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Skandal in Mannheim: Dreckige Skalpelle bringen Uni-Klinik-Betrieb fast zum Erliegen

Von Horand Knaup

Skalpell (Archivbild): Lage an der Uni-Klinik ist "sehr, sehr misslich" Zur Großansicht
DPA

Skalpell (Archivbild): Lage an der Uni-Klinik ist "sehr, sehr misslich"

In der Uni-Klinik Mannheim wurde wohl mit verschmutztem Besteck operiert. Die Defizite sollen bekannt gewesen sein, die Klinikleitung räumt "Qualitätsprobleme" ein.

Das Universitätsklinikum Mannheim hat offenbar ein massives Hygieneproblem. Nach tagelangen Prüfungen und Ermittlungen des Regierungspräsidiums Karlsruhe musste die Klinikleitung den Betrieb in der vergangenen Woche auf ein Minimalprogramm herunterfahren. Bis auf Weiteres werden nur noch "Notfall-Operationen und besonders dringliche Operationen" vorgenommen, wie das Krankenhaus am vergangenen Freitag mitteilte.

Was die Klinikleitung nicht mitteilte: Die Staatsanwaltschaft Mannheim hat nach einer anonymen Anzeige Ermittlungen wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Medizinproduktegesetz aufgenommen. Auch der Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung steht im Raum.

Der formale Anlass für den Auftritt der Staatsanwälte: Bei der ersten Begehung durch die Ärzte des Gesundheitsamts stellte sich heraus, dass rund 20 Spülmaschinen zur Reinigung von OP-Instrumenten nicht ausreichend zertifiziert sind und bis auf Weiteres stillgelegt werden müssen. Nun stehen nicht mal mehr eine Handvoll Reinigungsmaschinen zur Verfügung.

"Sehr, sehr misslich"

Nachdem sich die Amtsärzte einen ersten Überblick verschafft hatten und auch in OP-Sälen und Sterilisationsräumen auf Verunreinigungen gestoßen waren, sperrten sie mehrere Operationssäle erst einmal ab. Mehrere Mitarbeiter sollen wegen unzureichender Qualifikation nach Hause geschickt worden sein.

Die hygienischen Verhältnisse im Uni-Klinikum Mannheim sind intern schon länger ein Thema. Insider sagten dem SPIEGEL, zu große Wartungsintervalle der Spülgeräte für das OP-Besteck und Berichte über verschmutzte Instrumente seien seit Längerem bekannt. Ein Teil der Verstöße und Unzulänglichkeiten soll auch dokumentiert sein. Die Geschäftsführung habe jedoch nur unzureichend reagiert. Nachdem einem Arzt Spuren an Instrumenten aufgefallen waren, die eigentlich steril hätten sein sollen, war das Maß dann offenbar voll. Bereits Ende September ging bei der Staatsanwaltschaft die anonyme Anzeige ein.

Normalerweise werden in Mannheim im Tagesdurchschnitt rund 60 Patienten operiert, nun sind es nur noch einige wenige pro Tag. Andere wurden ins benachbarte Bensheim verlegt, dessen Krankenhaus vor einigen Monaten von der Mannheimer Klinik GmbH übernommen wurde. Das Notfallprogramm werde mindestens eine Woche lang anhalten, wie es in der Klinik heißt. Es könnte mehrere Wochen dauern, bis der Betrieb wieder auf Normallast läuft. "Sehr, sehr misslich" nannte Klinik-Sprecher Klaus Wingen in der "Rhein-Neckar-Zeitung" die Vorgänge. Mediziner des Hauses sehen die Probleme nicht als Panne, sondern als Folge eines harten Renditedrucks, den die Klinikleitung vorgebe.

Die Aufarbeitung des Malheurs begann zögerlich: Erst fünf Tage nach Beginn der Untersuchungen reagierte die Klinikleitung mit einer Pressemitteilung, welche die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft verschwieg und stattdessen von "Kapazitätsproblemen" und "möglichen Qualitätsproblemen" sprach. In der Kritik steht auch Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender Peter Kurz (SPD).

Für die Klinikleitung kommt der neuerliche Vorfall zur Unzeit. Die Klinikoberen ringen gerade mit dem Wissenschaftsministerium von Baden-Württemberg darum, die Universitätsklinik unter kommunaler Regie weiterzuführen, sie aber weiterhin maximal vom Land alimentieren zu lassen. Erst kürzlich hatte die Staatsanwaltschaft das Mannheimer Klinikum wegen Betrugs- und Untreuevorwürfen durchsucht. Jetzt kommt der Hygiene-Eklat dazu.

Laut einem Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts ist an Universitätskliniken die Fakultät, also der wissenschaftliche Bereich, nicht mehr nur an Entscheidungen in Forschung und Lehre beteiligt, sondern auch bei Finanzen, der Krankenversorgung und der Organisationsstruktur.

OB- und Landtagswahl im Blick

Vor diesem Hintergrund hatten sich mehrere Chefärzte und Professoren in den vergangenen Monaten bei Oberbürgermeister Kurz über die Zustände am Klinikum und das Diktat der Rendite beklagt. Kurz möchte wohl im kommenden Jahr erneut zum OB gewählt werden und hat an strukturellen Änderungen offenbar wenig Interesse. Bisher hatte er dabei eine Allparteien-Koalition im Rücken. Die CDU in Mannheim und auf Landesebene zögert, weil ein CDU-Minister die Mannheimer Strukturen einst mitbegründet hatte. Die SPD will ihrem OB nicht in die Parade fahren. Und auch Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) zeigt bisher wenig Änderungsbereitschaft. Sie hat bereits die Landtagswahlen 2016 im Blick und strebt nach Ruhe im Bereich der Uni-Kliniken.

Umso neugieriger blickt die deutsche Krankenhausszene nach Mannheim. Denn das Duo aus Klinikgeschäftsführer Dänzer und Aufsichtsratschef Wolfgang Pföhler leitet als Präsident und Stellvertreter die einflussreiche Deutschen Krankenhausgesellschaft.

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