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Gefängnistheater in Mexiko: "Was fühlst du, wenn du tötest?"

Aus Mexiko-Stadt berichtet Sonja Peteranderl

Junge Kriminelle in Mexiko: "Haut ab, wir sind hier kein Zoo"
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Thomas Heise

Sie sind fast noch Kinder, doch sie leben hinter Gittern: In der Haftanstalt San Fernando in Mexiko-Stadt sitzen jugendliche Schwerverbrecher wegen Raubes, Mordes oder Erpressung für Jahre ein. Ein deutsches Theaterprojekt bricht den tristen Knastalltag auf.

Marco klopft mit seinen Turnschuhen auf den Boden. Er verkriecht sich in die Decke, die um seine Schultern liegt. "Ich mag fremde Menschen nicht", sagt er. Menschen, die draußen, also in einer Freiheit leben, die ihm fremd geworden ist.

Marco sitzt ein in der Haftanstalt San Fernando in Mexiko-Stadt, wegen Mordes: "3 Jahre, 10 Monate, 15 Tage". Marco zählt das auf, als würde er im Kopf eine Strichliste führen. Er sagt auch: "Ich habe die beste Zeit meines Lebens verloren", und klingt dabei wie ein alter Mann, der nicht mehr daran glaubt, dass es noch ein anderes Leben gibt als das Gefängnis.

Als Marco 15 Jahre alt war, erschlug er in einer Prügelei einen anderen Jungen. Seitdem ist er hier. Er hat schwarze Haare, ist klein und durchtrainiert, er trägt ein T-Shirt, Shorts, auf seiner Wade blitzt ein Tattoo: der Name seiner Mutter. Marco hat Platz genommen auf einem Stuhl, in einer vergitterten, kahlen Halle, die wie jeder andere Raum in diesem Gefängnis aussieht - aber diese Halle und dieser Stuhl und auch der Tisch daneben sind nicht wie jeder andere Raum; sie sind eine Bühne.

Poesie statt Raub und Mord

Am Tisch in der Mitte der Bühne, neben Marco, sitzt Samuel, 19. Er musste ins Gefängnis wegen eines Mordes, denn er nicht begangen habe, wie er sagt; er ist auch ein Häftling, wie Marco. Aber jetzt sind sie beide für ein paar Momente, Minuten, Stunden - Schauspieler. Samuel rezitiert eine Zeile von Bertolt Brecht, auf Spanisch, es macht ihm Mühe. Er spricht sie in ein Mikrofon, wieder und wieder, bis die Worte vollständig sind, in der richtigen Reihenfolge, bis die Betonung stimmt.

Vor Samuel und Marco steht Thomas Heise, 57, Theaterregisseur und Dokumentarfilmer aus Berlin, eingeladen und eingeflogen vom Goethe-Institut. Er versucht, die Jungs mit Gesten zu unterstützen, sie zu motivieren. Er ist der Regisseur, und die beiden Häftlinge seine Schauspieler - sie proben mit 14 anderen Häftlingen, Jungs und Mädchen, für ein Theaterstück, das nur einmal aufgeführt werden wird. Das Publikum muss für ihr Stück zwar keine Karten kaufen, aber sich hinter die hohen Mauern von San Fernando trauen, durch die Sicherheitsschleusen der Jugendhaftanstalt, weil die 16 Schauspielerinnen und Schauspieler nicht zu ihnen kommen können.

Raub, Mord oder Entführung sind die Delikte, wegen derer die Mitglieder von Heises Ensemble im Gefängnis sitzen. Marco, Samuel und die anderen sind 16, 17, 18, 19 Jahre alt - die jungen Frauen werden zu jeder Probe mit einem Minibus aus ihrer Haftanstalt nach San Fernando geschleust. Ein Kamerateam begleitet die Proben und dreht einen Dokumentarfilm, der Ende 2013 präsentiert werden soll.

Theater? Eine dumme Idee!

Erst hatte sich Marco gewehrt gegen dieses Experiment: Eine dumme Idee, fand er. Menschen aus Deutschland, die ein bisschen spielen wollen, mit den kriminellen Jugendlichen aus Mexiko. "Haut ab, wir sind kein Zoo hier", habe Marco ihnen zugerufen, erzählt Thomas Heise, "am Anfang war er uns spinnefeind".

Die Proben begannen ohne Marco, er sah aus der Entfernung zu - irgendwann änderte er doch seine Meinung. Warum? "Ich hatte noch nie geschauspielert", sagt er. "Und es sollten ja auch Mädchen kommen." Er grinst.

Samuel war gleich dabei. Er erzählt, wie eng es ist in den Zellen von San Fernando, vor allem in seiner, die er sich mit zwölf anderen jungen Männern teilen muss. Da tut es gut, woanders zu sein, eine Aufgabe zu haben. Doch auch nach drei Monaten voller Proben stolpert Samuel noch über seinen Text, weil er in der Zelle, in seinem Bett, nie Ruhe zum Lernen hat, weil immer alle durcheinander reden und laute Musik abspielen.

Samuel genießt das Theater, die Ablenkung. Er hat noch zwei Jahre seiner Haftstrafe vor sich - in der Freiheit warten seine Frau und ein kleines Kind auf ihn. "Wenn ich probe", sagt er, "kann ich abends wenigstens gut schlafen".

Mörder, die im Schlaf weinen

Regisseur Heise hat für das Theater im Gefängnis Passagen aus dem "Lesebuch für Städtebewohner" von Bertolt Brecht sowie der "Abschweifung über produktive Arbeit" von Karl Marx kompiliert und sie mit autobiografischen Texten der Häftlinge gemischt.

Ihre Geschichten beschreiben, wie junge Menschen sich in einer Großstadt verlieren, die ihnen eine Hölle geworden ist, wie sie auf dem Arbeitsmarkt um ihr Überleben kämpfen; sie beschreiben Räuber und Mörder, die im Schlaf weinen. Sie erzählen von Kindern, die kaum jemand liebt und von einer Gesellschaft, die sie zu Verbrechern werden lässt.

Jungs wie Marco und Samuel kommen aus armen, harten, von Kriminalität zerfressenen Stadtteilen. Häufig haben sie weder eine Arbeit, noch gehen sie zur Schule. Drogenkartelle rekrutieren in der Nachbarschaft Minderjährige als "Kanonenfutter", sie heuern sie als Späher, Dealer, Drogenschmuggler, Entführer oder Auftragsmörder an. Die meisten Jugendlichen werden aber wegen Raubes eingesperrt. Die Konsequenzen ihres Handelns sind ihnen lange nicht bewusst - bis sie im Gefängnis landen.

Bisher schloss der mexikanische Staat die jungen, straffälligen Menschen einfach weg - Versuche, sie zu resozialisieren, gab es kaum. Die Gefängnisse waren dunkle, dreckige Orte, voller Gewalt und Willkür. Erst seit kurzer Zeit versucht die Leitung der sechs Jugendhaftanstalten in Mexiko-Stadt, die Insassen mit Angeboten wie Bildung, Kunst und Kultur wieder an die Gesellschaft heranzuführen - um vielleicht ein Modell, ein Vorbild fürs ganze Land zu sein.

"Ich bin Marco. Mich gibt es nicht. Ich lebe hier. Unsichtbar."

Der große Tag: Premiere für Samuel, für Marco, für Thomas Heises Hafttheater. Marco steht auf der Bühne, vor 200 Gästen in der Halle seines Gefängnisses, er spricht zu ihnen, er trägt den Text vor, den er selbst entwickelt hat: "Hallo, ich bin Marco. Mich gibt es nicht. Ich lebe hier. Unsichtbar. Es existiert nur mein Ausdruck. Meine Stimme und mein Gefühl."

Marco wirkt selbstsicher, souverän - er, den Fremde sonst nervös machen. Auch Samuel meistert seinen Text. Ever, ein anderer Junge, fragt ins Publikum: "Warum bist du hier? Wann hast du angefangen mit den Entführungen? Was fühlst du, wenn du tötest?"

Sie spielen ihren Alltag nach und brechen ihn dadurch auf. Mit den Mädchen in ihren bonbonbunten Kleidern sitzen Marco und Samuel und Ever und die anderen am Ende zusammen an einer langen Tafel. Sie essen und erzählen sich Geschichten von einem Leben in Freiheit - eine Utopie, ein flüchtiger Moment.

Was bleibt? Marco wird in fünf Monaten wieder zu Hause sein. Er will studieren, Psychologie, eine Familie gründen. Seine Eltern, sein Bruder, seine kleinen Schwestern warten schon. Er hat Angst vor dem Leben in der Freiheit. Er kennt seit Jahren nichts anderes als die Haft. Er weiß nicht mehr, wie sich das anfühlt: ein normales Teenagerleben.

Samuel sagt, das Gedicht von Brecht zeige ihm, dass jeder eine zweite Chance verdient. Er muss noch zweieinhalb Jahre absitzen - mit dem Theater würde er gerne weiter machen. In der Freiheit wird er sich einen Job suchen müssen, um seine kleine Tochter und seine Frau ernähren zu können. Vielleicht ist das Theater die Chance für seinen neuen Anfang.


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Sonja Peteranderl

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insgesamt 7 Beiträge
raptor_erectus 24.04.2013
dieser Artikel, liebe Sonja, ist eines der Besten, was ich die letzte Zeit gelesen habe. Respekt! Auch an den Projektleiter Thomas Heise. Erinnert mich ein wenig an meine klaeglichen Aktionen fuer die Kinder in einer [...]
dieser Artikel, liebe Sonja, ist eines der Besten, was ich die letzte Zeit gelesen habe. Respekt! Auch an den Projektleiter Thomas Heise. Erinnert mich ein wenig an meine klaeglichen Aktionen fuer die Kinder in einer brasilianischen Favela, jedesmal zu Weihnachten. Die Zustaende, es ist zum Verzweifeln.
infogeek 24.04.2013
...hier staendig so schwach recherchierte Artikel zu lesen. Lebe hier seit 6 Jahren vor Ort , kenne unter anderem mexikanisch Psychologen und Sozialarbeiter, die nicht weniger Zeit in solchen Einrichtungen gearbeitet haben und [...]
...hier staendig so schwach recherchierte Artikel zu lesen. Lebe hier seit 6 Jahren vor Ort , kenne unter anderem mexikanisch Psychologen und Sozialarbeiter, die nicht weniger Zeit in solchen Einrichtungen gearbeitet haben und dann wieder sowas von leuten, die vielleicht mal 2 tage zu Besuch waren und nicht checken, was in diesem Land passiert: Zum Vergleich mal was von investigativen Jornalisten unter http://matthiasknecht.info/?q=content/mexikos-strafjustiz-am-pranger
raptor_erectus 25.04.2013
So sucht jeder sein Ziel; dort ist es die kleine Klippenspringerin, in Europa vielleicht der Wanderer auf dem Jacobsweg. Ich traf letztes Jahr auf einer Trekking-Tour im Amazonas einen Kanadier, der schon seit einigen Jahren [...]
So sucht jeder sein Ziel; dort ist es die kleine Klippenspringerin, in Europa vielleicht der Wanderer auf dem Jacobsweg. Ich traf letztes Jahr auf einer Trekking-Tour im Amazonas einen Kanadier, der schon seit einigen Jahren Suedamerika durchwandert.
VoiceOfReason 25.04.2013
ist schon alles sehr wichtig, daß sich die mörder mal drüber ausreden können, was man so beim töten fühlt. die fühlen sich dann auch gleich viel besser, ne, man könnte ja auch fragen, was glaubt ihr denn, wie sich eure opfer beim [...]
ist schon alles sehr wichtig, daß sich die mörder mal drüber ausreden können, was man so beim töten fühlt. die fühlen sich dann auch gleich viel besser, ne, man könnte ja auch fragen, was glaubt ihr denn, wie sich eure opfer beim getötet werden gefühlt haben, aber ist ja egal, die sind ja tot.
raptor_erectus 25.04.2013
wir koennen von glueck reden, dass wir als kinder in einem europaeischen land wie deutschland aufgewachsen sind und nicht in einem slum von mexico-city zum beispiel. fuer kinder als taeter trifft wieder einmal zu: es fehlt das [...]
wir koennen von glueck reden, dass wir als kinder in einem europaeischen land wie deutschland aufgewachsen sind und nicht in einem slum von mexico-city zum beispiel. fuer kinder als taeter trifft wieder einmal zu: es fehlt das regulativ, sprich, die eltern, die schule, der staat.....alle haben sie versagt. ich bin uebrigens der ueberzeugung, dass ohne die wie auch immer geartete teilnahme einiger sehr grosser tiere das rauschgifgeschaeft in mexico nicht so erfolgreich waere.
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  • Mittwoch, 24.04.2013 – 12:58 Uhr
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Bevölkerung: 113,423 Mio.

Hauptstadt: Mexiko-Stadt

Staats- und Regierungschef: Enrique Peña Nieto

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