Ukrainische Praktikanten in Deutschland: Dann klingelte der Geheimdienst...

Von André Eichhofer, Kiew

Klingt wie Kalter Krieg: Junge Ukrainer, die im Bundestag und bei der Deutschen Welle ein Praktikum gemacht haben, werden nach ihrer Rückkehr in die Heimat vom Geheimdienst verhört. Der fürchtet offenbar, dass die Praktikanten in Deutschland zur Spionage angestiftet werden.

Praktis im Geheimdienst-Verhör: "Ich bin keine Spionin!" Fotos

Katarina Kapljuk denkt gern an ihre Zeit in Deutschland zurück. Die Kulturszene in Berlin und die Biergärten in München haben ihr besonders gut gefallen. Und Bonn, wo alles viel gemütlicher war als zu Hause in Kiew. Im Juni absolvierte die 24-Jährige in der Stadt am Rhein ein Praktikum bei der Deutschen Welle in der ukrainischsprachigen Redaktion. Für die Menschen in ihrer Heimat berichtete Kapljuk über Mode, Lifestyle und das Studentenleben. "Meine Arbeit hatte nichts mit Politik zu tun", sagt sie. Nach einem Monat kehrte sie nach Kiew zurück. Da ahnte sie nicht, dass sie bald ein paar unangenehme Fragen würde beantworten müssen.

"Nach meiner Rückkehr fing ich als Reporterin bei der Zeitung 'Ukrainska Prawda' an", erzählt die junge Frau mit den braungelockten Haaren. Die Internetzeitung berichtet kritisch über die Regierung und hat schon viele Skandale aufgedeckt.

Eines Tages klingelte Kapljuks Handy. Am Apparat war ein Mann, erzählt sie, der sich Wladislaw nannte und als Mitarbeiter des ukrainischen Geheimdienstes SBU ausgab. Er zitierte die 24-Jährige in ein Café in der Nähe der SBU-Zentrale. "Ich musste dorthin, da mich der Geheimdienst ansonsten ins Hauptquartier bestellt hätte", sagt Kapljuk. "Außerdem war ich gespannt, was mich erwarten würde."

Im Café traf sie einen jungen Mann in schwarzem Anzug. "Er zeigte seinen Ausweis und sagte, er wisse, dass ich bei der Deutschen Welle gearbeitet habe", berichtet Kapljuk. Der Beamte sei zunächst locker und freundlich gewesen, er habe ihr sogar ein Foto von seinem Kind gezeigt. Bei einer Tasse Kaffee befragte er sie über ihre Praktikumszeit. Das Gespräch müsse natürlich geheim bleiben, mahnte er.

"Jeder Deutsche kann ein Spion sein"

Doch die Reporterin schlug dem Geheimdienstmann ein Schnippchen. Heimlich nahm sie die Befragung mit ihrem Handy auf. Was in der Aufnahme zu hören ist, offenbart ein tiefes Misstrauen: Der Geheimdienst bezichtigt Austauschpraktikanten der Spionage und glaubt, durch Verhöre an vermeintliche Staatsgeheimnisse gelangen zu können.

Zunächst wollte der Agent Details über die Redaktion der Deutschen Welle wissen und welche Politiker Kapljuk in Deutschland getroffen habe. "Ich sagte ihm, dass ich mit Politik nichts zu tun hatte", erinnert sich Kapljuk. Doch davon ließ sich ihr Gegenüber nicht überzeugen. Deutsche Politiker würden die Journalistin als "Werkzeug" benutzen, um die Öffentlichkeit in der Ukraine zu manipulieren, sagte er. Sie solle sich sofort melden, wenn jemand aus Deutschland Kontakt zu ihr aufnehme. Schließlich könne jeder Deutsche ein Spion sein - ob Diplomat, Politiker oder Entwicklungshelfer.

Auch Anna Hryshchenko* musste sich unfreiwillig mit dem Geheimdienst treffen. Sie hatte im Sommer ebenfalls ein Praktikum bei der Deutschen Welle absolviert, seit ihrer Rückkehr arbeitet sie bei einem Fernsehsender in Kiew. "Der Beamte beschuldigte mich, als Spionin für Deutschland zu arbeiten", sagt die 26-Jährige.

Sie sei bei der Deutschen Welle "umgedreht" worden - bewusst oder unbewusst, behauptete der SBU-Mann. Der Geheimdienstmitarbeiter wollte Details über die "Strategie der deutschen Außenpolitik gegenüber der Ukraine" wissen. "Er dachte offenbar, dass ich aufgrund meines Praktikums über solche Informationen verfüge", sagt Hryshchenko. Sie habe dem Mitarbeiter zu erklären versucht, dass Deutschland weniger an der Ukraine als an Ländern wie Russland, Brasilien oder China interessiert sei. "Nein, nein, das kann nicht sein", habe er erwidert.

Mehr Macht für den Präsidenten

Seit Wiktor Janukowitsch im Februar 2010 das Präsidentenamt übernahm, hat sich das Land von Demokratie und Rechtstaatlichkeit spürbar entfernt. Ein Reformpaket der Orange Revolution von 2004, das das Parlament gestärkt hatte, erklärte das Verfassungsgericht für ungültig. Politische Gegner müssen Repressionen fürchten.

So wurde etwa der Leiter des Landesbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung im vergangenen Jahr bei der Einreise stundenlang am Flughafen in Kiew festgehalten, nachdem er die Politik Janukowitschs kritisiert hatte. Im Oktober verurteilte ein Gericht die Oppositionspolitikerin Julija Timoschenko wegen angeblichen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft - trotz internationaler Proteste. Viele halten den Schuldspruch für politisch motiviert.

Nach dem Treffen im Café wollte Katarina Kapljuk wissen, was es mit der Befragung auf sich hatte. Sie rief beim Geheimdienst an und bat um eine Stellungnahme. Eine Mitarbeiterin der Presseabteilung erklärte, dass die Verhöre "zur üblichen Praxis" gehörten. Ob es sich bei Wladislaw um einen Geheimdienstmitarbeiter handelte, wollte sie weder dementieren noch bestätigen. Vermutlich sei er aber aus der "Deutschland-Abteilung". Die sei momentan "sehr aktiv", habe die Frau gesagt.

Sorge beim Auswärtigen Amt

Der Geheimdienst besucht ehemalige Praktikanten offenbar sogar zu Hause. Im September klingelten Beamte an der Tür eines Studenten, der im Rahmen eines Parlamentsstipendiums im Bundestag gearbeitet hatte. Sie wollten Details aus dem Bundestag wissen, berichtet der Ex-Praktikant. Seinen Namen will er nicht nennen.

"Das sind autoritäre Methoden", sagt Viola von Cramon-Taubadel, Bundestagsabgeordnete der Grünen und Mitglied der Deutsch-Ukrainischen Parlamentariergruppe. Sie wisse, dass seit diesem Jahr ehemalige Praktikanten aus der Ukraine vom Geheimdienst bedrängt würden. "Die Stipendiaten haben uns das berichtet." Praktikanten aus Russland und Weißrussland seien in ihren Ländern ebenfalls von den Geheimdiensten aufgesucht worden.

Auch das Auswärtige Amt, das Praktika bei der Deutschen Welle vermittelt, findet die Verhöre des SBU bedenklich. "Derartige Meldungen und Berichte werden mit Sorge verfolgt", sagte eine Sprecherin. "Eine solche Praxis würde dem Geist der Austauschprogramme zuwiderlaufen."

Männer in schwarzen Lederjacken

Für den ukrainischen Geheimdienst arbeiten rund 30.000 Menschen, schätzt die ukrainische Tageszeitung "Kommersant", viele von ihnen waren noch zu Sowjet-Zeiten beim KGB tätig. Um politische Gegner einzuschüchtern, schreckt der SBU offenbar auch vor harten Bandagen nicht zurück und droht Veranstaltern von regierungskritischen Demonstrationen mitunter Prügel an, wenn sie ihre Veranstaltungen nicht absagen.

Katarina Kapljuk ist sich bewusst, dass es riskant ist, den Medien von ihren Erlebnissen zu berichten. Sie tut es trotzdem, damit das Ausland erfährt, was sich in der Ukraine unter der Regierung Janukowitschs verändert hat und hofft, dass sie als Journalistin durch die Öffentlichkeit geschützt ist. "Ganz sicher bin ich mir darin aber nicht."

* Name geändert

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Fläche: 603.700 km²

Bevölkerung: 45,553 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt: Wiktor Janukowitsch (abgesetzt); Alexander Turtschinow (interimistisch)

Regierungschef einer Übergangsregierung: Arsenij Jazenjuk

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