Studie: Deutschland vergrault Fachkräfte

Von Heike Sonnberger

Deutschland scheitert daran, internationale Absolventen als Fachkräfte im Land zu halten, belegt eine neue Studie. Die Autoren kritisieren: Mindestens drei von vier ausländischen Hochqualifizierten wollen nach dem Studium gerne bleiben, wissen aber oft nicht wie.

Internationale Absolventen: Denn sie wissen nicht, wie sie bleiben sollen Fotos
DPA

Mindestens drei von vier Doktoranden und Master-Studenten aus Nicht-EU-Staaten, die in Deutschland studieren, würden nach ihrem Abschluss gern hier leben und arbeiten. Umsetzen kann diesen Wunsch jedoch nur etwa ein Viertel. Das zeigt eine Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), die am Donnerstag vorgestellt wurde.

Für die Studie "Mobile Talente?" füllten mehr als 6200 internationale Studenten an Universitäten in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien und Schweden online einen Fragebogen aus. Dabei kam heraus: Auch in den anderen Ländern möchten die meisten jungen Akademiker aus nichteuropäischen Staaten vorerst in ihrem Studienland bleiben - doch vergleichsweise wenige tun es tatsächlich, wie Zahlen der OECD deutlich machen. Demnach liegt die Verbleiberate im OECD-Durchschnitt bei rund 25 Prozent. In Deutschland liegt der Wert etwas höher, in Frankreich sogar über der 30-Prozent-Marke.

"Die Untersuchung zeigt deutlich, dass keines der fünf Länder die Potentiale der internationalen Studierenden ausschöpft", sagte die Direktorin des SVR-Forschungsbereichs, Gunilla Fincke, über die aktuelle Studie. Dabei gehe es um hoch qualifizierte potentielle Zuwanderer: jung, gut ausgebildet und mit Land und Leuten bereits vertraut. Ein großes Problem sei, dass Studenten nicht gut über die rechtlichen Regelungen für den Übergang auf den Arbeitsmarkt informiert seien.

Für die Studie wurden nur Master-Studenten und Doktoranden befragt. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • In Deutschland ist die Zahl der Bleibewilligen am höchsten: Fast 80 Prozent der angehenden Master-Absolventen und 67 Prozent der Doktoranden möchten vorerst nicht in ihre Heimatländer zurück. Am anderen Ende der Skala findet sich Großbritannien mit gut 50 Prozent.
  • Studenten der Ingenieur- und Naturwissenschaften wollen häufiger bleiben als Sozial- und Geisteswissenschaftler. "In Berufen, in denen mehr kulturspezifisches Wissen und Sprachkenntnisse erforderlich sind, ist ein Verbleib in einem anderen Land also schwerer vorstellbar als in technischen Berufen."
  • In den Niederlanden haben die Befragten am stärksten das Gefühl, auch nach dem Studium gerngesehene Zuwanderer zu sein. Fast jeder zweite internationale Student gab dort an, sich willkommen zu fühlen, nach dem Abschluss zu bleiben und Arbeit zu suchen. Die wenigsten stimmten dieser Aussage in Frankreich zu, in Deutschland war es gut jeder Dritte.
  • Beim Thema Diskriminierung schnitten Deutschland und Frankreich am schlechtesten ab: Knapp 40 Prozent sagten, sie seien mit Vorurteilen und Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft konfrontiert worden.
  • Nur wenige Befragte - zwischen 5,3 Prozent in Großbritannien und 12,5 Prozent in Deutschland - können sich vorstellen, länger als fünf Jahre in ihrem Studienland zu bleiben. Viele gaben an, ein bis zwei Jahren bleiben zu wollen. "Die verbreitete Annahme, dass internationale Studierende von vornherein ein Sprungbrett zur dauerhaften Einwanderung in ein hoch entwickeltes Land suchen, erweist sich damit als falsch."
  • Ihren Wunsch, in der EU zu bleiben, begründeten die Studenten am häufigsten mit internationaler Berufserfahrung und den guten Job-Aussichten, Familie oder Freunde spielten seltener eine Rolle. "In meinem Heimatland gibt es viele deutsche Unternehmen", zitiert die Studie einen 32-jährigen angehenden Ingenieur aus Thailand. "Wenn ich schon vor der Rückkehr hier in einer deutschen Firma Erfahrungen sammeln könnte, wäre das für mich eine großartige Chance."
  • Studenten aus Nord- und Südamerika und aus Afrika möchten eher zurück als Studenten aus asiatischen Ländern, vor allem aus China und Indien, sowie aus Osteuropa. Am wenigsten sind Studenten aus den USA, Kanada, Australien oder Neuseeland an einem Verbleib interessiert.
  • Es bleiben eher diejenigen, die besser über die rechtlichen Regelungen informiert sind. Weniger als jeder Fünfte gibt an, sich gut mit seinen Möglichkeiten für den Übergang in den Arbeitsmarkt auszukennen. Schlusslicht ist Deutschland: Hier fühlt sich fast die Hälfte der Befragten schlecht oder gar nicht informiert.

In Frankreich und Deutschland seien die Hürden für eine Zulassung zum Studium zwar niedriger als in den anderen drei Ländern. Die Möglichkeiten, nach dem Abschluss zu bleiben, sind dagegen vergleichweise restriktiv (siehe Kasten am Textende).

Die Bundesregierung wurde von den Autoren der Studie jedoch dafür gelobt, dass sie es ausländischen Studenten weiter erleichtern will, im deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. "In Deutschland sind damit die Weichen für eine überfällige Liberalisierung der Regelungen für internationale Hochschulabsolventen gestellt", sagte Fincke vom SVR-Forschungsbereich. Nun müsse der Gesetzentwurf für die Umsetzung der EU-Hochqualifiziertenrichtlinie schnell verabschiedet werden.

Der deutsche Arbeitsmarkt für nichteuropäische Studenten
Wer einen Job sucht...
Wer seinen Abschluss macht, kann eine Aufenthaltserlaubnis von bis zu einem Jahr beantragen. Diese berechtigt grundsätzlich zur Arbeitssuche. Allerdings dürfen Studenten während dieses Jahres nicht mehr als 90 ganze oder 180 halbe Tagen arbeiten. Wenn das geplante Gesetz zur Umsetzung der EU-Hochqualifiziertenrichtlinie in Kraft tritt, sollen Absolventen dann 180 Tage in Vollzeit tätig sein dürfen. Wer innerhalb eines Jahres eine Stelle findet, die den erworbenen Qualifikationen entspricht, kann eine neue Aufenthaltserlaubnis mit Arbeitserlaubnis bekommen. Es ist geplant, die Phase der Jobsuche auf 18 Monate zu verlängern.
Wer einen Job gefunden hat...
Wer bereits eine Stelle gefunden hat, wenn er seinen Abschluss macht, kann direkt eine Arbeitserlaubnis beantragen. Die Bundesagentur für Arbeit prüft dann, ob die Bedingungen - also etwa Arbeitszeiten, Kündigungsfrist und Gehalt - mit denen deutscher Arbeitnehmer vergleichbar sind. Außerdem muss der Lebensunterhalt ohne staatliche Hilfe gesichert sein. Nach fünf Jahren können Ausländer ein Daueraufenthaltsrecht beantragen. Die Studienzeit wird zur Hälfte auf die fünf Jahre angerechnet. Im Gesetzentwurf zur Umsetzung der Hochqualifiziertenrichtlinie ist vorgesehen, dass internationale Absolventen bereits nach zwei Jahren Berufstätigkeit ein unbefristetes Aufenthaltsrecht bekommen können, wenn sie in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben.
Wer richtig viel verdient...
Seit 2005 die Niederlassungserlaubnis eingeführt wurde, können Spezialisten und leitende Angestellte mit besonderer Berufserfahrung und einem Einkommen von mindestens 67.200 Euro Jahresbrutto von Beginn an ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht bekommen - die Fünf-Jahres-Frist entfällt. Im Gesetzentwurf zur Umsetzung der Hochqualifiziertenrichtlinie ist eine Absenkung der Einkommensschwelle auf 48.000 Euro vorgesehen. Für Wissenschaftler, Lehrpersonen oder wissenschaftliche Mitarbeiter in herausgehobener Funktion kann sie ganz wegfallen. Auch internationale Studenten können eine Niederlassungserlaubnis erhalten - wenn sie die Bedingungen erfüllen.
Quelle: Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration
Stand: April 2012

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Prof. Dr. Dr. hc. mult.
chiefclancywiggum 20.04.2012
Zitat von sysopDeutschland scheitert daran, internationale Absolventen als Fachkräfte im Land zu halten, belegt eine neue Studie. Die Autoren kritisieren: Mindestens drei von vier ausländischen Hochqualifizierten wollen nach dem Studium gerne bleiben, wissen aber oft nicht wie. Studie: Deutschland vergrault Fachkräfte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,828593,00.html)
Da fragt man sich, wie hochqualifiziert können diese Hochqualifizierten sein, wenn sie nicht einmal in der Lage sind, die nötigen Schritte für eine Beschäftigung in Deutschland herauszufinden bzw. sich entsprechend beraten zu lassen. Bei mir hat auch noch kein Amt vorbeigeschaut und mir proaktiv geraten, wie ich meine Steuerlast verringern könnte oder das mein Personalausweis demnächst abläuft. Soviel Selbstständigkeit sollte man doch von diesen Leuten erwarten können.
2. o.T.
hasimen 20.04.2012
Frage : wieviel Karat muss das goldene Tablet eigentlich haben um letztlich nach allen Vorteilen die der Standort DE bietet auch seiner Verantwortung gerecht zu werden ? Wer hier nicht nur fachlich auf hohem Niveau alle Vorteile genießt sollte auch in der Lage sein sich einen Fahrschein selber ziehen zu können. Das die Beteiligung an der sozialen Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber, der Gesellschaft und ihren Institutionen die einen lange genug aushält und zahlreiche Brücken baut selbstverständlich sein sollte, ist heute leider nicht Bestadteil des Verständnisses in der Ausbildung zu einer sg. Fachkraft. Steuerliche Aspekte kann ich nachvollziehen, aber keine Bauchpinselei in dieser Hinsicht. Jeder ( ehrliche ) Unternehmer hat hart für seinen Status arbeiten müssen ~ so behaupte ich mal. Und klein angefangen haben auch die Meisten von ihnen. Warum sollte man sich Leistung heute nicht mehr erarbeiten müssen ? Die Wertschätzung für viele Vorzüge geht letztlich vollends verloren. Die Standortbedingungen sind entscheident - da muss der Staat noch einiges nachlegen. Die eigene Motivation ist auch entscheident und da müssen sich sg. Fachkräfte mal selbst hinterfragen !!!
3. back to the roots
EuroStar2011 20.04.2012
---Zitat--- Beim Thema *Diskriminierung* schnitten *Deutschland* und Frankreich am schlechtesten ab: *Knapp 40 Prozent sagten, sie seien Vorurteilen und Diskriminierung wegen ihrer Herkunft begegnet*. ---Zitatende--- Wenn man die SPON Artikel der letzten Tage in Betracht zieht in denen berichtet wurde dass in DE im Jahr 2012 noch immer voellig offen Menschen wegen nichtdeutschen Nachnamen und/oder Geschlechts diskriminiert werden und indirekt der Ariernachweis verlangt wird (was nach Artikel 3.3 Grundgesetz ein absolutes No Go ist) braucht man sich nicht darueber wundern.
4.
!!!Fovea!!! 20.04.2012
Das Problem sind doch die Arbeitgeber und die Gesetzgebung der Agenda des BK Schröder a. D. Immer wurde die Flexibilität des Arbeitsmarktes gefordert, die tarifliche Umstellung im öffentlichen Dienst u. v. m. Heute bekommt noch nicht einmal ein Angestellter mit einer 3 - jährigen Ausbildung einen Job, weil er dann zu teuer wäre. Heute ist es eher von Nutzen ungelernt zu sein, da bekommt man immer einen Job, auch wenn er etwas schlechter bezahlt ist. Keinen Arbeitgeber interessiert es mehr, was die Leute können, die interessiert nur, wenn es der eine nicht schafft, schmeißen wir ihn heraus und holen uns den nächsten Ungelernten. Dann aber immer jammern, dass das Niveau der Angestellten stetig sinkt, jammern, dass die Mitarbeiter sich nicht mehr mit der Fa. identifizieren. Das ist alles verlogener Kram, was die Firmen erzählen. Jahrelang keine Leute ausgebildet, da es zu teuer war und nun jammern, dass keine Facharbeiter da sind und gleich heulend den Staat um Hilfe rufen...., ist schon eine komische Angelegenheit oder, ihr Arbeitgeber???? Nicht zu vergessen, Generation Praktikum, die ausgebeutet werden wie im Mittelalter.....
5. Ach,
HeisseLuft 20.04.2012
Zitat von chiefclancywiggumDa fragt man sich, wie hochqualifiziert können diese Hochqualifizierten sein, wenn sie nicht einmal in der Lage sind, die nötigen Schritte für eine Beschäftigung in Deutschland herauszufinden bzw. sich entsprechend beraten zu lassen. Bei mir hat auch noch kein Amt vorbeigeschaut und mir proaktiv geraten, wie ich meine Steuerlast verringern könnte oder das mein Personalausweis demnächst abläuft. Soviel Selbstständigkeit sollte man doch von diesen Leuten erwarten können.
sie sind Nicht-EU-Ausländer und haben sich schon mal damit befasst? Sie können also versichern, dass sich die Beschaffung einer "Aufenthaltserlaubnis zum Zweck der Beschäftigung" in etwa so leicht zu erhalten ist wie die Verlängerung eines Personalausweises? Oder soll das eine Art Trainingsprogramm für Deutschland und seine Bürokratie sein? Spass beiseite - was spricht dagegen informatorische Hürden an Universitäten (und anderen Bildungseinrichtungen) so niedrig wie möglich zu halten?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Job & Beruf
RSS
alles zum Thema Studium - und dann?
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 42 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Zugewanderte Akademiker: Die verhinderte Integration von Fachkräften

Fotostrecke
Bewerbungen: Was Tobias dem Serkan voraus hat