In der alten Gruppenuniversität war der Rektor nur ein Grüßaugust, der Urkunden übergab und zu Semesterbeginn eine Rede im Audimax hielt. Die wichtigsten Entscheidungen wurden zwischen Ministerien und Fakultäten ausgehandelt. In den Gremien gaben einflussreiche Professoren den Ton an.
Das System funktionierte leidlich, solange es genügend Geld für alle gab. In den vergangenen Jahrzehnten sparte die Politik jedoch zunehmend an den Hochschulen. Nicht mehr alles sollte überall gelehrt werden. Das Zauberwort hieß Profilbildung. Ganze Studiengänge sollten an manchen Unis abgeschafft werden. Nur: Wie die Kürzungen umsetzen - gegen den Widerstand der mächtigen Gremien?
Wolfgang Herrmann kann gut beschreiben, wie sein Bundesland, Bayern, mit der Zeit gegangen ist. Bei einem Mittagessen im Berliner Restaurant Borchardt lässt der Präsident die Reformen Revue passieren. Herrmann trägt ein Hemd mit eingestickten Initialen ("WAH") und einen Siegelring. Der Präsident wird im Anschluss beim Deutschen Akademischen Austauschdienst sprechen. Gelegentliche Reisen nach Berlin gehören zum Job dazu. Doch wichtiger sei, was in München passiert: "Sie müssen als Präsident in allererster Linie zu Hause sein und da Ihren Job machen."
Herrmanns Kontakte in die bayerische Politik sind legendär. Sein Sohn Florian sitzt für die CSU im Bayerischen Landtag. Er selbst hat ebenfalls ein Parteibuch und sollte 2001 bayerischer Verbraucherschutzminister werden. Damals kam ihm ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung dazwischen. Mit einem Strafbefehl über 45.000 DM war die Sache erledigt.
Der Präsident erinnert sich noch gut an die alten Zeiten. Allenfalls Mittelmaß, sagt er, seien viele bayerische Unis gewesen. Das hätte auch den damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber gestört. Schon kurz nach seinem Amtsantritt als TU-Präsident sei Stoiber zu ihm gekommen. "Der hat mich gefragt, wie man das System verbessern könnte", erzählt Herrmann. "Dann haben wir eben das bayerische Hochschulgesetz neu gemacht."
Herrmann wünschte sich mehr unternehmerische Elemente in den Hochschulen. Das entsprach ganz dem liberalen Zeitgeist der Jahrtausendwende - und den Vorstellungen Stoibers. 1998 verabschiedete der Landtag ein neues Gesetz, das auf Herrmanns Ideen zugeschnitten war. Es übertrug Kompetenzen von dem Ministerium und den Gremien auf die Hochschulleitungen.
Was die Reform brachte, zeigte sich 2003 bei einem drastischen Sparprogramm der Bayerischen Staatsregierung. An allen Universitäten sollten zehn Prozent gespart werden. Man überließ es weitgehend den Präsidenten, Fakultäten und Studiengänge auszusortieren. Die Professoren und Studenten konnten sich nicht mehr wehren; der Widerstand war gebrochen. In anderen Bundesländern verabschiedeten die Regierungen ähnliche Gesetze.
Neugeschaffene Hochschulräte, so die Idee, sollen jeweils die Präsidenten kontrollieren. Allerdings sind sie häufig mit Wirtschaftsvertretern besetzt - die obendrein vom Präsidenten bestimmt werden. Im Hochschulrat der TU München sitzen etwa Peter Löscher, Vorstandsvorsitzender von Siemens, BMW-Anteilseignerin Susanne Klatten, die wohl reichste Frau Deutschlands, und der BMW-Chef Norbert Reithofer. Alle drei galten bislang nicht gerade als Hochschulexperten.
So kam es, dass die Präsidenten heute herrschen wie kleine Sonnenkönige. Und so kam es, dass einzelne an die Grenze des Erlaubten gehen können. Der damalige Präsident der TU Berlin zahlte seiner Kanzlerin 2008 ein stattliches Gehalt und überließ ihr zudem günstig eine TU-Dienstwohnung. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Untreue; nach knapp drei Jahren wurde das Verfahren eingestellt. Das Präsidium der Uni Göttingen wollte unbedingt eine Professorin berufen und zahlte dafür auch deren Mietkosten bis zu 700 Euro - eine "rechtswidrige Überschreitung" der Besoldungsgrenze, stellte der Landesrechnungshof 2011 fest. Und in Lüneburg interessieren sich sogar EU-Korruptionswächter für die Arbeit des Präsidenten.
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