Studentenjob mit Suchtfaktor: Spielend Geld verdienen

Von Carsten Heckmann

Die Bretter, die die Welt bedeuten - für Johannes Ebermann sind das jene, auf denen Würfel rollen und sich bunte Figuren bewegen. Der Chemnitzer Student testet Neuheiten und weiß genau, was gute Brett- oder Kartenspiele von schlechten unterscheidet.

Spieler Ebermann: Der Student machte aus dem Hobby einen Job
Carsten Heckmann

Spieler Ebermann: Der Student machte aus dem Hobby einen Job

Johannes Ebermann wähnt sich in Amerika. Nach Seattle will er, und nach New Orleans. Heute noch. Ein ehrgeiziger Plan. Aber er wird es schaffen. Dabei sitzt der Student nicht in einem bequemen Flugzeugsessel, sondern in einem blauen Plastikstuhl auf einem kargen Bahnhofsvorplatz. "Radebeul-Ost" steht nebenan auf einem alten angerosteten Schild an der gelben Klinkerwand. Ein Bahnhof, wie passend.

"Zug um Zug" gelangt Ebermann in die US-Städte, zumindest auf dem Brett des gleichnamigen Spiels auf dem Campingtisch vor ihm. Mit am Tisch sitzen Petra Bohne und ihre Tochter Julia, 9. Es ist Spieletag in der kleinen Stadt bei Dresden, eine Veranstaltung für die ganze Familie. "Wir haben das Spiel zu Hause, aber die Anleitung war doch arg kompliziert", sagt Petra Bohne.

Ein Fall für Johannes Ebermann. Seit 11 Uhr morgens und noch bis 17 Uhr wird er hier Spiele erklären und Begeisterung wecken. Der 22-Jährige wurde für diesen Zweck engagiert von "Family Games", einer Initiative des Felsenweg-Instituts, die 2003 vom Sächsischen Kultusministerium für ihre Arbeit im sozialen und spielpädagogischen Bereich ausgezeichnet wurde.

Solche Termine sind Ebermanns Standbein Nummer eins. Außerdem tingelt er noch mit dem Catan-Bus (benannt nach dem Spiel "Die Siedler von Catan") des Kosmos-Verlags durch die Lande. Und für die Firma Amigo absolviert er Messeauftritte, erklärt dort bekannte und brandneue Spiele. Abends testet er dann mit anderen Spielern Prototypen von Neuentwicklungen. "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht", sagt er.

300 Anleitungen im Kopf

Zumindest zum Nebenberuf. Denn den größten Teil eines jeden Monats verbringt Ebermann noch immer an der TU Chemnitz, wo er im zweiten Semester Pädagogik studiert. Doch schon in seiner Studentenbude wartet die Ablenkung: In drei großen Regalen stapeln sich einige Dutzend Brett- und Kartenspiele. Die Regeln kennt der Student auswendig. "Insgesamt dürfte ich rund 300 Spielanleitungen draufhaben", behauptet er selbstbewusst.

Richtig spannend sind für ihn die Messetage, zum Beispiel bei der großen Publikumsmesse "Spiel" in Essen, die im Oktober wieder auf ihn wartet. Da fängt er zwar schon an Tag eins an, Salbeibonbons zu lutschen, damit er auch an Tag vier noch einigermaßen reden kann, aber abends wird das Hotel zur Spielhölle - und das ist ganz nach Ebermanns Geschmack.

Nachschub: Der Tester findet heraus, wo es hakt
Carsten Heckmann

Nachschub: Der Tester findet heraus, wo es hakt

Verlage und Spieleerfinder wollen wissen, wo es hakt. Was liegt da näher, als passionierten Spielern Neuentwicklungen in die Finger zu geben? Johannes Ebermann hat seine eigenen, klaren Bewertungskriterien: "Zunächst muss das Spiel schön gemacht sein, mit ansprechendem Design und guten Materialien. Dann sollte es natürlich verständlich erklärt sein. Spielanleitungen weisen oft logische Fehler auf."

Und was steht beim Probespiel auf dem Prüfstand? "Wenn relativ früh klar ist, dass ein Spieler uneinholbar vorne liegt, ist das gar nicht gut. Es muss möglich sein, auf verschiedenen Wegen einen Ausgleich zu schaffen, zum Beispiel mit Hilfe von Koalitionen. Und der Erfolg sollte in gleichem Maße durch Strategie und Glück erzielt werden können." Im zweiten und dritten Durchgang kommt dann die Kür: "Keine Spielrunde sollte wie die andere verlaufen. Immer wieder neue Konstellationen, das macht ein gutes Spiel aus."

An "Siedler"-Karten herumgedoktert

Einige Prototypen, die er gespielt habe, seien aus gutem Grund nie in den Regalen des Handels gelandet, meint der junge Berufsspieler. Ob er daran einen Anteil hatte, vermag er nicht zu sagen. Immerhin: Dass ein Themenpaket der "Siedler"-Kartenspielvariante verbessert wurde, daran sei er nicht unschuldig. "Die Aktionskarten waren oft ungerecht, da haben wir ganz schön dran herumgedoktert." Sein Lieblingsspiel ist derzeit "La Città", das Ähnlichkeiten mit den "Siedlern" aufweise, aber noch anspruchsvoller sei.

Auf den Messen lässt Johannes Ebermann einen großen Teil seiner Jahreseinnahmen von rund 1500 Euro. Zwar übernimmt der Arbeitgeber Kost und Logis, aber ein Spieler fährt eben mit Spielen nach Hause. Schließlich versorgt nicht jeder Verlag Ebermann kostenlos mit den neuesten Kreationen, und der junge Sachse macht auch gern Jagd auf handsignierte Exemplare und rare Sondereditionen.

Spielen war schon früh eine Leidenschaft des Ältesten von fünf Ebermannschen Kindern. Gleich nach der Wende beglückten die Eltern ihn mit anspruchsvollen Gesellschaftsspielen. Auf einem Spielefest traf Johannes dann einen "Family Games"-Mitarbeiter, der ihn einlud, mitzumachen. Ein glücklicher Zufall. Als Zivildienstleistender steckte Ebermann geistig Behinderte mit seiner Leidenschaft an. Heute könnte er noch viel mehr spielend arbeiten, aber er will auch nicht dauernd unterwegs sein.

"Spielen ist doch toll. Man lernt sich selber und andere kennen und schätzen, man kommuniziert, verhandelt, schauspielert." Okay, man könne auch süchtig danach werden. Ebermanns Freundin studiert übrigens Psychologie - und hat kürzlich angekündigt, mal eine Untersuchung über Spieler machen zu wollen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Job & Beruf
RSS
alles zum Thema Studentenjobs
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite