Aus Jerusalem berichtet Lissy Kaufmann
Alles muss schnell gehen an der Ulpan Morasha in Jerusalem, Verben werden im Akkord konjugiert. "To live?" "Gar, gara, garim, garot." Die Lehrerin Feena Rizel, 50, gibt auf Englisch vor: "to speak". Die Klasse ruft im Chor: "Medaber, medaberet, medabrim, medabrot".
Der Ton erinnert an den Morgenappell in Kasernen. "Tschick, tschak" heißt das auf Hebräisch, also: dalli, dalli. Die Zeit ist knapp. Denn schon in fünf Monaten sollen sich die Schüler auf Hebräisch im Alltag zurechtfinden.
Die Ulpanim, wie die Sprachschulen in Israel heißen, sind aus der israelischen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. 85 solcher Schulen sind vom Bildungsministerium zugelassen, die Kurse begehrt, denn Israel ist ein Einwanderungsland: Nach Angaben des Einwanderungsministeriums haben seit 2006 jährlich rund 9300 Juden Aliyah gemacht - sind also israelische Staatsbürger geworden. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen belegte laut Ministerium einen Sprachkurs. Daneben lernen auch andere, nicht-jüdische Einwanderer und Besucher des Landes an den Ulpanim. 2010 zählte das Bildungsministerium mehr als 10.000 Schüler in den Anfängerkursen.
Für die neuen Staatsbürger ist die Ulpan ein Recht, keine Pflicht, wie ein Sprecher des Einwanderungsministeriums erklärt. Das Ministerium ermutigt aber, an einem Sprachkurs teilzunehmen, und hilft, eine Schule in der Nähe zu finden.
"Um Teil des Landes zu werden, muss ich Hebräisch lernen"
Melissa Sussmann, 26, musste nicht überzeugt werden. "Für mich war klar, dass ich daran teilnehme, sobald ich hier lebe", sagt sie. Sie ist vor drei Monaten aus religiösen Gründen von New York nach Jerusalem gezogen und kleidet sich als orthodoxe Jüdin mit langem Rock und Kopftuch. "Hier kann ich ganz frei meine jüdische Identität ausleben", sagt sie. In ihrer alten Heimat habe sie sich dagegen nicht immer dazugehörig gefühlt. "Um Teil dieses Landes und damit zu einer richtigen Israelin zu werden, muss ich einfach Hebräisch lernen."
Der fünfmonatige Anfängerkurs an der Ulpan Morasha, der umgerechnet rund 600 Euro kostet, ist für neue Staatsbürger wie Melissa kostenlos. Denn der Staat unterstützt die Einwanderung von Juden aus aller Welt und zahlt jedem von ihnen 500 Hebräisch-Stunden, also den kompletten Anfängerkurs. Umgerechnet rund 12 Millionen Euro haben das Einwanderungs- und das Bildungsministerium in diesem Jahr für die Lehrergehälter und Unterrichtsmaterialien ausgegeben.
Melissa sitzt fünf Tage in der Woche, fünf Stunden am Vormittag im Klassenzimmer mit ihren 23 Mitschülern. Danach arbeitet sie, abends macht sie Hausaufgaben. Sieben Wochen ist Melissa schon dabei. "Der Kurs ist intensiv, ich habe schon sehr viel gelernt. Vorher konnte ich nur einige Wörter. Nun habe ich mich schon mit einem Taxifahrer auf Hebräisch unterhalten. Ich konnte erzählen, wo ich herkomme, warum ich hier bin und was ich hier mache."
Reden - damit verbringen die Schüler während des Unterrichts an der Ulpan Morasha die meiste Zeit. Der Lehrerin nachsprechen, vor der Klasse erzählen oder mit dem Sitznachbarn quasseln - Hauptsache, es ist auf Hebräisch.
"Die Bücher dienen uns, nicht wir dienen den Büchern"
Um die Sprachschüler innerhalb so kurzer Zeit fit für den Alltag zu machen, verzichtet die Ulpan Morasha auf Komfort und Extras: Die Klassenzimmer sind einfach, eine Tafel, einige alte Tische, manche aus Holz, manche aus Plastik, ein paar Garten-, ein paar alte Schulstühle. Die Unterrichtsmaterialen sind ebenso simpel: ein Block, ein Stift und ein Becher voll starkem Kaffee. Bücher gibt es keine.
"Unser Motto ist: Die Bücher dienen uns, nicht wir dienen den Büchern", sagt Lehrerin Rizel. Wenn sie einen Text brauchen, dann kopieren die Lehrer entsprechende Seiten. Hauptsächlich aber konjugieren die Schüler Verben und bilden kurze Sätze mit den richtigen Präpositionen. Es geht darum, Grammatikregeln zu verinnerlichen, nicht einen möglichst großen Wortschatz aufzubauen. "Wir denken mehr darüber nach, was wir besser noch nicht beibringen, um die Schüler nicht zu verwirren", erklärt Feena Rizel. Sie sollen ein Gefühl für die Sprache bekommen. Damit der Unterricht für Schüler und Lehrer spannend bleibt, wechseln die Lehrer nach jeder großen Pause die Klassen.
Feena Rizel unterrichtet seit acht Jahren an der Ulpan Morasha. Davor war sie 15 Jahre lang an anderen Ulpanim. "Jede Schule hat ihre eigenen Lehrmethoden", sagt sie. Manche verwenden Bücher, einige legen den Schwerpunkt auf religiöse Themen, bei anderen geht es vor allem ums Sprechen. Doch in den fünfmonatigen Anfängerkursen sollte am Ende jeder zumindest ähnlich weit gekommen sein - egal in welcher Schule.
Das Ziel: Sich unterhalten können, auf Ämtern, in Geschäften, mit Nachbarn und bei der Arbeit. Das Bildungsministerium organisiert für Absolventen monatlich eine freiwillige Prüfung. Einige Arbeitgeber verlangen aber von Bewerbern ein Sprachzertifikat, dass die Teilnehmer - ähnlich wie in Deutschland - nach der Prüfung erhalten.
Melissa will bei dem Test in einigen Monaten auf jeden Fall mitmachen. "Meine Pläne stehen noch nicht fest, aber eventuell möchte ich hier noch einen Master machen. Und um auf Hebräisch studieren zu können, brauche ich das Zertifikat."
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