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29. Mai 2012, 08:49 Uhr

Kampf gegen illegale Downloads

Piraten-Jäger als Studentenjob

Von Sara Weber

Sein Revier sind Peer-to-Peer-Plattformen, Musikblogs und Download-Seiten: Ein Student kämpft gegen illegales Herunterladen und sorgt so auch dafür, dass sich viele seiner Kommilitonen hohe Strafen einfangen. Er sagt, es gehe ihm um Gerechtigkeit - und er nimmt die Sache persönlich.

Wenn Peter in den Kampf zieht, ist er mit Tastatur, Maus und einem Computer bewaffnet, der ans Internet angeschlossen ist. Der Lehramtsstudent hockt im schwarzen Kapuzenpulli und mit Fünftagebart vor einem Bildschirm in einem Bürogebäude in Hamburg. Man könnte auf die Idee kommen, dass er eine Art Hacker ist und Dinge tut, die strafrechtlich relevant sind. Das Gegenteil ist der Fall: Er kassiert Geld dafür, dass er Musikpiraten aufspürt.

Seit vier Jahren arbeitet Peter, 26, der seinen echten Namen nicht nennen möchte, bei der Firma Pro Media. Das Hamburger Unternehmen wird vom Bundesverband Musikindustrie (BVMI) dafür bezahlt, die IP-Adressen von Personen zu ermitteln, die urheberrechtlich geschützte Musikdateien illegal zum Download anbieten. In dem Verband sind die großen Musik-Labels EMI, Sony, Universal und Warner vertreten.

Die Labels stehen in dem virtuellen Krieg um das Urheberrecht auf der einen Seite. Auf der anderen stehen Millionen Internetnutzer, über die die Band Deichkind in ihrem Lied "Illegale Fans" singt: "Ihr wollt Krieg, den könnt ihr haben, wir laden die Waffen. Wir sind keine Einzeltäter, Mann, wir sind die Massen." Peters Aufgabe ist es, sich unter die Massen zu mischen und die Namen der Piraten herauszufinden, die Musik zum Raubkopieren anbieten. Mit den Namen können dann Anwälte weiterarbeiten.

Er spielt Pop-Punk und ist sich sicher, auf der richtigen Seite zu kämpfen

Peter ist selbst Musiker, er hat eine Band, die fröhlichen Pop-Punk spielt. Er weiß, was es heißt, wenn Lieder, die er geschrieben hat, gegen seinen Willen kostenlos verbreitet werden. Er ist sich sicher, dass er auf der richtigen Seite kämpft. Es geht ihm um Gerechtigkeit.

Auf seiner Jagd durchforstet Peter Peer-to-Peer-Netzwerke wie Gnutella oder Sharehoster wie Megaupload, das allerdings im Januar geschlossen wurde. Außerdem geht er in Foren auf Streife oder checkt Blogs und Websites wie Boerse.bz oder iLoad.bz, auf denen regelmäßig Download-Links veröffentlicht werden.

In dem Büro im Hamburger Osten, wo Peter vor dem Computerbildschirm sitzt, drängen sich in mehreren kleinen Räumen die Schreibtische aneinander, Monitor an Monitor; etwa 35 Studenten arbeiten für Pro Media. Die Wände hinter Peter sind mit Postern tapeziert: Schlagersternchen Helene Fischer neben Nelly Furtado, die Rockband Mando Diao neben einem Plakat für eine CD namens "Oktoberfest-Hits".

An diesem Tag macht Peter Jagd auf all jene, die das neue Album der Band Höhner, einer Karnevalskombo aus Köln, zum Download anbieten. In einem Lied singen die Rheinländer "Un da hammer widder wat, wat uns jefällt, einfach runterladen, kann doch janit schaden". Wenn es um ihre eigene Musik geht, sieht die Gruppe, die bei EMI unter Vertrag steht, das wohl anders - denn genau den Schaden, der durch das Runterladen entsteht, soll Peter für sie begrenzen.

Wie Peter Beweise sammelt

Er ruft Google auf, tippt Band- und Albumnamen ein, und nach 0,22 Sekunden erscheint auf dem Bildschirm eine Liste mit Websites, auf denen das Album zum kostenlosen Download angeboten wird. Für seine Jagd braucht Peter keine spezielle Software, Google reicht völlig. Ab jetzt muss er jeden seiner Schritte mit einem Screenshot dokumentieren, denn damit der Urheberrechtsverletzer zur Rechenschaft gezogen werden kann, braucht Peter Beweise: Führt der Link zu der Seite eines deutschen Betreibers? Liegt die Seite auf einem deutschen Server? Und funktioniert der Download überhaupt?

Dann macht sich Peter an die Ermittlung von Name oder IP-Adresse. Handelt es sich um eine Website, auf der illegal Dateien zum Download angeboten werden, sucht er im Impressum oder bei der Domain-Registrierungsstelle Denic nach dem Seitenbetreiber. Wenn Peter eine Datei über ein sogenanntes Torrent-Programm lädt, ist die Rückverfolgung noch einfacher. Denn während des Download wird normalerweise die volle IP-Adresse desjenigen angezeigt, der ihm die Dateien zur Verfügung stellt; den Namen des Anschlusshalters ermittelt der Internetanbieter.

Darauf folgt der Teil seines Jobs, der dem 26-Jährigen nicht immer Spaß macht, wie er sagt: Wenn er sich das Album heruntergeladen hat, muss er sich alle Lieder anhören und überprüfen, ob das online angebotene Album mit dem Original übereinstimmt oder ob vielleicht jemand eine Metallica-Platte mit dem Höhner-Label versehen hat. Ganz am Ende übermittelt Peters Firma die Daten der Musikpiraten an eine Anwaltskanzlei, die die Abmahnung übernimmt.

Wie viele Menschen wegen seiner Hinweise Post vom Anwalt im Briefkasten hatten, was sie bezahlen mussten, weiß Peter nicht. In seinem Freundeskreis sind bisher alle ohne Abmahnung davongekommen, sagt er, obwohl auch einige von ihnen illegal Musik anbieten und herunterladen. "Wenn jemand erwischt wird, ist er selber schuld", meint Peter, schließlich sei mittlerweile zur Genüge bekannt, wie aggressiv die Industrie gegen Internetpiraten vorgehe. Der BVMI schätzt die Zahl der abgeschlossenen Zivilverfahren auf 13.562 für das Jahr 2008, neuere Daten liegen nicht vor.

Abmahnwahn und Urheberrechtsdebatte: Warum Peter die Piraten schätzt

Landet eine Abmahnung im Briefkasten, kann das zwischen 500 und 1400 Euro kosten - für lediglich ein angebotenes Lied. Der Betrag setzt sich aus Anwaltskosten, Ermittlungskosten - also dem Geld, das Pro Media bekommt - und dem mutmaßlich entstandenen Schaden zusammen. Beträge von etwa tausend Euro sind viel Geld, vor allem für Studenten, die wenig verdienen. Die Musikindustrie rechtfertigt das mit den Verlusten, die ihr durch illegale Downloads entstehen. 2008 sollen es laut BVMI 1,2 Milliarden Euro gewesen sein, auch hier fehlen aktuelle Daten.

Mittlerweile hat sich eine eigene Branche rund um das Abmahnen entwickelt: Einige Anwaltskanzleien sind auf illegale Downloads spezialisiert und verschicken Briefe mit Forderungen nach Summen in vierstelliger Höhe. Firmen wie Pro Media, die als Dienstleister für Musikkonzerne arbeiten, dürften ebenfalls ein gutes Geschäft machen, auch wenn sie keine Umsatzzahlen nennen. Wie viel die Musiker selbst von dem eingetriebenen Geld bekommen, ist abhängig von ihren Verträgen. Im schlimmsten Fall gehen sie leer aus.

Dieses systematische Abmahnen, an dem sich Peter selbst beteiligt, ist ein Grund dafür, warum er seinen Namen hier nicht lesen möchte. Er sei es leid, sich für seinen Job zu rechtfertigen, sagt er. Schließlich hinterfrage auch niemand Kaufhausdetektive oder Alarmsysteme, mit denen Diebe beim Stehlen überführt werden. "Der Unterschied besteht nur darin, dass ein Musikstück offenbar von vielen nicht als wertvolles Gut wahrgenommen wird, sondern als allgemeines Gedankengut, welches jedem frei zugänglich sein sollte", sagt er. Was das für den Wert eines Musikers oder seiner Arbeit bedeute, mache sich hingegen kaum jemand bewusst.

"So geht das nicht"

Für ihn als Hobbymusiker hat das Thema Urheberrecht, das sich derzeit durch die Zeitungen zieht, auch eine persönliche Bedeutung. Mit seiner ersten Band nahm Peter eine EP auf, sie verkauften das Mini-Album nach ihren Konzerten für drei Euro. "Zwei Wochen später hatte jeder in unserem Freundeskreis die EP, auch Leute, von denen wir wussten, dass sie sie nie gekauft haben", erzählt Peter. "Das war der Moment, in dem ich dachte: So geht das nicht."

Er sagt, er sei froh darüber, dass die Piratenpartei die Debatte über das Urheberrecht losgetreten hat. Bevor sie die Diskussion in die Schlagzeilen brachte, habe man ja nur vom sogenannten Abmahnwahn gehört, so der Student. Jetzt würden sich Musiker wenigstens trauen, ihre Meinung laut zu äußern und sich gegen illegale Downloads auszusprechen - selbst wenn sie sich damit nicht nur Freunde machen. "Ich halte nicht viel von der Politik der Piraten", sagt Peter. "Als Musiker fühle ich mich von ihnen degradiert." Die Forderung nach einer Novelle des Urheberrechts würde Musikern ihre Lebensgrundlage entziehen.

Er selbst kann zwar nicht von seiner Musik leben, doch das Album seiner Band liegt derzeit bei einigen Major Labels auf dem Tisch, erzählt er. Die Songs schreibt er größtenteils selbst.

Früher, das gibt Peter zu, stand er auf der anderen Seite des Kampfes, vor über zehn Jahren. Damals wählte er sich noch über ein 56k-Modem ins Internet ein. Heute bezeichnet er das als Jugendsünde: "Jeder, der behauptet, noch nie etwas heruntergeladen zu haben, lügt."

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