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03. April 2012, 13:31 Uhr

Studentische Gratis-Callboys

Kampagne für den Koitus

Von Selina Marx

Guter Sex, gute Noten: Drei Mannheimer BWL-Studenten nutzen ihr Marketingtalent, um gestresste Kommilitoninnen ins Bett zu kriegen. Wer sich bei ihnen entspanne, könne an der Uni mehr leisten, versprechen sie auf Plakaten und im Netz. Dreiste Anmache oder charmante Abwechslung?

Der Betriebswirt nennt es Win-Win-Strategie: Zwei potentielle Geschäftspartner versuchen, aus einer Transaktion einen akzeptablen Nutzen zu erzielen, so dass beide Seiten profitieren. So in etwa müssen sich das auch die drei Mannheimer BWL-Studenten, die sich Oskar, Christopher und Julius nennen, vorgestellt haben, als sie sich entschieden, an der Uni eine Art Gratis-Puff anzubieten. Gestresste Studentinnen bekommen unkompliziert und anonym One-Night-Stands - und die drei Jungs auch.

Als künftige Marketing-Experten wissen die Jungs, dass eine Geschäftsidee besser ankommt, wenn sie einen zumindest pseudo-philosophischen Unterbau hat. Deshalb geht es bei "Bib:Love", wie sie ihr Projekt genannt haben, nicht nur um "Gute Noten durch guten Sex" - das ist der Slogan auf den Plakaten, die an der Uni Mannheim hängen. Sondern es geht auch, so behaupten die Jungs zumindest, im weitesten Sinne um Emanzipation. Ihre Aktion soll also mehr sein als eine Kampagne für den Koitus.

"Wir richten uns speziell an Studentinnen, weil Frauen beim One-Night-Stand sonst immer schlecht wegkommen", sagt Christopher, 21. "Außerdem werden Mädchen, die nur mal ein bisschen Spaß wollen, als Schlampen abgestempelt", sagt Oskar, 24. Das sei doch einfach unfair. Die Idee hatten sie, so erzählen sie es, nach einer feucht-fröhlichen Nacht im vergangenen Herbst.

Wenn andere Studenten die Plakate sehen, dann witzeln sie oft und grölen. Gute Noten, guter Sex: "Könnte ich auch gebrauchen - und zwar beides", ruft ein Student in der Uni-Eingangshalle. Seine Freunde lachen.

Sie seien keine Samariter, sagen die drei vermeintlichen Sex-Helden

Oskar sagt, so sei es oft. Doch am Ende würden viele Studenten doch wissen wollen, was dahinter steckt. Immer wieder würden sie E-Mails bekommen, in denen Interessenten danach fragen, erzählt er. Oskar und seine beiden Mitstreiter antworten dann: "Viele Studenten sind in den Klausurenphasen zu gestresst, um abends feiern zu gehen. Da bleibt das Privat- und Sexleben schon mal auf der Strecke." Doch weil regelmäßiger körperlicher Ausgleich gesund sei und beim Lernen helfe, würden die Jungs von "Bib:Love" ihre Unterstützung dabei anbieten. Studentinnen, die abends müde und ausgelaugt in der Bibliothek sitzen und sich nach ein bisschen Zweisamkeit und Nähe sehnen würden, könnten eine E-Mail senden. Und einer der Jungs treffe sich dann mit ihnen zum Sex.

Sie stellen sich dar als humorvolle Dienstleister und zugleich als Kämpfer für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau. Und natürlich hätten sie auch selbst was davon, schließlich seien sie keine Samariter. Vielleicht gefallen sie sich in ihrer Rolle als selbsternannte Sex-Helden, vielleicht ist es aber auch nur der Versuch, ihre Unsicherheit zu überspielen. Jedenfalls wirken Christopher und Oskar furchtbar gelassen, während sie im Mannheimer Café L3 von ihrem großen Vorhaben erzählen. Sie könnten Brüder sein. Beide tragen ihr braunes Haar kurz, haben grüne Augen und eine sportliche Figur. Ihr Lachen dröhnt tief, verschmitzt kneifen sie die Augen dabei zusammen. Die beiden sind attraktiv, Mädchen über das Internet aufzureißen, hätten sie sicher nicht nötig.

Und doch verstecken sie sich hinter Pseudonymen, ihre echten Namen wollen sie lieber nicht veröffentlicht sehen. Man wisse ja nie, wie Professoren und Kommilitonen darauf reagieren. Hier bröckelt die Fassade des vermeintlichen Emanzipationsprojekts: Die Jungs wollen sich nicht in die Karten schauen lassen, sie wollen die Kontrolle behalten. Zwei angehende Betriebswirte, die Casanova spielen.

82 Anfragen, fünf One-Night-Stands

82 E-Mails sind im Hotmail-Posteingang des Projekts gespeichert, 82 Anfragen von Nähesuchenden, Spaßmachern und Neugierigen. Daraus sind neun Buchungen entstanden. Treffpunkt war immer das Café: "Das L3 ist der perfekte Ort, weil hier auch unter der Woche immer sehr viele Studenten sind", sagt Oskar. "Da kann man sich treffen und ein Bier trinken, um zu schauen, ob die Chemie stimmt." Die Jungs behalten sich nämlich vor, unverrichteter Dinge wieder abzuziehen, sollte ihnen das Äußere der Mädchen nicht zusagen.

Fünf One-Night-Stands haben sich daraus entwickelt, jedenfalls laut Auskunft der Jungs. Lisa, 23, war die Erste; auch sie will ihren echten Namen nicht veröffentlicht sehen, auch wenn sie nichts Negatives zu berichten hat. Der Abend sei außergewöhnlich schön gewesen, sagt die Studentin: Bier trinken, reden, dann ging's zu ihm - der Klassiker halt. Aber befördere es irgendwie die Emanzipation, wie die Jungs behaupten? Nein, sagt Lisa, das Ganze sei einfach ein netter Aufhänger, sich kennenzulernen und eine gute Zeit miteinander zu haben.

Auch die Hochschulleitung und der Asta nehmen die Kampagne der drei Jungs eher mit Humor. "Ich finde das Projekt lustig", sagt Asta-Vorstandsmitglied Rosa Reichenberger. Dass es die Noten verbessere, daran glaubt allerdings auch sie nicht.

Zu einem echten Unternehmer gehört, dass er sich überrascht zeigt, vom Erfolg des eigenen Unternehmens, so bescheiden er auch erst scheinen mag. "Ich hätte nie gedacht, dass wir so eine hohe Resonanz erhalten", sagt Christopher. Es seien auch Anfragen von Studenten aus Tübingen und Ulm gekommen, die ähnliche Gruppen auch unter dem Namen "Bib:Love" eröffnen wollten, Franchise der Triebe.

Doch ganz so wild scheint es bei dem Projekt nicht zuzugehen. Ausgefallene Sexpraktiken mag er eigentlich nicht, gesteht Christopher. "Bib:Love" schrumpft in sich zusammen zu dem, was Studentinnen jeden Freitagabend in jeder beliebigen Bar begegnet: Eine Nacht mit dem netten Kommilitonen von nebenan, auf Wunsch mit Vorspiel und Frühstück am nächsten Morgen. Nur dass es geschickter vermarktet wird.

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