Erfolgreiche Eigenwerbung: "Investieren Sie in mich, Mr. Roth"

Von Florian Mebes, Tel Aviv

Sie bekam eine Studienzusage aus New York, hatte aber kein Geld für die Gebühren. Also startete Alizarin Waissberg eine Kampagne in eigener Sache. Ihren Appell richtete die 25-Jährige an einen amerikanischen CEO - und der Millionär antwortete.

Erfolgreiche Eigenwerbung: Bescheidenheit ist keine Zier
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Alizarin Waissberg

Eine Niere verkaufen? Als Stripperin arbeiten? Solche Gedanken schossen Alizarin Waissberg, 25, durch den Kopf, als sie die Zusage zum Studium an der renommierten New York University, kurz NYU, erhielt. Denn nach kurzer Euphorie wurde der jungen Frau aus Tel Aviv klar, dass sie sich unmöglich die 50.000 Dollar Studiengebühren im Jahr leisten kann.

Waissberg hat sich in den letzten zehn Jahren unter ihrem Pseudonym "Zroob" einen Namen in der israelischen Blogger-Szene gemacht. Wer sie kennt, weiß, dass solche Ideen für sie typisch und eher mit einem Augenzwinkern zu betrachten sind. Zwar erhielt sie für ihren angestrebten Masterstudiengang "Interaktive Telekommunikation" ein Stipendium von jährlich 10.000 Dollar, doch unterm Strich bleiben die restlichen 80.000 Dollar für vier Semester.

Hinzu kommen die Lebenshaltungskosten. New York zählt zu den teuersten Städten der Welt. Einen kurzen Moment lang sah die Studentin ihren Traum zerplatzen. Dann besann sie sich auf ihr Talent: "Ich begab mich auf die Suche nach der wohlhabendsten und einflussreichsten Person, die mich unterstützen könnte." Eines nachmittags sprach sie den Abteilungsleiter der Werbeagentur an, für die sie noch während ihres ersten Studiums als Art Director angeheuert wurde: Wem gehöre das Unternehmen eigentlich? "Einer Investment-Firma in den USA", war die Antwort. "Und genau die sollte mein Studium finanzieren", dachte Waissberg laut. Der Abteilungsleiter erklärte sie für verrückt. Waissberg wurde aktiv.

Ein CEO als Jackpot

"Meine Suche ergab folgendes: Der CEO des Investment-Unternehmens ist Michael Roth. Michael Roth ist Millionär. Er fördert Frauen, die in Führungspositionen streben, und schätzt die Vorzüge der digitalen Welt. Jackpot!" Auf einer langen Busfahrt nach Hause entstand eine Idee: "Ich entschied mich für die schnellste, billigste und effizienteste Kampagne, die ich mit meinen Kenntnissen selbst initiieren konnte: ein einfaches infografisches Poster." Resultat war das digitale Plakat, auf dem sie die Fakten ihres Lebenslaufs grafisch aufarbeitet und mit dem sie Roth selbstbewusst, aber nicht zu aufdringlich direkt anspricht. Sie richtete eine E-Mail-Adresse ein, veröffentlichte das Poster in ihrem Blog und auf den Facebook-Pinnwänden von sich selbst und der Investment-Firma.

Dann passiert erst einmal nichts. Zwar teilen und "liken" 5000 Facebook-Nutzer fleißig, doch außer Spam geht unter der E-Mail-Adresse, die mit "invest.in.me.michael@" beginnt, nichts ein. Eines Morgens, nach etwa einem Monat, checkt sie trotzdem wieder das Konto, das war zu ihrem täglichen Ritual geworden. "Ihre Botschaft hat Herrn Roth erreicht. Stünden Sie morgen für ein Telefonat zur Verfügung?", steht da. "Ich bin ausgeflippt." Am nächsten Abend sitzt sie vor ihrem Telefon und wartet gespannt auf den Anruf aus New York. Am anderen Ende der Leitung ist Beverly Popielarz, die Verantwortliche für Talente, und macht Waissberg ein Jobangebot.

"Clever, kreativ und sehr mutig"

"Alizarin Waissbergs Kampagne war clever, kreativ und sehr mutig. Wir waren beeindruckt von der Eigeninitiative gepaart mit für den Job relevanter Qualifikation," erklärt Popielarz SPIEGEL ONLINE. "Die Botschaft ist tatsächlich bis zu Michael Roth vorgedrungen. Seine Reaktion war: 'Wie können wir ihr helfen?'"

Ende August wird Waissberg die Reise nach New York antreten. Studium und Arbeit zu kombinieren, das wird Entbehrungen mit sich bringen. Das knapp 1,60 Meter große Energiebündel ist optimistisch, Demut habe sie auf ihrem neunmonatigen Asientrip gelernt, erklärt sie. Seither arbeitete sie fast rund um die Uhr und schlafe bei Freunden auf der Couch. Auch Tel Aviv ist teuer, und sie will jeden Cent für ihre große Reise sparen.

Einfallsreichtum und Ausdauer habe sie von ihrer Mutter, die mit der damals dreijährigen Alizarin von Russland nach Israel auswanderte. Die Mutter arbeitete bei der Stadtverwaltung und tat mit ihrem schmalen Gehalt alles, um ihrer Tochter eine gute Ausbildung zu ermöglichen.

Und die setzt sie nun um. "Ich versuche, alles ein wenig anders zu machen, habe den Drang, etwas zu erreichen", sagt sie und führt beispielhaft eine Kampagne an, mit der sie vor fünf Jahren Aufmerksamkeit erregte: Als verantwortlicher Art Director sollte sie Bademoden bewerben und bewies Humor. Anstatt eines typischen Motivs mit Modell vor Traumkulisse posierte sie selbst im Bikini. Sich auf einem Bordstein räkelnd verschlang sie dabei einen Hähnchenschenkel. Der Kunde war begeistert, und die Branche belohnte sie sogar mit einem Werbe-Award.

Waissbergs Initiative zeigt die Möglichkeiten auf, die die digitale Welt bietet. Eine originelle Idee, kreativ umgesetzt, kann ungeahnte Beachtung erfahren. Auf der Straße werde sie von Fremden angesprochen und für ihre Idee gelobt. "Ich habe die Menschen inspiriert. Ich möchte ihnen mit auf den Weg geben, dass sie aufhören sollen, sich zu beschweren. Unternehmt etwas! Ändert euren Status!" Die Sprache der digitalen Welt, von Twitter und Facebook, ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen.

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insgesamt 43 Beiträge
Seily 13.08.2012
Diese Geschichte ist wunderbar, einzigartig und zeigt, dass man sich in der Medienbrache, mit dem was diese ausmacht, nämlich WERBUNG, auch in eigener Sache einen Vorteil verschaffen kann. Ein Vorbeild ist die junge Dame [...]
Diese Geschichte ist wunderbar, einzigartig und zeigt, dass man sich in der Medienbrache, mit dem was diese ausmacht, nämlich WERBUNG, auch in eigener Sache einen Vorteil verschaffen kann. Ein Vorbeild ist die junge Dame allerdings nur mit ihrem Mut zur Tat. Wenn jeder moderne junge Mensch so agiert, indem er/sie so hingebungvoll 100% des eigenen Daseins dem Gewinn des Unternehmens verschriebt, bleibem Familienplanung, Freunde usw außen vor. Und ehrlich Facebook bietet, meiner Meinung nach keinen adäquaten "Ersatz" für echte Interaktion mit realen Menschen bei einem Wein oder Bier. Außerdem würde mich mal interessieren, wie man dieses Schema oder diese Idee auf andere wirklich wertschöpfende Branchen erweitern kann. Beispielsweise in der Elektrotechnik?! Sollte ich mich da mit einem eingen entwickelten Handy bewerben? Oder Finanzdienstleistung: Sollte ich erst meinen eigenen Fonds gegründet haben, um bei einer Bank als Trainee aufgenommen zu werden? Die Frage ist, wie kann man zeigen, dass man gut oder außergewöhnlich ist, in dem was man tut. In diesem Fall ist es ja geglückt. Und eine letzte Kritik; Wenn jeder "seinen Status (so) ändert", könnten sich beispielsweise junge Werbedesignerinnen, wie diese hier, auch nicht mehr durch so etwas profilieren. Wie gesagt, ich finde diese Geschichte super, aber nicht auf andere oder schon gar nicht alle, die auch mit Web2.0 umgehen, übertragbar. Vielleicht irre ich mich auch und es hagelt gleich an Beispielen, wo das in ähnlicher Weise schon funktioniert hat.
hooverphonic 13.08.2012
... aber bitte: Schuster bleib bei deinem Leisten. Das heißt, dass es bitte nicht ohne Sinn und Verstand auf Branchen außerhalb WERBUNG/DESIGN übertragen werden sollte. Designer und "Werber" dürfen i. d. R. auch [...]
... aber bitte: Schuster bleib bei deinem Leisten. Das heißt, dass es bitte nicht ohne Sinn und Verstand auf Branchen außerhalb WERBUNG/DESIGN übertragen werden sollte. Designer und "Werber" dürfen i. d. R. auch Bewerbungsmappen abliefern, die für andere Branchen undenkbar wären: bunt, schrill, schreiend usw - während sich die Unterlagen im Löwenanteil der anderen Branchen quasi immer in einem sehr nüchternen Bereich bewegen müssen; selbst ein zu häufiger Schriftartenwechsel mag bereits störend wirken. Naja, und abschließend gesagt: zu einem Art Director muss man's erst einmal bringen um so eine Aktion überhaupt sinnvoll wagen zu können. Aber toll hat sie's gemacht.
ich danke ihnen für ihren typisch deutschen Beitrag, der zwar die Leistung anerkennt aber sie sofort relativiert und meint, das andere das nicht können- nur weil sie selbst es sich nicht zutrauen. Im Grunde ist es einfach: [...]
Zitat von SeilyDiese Geschichte ist wunderbar, einzigartig und zeigt, dass man sich in der Medienbrache, mit dem was diese ausmacht, nämlich WERBUNG, auch in eigener Sache einen Vorteil verschaffen kann. Ein Vorbeild ist die junge Dame allerdings nur mit ihrem Mut zur Tat. Wenn jeder moderne junge Mensch so agiert, indem er/sie so hingebungvoll 100% des eigenen Daseins dem Gewinn des Unternehmens verschriebt, bleibem Familienplanung, Freunde usw außen vor. Und ehrlich Facebook bietet, meiner Meinung nach keinen adäquaten "Ersatz" für echte Interaktion mit realen Menschen bei einem Wein oder Bier. Außerdem würde mich mal interessieren, wie man dieses Schema oder diese Idee auf andere wirklich wertschöpfende Branchen erweitern kann. Beispielsweise in der Elektrotechnik?! Sollte ich mich da mit einem eingen entwickelten Handy bewerben? Oder Finanzdienstleistung: Sollte ich erst meinen eigenen Fonds gegründet haben, um bei einer Bank als Trainee aufgenommen zu werden? Die Frage ist, wie kann man zeigen, dass man gut oder außergewöhnlich ist, in dem was man tut. In diesem Fall ist es ja geglückt. Und eine letzte Kritik; Wenn jeder "seinen Status (so) ändert", könnten sich beispielsweise junge Werbedesignerinnen, wie diese hier, auch nicht mehr durch so etwas profilieren. Wie gesagt, ich finde diese Geschichte super, aber nicht auf andere oder schon gar nicht alle, die auch mit Web2.0 umgehen, übertragbar. Vielleicht irre ich mich auch und es hagelt gleich an Beispielen, wo das in ähnlicher Weise schon funktioniert hat.
ich danke ihnen für ihren typisch deutschen Beitrag, der zwar die Leistung anerkennt aber sie sofort relativiert und meint, das andere das nicht können- nur weil sie selbst es sich nicht zutrauen. Im Grunde ist es einfach: Wenn du ein Problem hast, dann unternehme etwas. es gibt genug Beispiele, die erfolgreich wurden- ich erinnere an die milliondollar pixel Seite, etc.
peterwillie 13.08.2012
Grundsätzliche Zustimmung zu dem, was Sie geschrieben haben. Allerdings ist nicht sooooo typisch deutsch wie Sie das darstellen. Wenn Sie sich 'mal durch einige US-Foren quälen, dann werden Sie sehen, dass es dort nicht viel [...]
Zitat von thechamelion3@web.deich danke ihnen für ihren typisch deutschen Beitrag, der zwar die Leistung anerkennt aber sie sofort relativiert und meint, das andere das nicht können- nur weil sie selbst es sich nicht zutrauen.
Grundsätzliche Zustimmung zu dem, was Sie geschrieben haben. Allerdings ist nicht sooooo typisch deutsch wie Sie das darstellen. Wenn Sie sich 'mal durch einige US-Foren quälen, dann werden Sie sehen, dass es dort nicht viel besser zugeht. Der einzige Unterschied ist das Verhältnis negativ/positiv: In Deutschland etwa 90/10 in den USA 30/70. Dummheit kennt keine Grenzen.
MrGold 13.08.2012
Mag sein, dass sie damit erfolgreich ist. Aber wenn jeder Student so handeln würde wäre das einfach nur spam. Die gesellschaftlichen Ursachen, die hinter dem Problem stecken, werden durch solche Einzelfälle verharmlost und bieten [...]
Mag sein, dass sie damit erfolgreich ist. Aber wenn jeder Student so handeln würde wäre das einfach nur spam. Die gesellschaftlichen Ursachen, die hinter dem Problem stecken, werden durch solche Einzelfälle verharmlost und bieten Verfechtern von Studiengebühren und ähnlichem Argumente, wenn auch für halbwegs intelligente Menschen leicht durchschaubare.
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  • Montag, 13.08.2012 – 11:49 Uhr
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