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Uni-Absolventen: Wirtschaft bangt um den Technik-Nachwuchs

Ein ganzer Schwung Naturwissenschaftler, Mathematiker und Ingenieure verlässt die Unis. Trotz hoher Absolventenzahlen sieht die Wirtschaft einen massiven Mangel an Ingenieuren und anderen Fachkräften. Eine neue Studie beziffert die Kosten auf 20 Milliarden Euro jährlich.

Die Zahl der Naturwissenschaftler, die ihr Studium erfolgreich abgeschlossen haben, ist gestiegen. Im vergangenen Jahr bestanden 43.100 die Abschlussprüfungen - acht Prozent mehr als im Jahr zuvor, meldet das Statistische Bundesamt. Noch deutlichere Zuwächse gab es bei den Mathematikern (plus 14 Prozent) und Informatikern (plus 13 Prozent).

Informatiker: Engpässe in leistungsfähigen Branchen
1&1/Andrea Fabry

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Auch bei den Ingenieurwissenschaftlern wuchs die Zahl der Absolventen - um vier Prozent auf 40.900. Während die Hochschule für das Fach Maschinenbau plus acht Prozent und für Elektrotechnik plus vier Prozent meldete, setzte sich der Abwärtstrend bei den Bauingenieuren fort: 5000 Studenten beendeten ihr Studium, acht Prozent weniger als im Vorjahr. Im Jahr 2006 verließen insgesamt 265.700 Menschen die Hochschule mit einem Abschluss.

Der Frauenanteil lag in Mathematik bei 54 Prozent, in der Fächergruppe bei 39 und in Informatik bei lediglich 17 Prozent. Auch bei den Ingenieurwissenschaften sind Frauen mit einem Anteil von 22 Prozent klar in der Minderheit.

Für die Industrie sind die hohen Absolventenzahlen in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) eine gute Nachricht. Und dennoch bangt die Wirtschaft zugleich um qualifizierten Nachwuchs, wie eine neue Untersuchung zeigt, die Wirtschaftsminister Michael Glos beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Auftrag gegeben hatte. Demnach kostet der Mangel an Fachkräften Deutschland bis zu ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes - in diesem Jahr mehr als 20 Milliarden Euro, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

In der Studie gehen die Ökonomen von einer sechsstelligen Zahl der "mit Verzögerungen oder definitiv nicht besetzbaren Stellen" aus. Sie sehen starke Engpässe in denen technologisch wichtigsten Branchen wie Maschinenbau, Metall- und Elektroindustrie, Fahrzeugbau und unternehmensnahe Dienstleistungen.

Der Fachkräftemangel ist eines der Themen der Kabinettsklausur Ende der Woche im brandenburgischen Meseberg. Die "SZ" zitiert auch aus einer Vorlage für die Klausur: Schon 2014 könnten bis zu 95.000 Ingenieure und 135.000 Naturwissenschaftler fehlen, heißt es darin.

"Ein Fachkräftemangel kommt auf uns zu"

"Wir stellen keine Prognosen an", sagte Thomas Feuerstein, der beim Statistischen Bundesamt für die Hochschulstatistik zuständig ist, SPIEGEL ONLINE. Wieviele Absolventen dem Arbeitsmarkt tatsächlich zur Verfügung stehen und wieviele ins Ausland gehen oder weiter studieren, sei seinem Amt nicht bekannt.

"Im Moment machen Studenten ihren Abschluss, die vor fünf oder sechs Jahren mit dem Studium begonnen haben", sagte Anja Kettner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung SPIEGEL ONLINE. Zu dieser Zeit habe es die ersten Umstellungen auf Bachelor- und Masterstudiengänge gegeben; sie könnten für die Zunahme gesorgt haben. Die Zahl der Absolventen werde in den nächsten Jahren sinken, glaubt Kettner - weil weniger Menschen mit einem Studium begonnen hätten.

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So habe es im Jahr 2006 rund 3,5 Prozent weniger Studienanfänger gegeben als im Vorjahr. Mit dem Informatik-Studium zum Beispiel hätten 2006 nur 28.300 Studenten angefangen - 2001, zum Ende des Booms der New Economy, waren es noch über 36.000. Das Fach Elektrotechnik verzeichnete im Jahr 2003 noch 19.000 Erstsemester, im Jahr 2006 dann lediglich 15.000.

Anja Kettner ist sicher: "Ein Fachkräftemangel kommt auf uns zu." Die Betriebe müssten stärker auf Ältere, Frauen und Teilzeitkräfte zurückgreifen und mehr in Aus- und Weiterbildung investieren - und die "Zahl der Studierenden muss sich unbedingt erhöhen".

Das sieht die Bundesregierung genauso. Mit einer "Nationalen Qualifizierungsoffensive" will sie gegen den Fachkräftemangel kämpfen. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) legt dazu bei der Kabinettsklausur Ende der Woche ein Konzept vor. Der Nachrichtenagentur AFP zufolge sollen 40 Prozent eines Jahrgangs statt derzeit 35 Prozent für ein Studium gewonnen werden. Das ist allerdings mehr bildungspolitische Folklore und der Weg zu diesem Ziel völlig unklar - die Verantwortung für die Hochschulen hat die Bundesregierung freiwillig an die Länder abgetreten, die ihrerseits über viele Jahren massive Einsparungen vorgenommen, Professorenstellen gestrichen und so die Hochschulen zu Zulassungsbeschränkungen gezwungen haben. Zudem führen etliche Bundesländer gerade Studiengebühren mit unklaren Folgen für die Studienbereitschaft von Abiturienten ein.

Alles wird besser, morst die Bundesregierung

Weitere Punkte aus dem Schavan-Konzept: Studenten aus einkommensschwachen Familien sollen ab dem Wintersemester 2008 mehr Bafög bekommen, das seit 2001 nicht mehr erhöht wurde, und die Hochschulen stärker für Studieninteressenten ohne Abitur geöffnet werden. Außerdem sollen die MINT-Fächer stärker beworben und die Abbrecherzahlen gesenkt werden; bis dato liegt die Quote der Studienabbrecher dort bei 39 Prozent. Mit Kindertagesstätten sollen studentische Eltern Uni und Familie besser vereinbaren können.

Hinzu kommen die Einführung eines freiwilligen technischen Jahres, eine bessere Betreuung von Kleinkindern, eine Halbierung der Schulabbrecher-Zahlen, frühe Sprachförderung für Migranten sowie Anreize für die Rückkehr von Experten nach Deutschland. Wie genau diese abtrünnigen Spitzenkräfte wirksam geködert werden sollen, ist noch unklar; die Vorlage nennt bessere "Rahmenbedingungen für Arbeit und Forschung".

Zwist gibt es in der Bundesregierung offenbar über die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte. Bisher darf nur nach Deutschland kommen, wer ein Jahreseinkommen über 85.000 Euro nachweisen kann. Schavan will laut "SZ" die Grenze auf 40.000 bis 60.000 Euro senken; für Wirtschaftsminister Glos kommt lediglich eine "partielle Öffnung" des Arbeitsmarktes für bestimmte Fachrichtungen in Betracht.

Wenn Deutschland seinen internationalen Rückstand aufholen wolle, sei ein beherztes Vorgehen von Bund und Ländern erforderlich, sagte Marianne Demmer, Vizevorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW. Vor wenigen Jahren sei jungen Menschen noch vom Ingenieurstudium abgeraten worden, heute würden dringend Absolventen gesucht.

Auch lasse sich ohne eine Reform der Schulstruktur kaum wie angestrebt die Zahl der jungen Menschen ohne Hauptschulabschluss bis 2010 halbieren. Demmer: "Seit Jahren steht die gymnasiale Mathematik und die Naturwissenschaft als unpraktisch, zu wenig problemorientiert und als zu mädchenfeindlich in der Kritik. Und seit Jahren geschieht in der Lehreraus- und fortbildung nichts Durchgreifendes."

kat/jol/dpa/AP/AFP

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