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Dozenten verklagen Unis: Das Wissenschaftsprekariat wehrt sich

Doktorand an der TU Chemnitz (Archivbild): Jungforscher als Wissenschaftsprekariat Zur Großansicht
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Doktorand an der TU Chemnitz (Archivbild): Jungforscher als Wissenschaftsprekariat

25 befristete Arbeitsverträge in sechs Jahren: Was in der Wirtschaft verboten ist, gehört an manchen Unis zum Alltag. Doch immer mehr Nachwuchswissenschaftler klagen gegen solche Arbeitsbedingungen - mit zunehmendem Erfolg.

Günther Auth ist am Ziel, endlich. Seit dem 7. Januar sitzt er als Dozent der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität auf einer unbefristeten Stelle. Mit 47 Jahren hat der Politologe - Schwerpunkt: Internationale Beziehungen - endlich Planungssicherheit für sein Berufs- und Privatleben. Er musste dafür hart kämpfen: Um an seinen Schreibtisch im Geschwister-Scholl-Institut zurückkehren zu dürfen, hatte Auth seinen Arbeitgeber verklagt.

Die Uni hatte seine Anstellung als "Lehrkraft für besondere Aufgaben" im Sommer 2013 nach etwa zehn Kurzfristverträgen in ebenso vielen Jahren auslaufen lassen. "In dem Moment, als ich die Klage eingereicht hatte, ging es mir besser", erzählt Auth. "Ich war mir ziemlich sicher, dass es zu meinen Gunsten ausgeht." Das Landesarbeitsgericht gab ihm tatsächlich Recht.

Ähnliche Fälle wurden zuletzt beispielsweise aus Münster und Regensburg bekannt. In Gießen erhielt ein wissenschaftlicher Mitarbeiter 16 Arbeitsverträge in zehn Jahren, in Dresden kam es gar zu 25 Befristungen in nur sechs Jahren - beide Betroffenen klagten. Qualifizierte Mitarbeiter deutscher Hochschulen bilden eine Art Wissenschaftsprekariat. Teilweise von der Bildungsgewerkschaft GEW mit Rechtshilfe unterstützt, wehren sich diese Lehrkräfte gegen zermürbende Zeitverträge.

Neun von zehn Verträgen sind befristet

Nach GEW-Schätzung sind alles in allem fast 200.000 Wissenschaftler des sogenannten "Mittelbaus" - also unterhalb der Professur - von dem "weitreichenden Sonderarbeitsrecht" betroffen; das "Wissenschaftszeitvertragsgesetz", seit 2007 in Kraft, ermöglicht derartige Verträge.

An Unis und Fachhochschulen werde inzwischen zu 90 Prozent befristet, wie der Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs belegt. "Das ist nicht nur schlecht für die Betroffenen, darunter leiden auch Kontinuität und Qualität der Lehre", sagt der stellvertretende Gewerkschaftsvorsitzende Andreas Keller.

Die große Koalition hat nun angekündigt, das Zeitvertragsgesetz für Wissenschaftler zu reformieren. Bildungsministerin Johanna Wanka fordert, dass sich die Vertragsdauer daran orientiert, wie viel Zeit etwa für eine Promotion nötig sei. "Das wird selten unter drei Jahren gehen", so Wanka. Hochschulmitarbeiter sollten mehr Planungssicherheit haben, Daueraufgaben dürften nicht über Zeitverträge erledigt werden.

Der Hochschulrektorenverband (HRK) sieht die Sache anders als die GEW: Aktuelle Studien deuteten "auf eine Quote von circa 20 bis 25 Prozent unbefristet beschäftigter Wissenschaftler neben der Professur hin", sagt HRK-Präsident Horst Hippler. Es gebe für Wissenschaftler ja auch Jobs außerhalb des Hochschulbetriebs, "und man benötigt an den Hochschulen Flexibilität", so Hippler, der sich in der Rolle des Buhmanns freilich gar nicht wohlfühlt.

Extreme psychische Belastung

"Ich wusste eigentlich nie, ob ich jemals eine feste Stelle kriege", sagt Günther Auth, bei dem zeitweise ein Erschöpfungssyndrom diagnostiziert worden war. Dem als engagiert geltenden Hochschullehrer half sehr, dass auch Fachschaft und Studenten ihn unterstützten. "Diese Kampagne hat mich noch stärker überzeugt, dass meine Klage-Entscheidung richtig war."

Steffen Bandlow-Raffalski ist wie Günther Auth Politologe. Für Geisteswissenschaftler wie ihn ist es besonders schwierig, außerhalb der Hochschulen beruflich Fuß zu fassen. Der 31-Jährige hat zwei kleine Kinder - und seit Herbst vorigen Jahres zwei halbe Stellen als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Oldenburg. Damit eine Familie ernähren? Kaum möglich.

"Wie prekär das sein kann, wird einem erst bewusst, wenn man drin steckt", sagt Bandlow-Raffalski. Nur weil seine Frau als Lehrerin fest angestellt ist, konnte er die Uni-Laufbahn einschlagen. Er kennt genug Kollegen, die jedes Mal zittern, ob der Vertrag verlängert wird, oder die nur eine Beschäftigung für wenige Monate bekommen.

Nicht nur Unsicherheit über die Zukunft, sondern auch finanzielle Sorgen plagen Hendrik Schröder, der an der Uni Bremen arbeitet. Der 31-Jährige verdient mit seiner halben Stelle gerade mal 1300 Euro netto im Monat. Im April läuft sein Dreijahresvertrag aus - und wird wohl um ein Jahr verlängert. Aber: "Eine wirkliche Perspektive für soziale Absicherung existiert nicht." Dennoch nimmt Schröder das Dilemma in Kauf: Selbstständig forschen, sich die Zeit selbst einteilen, eigene Projekte suchen - er liebt seinen Job im Fachbereich Politikwissenschaft und Didaktik.

him/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
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1.
Immanuel_Goldstein 19.01.2015
Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz ermöglicht nicht nur derartige Zeitverträge, sondern es ermöglicht auch, ohne jeden Grund eine vorhandene Stelle nicht nocheinmal mit dem Stelleninhaber zu besetzen, sondern einfach einen anderen zu nehmen, der exakt das gleiche macht. Genau das ist klar und eindeutig verfassungswidrig und es ist gut, dass die Gerichte hier endlich für die betrogenen Wissenschaftler entscheidet.
2. Warum nur für wissenschaftliche Mitarbeiter?
Dr. Seltsam 19.01.2015
Ist es denn normalen Arbeitern zuzumuten, dass man ihnen mit Zeitarbeit und Arbeitsvermittlern das Leben versaut?
3. Wäre doch schade,
olddreamer 19.01.2015
wenn damit das Erpressungspotential der Doktor"väter" wegfallen würde...Im Ernst: Was da über Jahrzehnte an den Unis praktiziert wurde, ist hochgradig unverschämt.
4. Politologen?
fredadrett 19.01.2015
Erst brotlose Kunst studieren und sich dann einklagen und so jungen Kräfte die Entfaltungsmöglichkeiten. Damit ist abzusehen das so besetzte Stellen nie wieder frei werden. Die Befristung hat ja auch ein Ziel, die Promotion zu stützen und dann den Platz für nachstrebende freizugeben. So werden die Plätze nur blockiert werden und die Forschung verödet mangels neuer Impulse.
5. Klage oder Ausland
elpackito 19.01.2015
Klage. Gut gemacht. Alternative: Ausland. Traurig, wie deutsche Kompetenzentwicklung und -nutzung immer wieder in Perspektivlosigkeit endet. Gut, dass ich an dieses Land keine Steuern mehr zahle.
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