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Pro & Contra zur Sexismusdebatte: Musste Hunt gefeuert werden?

Von und

Geschasster Nobelpreisträger Hunt: Sexist oder unachtsamer Schussel? Zur Großansicht
AFP

Geschasster Nobelpreisträger Hunt: Sexist oder unachtsamer Schussel?

Tim Hunt hat einen dummen Spruch über Frauen im Labor losgelassen - doch musste er deshalb seinen Job als Uni-Professor verlieren? Zwei Meinungen aus unserer Redaktion.

"Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen", das sagte Nobelpreisträger Tim Hunt, 72, vor einer Woche am Rande einer Konferenz vor Wissenschaftsjournalisten in Seoul über Wissenschaftlerinnen.

Weil romantische Gefühle bei der Arbeit im Labor nicht zuträglich seien, würde er geschlechtergetrennte Labore bevorzugen, wolle aber Frauen nicht im Wege stehen, sagte der renommierte Biochemiker und Krebsforscher, der selbst mit einer Wissenschaftlerin verheiratet ist.

Teilnehmerinnen twitterten seinen Spruch um die Welt - und als der Forscher wieder in London ankam, musste er seine Professur am University College London (UCL) aufgeben. War es richtig, dass Hunt wegen seiner Äußerungen seinen Job verloren hat?

CONTRA

Lena Greiner

Drei Dinge passieren, wenn Männer und Frauen zusammen in einer Redaktion arbeiten: Einige Männer finden einige Frauen attraktiv, sie fragen nach einem Date, und wenn sie eine Abfuhr bekommen, heulen sie vor gekränkter Eitelkeit. Vielleicht wäre es besser, es gäbe einen Newsroom für Männer und einen für Frauen.

Das meine ich nicht ernst, natürlich nicht. Es war ironisch gemeint. Ein Witz. Spaß. SPAAASS! Verliere ich meinen Job, weil ich diesen Spruch gebracht habe? Wird mir – noch während der Rückreise von einer Recherche im Ausland – mitgeteilt, dass ich zwei Möglichkeiten habe: Entweder ich kündige sofort, oder ich werde entlassen? Selbstverständlich nicht. Das wäre absurd.

Und genau deshalb ist es nicht in Ordnung, dass Tim Hunt seinen Job verloren hat.

Ich kenne Hunt nicht persönlich. Ich kann lediglich wiedergeben, was ich über ihn gehört und gelesen habe, von seinen Kollegen, von seiner Ehefrau. Zunächst einmal: Hunt ist jetzt nicht arbeitslos, weil er eine Frau belästigt hat. Oder gar betatscht hat. Oder weil er Frauen strukturell benachteiligt hat. Er hat seinen Job verloren, weil er etwas gesagt hat, das vielen nicht gefällt. Sein Arbeitgeber, eine Universität, die für die Freiheit von Lehre und Forschung, aber offenbar nicht für Meinungsfreiheit steht, hat ihn fallen gelassen.

Seine Äußerungen seien falsch gewesen, sagt Hunt heute. Aber: Er habe das nicht ernst gemeint. SPAAASS! Hunt sei ein Sprücheklopfer, sagen Kollegen – und Kolleginnen. Einer, der gern Witze reißt. Auch mal chauvinistische. Aber er sei nicht frauenfeindlich. Vielmehr hätte er junge Wissenschaftler beiden Geschlechts gleichermaßen gefördert.

Für seine Ausführungen während der Konferenz bekam er, so erzählt Hunt es heute, ein wenig Applaus, das war's. Doch dann ging es los: Wut und Aufregung auf Twitter und Co. Okay, kann man sagen, fair enough, wer noch nicht mitbekommen hat, dass man keine politisch unkorrekten Witze mehr machen darf, hat selbst Schuld. Soll der alte Mann doch öffentlich kritisiert werden für Äußerungen, die weder lustig sind noch zeitgemäß.

Doch dann: Hatte Hunt schon bei seiner Landung in London praktisch keinen Job mehr. Musste seine Frau Mary Collins, die ebenfalls eine Professur an der UCL hat, öffentlich erklären, dass ihr Mann zwar "ab und zu dumme Sachen" sage, aber ansonsten kein Dinosaurier sei und übrigens auch immer brav die Einkäufe erledige, koche und im Garten hantiere. Und dass sie, eine Feministin, ihn niemals geheiratet hätte, wenn er ein Sexist wäre.

Als Hunt in die siebte Klasse ging, saßen nur Jungs um ihn herum. Als ich in die siebte Klasse ging, streckte ich den Jungs die Zunge raus und sang mit Lucilectric "Mir geht's so gut, weil ich ein Mädchen bin. Keine Widerrede, Mann, weil ich ja sowieso gewinn‘. Weil ich ein Mä-ä-ä-dchen bin." Soll heißen: andere Generationen, andere Erfahrungen, andere Sichtweisen.

Die man übrigens nicht gut finden muss. Gegen die es – wenn sie tatsächlich zu Diskriminierung führen – Gesetze geben muss. Die man in einer freien Gesellschaft aber als andere Meinung akzeptieren muss und gern mit besseren Argumenten, aber nicht mit Repressalien, bekämpfen soll. Wer das nicht will, ist genauso intolerant wie ein chauvinistischer Sprücheklopfer.

Und wer sich als feministisch bezeichnet und für Gleichberechtigung kämpft, muss in Kauf nehmen, dass gleiches Recht für alle im Zweifel auch heißt: gleiches Unrecht für alle. Wenn also Tim Hunt wegen einer flapsigen Äußerung zurücktreten muss, müssten in einer gerechten Welt heute und morgen und übermorgen auch viele andere Männer und Frauen ihre Posten räumen – wegen dummer Sprüche. Wir hätten plötzlich sehr viele Arbeitslose mehr.

Privat

PRO

Kristin Haug

Als Connie St Louis am 8. Juni twitterte, was Tim Hunt beim Lunch am Rande einer Wissenschaftskonferenz in Seoul gesagt hatte, war sie wütend. "Denkt dieser Nobelpreisträger, dass wir noch im Viktorianischen Zeitalter leben?", fragte die Journalistin. Der Tweet veranlasste das University College London (UCL), Hunt die Aufgabe seiner Honorarprofessur nahezulegen. Und das ist richtig so.

Der renommierte Biochemiker, der sich mit Zellforschungen zum akademischen Schwergewicht gemacht hat, hatte sich abfällig über Wissenschaftlerinnen geäußert. Mit seiner Bemerkung spuckt Hunt ihnen ins Gesicht. Er macht sie lächerlich, indem er ihnen Emotionalität am Arbeitsplatz unterstellt und sie darauf reduziert. Hunt ruderte später schnell zurück und entschuldigte sich für seinen Kommentar mit den Worten, das sei doch alles nur ironisch gemeint gewesen.

Darf man einen renommierten Wissenschaftler rauswerfen, nur weil er einen dummen Spruch abgelassen hat? Ja, man muss sogar. Denn Hunt wird Sätze wie diese jahrzehntelang in Laboren verbreitet haben. "Er sagt nur ab und zu dumme Sachen", gestand selbst Ehefrau Mary Collins, Immunologie-Professorin am UCL. Und Hunt ist nicht der einzige Wissenschaftler, der sich im Ton vergreift. Sexistische Sprüche sind Alltag, wie mir Wissenschaftlerinnen aus England bestätigten. Einige von ihnen meldeten sich auch im "Guardian" zu Wort: "Frauen sind einfach schlecht in der Wissenschaft", "Wenn eine Frau Zwillinge hat, sehen wir sie nie wieder", "Es sollte ein Gesetz geben, das Wissenschaftlerinnen verbietet, Kinder zu bekommen". Ein einziger Spruch allein ist unerträglich, aber vielmehr noch ist die permanente Diffamierung von Frauen inakzeptabel.

Hunt mag ein Bauernopfer für alle Wissenschaftler sein, aber es war an der Zeit, dass ein Sexist geschasst wird. Die Situation sei zwar besser als noch vor 20 Jahren, als Frauen verheimlichen mussten, schwanger zu sein und sexistische Sprüche still ertrugen, mailte mir eine Wissenschaftlerin. Aber es müsse noch viel getan werden. Hunts Absetzung ist ein klares Zeichen dafür, Wissenschaftlerinnen, die es in der akademischen Welt der Naturwissenschaften ohnehin schwerer als Männer haben, zu respektieren.

Wenn Frauen in Mutterschutz gehen, fallen sie automatisch hinter ihren männlichen Kollegen zurück, allein schon weil sie weniger publizieren können, wie Studien belegen. Zudem werden ihre Artikel im Peer-Review-Verfahren schlechter bewertet. Mit diesem Wissen gab etwa das Journal "Plos One" vor Kurzem zwei Wissenschaftlerinnen den Rat, ein oder zwei Männer als Co-Autoren ihrer Studie mitaufzuführen, um eine bessere Bewertung zu erhalten.

Es ist bitter, dass auch heute noch solche Zustände herrschen. Männer wie Tim Hunt befeuern diese Diskriminierung, indem sie Frauen nicht ernst nehmen. Sein Nobelpreis darf ihm keine Immunität verschaffen. Er sollte ihn dazu veranlassen, als Vorbild zu dienen und Wissenschaftlern, egal welches Geschlecht sie haben, Respekt zu zollen.

Im Nachgang des Skandals ließ sich Hunt vom "Guardian" als Opfer inszenieren und zeigte sich mit seiner Frau im Garten des gemeinsamen Häuschens. Sie ist jetzt seine stärkste Waffe. Sie soll der Welt beweisen, dass ihr Mann kein Sexist ist. "Wenn Tim nicht auf Geschäftsreise ist, dann kauft er ein und kocht", sagte Mary Collins brav. Und das muss man Hunt lassen, es gibt tatsächlich Wissenschaftlerinnen, die sich in ihn verliebt haben.

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insgesamt 127 Beiträge
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1. Und schon wieder schreiben
sunsan 16.06.2015
zwei Frauen zu dem Thema und kein Mann. Ich fühle mich dikriminiert und weine gerade.
2.
w.scherf 16.06.2015
Normalerweise bekommt man erstmal eine Abmahnung (oder mehrere), bevor man gehen muss. Vielleicht hätte Hunt nicht sofort selbst kündigen sollen. Unabhängig von allem ist allerdings im Alter von 72 Jahren der Ruhestand vielleicht auch eine Option.
3. Emotionalität
easteregg 16.06.2015
Frau Haug wirft dem Professer vor, sich über die vermeintliche Emotionalität von Wissenschaftlerinnen lustig zu machen. Dabei sind die Reaktionen auf seine Äußerungen das Paradebeispiel dafür.
4. Das Poll Ergebnis
Steeevyo 16.06.2015
Das Poll Ergebnis zeigt dass der gesunde Menschenverstand entegegen der medialen Verzerrungen noch sehr gut funktioniert.
5. Meinungsfreiheit
Solid 16.06.2015
http://i.kinja-img.com/gawker-media/image/upload/z5cwvaoonlp5neslxc5w.png Die Meinungsfreiheit bedeutet, dass der Staat niemanden einsperrt, für das was er sagt. Sie bedeutet nicht, dass die Mitmenschen darauf nicht reagieren dürfen.
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