht mit Praktika bei Seehundrettern tunen...
4. -
Alex066 03.02.2010
Von der Kita bis nach dem Studium alles bestens durchgeplant, das wird doch von Staat und Spiegel stark gefördert. Jetzt hier ein melancholischer Artikel, nicht wirklich ehrlich.
5. puh
tobolinio 03.02.2010
mir wird bei solchen Anna-Lena Geschichten immer körperlich richtig schlecht. Für mich geht das in eine Orwelsche 2984 Richtung, dieser Drang nach Stromlinienform, nur leider machen die Menschen das scheinbar freiwillig, oder halt irgendwie manipuliert von den Erwartungen ihres Umfelds. Und dieser Naive Traum von einem erfüllten lukrativen Bürojob???? Ich hab diesen Job von dem die Studis träumen, nur glücklicher macht der mich sicher nicht!
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Zum Autor
Klaus Werle, Jahrgang 1973, studierte Geschichte, Anglistik und Germanistik in Heidelberg und Exeter. Er ist Absolvent der Henri-Nannen-Journalistenschule und heute Redakteur beim manager magazin. Sein Buch "Die Perfektionierer" zeigt, warum das permanente Optimieren in Ausbildung, Beruf und Alltag längst nicht immer die erhofften Vorteile bringt - und wer davon profitiert.
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Klaus Werle:
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